Ist es aber nicht so, dass man sich grundsätzlich schon sehr über seine Außenwelt definiert bzw. durch seine Wirkung auf andere?
Hallo Elraine,
was ich meine, hat vor allem mit Selbstvergewisserung zu tun. Es ist kein bewusster Prozess. Kleine Kinder sind darauf angewiesen, sie würden ohne diese Aufmerksamkeit nicht überleben.
Zum Beispiel schauen kleine Kinder immer mal wieder zurück zu den Bezugspersonen, wenn sie anfangen krabbelnd und dann auf zwei Beinen die Welt zu erobern. Dennoch bleibt es ihre eigene Erkundungsleistung. Da wird nichts durch die Aussenwelt definiert, auch wenn die Kinder die Rückversicherung bei den Bezugspersonen suchen. Das ist wie ein magisches Band zwischen Eltern und Kindern, das je nach Erkundungslust des Kindes, Situation und Persönlichkeit bzw. Stimmung der Eltern mal länger und mal kürzer wird. Den Weg und den Abstand bestimmt aber das Kind, ausser bei Gefahr natürlich. Gut beobachten kann man das in Wartehallen am Flughafen oder der Bahn.
Für mich war und ist es wichtig zu lernen, mir selbst diese liebevolle Aufmerksamkeit zu geben.
Weil Du aber weiter auf Deinen Fehlern herumreitest, mache ich weiter mit meinen sentimentalen Geschichten ;--)
Denn für mich ist es eine große Freude und auch heilsam, Interaktionen mit Kindern aufmerksam zu beobachten. Ich selbst habe keine Kinder, aber liebe es, mit Kindern von Freunden etwas zu unternehmen. Generell freue mich immer sehr, wenn ich (auch in der Öffentlichkeit bei völlig Fremden) mitkriege, wie eine potenziell schwierige Situation gemeistert wird. Wobei es oft so ist, dass nur ich die Situation schwierig finde, die Eltern sie aber als ganz normal und unspektakulär empfinden. Und das ist für mich dann oft der Schlüssel!
So waren wir mal mit einer Freundin und ihrem vierjährigen Kind spazieren. Das Kind konnte schon sehr gut Fahrradfahren und ist mal hinter, mal vor uns geradelt. Wir waren noch nicht lang unterwegs, als es eine geheimnisvolle, sehr dunkle, von Bäumen und Sträuchern überwucherte, sehr matschige Stelle unten am Wasser entdeckt hat. Unbedingt dort und nur dort sollte die geplante Essenspause eingelegt werden, denn da lockte das Abenteuer. Wir Erwachsenen fanden das nicht attraktiv: kalt, dunkel und dreckig. Zwar kam die Sonne gerade hinter den Wolken hervor, aber da es zuvor geregnet hatte, war alles noch nass und zu dieser Stelle drang wirklich kein einziger Sonnenstrahl durch. Wir wollten nicht im düsternen Schatten auf einer klitschklatsch nassen Bank sitzen, sondern die nächste Bank in der Sonne aufsuchen.
Die Mutter hat unsere Erwachsenenpräferenz freundlich bestimmt mitgeteilt und dem Kind verboten dort runterzugehen.
Daraufhin wurde das vierjährige Kind sehr sehr wütend. Es hat angekündigt, dass es uns von hinten in die Beine fahren werde. Wir sind weitergegangen und haben uns normal weiterunterhalten. Die Mutter hat ruhig nach vorne geblickt, ich muss zugeben, dass ich mich ab und zu umgedreht habe. Es hat nicht lang gedauert und das Kind hat seine Androhung bei der seelenruhig weitergehenden Mutter in die Tat umgesetzt. Resultat war, dass das Kind vom Rad gefallen ist. Es hat laut protestiert und geweint. Uns wurde wütend vorgeworfen, dass wir schuld seien. Die Mutter hat das verneint (ohne laut zu werden, ohne Vorwurf, aber wirklich entschieden) und in Erinnerung gerufen, was zum Sturz vom Fahrrad geführt hat.
Das Kind ist ersteinmal nicht wieder aufs Rad gestiegen, sondern dort zurückgeblieben und hat geschmollt. Wir sind mit dem Rad vorangegangen. Die Mutter hat ihr Kind nach nicht allzu langer Zeit in freundlichem Ton beim Namen gerufen und es ist irgendwann langsam zu uns gekommen. Es wurde nichts beschönigt, aber es gab keinerlei Moralpredigt. Das Kind wurde einfach freundlich neutral in Empfang genommen, ohne Vorwurf. Ich habe die Mutter sehr für ihre Seelenruhe bewundert. Auf meine Frage, wie es ihr gelingt so ruhig zu bleiben, meinte sie nur lachend: wenn so etwas drei- viermal am Tag passiert! Als wir unsere Bank erreicht haben, wurde das immer noch ein wenig schmollende Kind liebevoll draufgestellt, gefragt ob die Jacke ausgezogen werden solle, weil es so erhitzt war, und dann gab es erst einmal Apfel, Tee und Käsebrot. Alles war wieder gut. Das Kind hat uns begeistert auf Vögel im Strauch über uns aufmerksam gemacht und das schöne bunte Laub und und und. Und als wir zurückgingen wurde das einhändige Fahrradfahren demonstriert und Slalom gefahren.
Ich weiss nicht, ob Du damit etwas anfangen kannst. Aber für mich ist diese Szene eine Art umgekehrtes Sinnbild für meine eigenen Kindheitserlebnisse. In meiner Kindheit ist es definitiv nicht so ruhig gelaufen, wenn es um das Aushandeln von Grenzen mit meiner nächsten Bezugsperson ging. Da wurde sofort aggressiv reagiert, es ging um die Demonstration der Durchsetzungsmacht. Es gab keine Neutralität gegenüber meiner Person. Ich wurde mit meiner Missetat in eins gesetzt, mit ihr allein gelassen und wohl auch oft beschämt. Es gab niemanden, der mich nach einem Fehltritt einfach fürsorglich wieder in Empfang genommen hätte.
Wer das in einer bestimmten Phase der Kindheit drei bis viermal am Tag aber so erlebt hat, wie das kleine Kind meiner Freundin, der kann wahrscheinlich auch später negative Gefühle ganz gut aushalten.
Der weiss: die Tat war mist, ich bin dennoch liebenswert, das miese Gefühl vergeht.
Mir helfen meine Sinnbilder und ich wünsche Dir, dass Du eigene Bilder und Geschichten findest, die Dir helfen!
LG Siri