Beiträge von rory mcivy

    Ich habe seit zwei Wochen nicht mehr geraucht und bin gereizt und habe immer wieder leichte Entzugssymptome. Ich wollte schon lange aufhören, aber ich wollte einen guten und stabilen Zeitpunkt abpassen. Einen Augenblick, in dem ich es richtig fühlen würde aufzuhören. Aber er kam nicht, also habe ich einfach aufgehört.
    Ich war mit 3-5 Zigaretten täglich kein starker Raucher, aber schon eben irgendwie immer ein Raucher. Ich will nicht rauchen, habe keine Lust darauf, aber zwischendurch stelle ich mir vor wie es mich „erleichtern“ und „beruhigen“ würde. Natürlich weiß ich, dass das Unsinn ist. Die Kreise und Spiralen der Sucht sind mir inzwischen bekannt. Ich weiß auch, dass es in ein zwei Wochen schon so viel besser sein wird. Ich weiß, dass ich nur von Tag zu Tag denken muss, mich jeden Tag ein bisschen mehr freuen kann, aber..

    Ich schaffe es gerade nicht meinen Blick auf die Vorteile zu lenken. Keine gute Vision von mir als Nichtraucher zu entwickeln. Ich schaue immer mal wieder in meine Rauch-Entwöhnungs-App, versuche mich damit positiv zu stimmen und daran zu denken, dass es mir ja schon besser geht ohne die Fluppen aber..alles ist irgendwie blöd. Ich versuche mir, als Motivation klar zu machen, dass ich es geschafft habe, nicht mehr zu trinken (19 Monate trocken yay!!) Aber..es nervt mich, diese latente Unzufriedenheit, die ich nicht verstehe? Eigentlich passt der Rahmen und das Bild aber gerade ist auch alles blöd, obwohl es das gar nicht ist und dann wieder doch.

    Ich denke, was ich versuche etwas trotzig und ungelenk zusammenzuschreiben, ist, dass nach der Rosa-Wolken-Zeit der ersten Abstinenz, die sich besser als die beste Droge anfühlt (!!), das Normlife mich wieder hat. Ich merke, dass das natürliche high nachlässt und ich jetzt vor neuen Herausforderungen stehe. Aber das Gute daran ist: Es sind Herausforderungen, die sich erst durch das nüchterne Leben überhaupt ergeben. Als Trinker wurde das meiste zur Seite geschoben, unter den Teppich gekehrt, vernachlässigt, ignoriert etc. Ich habe mich nur auf das gerade so Durchkommen, auf das Überleben konzentriert. Jetzt, da ich mit mehr Klarheit und Ressourcen auf meine Aufgaben und Projekte blicke, ergeben sich natürlich auch mehr Möglichkeiten und das verlangt Entscheidungen ab und dabei macht man Fehler, man muss mit anderen klar kommen, die einen (sehr) nerven etc. pp. So irgendwie.

    Jedenfalls bin ich gerade wohl dabei langsam ins echte Leben zurückzukehren oder vielmehr, fühlt es sich eigentlich so an, als würde ich überhaupt zum ersten mal richtig leben. Auch wenns gerade fiept und knarzt, ich habe mich noch nie glücklicher gefühlt. Ich habe mich selbst noch nie so intensiv gespürt. Ich war noch nie so mit der Welt im Einklang. Also: Kopf hoch. Weitermachen. Tag für Tag. Kleine Schritte. Ikigai.

    So viel zu high on life :)

    Danke fürs Lesen

    Würde mich interessieren, wie Du in meinem Thread darauf gekommen bist bzw. wo ich mich vlt.
    missverständlich ausgedrückt habe.

    Hallo Nayouk,

    entschuldige vielmals die Verwirrung, aber die Erklärung ist denkbar einfach. Nicht nur der Satz passt nicht, ich habe mich auf einen anderen Thread bezogen. Auf einen aus dem Co-Bereich. Wie ich aber dahin gekommen bin, mit dem Glauben, dass es dein Thread ist, kann ich mir gerade überhaupt nicht erklären. Denn offenbar beziehe ich mich in den Stellen auf eine Dame, die gerade mit der Abhängigkeit ihres Partners und ihrer Beziehung kämpft.
    Ich habe aber inzwischen auch deinen Thread gelesen.

    Viele Grüße

    Schwieriger ist: wenn ich nach einem Arbeitstag nach Hause komme: Gestresst, manchmal genervt, Kopf voll mit tausend Dingen die ich noch machen muss, will, sollte. Wie komme ich da zur Ruhe? Meine bisherige Strategie? Kennt ihr. Was macht ihr da? Wie reguliert ihr Euch?

    Regulieren, genau. Was mir als Trinker damals nicht klar war, war, dass der Stress vom Trinken kam. Gerade beim Ausschleichen wurde ich extrem kratzbürstig, nervös, unzufrieden und genervt. Dh. ich habe immer wieder trinken müssen, um mich zu regulieren. Das ist die Abwärtsspirale. Und sie wurde immer schlimmer, weil mein Konsum sich über die Jahre natürlich gesteigert hat. Alkohol war bei mir Stressverursacher #1. Auch für Depressionen.
    Sport ist doch ein guter Anfang. Für mich ist es ein Muss, weils zur Gesundheit dazu gehört, aber ich mache es nicht wirklich gern. Deshalb, wie ich oben schrieb: Echte Aktivitäten, die skalieren. Gemeint ist: Dinge in denen man kontinuierlich besser wird, wenn man sie verfolgt. Da ist Sport top, wenn man es mag. Aber es gibt unzählige Aktivitäten. Was mir nur geholfen hat: Kleine Schritte. Langsam. Sie sind mächtiger und beständiger als der vermeintliche große Wurf.

    Und ich gehe zu keiner Veranstaltung, bei der Alkohol im Vordergrund steht. Auch nicht familiär. Sie wissen ja, dass das nichts mit ihnen zu tun hat.

    Genau das. Die Ironie dabei: Ich war häufig derjenige, der Feiern oder Ausgehen organisiert hat, um zu trinken. Saufabende finden nun ohne mich statt. Ich treffe mich jetzt mit Freunden, um echte Aktivitäten zu haben: Spieleabende, Kino, Ausstellung, Atelier, Restaurant, Spaziergang, Gaming Night etc. Dabei fallen auch ein paar Leute weg. Das ist augenöffnend und voll ok.
    Was aber nun richtig cool ist: Wenn wir zB zur Feier eingeladen sind, ist klar: Ich fahre. Ich fahre aber auch relativ früh zurück, also bin ich nur eine Mitfahrgelegenheit bis XX Uhr. Nämlich dann, wenn es ab spät abends eigentlich nur noch ums Trinken geht. Nun gehöre ich zu jenen Leuten, die ich früher als spießige, blutleere Langweiler innerlich abgestempelt habe.
    Neulich bin ich allein nachts durch die Stadt gefahren nach einem Geburtstag und habe noch eine Extrarunde gedreht, weil es sich so unfassbar gut nach Freiheit angefühlt hat. Mit einem Milchshake in der Mittelkonsole nachts durch die Stadt, ohne Ziel. Übertrieben weird? Vielleicht, aber irgendwie auch richtig cool. Egal in welchen Situationen individuell dieses Gefühl kommt, dieses Bewusstsein echter Befreiung ist unschlagbar.
    Sorry, wenn sich das vllt. übertrieben euphorisch liest, aber bei mir sind es auch erst 17 Monate nach so vielen Jahren Suff. Ich betrachte mich immer noch als nüchterner Anfänger.

    Und in welches Gesamtkonzept man den Alk einbaut. Weißwein, Rucola, Tomaten und 3 Baguettes? Ahhh! Das ist die Dame, die immer so viele Gäste hat!

    Auch ein Klassiker, dass ich mir eine Weinsammlung aufgebaut habe, oder vielmehr wollte. Zu jedem Essen der passende Tropfen mit edlen Importen aus Hassenichgesehen mit Merkmal, Prädikat..XY. Witz war nur, das Regal zu Hause war immer leer. Ich habe sogar mal einen Frankreich-Roadtrip gemacht, um Weine zu kaufen. Der Urlaub war auch schön, nur waren die Kisten schneller weg, als ich merci sagen konnte. Aber auswärts beim Essen, da war ich erster AP für Wein. Ich bin so froh, dass dieses Theater vorbei ist. Unglaublich.

    Ja, so war es bei mir auch. Ich hatte auch immer die Öffnungszeiten der Supermärkte im Kopf, so dass ich es pünktlich schaffe. Sonst hätte ich zur Tanke gemusst- auch kein Vergnügen.

    Und als Profi hat man gleichzeitig im Kopf, wo man die Woche bei welcher Kasse schon welchen Alk geholt hat, um es zu verteilen und nicht aufzufallen. Die Kassiererin weiß doch eh irgendwann, was los ist. Lächerlich.

    Habe Geduld und Vertrauen. Es wird besser. Du musst morgen nicht auf den Mt. Everest steigen. Lass einfach deine Gedanken schweifen, probiere Dinge aus und las dich inspirieren. Du hast Zeit und sie wird immer besser werden.

    Daher mein erster Plan: Finde Aktivitäten, die Du anstelle des Trinkens setzen kannst. Ich bin also in den letzten Tagen viel zum Sport (Fitnessstudio) gegangen, war viel und lange mit dem Hund draußen (das hilft gut!) und habe mich wellnessmäßig um mich gekümmert (Friseur, Pediküre, neue Klamotten etc.)

    Hallo Merle,

    Ich habe mich zum Schluss meiner glanzlosen Trinkerkarriere auch mehrheitlich allein betrunken und bei gesellschaftlichen Begegnungen am Riemen gerissen (meistens, so gut es eben geklappt hat). Wahnsinn, wenn ich überlege, dass ich mir schon auf der Feier im Kopf zurechtgelegt habe, wo ich auf dem Nachhauseweg noch eine Flasche Wein oder diskret einen Flachmann besorge. Es war der reinste Irrsinn.
    Ich kann das sehr gut nachvollziehen, dass einem „langweilig“ ist, sobald man trocken ist. Und meine gescheiterten Versuche aufzuhören hatten alle gemeinsam, dass ich keinen Plan für ein trockenes Leben hatte, sprich für das eigentliche Leben danach. Bei mir war das so, dass ich durch das Trinken nach und nach Aktivitäten vernachlässigt habe oder ganz eingestellt habe. Als Trinker hatte ich auch immer wieder versucht, den Faden aufzunehmen, neue Dinge zu lernen aber da der Alkohol immer #1 war, bin ich nie dran geblieben, hatte keine skalierenden Erfolgserlebnisse und somit keine Motivation weiter zu machen.
    Diesmal habe ich das anders herum gemacht. Ich habe mich früher immer gern kreativ bestätigt und damit habe ich diesmal schon vor dem Aufhören angefangen. Ich habe mir ein Tagebuch zugelegt und dort meine Erfolge und nur Erfolge festgehalten, aber eben kreativ mit Zeichnungen, Zitaten, Collagen etc. Daraus entwickelten sich kleinere Projekte, Fortbildungen usw. usf. Shoppen und Konsum-Aktivitäten sind cool, aber für mich bieten sie nichts langfristig Befriedigendes.
    Was ist es bei dir? Was hast du früher, vielleicht als Kind oder Jugendliche gern gemacht? Du wirst dich wundern, wie viel Zeit aber vor allem Energie und Spaß du bald für deine Herzensdinge haben wirst. Es kommt mit der Zeit, der Nebel wird isch lichten. Ich kann nur empfehlen, die alten Hobbys wieder aufzunehmen oder neue Sachen auszuprobieren. Ich fand es super, mich nicht ausschließlich mit dem Trinken auseinanderzusetzen, sondern aktiv mein neues Leben aufzubauen und Dinge auszuprobieren. Ich habe zB eine Flugmesse besucht, obwohl ich mit Fliegen gar nichts am Hut habe. Und bin ich nun ein Fliegerass? Nope. Das Thema ist nach wie vor nix für mich. Aber es ist so lustig und inspirierend Dinge einfach mal zu machen. Ich wollte ja nicht einfach nur aufhören, sondern ein gutes, gelungenes und erfülltes Leben haben.

    Hallo rory

    Es tut gut bei Dir zu lesen. Irgendwie habe ich Deinen Thread während meiner Anfangszeit übersehen.

    Viele Grüße

    Nayouk

    Hallo Nayouk,

    vielen Dank. Es freut mich, dass du damit etwas anfangen kannst. Im Idealfall bringt es dich auf Ideen, wie du gut und sorgsam mit dir und deinen Zielen umgehen kannst - in deiner sehr anspruchsvollen Situation. Ich muss aber erneut ganz deutlich sagen, dass, obwohl ich, seitdem ich trocken bin, wieder eine gesunde & positive Grundeinstellung habe, die längste Zeit als Trinker in teerartigen Depressionen steckte. Und auch die Anfangszeit als trockener Alkoholiker war echt hart. Es ist ständige, intensive Arbeit der Auseinandersetzung und Reflexion, die es mir erlaubt heute wieder so positiv zu sein. Ich sage „wieder“ weil ich auch früher im Grunde ein total lebensfroher und motivierter Mensch war. Trocken zu werden ist der erste Schritt, aber ohne Plan & Perspektive ist es imho zum Rückfall verurteilt. Ich vermute, das könnte auf der anderen Seite ähnlich aussehen. Allein, es ist meine Erfahrung.

    Ich muss bei deiner Situation daran denken, als ich ca. 1 Jahr trocken war und gefragt habe: „Wie hast du es mit mir ausgehalten?“ Und als Antwort kam nur: „Ich wusste, dass du es irgendwann schaffst.“ Mir wird ganz anders, wenn ich mich an diesen Augenblick erinnere. Mein Trinkverhalten war von dem, was ich bei dir gelesen habe, noch nicht vergleichbar mit dem deines Partners und ich sage das nicht, um mich besser darzustellen, sondern weil ich weiß, dass ich in den letzten Monaten meines Trinkens in einer Abwärtsspirale war, die zur Folge gehabt hätte, dass sich die Sucht weiter verschlimmert hätte und meine Beziehung das mutmaßlich nicht mehr allzulang ausgehalten hätte. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es schlimmer wird. Ich war zwar nie aggressiv oder asozial - innerhalb der Beziehung - aber was ist der Wert einer Beziehung, in der der eine dem anderen bei feiger Selbstsabotage & -zerstörung zusehen soll? Bei gleichzeitigem Abbau und Abwesenheit von Träumen und Zielen? Ohne greifbare Zukunft? Mir wurde klar, dass das für uns essenziell ist.

    Ich habe die andere Perspektive aus einer alkoholgetunkten Beziehung heraus, und ich kann dir sagen, dass ich mich jahrelang darauf verlassen konnte und deshalb auch habe, dass die nächste Eskapade und wahrscheinlich die übernächste noch geduldet würden, und genau das hat dazu geführt, dass ich das zum Nachteil meiner Gesundheit und unserer Beziehung willentlich und ganz bewusst ausgenutzt habe. Ich fand es furchtbar und schlimm bla bla, aber ich habe es dreist darauf ankommen lassen, weil ich süchtig war. Mir hat es erst geholfen die Ernsthaftigkeit meiner Krankheit zu erkennen und etwas zu tun, als das Schweigen eingetreten war.
    Und das war auch nur ein Aspekt. Es bedarf einer bildenden Sammlung von Beweggründen, die nötig ist, um aufzuhören. Und diese müssen nach vorn, in die Zukunft gerichtet sein. Jedenfalls war das bei mir so. Als ich irgendwann mal wieder vollkommen besoffen aus war und es komplett eskaliert war und ich wieder einmal Grund hatte mich zu schämen und zu entschuldigen, kam irgendwann der Punkt, an dem nicht mehr darüber gesprochen wurde, sondern das Schweigen mir ganz deutlich machte: Meine Grenze ist erreicht und die Uhr hat angefangen zu ticken. Noch nicht sehr laut, aber vernehmbar.

    Ich wünsche dir, dass du auf deiner Seite nun die Kraft findest, deinen Weg zu gestalten. Erst mit der Unabhängigkeit von meiner Sauferei und der Entwicklung von eigenen Positionen, die mein Trinken nicht berücksichtigt haben, erlangte der Co-abhängige Teil den eigenen Dreh- und Angelpunkt - abseits des Alkohols. Das habe ich in meiner Beziehung beobachtet und das erst hat bei mir eine Änderung möglich gemacht. Das war auch primär kein Egoismus, Selbstschutz oder Ignoranz, sondern etwas grundlegend positiv Eigenes und Schöpferisches. Die Fokussierung auf eigene Ziele und das Vorankommen mit seinen persönlichen Träumen. Denn dann habe ich gemerkt, dass ich davon kein lebendiger Teil sein kann. Nicht wenn ich so weiter saufe, ergo überhaupt weiter saufe. Schwierig das zu erklären. Ich hoffe, es ist halbwegs verständlich, worauf ich hinaus will. Das ist meine Erfahrung. Ich weiß nicht ob und inwieweit das übertragbar oder nützlich ist. Da sollte man bescheiden bleiben. Ich kann nur davon berichten, wie es bei uns war.

    Bald sind es 17 Monate, die ich trocken bin. Einerseits bin ich nach wie vor sehr stolz auf mich und andererseits weiß ich, dass ich mich nicht sicher wähnen darf. Ich mache weiterhin meine Trockenübungen und erfreue mich der kleinen Dinge und bin dankbar. Trockenübungen ist wirklich ein gutes und passendes Wort.
    Ich habe aktuell mit einer schmerzhaften Krankheit zu kämpfen und das schon seit Wochen. Vermutlich wird es auch noch einige Zeit brauchen, um das zu überstehen, aber so zehrend und unangenehm es ist, ich habe heute ausreichend Ressourcen um mich vernünftig darum zu kümmern, und Übung in Zuversicht. Aber was meine ich damit? Ganz einfach gesagt: War ich früher krank, habe ich trotzdem weiter getrunken. Fühlt sich nicht toll an das zu sagen, aber so war es.
    Wenn ich heute überlege, welches Risiko ich manchmal damit eingegangen bin, wird mir schwindelig. Heute ohne Suff kann ich mich auf die Rekonvaleszenz konzentrieren. Ich habe Zeit und Muße mich mit meinem Krankheitsbild auseinander zusetzen und zu lernen wie ich sie besser in den Griff bekomme, statt mich im Suff abzuwenden und verdrängen zu wollen. Nach der Erfahrung, erfolgreich trocken zu sein, habe ich aber auch gelernt, dass Verbesserungen möglich sind. Diesen Beweis zu haben stärkt unheimlich mein Selbstvertrauen und gibt mir echte Perspektive. Geduld, die ich nie hatte, habe ich inzwischen auch ein bisschen gelernt. Das hilft.
    Was ich damit sagen möchte, ist, es ist aktuell echt bescheiden, aber dadurch, dass ich trocken bin, ist es so viel leichter mit den Herausforderungen zu dealen. Echt cool.

    Ja, das leuchtet mir absolut ein. Danke für deine Ausführung. Umso wichtiger mich regelmäßig daran zu erinnern. Der Tag heute im Forum war eine intensive Trockenübung. Denn ich neige schon dazu, die Dinge leicht zu nehmen, was auch echt schön ist. Aber in puncto Alkoholismus gibt es imho kein Vertun.
    Deshalb verstehe ich auch nicht richtig, wenn Alkoholiker sich als Ex-Alkoholiker bezeichnen. Ich verstehe, dass man nicht mit einem Stigma leben möchte. Ich verstehe, dass man ein bestimmtes Selbstbild anstrebt etc. Bitte nicht falsch verstehen, ich habe das nicht zu beurteilen und möchte mich auch nicht erheben. Für mich deckt sich das nur nicht mit dem, was ich über diese Krankheit gelernt habe. Ich bin Alkoholiker und das werde ich immer bleiben. Jede Relativierung ist für mich schon ein Schritt in Richtung Kneipe. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass nur ich selbst für mich verantwortlich bin.

    Danke für eure lieben Beiträge. In meinem vorherigen Beitrag habe ich die positiven Seiten meiner Abstinenz von fortschreitender Erkenntnis und Dankbarkeit dargestellt. Aber tatsächlich hatte ich gestern seit langer Zeit wieder das Verlangen zwar nicht zu trinken, nicht konkret nach alkoholischen Getränken aber betrunken oder wie auch immer high zu sein.
    Der Gedanke daran tatsächlich Alkohol zu trinken ist bei mir mit einem kleinen Angst-Schock und Ekel verbunden. Sofort kommen die einprägsamen, beschämenden und schmerzlichen Erinnerungen aus den betrunkenen Jahren hoch. Ich hoffe, dass das immer so bleibt, weil das vermutlich ziemlich gut dabei hilft, erst gar nicht die hinterlistige Gedankenkette zu aktivieren, an deren Ende das bekannte Resultat steht: ein fetter Kater, Scham, Schuld, Minderwertigkeitsgefühle, Aussichtslosigkeit etc etc. Wenn nicht beim ersten, dann sicher beim dritten oder spätestens fünften Kater.
    Tatsächlich habe ich mir ausgemalt, wie es wäre einen Rückfall zu haben und denke, dass die Sucht mir einreden wollen würde: Hey, siehst du? Gar nicht wild. Ein bisschen einen flauen Magen und Müdigkeit. Das war’s. Aber ich weiß unverrückbar, dass das nur der Anfang von dem sein würde, was so hart war zu verlernen. Was mein Leben zu einem schlechten Horrorfilm gemacht hat.
    Die kleine Sehnsucht, für einige Stunden entrückt zu sein, in den Nebel zu gehen, war gestern immer wieder mal da. Ich hatte das heute morgen ernsthaft total vergessen. Und warum war es gestern so? Gar nicht mal, weil es mir besonders gut oder schlecht ging. Es war vermutlich eine Suchterinnerung. Denn früher habe ich auch keinen Anlass zum Trinken gebraucht. Trinken war fester Bestandteil meines Lebens. Er war Teil meiner Strategie, Gewohnheit und allem voran Sucht.
    Ich habe heute wieder im Forum gelesen und es ist für mich so krass erschreckend zu lesen wie Menschen nach Jahren der Abstinenz wieder rückfällig werden. Mir ist natürlich klar, dass je länger die Abstinenz hält, das Risiko auch kleiner wird. Aber trotzdem. Ein Schicksalsschlag, eine seltsame Situation, weiß der Geier was und schon geht die Raupe wieder rückwärts. So schlimm es ist und es gerade klingt, aber es hilft mir, und anderen auch sich anhand der anderen Erfahrungen stets zu vergegenwärtigen, wie fies und endlos diese Krankheit ist.

    Drei Geburtstage im Jahr

    Hallo zusammen, bald ist wieder Stichtag und es sind nun fast 13 Monate, in denen ich nicht mehr getrunken habe. Ursprünglich hatte ich mir das Ziel gesetzt ein Jahr ohne Alkohol zu leben, wobei ich wusste, dass ich gar nie wieder trinken kann und will. Ich habe begleitend auch andere kleine Veränderungen in meinem Alltag vorgenommen, aber das wichtigste und erste Ziel war es, von meiner Krankheit heilen zu können. Zu dem Zeitpunkt brauchte ich ein realistisches und klares Ziel, auf das ich hinarbeiten konnte.
    Wie angedeutet, hatte ich bis dahin einige Versuche unternommen mein Trinkverhalten zu kontrollieren, die meist erfolglos blieben oder genauer: hatte ich mir vorgenommen sechs Wochen nüchtern zu bleiben, erzählte mir mein krankes Gehirn schon nach zwei, drei oder vier Wochen wie unglaublich stolz ich auf mich sein kann, dass ich es im Griff habe und ohne weiteres mich heute Abend mit einer guten Flasche Wein belohnen kann. Ich hatte den Punkt überschritten, ich wusste es und machte dennoch weiter.

    Wir alle haben an einem bestimmten Tag im Jahr Geburtstag. Und auf die eine oder andere Weise feiern wir diesen Tag oder denken zumindest daran und lassen unsere Zeit Revue passieren. Seit meiner frühen Jugend habe ich einen zweiten Geburtstag, weil ich dem Schnitter von der Klinge gesprungen bin. Weniger dramatisch kann ich es nicht ausdrücken. Nun, seit dem sechsten März 2023 habe ich einen dritten Geburtstag. Während man ungefragt geboren und in die Welt geworfen wird, mein zweiter Geburtstag maßgeblich in den Händen von Ärzten und meiner Familie lag, habe ich am 6.3.2023 meine dritte Geburt selbst initiiert.
    Das mag schwülstig und pathetisch klingen, aber vermutlich weil dieses Ereignis noch nicht so lange zu rück liegt und ich immer noch auf dem Weg der Heilung bin, ist dieser mein dritter Geburtstag derjenige, an dem ich sehr tiefe und eine andere Dankbarkeit empfinde. Ich bin dankbar, dass das Chaos mich als Mensch in dieser Welt hervorgebracht hat. Ich bin dankbar, dass die Ärzte mein junges Leben retten konnten. Aber die Dankbarkeit nüchtern zu sein, fühlt sich so viel mächtiger an, weil es meine Entscheidung war, ist und bleibt, was ich aus den ersten beiden Geschenken mache.
    Das Konzept und die Empfindung der Dankbarkeit ist mir auch erst im letzten Jahr überhaupt erst so deutlich geworden. Während ich als Alkoholiker der späten Phase meist zynisch, nihilistisch und feindselig mir und meiner Umwelt gegenüber war, ist an deren Stelle Dankbarkeit und Gelassenheit getreten. Auf die Gefahr hin, dass sich das nach New Age Trash anhört, ich kann es nicht wirklich anders beschreiben. Vielleicht so: Schwebte ich als Trinker stets angewidert mit einer arroganten Distanz zu den Dingen über die Oberfläche, bin ich heute endlich wieder bei mir und habe das Gefühl richtig in der Welt zu sein. Akzeptanz. Ich toleriere mich nicht mehr, ich akzeptiere mich in meinem So- und Dasein.
    In meinen späten Teenagerjahren bin ich oft mit einem unglaublich starken Gefühl aufgewacht. Ein Gefühl des blinden Wollens, einer Lust, einem Verlangen. Es war ein sehr mächtiges und tolles Gefühl. Aber ich wusste nicht damit umzugehen. Ich habe diese Kraft nicht übersetzen können in Aktivitäten, Hobbys oder etwas Schöpferisches. Der Alkohol hat geholfen, es zu betäuben. Das war mitunter mein Weg, damit umzugehen. Heute so viele, viele Jahre später verstehe ich; das war mein Ruf zum Leben. Und ich habe einige Gelegenheiten durch den Alkohol verstreichen lassen, nicht gesehen oder schlichtweg abgetan. Heute bin ich dankbar für diese Erkenntnis, denn die Zeit kommt nicht zurück. Ich kompensiere auch nicht mit irrealen Zukunftsphantasien. Ich bin dankbar für meine neu gewonnene Klarheit und für das Bewusstsein, dass die kleinen steten Veränderungen die mächtigsten sind.

    Hallo Elly,

    danke für die Begrüßung und deinen Beitrag. Ich hatte, wie angedeutet, schon länger ein wachsendes Bewusstsein von meiner Alkoholabhängigkeit. Ich war zwar schon ein paar Jahre in Therapie wegen Depressionen, habe aber das Thema stets umschifft oder herunter gespielt. Das Problem ist, dass ich durchaus überzeugend sein kann. Hinzu kommt, dass ich als Alkoholiker gelernt habe verdammt gut zu lügen. Also hatte mein Therapeut kaum eine Chance, das zu erkennen. Zudem war ich erfolgreich im Job, Beziehung & Familie liefen auch, ein sog. „funktionierender Alkoholiker“. Ein Begriff, den ich äußerst problematisch finde, weil ich eben als solcher von Außen keinen oder kaum Anlass bot, die Tiefe der Krankheit zu erkennen. Funktionieren tut ab einem Punkt nämlich sehr vieles nur noch mit irrsinniger Trinkplanung. „Funktionierende Alkoholiker“ sind imho Alkoholiker, die ihr Leiden in die Länge ziehen und dadurch die Sucht und die Misere noch vertiefen und verlängern. Aber ich will nicht über andere urteilen und die Grenzen sind fließend. Heute denke ich nur, es hätte mir vielleicht geholfen, wenn ich auffällig geworden wäre. Aber gut, das liegt auch daran, dass in unserer Gesellschaft selbst problematisches Trinkverhalten z.T. normalisiert wird. Mir ist wichtig, diesen Absatz voranzustellen, weil ich nicht möchte, dass es so aussieht, als wäre mit einem Schlag alles wunderbar. Ich habe viele Jahre und ein paar Versuche hinter mir. Aber diese blieben erfolglos. Vor allem wegen meiner Uneinsichtigkeit, Angst, Scham etc.

    Am Ende waren es mehrere Faktoren, die mich eines bestimmten Morgens vor elf Monaten haben aufwachen lassen (das würde zu viel Raum einnehmen). Das wichtigste: Ich beschloss, mit meinem Therapeuten offen zu sein. Das war absolut essenziell. Zudem schaffte ich mir ein Tagebuch an, in dem ich jeden Tag nur die Erfolge notierte. Jeden einzelnen Tag. Zu Anfang sogar mehrmals täglich, wenn es schlimm wurde. Und es gab genug schlimme Momente und Tage. Von einem Tag zum nächsten. Kleine Ziele. Schritt für Schritt. Daraus entwickelte sich wieder meine Lust an Kreativem, was mich beschäftigt, bereichert und zufrieden hält. Sport. Nicht übertrieben, aber jeden Tag eine Einheit. Ich habe mich zudem von Anfang an mit (Fach-)Literatur, Dokus, Podcasts etc. immer wieder, bis heute, ständig weiter gebildet, um meine Krankheit besser zu verstehen, und welche Fallstricke sie bereit hält: Es ist grausam, denn im Grunde hat die Sucht im Verlauf Verhaltensweisen etabliert, die meine Persönlichkeit nach und nach übernommen haben. Der Schriftsteller F.S. Fitzgerald, ebenfalls Alkoholiker, hat das einmal sehr treffend zusammengefasst: edit Es war ein langsamer und deshalb perfider Prozess.

    Zu den letzten elf Monaten kann ich sagen, dass der Anfang sehr hart war. Die ersten Tage mit Nachtschweiß. Die ersten zwei Wochen mit starken Schlafstörungen. Ich bin wie betäubt durch die Gegend gelaufen. Die ersten zwei, drei Monate gefüllt mit einer sehr traurigen Leere. Ich habe kaum etwas gespürt oder wahrgenommen. Kaum das rettende Ufer gesehen. Danach wurde es besser und ab Monat vier, fünf ging es dann richtig bergauf. Ich kam wieder zu mir und war in der Lage die Welt um mich wieder durch meine eigenen Augen zu sehen, und nicht daran zu denken, wie ich das Trinken organisiere. Alkohol ist ein Alpraum.

    Deshalb bin ich nun auch hier. Ich will und muss dran bleiben. Ich habe gerade konkret etwas Angst vor meinem ersten Jubiläum, und dass sich der Suchtcharakter einschleicht und mir wieder weismachen will, dass wenn ich ein Jahr geschafft habe, alles locker sei. Nichts ist locker. Und ich habe es auch nicht „geschafft“, denn das würde implizieren, dass ich mir ein Jahr Abstinenz vorgenommen habe. Nein, ich will nie wieder Alkohol trinken. Nie wieder. Mir geht es gut und ich bin stabil, aber nur, weil ich ernsthaft damit arbeite. Weil ich den Horror kenne. Sonst würde ich an einem Sonntagabend wie heute mit Entzug auf der Couch oder im Bett liegen und Panik vor dem Montag, der Woche und dem Leben schieben.

    Wenig überraschend sei noch als Zusatz beigetragen, haben sich meine Depressionen im letzten Jahr sehr, sehr deutlich gebessert. Deshalb bin ich auch überzeugt, dass Alkohol bei mir der erste Verursacher war und die Depressionen auf sein Konto gehen.

    Es ist etwas lang geworden, aber ich denke, man merkt, woran das liegt.
    Danke fürs Lesen.

    Als ich vor elf Monaten aufgehört habe Alkohol zu trinken, habe ich viele unterschiedliche Instrumente genutzt, um endlich trocken zu werden. Es war nicht mein erster Versuch. Da ich hier keinen Roman schreiben möchte, beschränke ich mich heute auf eine kleinere Anekdote, an die ich diese Woche oft denken musste. Ich habe aktuell das Bedürfnis, mich mitzuteilen. Vermutlich, weil das erste Jahr Abstinenz ins Haus steht. Ich weiß gar nicht recht wie ich mich dabei fühle. Ein Jahr klingt lang aber im Vergleich zu den vielen betrunkenen Jahren davor und wie lange es wirklich dauert, nach und nach zu heilen, ist ein Jahr gar nicht mal so lang.
    Ich war inzwischen ca. acht Wochen trocken. Das war der längste Zeitraum, den ich bis dahin je abstinent war. Ich war mit dem Auto auf dem Heimweg. Nüchtern. Ich bin nie auch nur angetrunken gefahren, aber doch das ein oder andere mal mit ausschleichendem Kater. So viel Ehrlichkeit muss sein. Es war ein Donnerstag und der kommende Freitag war ein home office Tag. Das war bis dahin ein Anlass, schon auf dem Heimweg einen Schlauch Wein oder eine Flasche Wodka zu kaufen, um ins vorgezogene Wochenende zu starten.
    Plötzlich meldete sich der Suchtdruck auf eine ganz neue Art und Weise. Wie ein Alter Ego beglückwünschte er mich, wie stark ich doch sei und versuchte, mir einzureden, dass ich das Trinken nun unter Kontrolle habe. Es sei doch eine wunderbare Idee zur Feier der Abstinenz und weil das Wochenende näher rückt sich schon einmal mit ganz besonders edlen Tropfen einzudecken und zu belohnen. Man beachte die unverfrorene Frechheit und Widersinnigkeit dieser Gedankenkette. Ein ganz typische, verquere Logik meines alkoholkranken Gehirns. Zunächst drehte ich nur die Musik lauter und sang mit, aber die Stimme in meinem Kopf hörte nicht auf, also fing ich an meinem alter Ego, zunächst höflich mitzuteilen, dass ich seine Absichten durchschaue und nicht darauf eingehen würde. Es hörte aber nicht auf, bis ich die Geduld verlor und anfing, aggressiv zu werden.
    Das Thema der Ungeduld, Impulskontrolle und generellen Gereiztheit durch das Trinken hatte sich bis dahin massiv ausgebaut. Ich bin im Grunde ein höflicher Mensch, aber der Alkohol hatte mich über die Jahre zu einem Zyniker und Choleriker gemacht. Selbst in Augenblicken, in denen ich reflektierte und mir rational klar war, dass die Pferde gerade mit mir durchgingen, war es beinahe unmöglich die Emotionen runter zu kochen.
    Im Auto bei aufgedrehter Musik fing ich mich dann nicht mehr ein. Ich ließ all meine Wut auf mein alter Ego los und machte ihm/mir deutlich wie viel Leben, Freude und Gesundheit das Trinken mich inzwischen gekostet hatte. Ich war sauer wie nie und schrie und brüllte. Ich stellte mir ganz bildlich mich selbst als meinen eigenen Widersacher vor und deckte dieses Bild mit nicht zitierfähigen, unflätigen Ausdrücken der übelsten Art ein. Ich wusste mir nicht andres zu helfen, als noch eine große extra Schleife zu drehen und auf mich einzuschreien.
    Im Rückblick war das eine der haarscharfen Situationen, in denen meine Abstinenz an einem seidenen Faden hing. Das herausfordernde an meiner Sucht ist, dass erst mit fortschreitender Abstinenz ich in die Lage komme die Brenzligkeit meiner Situation überhaupt richtig zu erkennen. Ich muss mir immer wieder klar machen, dass da kein Gras drüber wächst und es irgendwann gut ist. Es gibt keine noch so absurde Gedankenkonstruktion, die meine Krankheit wegdiskutiert. Ich finde es schwer, mich immer wieder zur Räson zu rufen und klar zu machen, dass das für immer bleibt. Ich will doch schließlich mit einem positiven Selbstbild durchs Leben gehen und nun ist da dieses Damoklesschwert. Ich versuche es, in ein Schild zu verwandeln und es mit Stolz zu tragen. Aber ich kenne mich selbst auch gut. Manchmal bin ich so leichtfüßig unterwegs und überschätze mich oder unterschätze die Gefahren. Schätze, das musste mal raus.
    Danke fürs Lesen.

    Hallo,

    ich bin jetzt elf Monate trocken und es war die beste Entscheidung meines Lebens. Der Alkohol hat schon früh eine Rolle gespielt. Meinen ersten Rausch hatte ich mit 14 und von da an fraß sich die Sucht immer weiter in mein Leben und breitete sich bis ins letzte Hinterstübchen aus. Bis zum letzten Jahr habe ich, wenn nicht täglich, aber doch sehr regelmäßig getrunken und es hat zuletzt zwei Flaschen Wein gebraucht, um den Punkt zu erreichen, an dem endlich alles zur Unkenntlichkeit verschwimmt und ins Vergessen gerät. Ich wollte nur noch vergessen und mich von mir selbst und der Welt in Scham und Schuld abschneiden.
    Heute fühle ich mich stabil. Ich habe im vergangenen Jahr meine Ernährung umgestellt und 20kg verloren. Ich habe unter finanziellen Einbußen einen neuen Job angefangen, der aber sinnstiftend ist. Ich gehe endlich wieder offen und mutig auf meine Umwelt zu, statt fatalistisch, gereizt, zynisch und voller Vorwürfe. Ich bin endlich wieder begeisterungsfähig und habe sogar Momente echter Ruhe und Zufriedenheit. Es war ein harter Ritt, aber ich bleibe zuversichtlich.
    Nichtsdestoweniger ist mir klar, dass ein Rückfall immer möglich ist. Gerade vor meinem ersten Jubiläum in einem Monat suche ich einen Ort, an dem ich mich immer wieder mit meiner Krankheit auseinandersetzen kann. Ich will mich immer wieder daran erinnern, dass es nie wieder dazu kommt, dass ich auch nur einen Schluck Alkohol trinke. Denn ich weiß, dass dieser Schluck mit großer Wahrscheinlichkeit zur Folge haben wird, dass ich binnen weniger Wochen wieder ganz unten bin. Heute weiß ich endlich, dass alle andere Probleme, auch wenn es keine Lösung für sie gibt, nur Scheinriesen sind, solange ich trinke. Es beginnt und endet mit dem Alkohol. Erst mit der Einsicht, dass ein trockenes Leben kein Verzicht, sondern die Rückgewinnung des Lebens selbst ist, konnte meine Heilung beginnen. Daran möchte ich weiter arbeiten.
    Danke fürs Lesen.