Wir reden hier ja immer von Co-Abhängigkeit. Mittlerweile bin ich das wohl. Viele Jahre habe ich mich aber dagegen gewehrt.
Ich weiß noch genau wie ich damals vor 20 Jahren zufällig gesehen hatte, wie mein Mann morgens trinkt. Peng! Mir war sofort alles klar. Obwohl er bis dato nie auffällig gewirkt hat. Ich weiß noch wie ich in Gedanken den Moment wie ein Foto fest gehalten habe und dann (damals) in die Zukunft geswitched bin und dachte: in 10 Jahren wirst du es bereuen, wenn du jetzt nicht sofort gehst.
Ich bin auch direkt zur Suchtberatung und auch in eine Angehörigen-Selbsthilfe-Gruppe. Leider keine gute Erfahrung. Dort saßen lauter alte Frauen, deren Männer seit vielen Jahren trocken waren, jede hat nacheinander von deren Tiefpunkt und Wandel erzählt und mit dem Satz geschlossen: "Also wenn du ihn liebst, dann bleibst du bei ihm". Ich wusste aber, dass das Unsinn ist und bin da nicht mehr hin. Ich habe immer klar gesehen, bin immer offensiv gewesen. Ich habe weder ein Helfersyndrom noch bin ich konfliktscheu. Ich habe auch nichts bagatllisiert, verheimlicht, entschuldigt. Ich habe mich immer sehr auf meinen Beruf fokussiert, mich immer weiter qualifiziert, mich selbständig gemacht. Ich hatte damals zu meinem Mann gesagt es ist seine Sache.
Irgendwann war er dann so weit. Er hatte einfach keine Kraft mehr. Dass er Alkoholiker ist wusste er schon lange. Entgiftung. Stationäre Reha für 3 Monate. Dort hatte ich ein Paar-Gespräche mit ihm. Die Therapeutin hat mir richtig den Kopf gewaschen, ich hätte seine Erkrankung nicht ernst genommen, nicht verstanden wie schwer krank er ist und vor allem hat sie mir vorgeworfen selbst Alkohol in seinem Beisein getrunken zu haben und dass wir Alkohol im Haus hatten. Damals war ich schwer getroffen.
Wir haben dann beide versucht alles richtig zu machen. Er hat viel gemacht: Psychotherapie, Selbsthilfegruppe, anderer Arbeitsplatz.... Er wollte es unbedingt schaffen.
Ich weiß nicht mehr wann er rückfällig wurde. Ist dann in seine zweite stationäre Reha. Anderes Konzept, neue Hoffnung. Dort gab es ein Angehörigen-Seminar über drei Tage. Da bin ich natürlich hin. Ich habe die Frage gestellt, ob denn jede Frau eines Alkoholikers automatisch co-abhängig ist?
Für mich hat co-Abhangigkeit bedeutet, dass ich durch mein Verhalten unbewusst das Trinken meines Mannes fördere oder sogar verstärke. Indem ich es entschuldige, ihn beim Arbeitgeber krank melde, es verheimliche etc. Das habe ich ja nicht gemacht. Auch hatte ich immer mein Leben trotzdem gelebt. Ich bin mit meiner Frage nicht gut angekommen. Gegen Ende ging es dann darum, ob wir zuhause selbst Alkohol trinken. Natürlich hab ich mich brav gemeldet und stolz verkündet, dass ich natürlich abstinent bin und - Bingo! meinte der Therapeut, ich wäre ja doch co-abhängig. Denn weshalb sollte ich denn selbst nichts trinken, wenn doch nur mein Mann es nicht kann, das sei doch seine Sache und nicht meine.
Nach dieser Erfahrung und nachdem mein Mann dann erneut rückfällig wurde (er war aber nach der zweiten Reha lange trocken) hab ich mir irgendwann gesagt es reicht mir. Ich MUSS gar nix. Ich mach was ich will, auch wenn es co ist, wenn ich Flaschen kontrollieren will mach ich es, wenn ich streiten will mach ich es - wenn es ihm nicht passt kann er sich ja trennen.
Wenn ich abends weg gegangen bin haben mich manchmal Freundinnen gefragt: hast du denn keine Angst ihn alleine zu lassen? Dann hab ich geantwortet nein, das wär doch voll co, so weit kommt's noch.
Während der dritten Reha wollte ich kein Angehörigen-Gespräch mehr.
Ich identifiziere mich immer noch nicht richtig mit dem co-sein. Nicht weil ich es als Label "schlimm" finde, ich habe irgendwie das Gefühl zu schwindeln, mich zu verkleiden, mich dahinter zu verstecken.
Ich frage mich aber natürlich weshalb ich in dieser Beziehung geblieben bin? Natürlich auch weil mein Mann nicht nur "der Alkoholiker", sondern ein wunderbarer Mensch. Aber dieser Mensch war ja immer wieder über viele Monate quasi unerreichbar. Was das über meine eigene Beziehungs(un-)fähigkeit aussagt?
Ich bin ein schlimmer Kontroll-Freak. Ich will immer alles unter Kontrolle haben, alles selbst bestimmen. Und hier bin ich an jemanden geraten bei dem ich nichts kontrollieren kann, der mir meine Machtlosigkeit vor Augen führt. Ist das mein Thema an dem ich mich abarbeite?
Ich habe immer wieder das Bild vor Augen, wie mein Mann im kalten Entzug den epileptischen Anfall hatte. Wie er da liegt, bewusstlos. Und wie ich durchgedreht bin (so kenne ich mich nicht, ich kann normalerweise Ruhe bewahren) und den Arzt am Telefon angeschrien habe: was muss ich machen? Er stirbt! Ich glaub er ist tot! Sagen Sie mir was ich machen soll!: und der Arzt meinte: SIE KÖNNEN NICHTS MACHEN!
Nichts machen können. Das ist so schwer. Loslassen. Die eigene Machtlosigkeit anerkennen.
Jump!