übertriebe ich oder hat er wirklich eine Sucht?
Diese Frage findest du bei Angehörigen hier sehr sehr oft. Wir Alkoholiker haben die Regel: Wenn man sich fragt ob man ein Alkoholproblem hat, liegt die Antwort schon auf der Hand.
Vielleicht ist es ja bei Angehörigen genauso? Warum solltest du dir das ausdenken? Und selbst wenn- denken wir diesen Gedanken mal radikal zu Ende- dann suchst du ja einen Grund für die Abgrenzung. Heißt aber auch dass du in dieser Beziehung unglücklich bist.
Meine Cousine trennte sich vor 10 Jahren von ihrem Mann. Sie sagte er sei Alkoholiker- alle kannten ihn als netten Familienvater und viele unterstellten ihr, dass der wahre Grund ihr Neuer sei. Auch ich, denn ich war nasse Alkoholikerin und fand sie übertreibt maßlos.
Bis ich mitbekam, dass die Tochter nicht mehr zu ihm will, weil er ab 18:00 Uhr immer total besoffen ist und sie das abstoßend findet.
Die Menschen wollen nicht sehen, wenn jemand im Umfeld Alkoholiker ist. Weil sie sonst ihr eigenes Trinkverhalten überdenken müssten. Ein Alkoholiker, das ist man erst, wenn man schon morgens Schnaps trinkt, in die Hose macht und randaliert.
Die große Gruppe der Alkoholiker, die täglich ihrer Arbeit nach geht, Kinder betreut, gepflegt aussieht und nach außen unauffällig sind, wird gerne ignoriert. Da ‚übertreibt‘ die Ehefrau- und der Alkoholiker freut sich- ein Argument mehr für die Sucht.
Ich gehörte auch lange zu dieser Gruppe der funktionalen Alkoholiker. Ich habe meiner damals 16 jährigen Tochter unterstellt zu übertreiben, als sie endlich den Mut fasste mich mit meiner Sucht zu konfrontieren.
Dafür schäme ich mich bis heute zu Tode und habe mich 1000 mal entschuldigt. In der Seele verletzt hab ich sie trotzdem.
Ich glaube nicht, dass du übertreibst.