Soll ich negativer schreiben, soll ich weiter in die Gosse ?
Nein. Wir haben lange genug gesoffen, um das keinem zu wünschen.
Du sollst schon mitnehmen, was gut ist, Du solltest Dich aber nicht überschätzen. Du wirst nicht in zwei Wochen knochentrocken, das muss viele Jahre halten, wenn Du das ernst meinst. Du solltest damit rechnen, dass es längere Zeit dauern wird, bis Dir das in Fleisch und Blut übergegangen ist. Es soll ja irgendwann auch kein Kampf mit 150% Wille mehr sein, sondern leichter werden. Man bleibt leichter bei Dingen, die einem irgendwann auch Spaß machen. Und wer weiss, ob Dir Malle dann überhaupt noch was gibt. Betrunkenen zugucken wird irgendwann langweilig, vor allem, wenn man selbst so war. Aber vorerst siehst Du möglicherweise nur die Drinks,weil Dein Auge das seit vielen Jahren gewohnt ist. Ich weiss ja nicht, wie lange Du das schon machst, bei mir waren es viele Jahre.
Nehmen wir mal die 150% Wille.
Ich habe mich jahrelang mit meiner Frau wegen der Sauferei gestritten. Nicht nur deswegen, aber es war ein zentrales Thema.
Ich, von mir, kann sagen, damals habe ich auch mit 150% Wille an der Sauferei festgehalten. Es musste einfach gehen, dass ich trinken kann.
Dann habe ich Trinkpausen angefangen. Aus dieser Zeit kenne ich einen Zustand, der lässt sich am Besten mit dem Bild beschreiben
"ach, zwei Seelen wohnen in meiner Brust"
Eine Seele will trinken, eine Seele will das so weit unter Kontrolle haben, das es keine Probleme damit gibt.
Dafür habe ich sehr viel Energie aufgewendet, bloß nicht aufhören. Ich habe auch alles mögliche geglaubt und erzählt, wie gut ich das im Griff hatte. Weil es einfach sein musste.
Aber ich war trotzdem überzeugt, ich saufe nur, weil ich das aktiv will. Keine Spur von Abhängigkeitsgefühl, nur gemacht, was ich wollte. Bis auf den letzten Absturz, dann hab ich es verstanden.
Und beide Seelen haben, da das in beiden Fällen ja ich bin, eben diese 150%.
Und dann wird das eine Schaukel. Keiner gewinnt. Wenn einer vorn ist, lauert schon der Andere.
Und Du hast Dich auch schon öfter mit Deiner Frau gestritten und vermutlich hat sie schon verschiedene Register gezogen, um Dich davon abzubringen. Vermutlich hast Du auch schon mehrmals Besserung versprochen. Möglicherweise hast Du es in dem Moment sogar ernst gemeint und bist dann wieder umgefallen. Der innere Schweinehund halt. Ganz nebenbei ein Grund, warum ich mir gar nicht einbilde, dass ich viel bei Dir bewirke, denn Deine Frau ist sicher wichtiger als ich für Dich und da musste es ja auch erst zum Knall kommen.
Das deutet schon mal drauf hin, dass Du mit dem Trinken auch Einiges verbindest, weswegen Du darum gekämpft hast und das verschwindet nicht so einfach. Andere nennen es einfach Sucht, ist es auch, und jeder muss seinen Weg finden, damit umzugehen.
Aber Du bewegst Dich auf dünnem Eis, Deine Gewohnheiten können schlicht durch Gedankenlosigkeit oder Müdigkeit einfach durchbrechen. Du musst nur mal einen wirklich schlechten Tag haben, an dem Du nicht runterkommst. Kann Streit sein, kann Stress im Job sein, es gibt unzählige Möglichkeiten.
Es kann auch sein, das Du was feiern willst, und ohne Alk ist das für Dich nur eine halbe Sache. War für mich sehr gefährlich, dann im Überschwang die Selbstbeherrschung hochzufahren, war nicht so einfach. Weil das ist ja das Gegenteil von Feiern. Wenn Du so einen Moment hast, könnte das die Stimmung verderben. Also sollte der Moment gar nicht kommen. Vorerst, bis Du Dich auch nüchtern wieder richtig freuen kannst. Momentan ist es ja nur der Gegensatz zum Vorher, die Anfangseuphorie. Ich hatte sie auch.
Du stehst jetzt unter dem Eindruck eines Ereignisses, das Dir einen Schub gegeben hat.
Wenn irgendwas passiert, wodurch Du wieder Appetit auf Alkohol bekommst, dann kämpfst Du gegen Dich selbst. Du bist dann Dein stärkster Gegner. Und da nützen Dir die 150% Willenstärke gar nichts, wenn Du Dich dann nicht entscheiden kannst. Und dafür brauchst Du normalerweise alternative Handlungsmöglichkeiten, Die hast Du aber nicht, oder Du hattest keine Lust, sie anzuwenden, weil es dir zu unbequem war. Saufen ist einfacher. Das wird Dir wieder mal einfallen, bis jetzt war es ja auch immer so.
Der Schub wird verblassen. Bei den Allermeisten, die wegen so einem Schrecken aufhören, kommt irgendwann der Punkt, ach, so schlimm war es doch nicht, ich kann mir eins genehmigen, dann höre ich wieder auf. Da wird es interessant.
Und ich hab Deine Beiträge gelesen, Du findest noch sehr viel Positives am Trinken. Ja, mir hat es auch mal Spass gemacht, da muss keiner in Sack und Asche laufen. Aber der Spaß war irgendwann absolut vorbei. Ich kann da heute drüber reden, ohne dass mich irgendwas wieder da hin zieht, wo ich schon mal war. Ich bin lange trocken und habe mir mein Leben schon lange so eingerichtet, dass es schöner ist als zu den Zeiten, als ich noch getrunken habe. Das ist kein Verzicht und deswegen brauche ich keinen Willen dazu.
Ich bin mir nicht sicher, wie das bei Dir ist. Bis jetzt weisst Du, wo Du weg willst. Weisst Du auch schon, wo Du hinwillst?
Und ich will Dich sicher nicht bekehren. Aber die meisten sind irgendwann froh, wenn sie es hinter sich haben. Die Trockenheit bekommt dann einen Wert, den man nicht mehr so leicht aufs Spiel setzt. Wünsche ich Dir auch.