Beiträge von Seepandarine

    Gestern Abend, nachdem ich hier geschrieben hatte, hat sich ein Gefühl in mir breit gemacht, dass ich nicht gut beschreiben kann. Ich stand in der Küche und hatte relativ plötzlich eine kindliche Sehnsucht nach Geborgenheit. Damit verbunden waren Gedanken wie: "Es ist vielleicht doch alles gar nicht so schlimm. Ich glaube ich übertreibe, ich habe es doch eigentlich schön gemütlich hier." Ich habe auch Verunsicherung bemerkt. Ich frage mich, ob das einfach normal ist in so einer Paarsituation, oder ob das auch eher EKA spezifisch ist.

    Heute überwiegt Resignation bei mir. Ich kann (ich will? ich will!) mich heute nicht aufraffen tieferen Kontakt mit meinem Mann zu initiieren. So bleibt es bisher bei oberflächlich freundlichem "Guten Morgen", nebeneinander sitzen beim Kaffee trinken, wobei jede*r selbst beschäftigt ist, kurzes Gerede und Absprache zu unseren Katzen, "Was willst du heute essen?", eine Ablehnung meiner Frage, ob er mit spazieren gehen möchte.

    Zeit für einen neuen Beitrag im Fädchen. Ich möchte bei meiner Beziehung einhaken.

    Zwei Tage vor Weihnachten hatte mein Mann einen Absturz mit Alkohol. Ich habe ihn vormittags zum Zahnarzt gefahren (sein Auto war kaputt), bin danach zu meiner Therapiestunde und dann direkt weiter zu meiner Arbeit und erst abends wieder heim gekommen. Und kam unerwartetet in ein leeres Haus und mein Mann circa eine Stunde später, schwankend, eigentlich schon im Halbschlaf, nicht mehr fähig sinnvoll zu reden. Ich habe mich schon lange nicht mehr so aufgeregt wie an diesem Abend und auch am nächsten Morgen. Mir ist ganz deutlich geworden, dass ich diesen Zustand nicht miterleben möchte. Ich fühle mich ohnmächtig, sitze dann auf meiner Wut und Enttäuschung und er geht betrunken schlafen. Das Thema partnerschaftliche Kommunikation spielt auch mit rein - ich habe schon oft gesagt, dass ich eine kurze Nachricht möchte, wenn er deutlich später kommt. Zur Info und Planung. An besagtem Tag habe ich den ganzen Tag nichts von ihm gehört, daher auch meine Verwunderung abends.

    Ich konnte meine Gefühle dann am nächsten Abend nach der Arbeit ansprechen. Er hat mir zugehört und sich entschuldigt, rückblickend habe ich aber nicht den Eindruck, dass er volle Verantwortung übernommen hat im Sinne von "Welche konkreten Verhaltensänderungen könnte ich machen?". Es war nur ein "Ja, es war definitiv zu viel Alkohol". Der Heiligabend, vor dem ich weiter oben noch Bammel hatte, war dann widerum ein schöner und gemütlicher, ein Tag, an dem ich mich verbunden mit ihm gefühlt habe.

    Seither denke ich wieder viel über meine Beziehung nach, spüre in mich rein. Mir werden viele Dinge bewusst, die so für mich nicht mehr passen. Verhaltensweisen, mit denen ich mich abgefunden hatte, die ich lange gar nicht wirklich wahrgenommen habe. Die haben nichts mit Alkohol zu tun. Es erinnert mich irgendwie an meine Eltern, so wie ich mit Abstand ihre Partnerschaft wahrnehme, rückblickend. Ein nebeneinander herleben, ohne wirklich etwas verbindendes miteinander zu teilen und/oder die Verbindung im Lauf der Beziehung verloren zu haben. Ich gestehe mir mittlerweile ein, dass ich die Beziehung zu meinem Mann vor allem aufgenommen habe, weil er mir Aufmerksamkeit geschenkt hat. Ich war verliebt in die Aufmerksamkeit, darin, dass mich da wirklich jemand will und als Mensch anziehend findet. Es ist auch ein Funke übergesprungen. Ich kam einige Monate vorher aus einer langjährigen Beziehung und hatte relativ klar, was ich nicht mehr haben wollte in einem Partner. In diesen Aspekten ist mein Mann auch anders als mein Ex, da hat also schon etwas gepasst. Und doch wird mir heute immer klarer, dass ich schon ganz lange etwas wichtiges in meiner Partnerschaft vermisse: echte Verbindung und echtes Interesse. Und ich merke auch, wie ich immer weniger Lust habe, das von meiner Seite zu initiieren, immer wieder neue die Initiative zu ergreifen.

    Meine Ausbilderin sagte vor ca. 1 Jahr, sehr wohlwollend, sinngemäß zu mir: "Wann fängst du an, die Augen aufzumachen?". Jetzt bekommt dieser Satz große Bedeutung und Tiefe für mich. Ich glaube ich fange an, ganz langsam, sie aufzumachen. Und erkenne gleichzeitig, warum ich sie so lange verschlossen hatte - mir gefällt einiges von dem, was ich sehe, nicht.

    Habe grade den Eindruck, dass ich in Bezug auf meine Beziehung verstärkt dabei bin, die Augen aufzumachen und aufzulassen.

    Hallo Juno,

    schön, dass du dich ernst und wichtig nimmst und hier für dich wieder einen Faden eröffnet hast!

    Das was ich jetzt mache, kommt mir so undankbar vor.

    Müssen wir unseren Eltern (bin auch EKA) für den Rest unseres Lebens dankbar sein, wenn sie sich in der Kindheit uns gegenüber so verhalten haben, wie gute Eltern das tun sollten? Auch wenn sie sich heute wie die Axt im Walde aufführen? Ich finde es nicht undankbar, wenn du gegenüber deinem Vater deine Grenzen aufzeigst und zu ihnen stehst. Vielleicht gibt es einen Weg im Herzen dankbar für das Gute aus der Vergangenheit zu sein und gleichzeitig "Nein, Danke" zu seinem heutigen Verhalten zu sagen und dich selbst ernst zu nehmen. Ich schwanke da auch immer wieder, kippe mal mehr auf die Seite, wo ich das sehe, was ich meinem Vater positiv anrechne und dann wieder mehr das, wo er sich daneben benommen hat (er ist mittlerweile seit fast 7 Jahren verstorben).

    (...), war immer für mich da und irgendwie ein richtiger Freund, nicht „nur“ eine Vaterfigur.

    Hier bin ich ein bisschen hellhörig geworden, bei dem Begriff "Freund". Das kann auch die Grenze zur Parentifizierung überschreiten. Kinder sind Kinder und können für die Erwachsenen kein Freundes-Ersatz sein. Ich hatte meine Mutter früher auch als zweite beste Freundin gesehen, rückblickend waren da aber echt schräge Momente dabei, die mich überfordert haben (als sie mir z.B. erzählt hat, das mein Vater sie in der Vergangenheit betrogen hat - da war ich wahrscheinlich irgendwas zwischen 14 und 16 Jahre alt und habe aus Überforderung erst mal geweint). Das als kleiner Denkanstoß, vielleicht war die Beziehung zwischen dir und deinem Vater früher auch frei davon und ihr wart euch einfach nahe nach deinem Gefühl, ohne "schräge" Vibes.

    Liebe Halbmond,

    sei erst mal fest umarmt. Mein Mitgefühl zum Tod deines Hamsters. Ich habe selbst vier Katzen, die Tiere werden zu Familienmitgliedern und der Verlust tut entsprechend weh. Und dann ist es ja auch noch nicht lange her, dass du deinen Kater gehen lassen musstest...

    Dass du zu der Zeit auch nochmal einen Totalabsturz deines Partners erlebt hast, ist hart. Aus deinem Text habe ich aber den Eindruck, dass es dir hilft klarer zu sehen und mehr Abstanz zu nehmen. Zu sehen, dass du in der Beziehung leidest und dein Partner sich keinen Millimeter bewegt. Ich wünsche dir die Kraft bei deinem Weg und der Kündigung für Ende Februar zu bleiben!

    Herzlich,
    Seepandarine

    Ich habe gestern angefangen auf mich zu achten und habe nach vielen Jahren endlich etwas Last abgegeben und bin sehr stolz auf mich selbst. Ich habe meinem langjährigen Partner erzählt, dass mein Vater Alkoholiker ist.

    (...)


    Ich bin auch stolz auf mich, weil ich mich wieder bei der Beratungsstelle gemeldet habe und die Termine einfacher werden, weil ich es meinem Freund nicht mehr verheimlichen muss.

    Guten Abend Mausezahn,

    prima, dass du weitere Schritte für dich gehst, dich mitteilst und wieder Kontakt zur Beratungsstelle aufgenommen hast!

    Irgendetwas an deinen Beiträgen hat mich nicht losgelassen, ich glaube ich weiß jetzt, was es ist. Ich lese zwischen deinen Zeilen einen großen Druck raus, deine Familie überzeugen zu müssen von der Alkoholabhängigkeit deines Vaters, dass deine Mutter und dein Bruder dass doch auch sehen müssen. Dass du jetzt "die Böse" bist, die die heile Welt zerstört. Hierzu aus deinem ersten Beitrag:

    Mein Vater trinkt offensichtlich und auch heimlich und niemand anderes realisiert es, obwohl wir so oft Situationen haben wo es KLAR DEUTLICH IST. Vor einigen Jahren habe ich meine Mutter öfters drauf angesprochen, sie möchte es offensichtlich nicht sehen. Ich habe meinem Vater mehrfach einen Brief geschrieben, aber er ist suchtkrank. Seit ein paar Jahren bin ich still. Und ich leide.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass es wesentlich leichter ist, wenn man jemanden hat, der die eigene Empfindung teilt. Für meine Schwester und mich war die Alkoholabhängigkeit meines Vaters klar (für ihn auch - er hat es trotzdem nicht aus der Sucht geschafft). Und es kann gut sein, dass du deinen Bruder und deine Mutter nicht von deine Perspektive überzeugen kannst. Was wäre dann? Wie könntest du auch unabhängig von den beiden, für dich, gut mit der Situation umgehen?

    Er muss es doch wissen oder spüren.. oder realisieren, dass es einfach nicht normal ist, dass jeden einzelnen Abend Wein geöffnet wird. Selbst wenn er das heimliche Trinken nicht realisiert.

    Hallo Mausezahn,

    Du bekommst immer deutlicher mit, dass die Situation für dich zuhause so nicht mehr tragbar ist. Und nimmst aus dem was du hier liest auch mit, dass du nur dein eigenes Verhalten ändern kannst. Du kannst deinen Vater nicht trocken legen.

    Ja, vielleicht merkt dein Bruder durchaus etwas und hat ebenfalls Ängste, sich dir zu öffnen. Ich lese bei dir auch viel Angst, verantwortlich zu sein, wenn du deinen Bruder auf deine Beobachtungen ansprichst. Dein Vater ist für sein Trinkverhalten verantwortlich, nicht du. In meinen Augen ist es auch völlig legitim mit deinem Bruder ins Gespräch zu kommen, wenn es dabei in erster Linie um dich geht und dass du dich deinem Bruder mitteilen möchtest. Wenn das hauptsächliche Ziel beim Gespräch mit deinem Bruder ist, den Vater trocken zu legen - da hat Linde ja schon etwas dazu gesagt.

    Liebe Grüße und schön, dass dich dein Weg hierher geführt hat!
    Seepandarine

    Und ich bin ja nicht nur für mich verantwortlich… mein Sohn braucht seine Mama. Eine Mama, die nicht völlig runter ist mit den Nerven.
    Seit heute weiss ich, dass auch sein Job in akuter Gefahr ist.
    Ich gebe zu, ich bin völlig überfordert und weiss eigentlich, was richtig wäre. Aber dazu fehlt mir der Mut. Noch.

    Liebe Johanna,

    Willkommen hier im Forum!

    Stimmt, du bist für dich und für deinen Sohn verantwortlich. Und auch wenn du versuchst deinen Sohn von dem ganzen Chaos gutmöglichst abzuschirmen, bekommt er es dennoch mit. Kinder haben feine Antennen dafür. Er nimmt auch wahr, wie du auf deinen Mann reagierst, die grundlegende Haltung, die ihr zueinander habt. Der EKA Bereich des Forums (Erwachsene Kinder von Alkoholikern) ist voll mit Geschichten von Personen, die mit einem oder mehreren alkoholabhängigen Elternteilen aufgewachsen sind und die das geprägt hat - dazu muss der Suchtkranke nicht mal "direkt" gewalttätig gegenüber dem Kind werden.

    Bitte bedenke auch das bei deiner Entscheidung. Ich wünsche dir den Mut und die Zuversicht, die vielleicht aktuell noch fehlen.

    Liebe Grüße,
    Seepandarine

    Hallo ihr lieben Menschen im Forum,

    jetzt ist viel Zeit ins Land gegangen, seitdem ich zuletzt hier aktiv war. Ich hatte in den letzten Wochen einen aufkeimenden Gedanken von "Mach langsam. Das ist okay. Überforder dich nicht." Mich antreiben und dabei übersehen, dass ich mich überfordere oder haarscharf an der Grenze dazu bin, ist etwas, was ich gut kenne, daher habe ich mich sehr über dieses zarte Pflänzchen gefreut :) Dazu gehörte dann allerdings auch, nicht aus meinem Pflichtgefühl noch ins Forum zu schauen, sonder mir abends anderweitig Erholung vom Tag zu gönnen. Heute will ich mal wieder meinen Faden hier aufgreifen.

    Letztes Wochenende war Abschluss des 2. Jahres einer Weiterbildung, an der ich teilnehme. Es ist eine Weiterbildung mit viel Selbsterfahrungsanteil. Es war ein intensives Wochenende, mit Feedback und Abschieden. Mir ist an dem Wochenende rückgemeldet worden, dass ich langsam besser darin werde, meinen Mitmenschen auch mal unangenehme Dinge rückzumelden und zu merken, dass ich dennoch (oder vielleicht grade deswegen, weil ich nicht immer nur Sonnenschein bin?) gemocht und akzeptiert werde. Das habe ich an dem Wochenende selbst auch deutlich erfahren. Wir durften uns in einer Übung auch unsere Wahlfamilie aus den anderen Gruppenteilnehmer*innen zusammenstellen. Mir ist bei der Auswahl klar geworden, dass ich mich über weite Teile meines Lebens mit meinem Vater nicht sicher gefühlt habe. Sicher im Sinne von, dass ich alles bei ihm hätte ansprechen können. Konstruktiv Konflikte austragen war mit meinem Vater schlicht nicht möglich. Eigentlich in welcher Stimmung er war oder welchen Pegel er hatte.

    In meiner Therapie klopfte das Thema "Selbstverantwortung" an, in den letzten beiden Stunden. Ich fremdel etwas mit dem Begriff. Gedanklich steh ich da total dahinter, dass jede/jeder für seine eigenen Handlungen und sein eigenes Wohlergehen verantwortlich ist. Gleichzeitig kippt der Begriff bei mir leicht in ein "Ich muss halt doch alles selbst machen". Da suche ich grade noch einen alternativen Ausdruck, zu dem ich voll und ganz "ja" sagen kann - irgendwas Richtung Handlungsfähikgeit, Selbstermächtigung, ... . Ich schätze mich grundsätzlich als sehr selbstständig ein, was meine Alltagsbewältigung angeht. Schwieriger wird es für mich, den Grat entlang zu gehen von meine eigenen früheren Erfahrungen und ihre heutigen Spuren anzuerkennen und nicht rüberkippen/runterfallen in ein aus meiner Geschichte einen "Leidfaden" zu machen und sie als Entschuldigung herzunehmen, warum ich mich nicht anders verhalten kann (z.B.: "Ich bin halt einfach zurückhaltend", "Ich habe halt Furcht vor xy").

    In meiner Beziehung gibt es Licht und Schatten. Wir hatten diese Woche einen gemeinsamen Tag Urlaub und waren zusammen frühstücken in einem neuen Lokal. Das war sehr schön und ich konnte an dem Tag auch gut mit meinem Mann reden, darüber wie es ihm geht, wie es mir geht. Ich schaue etwas ängstlich auf Heiligabend, da ist er morgens immer zum Weißwurstfrühstück mit Freunden. Wenn ich mitfahre, trinkt er dann durchaus auch so viel Alkohol, dass er sich mittags nochmal hinlegt und fast das Essen bei seiner Mutter verpasst, wenn ich mich nicht bemühe, ihn zu wecken. Ich habe keine Lust da dieses Jahr mitzugehen, ich war beim letzten Pizza Essen in der Runde eigentlich schon eher ärgerlich, dass er in knapp 2 Stunden 3 Weißbier und 2 Schnäpse geleert hat - wirkte auf mich fast wie ein Ausnutzen der Tatsache, dass er nicht selbst fahren musste. Das Thema wird mich definitiv nach 2026 begleiten, ein Fortschritt für mich ist aber, dass mittlerweile gute und schlechte Tage in unserer Beziehung gelassener nebeneinader stehen lassen kann und mir klar ist, dass es ein längerer Prozess wird zu sehen, wohin unsere Beziehung geht.

    Liebe Halbmond,

    auch von mir mein aufrichtiges Mitgefühl für den Verlust deines Katers.

    Weiter oben hast du etwas zu deinen Ängsten geschrieben, Weihnachten nicht mit deinem Partner zu verbringen. Hast du denn schon entschieden/geplant, die du Weihnachten dieses verbringst, sodass es dir gut tut?

    Liebe Grüße von Seepandarine

    Liebe Halbmond,

    habe grade bei dir reingelesen und möchte dich gerne von Herzen bestärken für die Schritte, die du gehst und die Gespräche, die du initiiert hast. Und dir auch eine digitale Umarmung und/oder gehaltene Hand anbieten.

    Wenn heute Abend akut keine deiner Freundinnen/Familie für dich "greifbar" ist - wie kannst du vielleicht selbst fürsorglich mit dir umgehen? Gibt's da was (auch ne Kleinigkeit), was dir jetzt gut tun würde?

    Herzlich,
    Seepandarine

    Hallo LadyWega,

    schön, dass du hier bist!

    Zwei Gedanken, die mir beim Lesen deiner Beiträge kamen:

    Was genau ist es, was dich an der Alkoholabhängigkeit deines Mannes stört? Damit will ich nicht sagen, dass eine Abhängigkeit kein großes Ding ist an sich ist, aber ich habe in deinen Beiträgen mehr darüber gelesen, welche Vorzüge du in deinem Mann siehst und dass du ihn sehr liebst und frage mich grade noch, was genau am Verhalten deines Mannes dich motiviert hat, dir Hilfe zu suchen (ich vermute stark, dass es da etwas gibt, sonst würde dich das Thema ja nicht beschäftigen).

    Aber ich möchte ihn weiterhin ermutigen,unterstützen und ihn nicht einfach so fallen lassen.

    Hierzu mein Gedanke/meine Frage:
    Wäre es für dich ein "fallen lassen", wenn die andere Person sich willentlich dafür entscheidet die eigene Gesundheit mittel bis langfristig zugrundezurichten und du dich deiner eigenen Gesundheit zuliebe entscheidest dich um dich zu kümmern? Lässt du umgekehrt dich selbst fallen, wenn du in der Beziehung bleibst?

    Liebe Grüße,
    Seepandarine

    Hallo Mariexy

    Hallo _Eternal_

    danke für eure Wertschätzung und euer Interesse <3

    was ich sagen möchte ist, dass wir uns manchmal auch selber annehmen müssen wie wir sind, uns selbst vergeben sowie auch anderen.

    Danke, das ist nochmal ein ganz wichtiger Satz für mich. Ich glaube (gedanklich), dass Selbstannahme bzw. Annehmen, was grade ist, die Basis ist, damit überhaupt Veränderung geschehen kann. Und gleichzeitig merke ich immer wieder Ungeduld mit mir selbst, mich und andere Dinge und Menschen nicht so haben wollen, wie sie grade nun mal sind. Ja, das bleibt ein Weg, Annehmen was ist, immer und immer wieder. Auch wenn das, was grade ist, mir nicht gefällt.

    Heute möchte ich wieder eine neue Erkenntnis hier niederschreiben.

    Wobei, sie ist nicht ganz neu, aber ich habe dieses Mal das Gefühl, dass sie eine Etage tiefer gerutscht ist, nicht nur ein gedankliches "Jaja, hab verstanden", sondern auch ein gefühltes Verstehen.

    Ich beschäftige mich aktuell intensiv mit Traumatisierung, habe mich in einen Selbsthilfekurs dazu eingeschrieben. Ich erinnere kein Schocktrauma, keine körperliche oder sexuelle Misshandlung in meiner Kindheit. Und trotzdem sind durch das Aufwachsen mit meinem alkoholabhängigen Vater und meiner psychisch beeinträchtigten Mutter Spuren geblieben - eine Form von Bindungstrauma, möglicherweise.

    Eines der ersten Dinge, die in diesem Kurs geübt werden, ist Orientierung. Körperliche Orientierung im Hier und Jetzt, sich bewusst im Raum umschauen, den Kopf und Oberkörper dazu mitdrehen. Die Erklärung hierfür fand ich sehr interessant. Bei Traumatisierung ist die natürliche Orientierungsreaktion unterbrochen. Die führt normalerweise dazu, dass wir uns einem unbekannten Reiz (etwas erregt unsere Aufmerksamkeit) zuwenden (z.B.: Es raschelt im Gebüsch, ich registriere das, bin evtl. überrascht und schaue dann da hin, orientiere mich dahin). Als Folge eines Traumas ist wohl diese Orientierungsreaktion unterbrochen. Wir gehen bildlich gesprochen mit hochgezogenen Schultern und eingeengtem Blick durchs Leben, schauen gar nicht rechts und links, trauen uns das vielleicht nicht. Und dieses Bild passt soooo gut zu meinem Empfinden! Ich habe mich so gesehen gefühlt und hatte ein echtes "Aha!" Erlebnis. Mal abgesehen davon, dass ich tatsächlich oft meine Schultern unbewusst hochziehe und mich grade in sozialen Situationen oft nicht traue, mich neugierig umzuschauen (das könnte ja auffallen), trifft es auch meine innere Situation. Es fällt mir schwer, Optionen, Entscheidungs-, Handlungsspielräume zu sehen. Fühle mich dadurch manchmal letztlich "optionslos" in meiner aktuellen Situation. Und das stimmt ja überhaupt nicht.

    Nachdem ich die letzten Tage die Orientierung zuhause geübt habe, hatte ich noch eine Erkenntnis: meine bisher eingeschränkte Orientierungsreaktion hat mir sehr geholfen/hilft mir sehr, mich anzupassen in meinem Leben. Wenn ich mich bei uns im Haus ehrlich umschaue, orientiere, Gefühle und Empfindungen zulasse, gibt es einige Sachen ganz pragmatisch in der Einrichtung und Funktionalität des Hauses, die mir nicht gefallen. Selbiges, wenn ich mich in meiner Ehe "umschaue". Das die ganze Zeit zu fühlen, ist anstrengend. Vor dem Hintergrund kann ich es auch als Ressource wertschätzen, diese Anpassungsfähigkeit zu haben - die hat mir mein Leben bisher erträglich gemacht (leider aber auch etwas weniger "lebendig"). Dumm nur, dass ich mich dabei selbst verliere, Kontakt zu meinen Bedürfnissen verliere :| Ich bin aktuell in einer berufsbegleitenden therapeutischen Weiterbildung. Meine Ausbilderin sagte vor ca. 1 Jahr, sehr wohlwollend, sinngemäß zu mir: "Wann fängst du an, die Augen aufzumachen?". Jetzt bekommt dieser Satz große Bedeutung und Tiefe für mich. Ich glaube ich fange an, ganz langsam, sie aufzumachen. Und erkenne gleichzeitig, warum ich sie so lange verschlossen hatte - mir gefällt einiges von dem, was ich sehe, nicht. Bisher war es für mich einfacher, die Augen wieder zu zu machen und keine Energie in eine Veränderung der Umstände zu stecken. Ich glaube nur, dass das auf Dauer für mich nicht mehr funktionieren wird. Wenn ich zu mir finden will, mich mit mir auseinandersetzen, mit mir Freundschaft schließen will, kann ich die Augen nicht länger dauerhaft geschlossen halten.

    Irgendwie fühlt es sich grade angenehm aufregend an, das hier zu schreiben.:) Ich bin froh, hierher gefunden zu haben und hier diesen Platz zur Selbstreflektion zu haben, nicht ganz alleine in einem verschlossenen Buch, sondern an einem Ort, an dem ich auch gesehen werden kann <3

    Ich werde weiter meinen Weg gehen, aber ich gebe zu, dass das zur Zeit reine Kopfentscheidungen sind und nicht aus der inneren Haltung heraus geschieht, die ich zeitweise hatte. Ich möchte meine innere Haltung zurück. Damit ist der Umgang mit dem Thema leichter.

    Liebe Anthurie,

    das kann ich gut verstehen, dass du dir das Gefühl der starken inneren Haltung zurückwünschst. Und gleichzeitig finde ich das, was du machst, in deinem Sinne zu entscheiden, auch wenn du merkst, dass deine Gefühle in eine andere Richtung (alte Muster gehen) sehr stark. Ich denke mir grade: wie toll ist das, wenn ich das vertrauen haben könnte, dass ich auch in schlechten Tagen gut für mich sorgen kann, dass dann mein Verstand/erwachsener Anteil übernimmt, der mittlerweile einen besseren Überblick hat, was mit gut tut und was nicht. Auch wenn mein Gefühl/kindlicher Anteil gerade etwas anderes sagt und Sicherheit im alten Verhalten sucht.

    Vor VIELEN Jahren bezogen auf unsere Beziehungsschwierigkeiten und im Bezug auf das Alkoholproblem meines Mannes, das für mich VIEL größer/war/ist als für ihn, sagte der damalige LEITER der Suchtberatung „wegen einer Delle wirft man nicht gleich das ganze Auto weg“….

    Hallo Simsalabim,

    puh, ich merke, dass der Satz bei mir zwei verschiedene Reaktionen auslöst.

    Zum einen, und das finde ich sehr kontraproduktiv für EKAs und Cos, springt da ein kindlicher Anteil an und Gedanken von: "Ah, okay, ich übertreibe also doch. Ja, so kann man es auch sehen. Das ist also von außen betrachtet gar nicht so schlimm mit dem Alkohol. Na, dann sollte ich mich mehr anstrengen in der Beziehung." Ich persönlich neige bisher dazu, mich in meiner Partnerschaft eh nicht so ernst zu nehmen, da wäre so ein Satz vom Berater/Therapeuten Gift (überspitzt gesagt). Mein letzter Therapeut ging interessanterweise auch ein bisschen in die Richtung. Ich tue mir relativ schwer damit über meine Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen, mein Partner auch. Gleichzeitig wünsche ich mir mehr Offenheit in die Richtung in meiner Ehe. Mein Therapeut meinte damals sinngemäß, dass ich ja von meinem Partner nicht etwas erwarten kann, was ich selbst noch nicht kann. Das hatte bei mir einen großen Beigeschmack von: "Zuerst musst du es machen, dann kannst du wollen, dass dein Partner nachzieht." - voll in die Kerbe rein von "ich muss es alleine richten". Da ist meine EKA Prägung angesprungen.

    Meine zweite Reaktion:
    Der Begriff "Delle" ist ja dermaßen bagatellisierend für ein Suchtproblem :cursing: Das ist keine niedliche kleine Delle, das ist ein ausgewachsener Motorschaden. Klar kann ich damit in ne Werkstatt gehen und schauen ob es sich richten lässt, aber das ist nicht alleine Verantwortung der Angehörigen.

    Hallo Sommergewitter,

    herzlich Willkommen auch von mir :)

    Ich kann mich dem, was schon geschrieben wurde, nur anschließen. Der Einfluss, den wir auf das Verhalten eines anderen Menschen haben, ist sehr begrenzt. Ihr habt sicherlich schon sehr viel versucht, um deinen Vater zur Einsicht zu bewegen. Und es hat scheinbar nicht funktioniert (kann es auch nicht - ihr könnt für ihn nicht die Verhaltensänderung durchführen oder sie erzwingen). Das immer weiter zu versuchen scheint mir letztlich auch wie eine Art Sucht. Immer wieder Gespräche mit deinem Vater suchen, wenn der eigene Druck zu groß wird - obwohl die vergangene Erfahrung zeigt, dass sich nichts ändert dadurch.

    Du darfst auf dich selbst schauen. Was kannst du für dich tun, damit es dir ein kleines Stückchen besser geht, du dich ein kleines Stückchen wohler in deinem Leben fühlst? Unabhängig vom Trinken deines Vaters.

    Schön, dass du hier bist!

    Ich muss mir aber auch meine Energie einteilen. Ich bin doch kein Erinner-mich. Oder ist das wirklich meine Aufgabe?

    Hallo Eule,

    puh, als ich von dieser Anspruchshaltung deines Ex gelesen habe, bin ich direkt etwas wütend geworden :cursing: Das ist überhaupt nicht deine Aufgabe. Ihr habt gemeinsam ein Kind, er ist Elternteil des Kindes, nicht dein zweiter Sohn.

    Ich weiß nicht, wie du das mit ihm lösen kannst, wollte dich aber unbedingt darin bestärken, dass das nicht deine Aufgabe ist!

    Hallo Herr Gesangsverein,

    schön, dass du hier bist :)

    Du hast nach Erfahrungen gefragt, wenn die alkoholabhängigen Betroffenen am Scheideweg standen. Mein Vater hatte so einen "Schuss vor den Bug", akute Bauchspeicheldrüsenentzündung mit Aussage der Ärzte "Wir wissen nicht, ob er das neue Jahr noch erlebt" (das war ca. Mitte Dezember, wenn ich mich recht erinnere). Meinen Vater hat das nicht langfristig vom Alkohol weggebracht, er hat sich entschieden weiterzutrinken (wenn auch mit Trinkpausen dazwischen). Die Jahre danach waren für mich anstrengend, auch wenn ich nicht sonderlich nahe an ihm dran war und eine gesetzliche Betreuerin sich um seine Angelegenheiten gekümmert haben. Seine betrunkenen Anrufe und mein braves Zuhören haben gereicht, um Spuren bei mir zu hinterlassen.

    Ich kann es auch nur bekräftigen, was schon geschrieben wurde: du und dein Leben sind wichtig. Mir hat ein vorübergehender Kontaktabbruch zu meinem Vater sehr gut getan. Ich habe diesen Abstand dringend gebraucht. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass nicht immer leicht umzusetzen ist, wenn man räumlich nahe am Elternteil dran ist.

    - Der Alkohol und ich -

    Mir ist vor ein paar Tage wieder akut bewusst geworden, welche Rolle Alkohol und Alkoholabhängigkeit immer noch in meinem Leben spielt - auch wenn mein Vater jetzt bald 7 Jahren tot ist. Meine Gedanken/Beobachtungen dazu möchte ich hier nochmal zu digitalem Papier bringen (ist etwas länger geworden).


    Wie trinke ich selbst?
    Ich lebe nicht abstinent, trinke aber seit meinem 30. Geburtstag eher selten und maximal 1-2 Getränke. Mein 30iger war so eine typische Feier im Kreis der Freunde meines Mannes - mit viel Alkohol, wie es mir vertraut war und ich bis dahin auch noch mitgemacht habe. Und an diesem Abend auch mitgemacht habe. Mir ging es am nächsten Tag so elendig, mein Kreislauf war so instabil, dass ich noch nicht mal meine beste Freundin zum Bahnhof fahren konnte. Ich will mich nie mehr in meinem Leben so fühlen, wenn ich es vermeiden kann und ich bin vor dem Hintergrund der Abhängigkeit meines Vaters froh, dass dieser Kater so eindrücklich auf mich gewirkt hat und mich seither davon abhält solche Mengen zu trinken.

    Mit ca. 20 habe ich mit meinem damaligen Freund regelmäßig Freitag und Samstag neben dem Computerspielen Alkohol getrunken. Nicht bis zum Vollrausch, aber es war sehr regelmäßig für ein paar Jahre damals und meine beste Freundin sagte mir später im Vertrauen auch mal, dass sie sich da Sorgen über meinen Konsum gemacht hatte.


    Co-abhängige Züge in meiner Beziehung
    Ich habe hier schon neugierig in einige Threads von Partner*innen reingeschielt. Seit Corona mache ich mir auch Sorgen über den Alkoholkonsum meines Mannes. Die Sorgen sind mal präsenter, mal weniger präsent. Sie kamen damals auf, als er zu Corona angefangen hat, täglich Bier zu trinken. Das war vorher definitiv nicht der Fall. Es waren keine großen Mengen, mehr als 1-2 Bier waren es selten. Aber eben jeden Tag, das berühmte Feierabendbier. Das ich nie haben wollte in einer Beziehung. Ich habe ihn darauf angesprochen, dass ich eine Veränderung wahrnehme, er täglich trinkt und das vorher nicht getan hat. Ich habe parallel auch bei mir bemerkt, wie ich angefangen habe, Flaschen zu zählen...Rückblickend: mir selbst Sicherheit durch Kontrolle zu verschaffen, was bei einer Abhängigkeit ja nichts bringt. Ich weiß bis heute nicht, ob mein Mann abhängig ist oder nicht. Meine Angst ist aber da. Ich habe einmal beim Putzen in einer versteckten Ecke einen leeren Bierkasten gefunden, da war ich ziemlich baff und beunruhigt. Mein Mann meinte als Erklärung, er hätte den geschenkt bekommen und da ich ihn ja immer auf sein Trinken angesprochen hätte, hätte er lieber vor mir verborgen getrunken. Er wirkte ziemlich kleinlaut, als ich ihm sagte, dass das heimliche Trinken eigentlich schon ein sehr untrügliches Zeichen ist, dass da was im Argen liegt. Vor ca. 1,5 Jahren habe ich dann nochmal 2 leere Bierflaschen hinterm Trockner gefunden, die ziemlich sicher noch nicht lange dort gestanden waren - die waren angeblich von einem Handwerkereinsatz einige Wochen vorher...

    Ich merke, dass ich mittlerweile abchecke, wenn er von der Arbeit nachhause kommt, ob ich Alkoholgeruch wahrnehme und wie er auf mich wirkt. Und ich bin mir soooo unsicher in meiner eigenen Wahrnehmung. Ich würde ihm so gerne glauben, wenn er mir sagt, dass seine schweren Augenlieder, sein leichtes Schwanken nur auf einen langen und stressigen Arbeitstag zurückgehen. Gleichzeitig bleibt Restzweifel. Und andererseits bin ich mir doch sicher in meiner Wahrnehmung: er ist oft "anders" nach langen Arbeitstagen. Eben das schwankende Stehen, das langsame Blinzeln, eher müde in der Gegend rumschauen beim Reden. Seine Stimmlage ist anders. Oft schwingt etwas Überhebliches mit, wenn er dann über Probleme auf der Arbeit spricht. Mir ist neulich bewusst geworden: eigentlich ist es egal, ob und welche Rolle Alkohol bei diesem Zustand spielt. Ich mag diesen Zustand einfach nicht, weil ich so keine Freude habe noch Zeit mit ihm zu verbringen (und er meistens eh schnell im Bett ist).


    Meine Arbeit
    Beruflich bin ich seit 7 Jahren im Bereich der Suchthilfe, ich habe meine Stelle knapp 2 Monate vor dem Tod meines Vaters angetreten. Wenn ich im Kontext meiner Familiengeschichte von meiner Arbeit erzähle, juckt es mich immer gleich klarzustellen, dass ich nicht versuche Suchtkranke zu retten, nachdem ich meinen Vater nicht retten konnte. Das ist so ein Narrativ, das dann recht schnell auftaucht. Rückblickend würde ich sagen, dass ich nie versucht habe, meinen Vater zu retten. Meine unbewusste Strategie war eher, durch Verständnis ihm gegenüber (auch wenn er suizidale Gedanken geäußert hat), doch noch Liebe und Anerkennung zu bekommen... Und natürlich hat es für mich sehr wahrscheinlich doch eine besondere Bedeutung, dass ich in dem Bereich arbeite. Für mich war damals klar, dass ich bei meiner vorherigen Stelle aufhöre. Ich habe einige Zeit damit verbracht, nach Stellen zu suchen. Habe Bewerbungen geschrieben, in meinem Wunschbereich aber keine Einladungen zu Gesprächen bekommen. Und habe damals schon gesehen, dass sogar zwei örtlich und von meiner Qualifikation her passende Stellen in der Suchthilfe frei sind. Mein erster Impuls war: "No way bewerbe ich mich da, bei der Geschichte mit meinem Vater bin ich wahrscheinlich gar nicht in der Lage da gut zu arbeiten, das wäre alles viel zu nahe an meiner eigenen Geschichte dran". Die Zeit verging, ich fand keinen Job in meinem Beruf. Die beiden Stellen waren weiter ausgeschrieben. Ich begann zu überlegen, ob ich es nicht doch einfach dort versuchen könnte - wieder kündigen, wenn ich es gar nicht packe, könnte ich ja jederzeit. Bewerbung geschrieben, eingeladen, überzeugt, zack - eingestellt. Nach meiner Wahrnehmung bin ich in der Suchthilfe gelandet, weil ich mich nicht genügend abgrenzen konnte - weil meine Angst keinen Job zu finden irgendwann größer wurde als mein "Nein" gegenüber dem Thema Sucht. Diese mangelnde Abgrenzung ist auch ein Thema, dass ich in der Beziehung zu meinem Vater sehr gut kenne.

    Ich war dann etwas überrascht, als ich relativ schnell gemerkt habe, dass die Arbeit in der Suchthilfe für mich auch heilsam war. Ich bin hier das erste mal mit Suchterkrankten zusammengekommen, die wirklich motiviert waren, etwas zu verändern, und die es für sich geschafft haben einen Weg aus der Sucht zu nehmen. Zu sehen, dass es auch diesen Weg gibt, und nicht nur den schweren Weg, immer weiter in die Sucht rein, über soziotherapeutische Einrichtungen, Betreuer*in, Trinkpause, Trinken, Trinkpause, Trinken.... - das hat mir gut getan. Und so bin ich geblieben. Seit knapp 2 Jahren befasse ich mich jetzt mehr mit mir, bin in Therapie und da ist mein Vater natürlich wieder präsent. Seitdem gibt es Tage, manchmal auch Wochen, in denen ich mit meiner Arbeit hadere - mich frage, ob sie mir grade wirklich gut tut. Und dann kommen auch wieder Momente, in denen ich sehr dankbar für meine Arbeit bin, weil sie mir ermöglicht einzigartige Menschen bei ihrer Entwicklung aus der Sucht zu begleiten. Und weil ich wirklich tolle Kolleg*innen habe, die ich eigentlich nicht missen möchte.

    Was für mich bisher definitiv nicht ging, war Menschen zu begleiten, die mich von ihrer Art her zu sehr an meinen Vater erinnern. Hier kam früher oder später ein deutliches Unwohlsein bei mir auf. Der Zusammenhalt im Team ist aber so gut, dass in solchen Fällen eine Kollegin übernimmt.


    So, jetzt ist das mal raus aus dem Kopf. Ich merke einen altbekannten Druck, damit doch jetzt etwas tun zu müssen. Entscheidungen treffen zu müssen - mich trennen, neuer Job. Alle Verbindungen zu Alkohol kappen. Gleichzeitig habe ich den starken Verdacht, dass das auch nicht zwingend hilfreich wäre. Ich nehme mich selbst ja überall mit hin. Meine Kindheit hat Spuren IN MIR hinterlassen. Die möchte ich mir anschauen und sanft verändern. Und dann sehe ich, was ich mit dem Thema Alkohol noch machen möchte. Ich denke das regelt sich in die eine andere Richtung wahrscheinlich nebenbei, im Zuge dessen, dass ich mich um mich und meine Verhaltensmuster und Prägungen kümmere.

    Guten Morgen Mel,

    danke für deine ausführliche Antwort :) Und danke auch nochmal für den Hinweis auf Verena König. Die war irgendwann schon mal auf meiner digitalen Bildfläche erschienen, ich habe damals aber nur kurz was gelesen, in den Podcast nur oberflächlich reinghört. Jetzt ich habe ich die von dir empfohlene Folge angehört und mich auch schon bei einigen weiteren "festgehört" zu Entwicklungstrauma/Bindungstrauma und zur Angst sich zu zeigen und gleichzeitig dem Bedürfnis danach sich zu zeigen und gesehen zu werden. Ich glaube der Podcast ist eine kleine Goldgrube <3

    Kennst du das Thema "Objektkonstanz" z.B., auch ein Thema bei mir, ich kann Bindungen recht schnell innerlich "kappen" und schlecht über Distanzen oder zeitliche Entfernungen aufrecht erhalten. Ich fliege sozusagen aus der Bindung raus und dachte, sowas ist normal.

    Hm, von der Perspektive habe ich da noch gar nicht drüber nachgedacht bzw. noch nicht systematisch drüber nachgedacht. Ich habe zu Beziehungen im Thread zu EKA Merkmalen eines gelesen, worin ich mich wiedergefunden habe - dass Freundschaften lange brauchen, um sich zu entwickeln, es lange dauert, bis ich einen Freund/Freundin wirklich vermissen würde in meinem Leben, ich aber umgekehrt meine Partnerschaften immer Hals über Kopf eingegangen bin, ein Gefühl der Verliebtheit stellte und stellt sich bei mir schnell ein. Ich glaube das ist nicht ganz das gleiche wie du es beschreibst.
    Was ich in die Richtung noch an mir beobachte, ist, dass ich jedes Mal wieder ein bisschen aufgeregt bin (körperlich), wenn ich zu meiner Therapeutin gehe. Und sie ist wirklich eine ganz liebe Person, ich finde da nichts bedrohliches in ihr. Aber scheinbar ist alleine schon dieses Zweier-Setting für mein System irgendwie aufregend (bedrohlich?).