- Der Alkohol und ich -
Mir ist vor ein paar Tage wieder akut bewusst geworden, welche Rolle Alkohol und Alkoholabhängigkeit immer noch in meinem Leben spielt - auch wenn mein Vater jetzt bald 7 Jahren tot ist. Meine Gedanken/Beobachtungen dazu möchte ich hier nochmal zu digitalem Papier bringen (ist etwas länger geworden).
Wie trinke ich selbst?
Ich lebe nicht abstinent, trinke aber seit meinem 30. Geburtstag eher selten und maximal 1-2 Getränke. Mein 30iger war so eine typische Feier im Kreis der Freunde meines Mannes - mit viel Alkohol, wie es mir vertraut war und ich bis dahin auch noch mitgemacht habe. Und an diesem Abend auch mitgemacht habe. Mir ging es am nächsten Tag so elendig, mein Kreislauf war so instabil, dass ich noch nicht mal meine beste Freundin zum Bahnhof fahren konnte. Ich will mich nie mehr in meinem Leben so fühlen, wenn ich es vermeiden kann und ich bin vor dem Hintergrund der Abhängigkeit meines Vaters froh, dass dieser Kater so eindrücklich auf mich gewirkt hat und mich seither davon abhält solche Mengen zu trinken.
Mit ca. 20 habe ich mit meinem damaligen Freund regelmäßig Freitag und Samstag neben dem Computerspielen Alkohol getrunken. Nicht bis zum Vollrausch, aber es war sehr regelmäßig für ein paar Jahre damals und meine beste Freundin sagte mir später im Vertrauen auch mal, dass sie sich da Sorgen über meinen Konsum gemacht hatte.
Co-abhängige Züge in meiner Beziehung
Ich habe hier schon neugierig in einige Threads von Partner*innen reingeschielt. Seit Corona mache ich mir auch Sorgen über den Alkoholkonsum meines Mannes. Die Sorgen sind mal präsenter, mal weniger präsent. Sie kamen damals auf, als er zu Corona angefangen hat, täglich Bier zu trinken. Das war vorher definitiv nicht der Fall. Es waren keine großen Mengen, mehr als 1-2 Bier waren es selten. Aber eben jeden Tag, das berühmte Feierabendbier. Das ich nie haben wollte in einer Beziehung. Ich habe ihn darauf angesprochen, dass ich eine Veränderung wahrnehme, er täglich trinkt und das vorher nicht getan hat. Ich habe parallel auch bei mir bemerkt, wie ich angefangen habe, Flaschen zu zählen...Rückblickend: mir selbst Sicherheit durch Kontrolle zu verschaffen, was bei einer Abhängigkeit ja nichts bringt. Ich weiß bis heute nicht, ob mein Mann abhängig ist oder nicht. Meine Angst ist aber da. Ich habe einmal beim Putzen in einer versteckten Ecke einen leeren Bierkasten gefunden, da war ich ziemlich baff und beunruhigt. Mein Mann meinte als Erklärung, er hätte den geschenkt bekommen und da ich ihn ja immer auf sein Trinken angesprochen hätte, hätte er lieber vor mir verborgen getrunken. Er wirkte ziemlich kleinlaut, als ich ihm sagte, dass das heimliche Trinken eigentlich schon ein sehr untrügliches Zeichen ist, dass da was im Argen liegt. Vor ca. 1,5 Jahren habe ich dann nochmal 2 leere Bierflaschen hinterm Trockner gefunden, die ziemlich sicher noch nicht lange dort gestanden waren - die waren angeblich von einem Handwerkereinsatz einige Wochen vorher...
Ich merke, dass ich mittlerweile abchecke, wenn er von der Arbeit nachhause kommt, ob ich Alkoholgeruch wahrnehme und wie er auf mich wirkt. Und ich bin mir soooo unsicher in meiner eigenen Wahrnehmung. Ich würde ihm so gerne glauben, wenn er mir sagt, dass seine schweren Augenlieder, sein leichtes Schwanken nur auf einen langen und stressigen Arbeitstag zurückgehen. Gleichzeitig bleibt Restzweifel. Und andererseits bin ich mir doch sicher in meiner Wahrnehmung: er ist oft "anders" nach langen Arbeitstagen. Eben das schwankende Stehen, das langsame Blinzeln, eher müde in der Gegend rumschauen beim Reden. Seine Stimmlage ist anders. Oft schwingt etwas Überhebliches mit, wenn er dann über Probleme auf der Arbeit spricht. Mir ist neulich bewusst geworden: eigentlich ist es egal, ob und welche Rolle Alkohol bei diesem Zustand spielt. Ich mag diesen Zustand einfach nicht, weil ich so keine Freude habe noch Zeit mit ihm zu verbringen (und er meistens eh schnell im Bett ist).
Meine Arbeit
Beruflich bin ich seit 7 Jahren im Bereich der Suchthilfe, ich habe meine Stelle knapp 2 Monate vor dem Tod meines Vaters angetreten. Wenn ich im Kontext meiner Familiengeschichte von meiner Arbeit erzähle, juckt es mich immer gleich klarzustellen, dass ich nicht versuche Suchtkranke zu retten, nachdem ich meinen Vater nicht retten konnte. Das ist so ein Narrativ, das dann recht schnell auftaucht. Rückblickend würde ich sagen, dass ich nie versucht habe, meinen Vater zu retten. Meine unbewusste Strategie war eher, durch Verständnis ihm gegenüber (auch wenn er suizidale Gedanken geäußert hat), doch noch Liebe und Anerkennung zu bekommen... Und natürlich hat es für mich sehr wahrscheinlich doch eine besondere Bedeutung, dass ich in dem Bereich arbeite. Für mich war damals klar, dass ich bei meiner vorherigen Stelle aufhöre. Ich habe einige Zeit damit verbracht, nach Stellen zu suchen. Habe Bewerbungen geschrieben, in meinem Wunschbereich aber keine Einladungen zu Gesprächen bekommen. Und habe damals schon gesehen, dass sogar zwei örtlich und von meiner Qualifikation her passende Stellen in der Suchthilfe frei sind. Mein erster Impuls war: "No way bewerbe ich mich da, bei der Geschichte mit meinem Vater bin ich wahrscheinlich gar nicht in der Lage da gut zu arbeiten, das wäre alles viel zu nahe an meiner eigenen Geschichte dran". Die Zeit verging, ich fand keinen Job in meinem Beruf. Die beiden Stellen waren weiter ausgeschrieben. Ich begann zu überlegen, ob ich es nicht doch einfach dort versuchen könnte - wieder kündigen, wenn ich es gar nicht packe, könnte ich ja jederzeit. Bewerbung geschrieben, eingeladen, überzeugt, zack - eingestellt. Nach meiner Wahrnehmung bin ich in der Suchthilfe gelandet, weil ich mich nicht genügend abgrenzen konnte - weil meine Angst keinen Job zu finden irgendwann größer wurde als mein "Nein" gegenüber dem Thema Sucht. Diese mangelnde Abgrenzung ist auch ein Thema, dass ich in der Beziehung zu meinem Vater sehr gut kenne.
Ich war dann etwas überrascht, als ich relativ schnell gemerkt habe, dass die Arbeit in der Suchthilfe für mich auch heilsam war. Ich bin hier das erste mal mit Suchterkrankten zusammengekommen, die wirklich motiviert waren, etwas zu verändern, und die es für sich geschafft haben einen Weg aus der Sucht zu nehmen. Zu sehen, dass es auch diesen Weg gibt, und nicht nur den schweren Weg, immer weiter in die Sucht rein, über soziotherapeutische Einrichtungen, Betreuer*in, Trinkpause, Trinken, Trinkpause, Trinken.... - das hat mir gut getan. Und so bin ich geblieben. Seit knapp 2 Jahren befasse ich mich jetzt mehr mit mir, bin in Therapie und da ist mein Vater natürlich wieder präsent. Seitdem gibt es Tage, manchmal auch Wochen, in denen ich mit meiner Arbeit hadere - mich frage, ob sie mir grade wirklich gut tut. Und dann kommen auch wieder Momente, in denen ich sehr dankbar für meine Arbeit bin, weil sie mir ermöglicht einzigartige Menschen bei ihrer Entwicklung aus der Sucht zu begleiten. Und weil ich wirklich tolle Kolleg*innen habe, die ich eigentlich nicht missen möchte.
Was für mich bisher definitiv nicht ging, war Menschen zu begleiten, die mich von ihrer Art her zu sehr an meinen Vater erinnern. Hier kam früher oder später ein deutliches Unwohlsein bei mir auf. Der Zusammenhalt im Team ist aber so gut, dass in solchen Fällen eine Kollegin übernimmt.
So, jetzt ist das mal raus aus dem Kopf. Ich merke einen altbekannten Druck, damit doch jetzt etwas tun zu müssen. Entscheidungen treffen zu müssen - mich trennen, neuer Job. Alle Verbindungen zu Alkohol kappen. Gleichzeitig habe ich den starken Verdacht, dass das auch nicht zwingend hilfreich wäre. Ich nehme mich selbst ja überall mit hin. Meine Kindheit hat Spuren IN MIR hinterlassen. Die möchte ich mir anschauen und sanft verändern. Und dann sehe ich, was ich mit dem Thema Alkohol noch machen möchte. Ich denke das regelt sich in die eine andere Richtung wahrscheinlich nebenbei, im Zuge dessen, dass ich mich um mich und meine Verhaltensmuster und Prägungen kümmere.