Kontaktabbruch zu meinem Vater war für mich Anfang meiner 20er Jahre ganz wichtig. Ich habe erst rückblickend gemerkt, wie groß der Druck damals war. Ich habe viel geweint, mein Körper war oft in einer Art Alarmzustand, ich habe zuhause halluziniert, dass das Telefon klingelt, bin erschrocken - es hat meist mein Vater angerufen und der war zu der Zeit in der Regel betrunken und hat sich in Selbstmitleid gesuhlt. Und ich hab es nicht geschafft einfach nicht ans Telefon zu gehen oder wieder aufzulegen, sondern habe mir brav seinen Seelenmüll angehört - geschluckt, bis ich mein Körper auf einer somatischen Ebene gesagt hat "Du schluckst jetzt nicht mehr!" (Phagophobie entwickelt).
Der heilsame Kontaktabbruch wurde tatsächlich durch meinen Vater initiiert, das wurmt mich mal mehr, mal weniger, dass es von seiner und nicht von meiner Seite kam. Es zeigt sich daran aber gut, wie er nass drauf war. Er lebte zu der Zeit in einer soziotherapeutischen Einrichtung, bekam von seiner gesetzlichen Betreuerin ein kleines Taschengeld und war relativ regelmäßig rückfällig. Nicht lange nach so einem Rückfall schrieb er einen Brief an mich und meine jüngere Schwester. Ich war damals im Studium, mit Bafög, kleiner Halbwaisenrente und Job als studentische Hilfskraft konnte ich ganz gut leben (hatte aber auch keine großen Ansprüche). Meine Schwester war grade in der Ausbildung. Unser Vater bat uns in dem Brief um Geld, sein Taschengeld wäre so gering, dass er sich kaum etwas leisten könne. Ob meine Schwester und ich ihm nicht einen regelmäßigen Betrag zuschießen könnten. In mir gleich große Sorge, dass er das Geld nur in seine Rückfälle investiert. Mit meiner Schwester gesprochen, einen freundlich formulierten Brief zurückgeschrieben, dass wir ihn nicht finanziell unterstützen, in dem ich diese Sorgen auch geäußert habe - als Sorgen, nicht als Vorwurf. Zurück kam ein Brief, in dem sinngemäß stand: "Ist okay. Ich hatte gedacht ihr unterstützt mich. Ihr wart mal meine Töchter, aber jetzt will ich von euch nichts mehr wissen.". Mein Vater hat den Kontakt abgebrochen, weil seine beiden in der Ausbildung befindlichen Kinder ihm sein Taschengeld nicht aufstocken wollten...
Ich weiß nicht mehr genau, wie lange der Kontaktabbruch anhielt. Vielleicht 1 Jahr. Mein Vater hat schon früher versucht wieder Kontakt herzustellen - ganz unschuldig bei mir und meinem damaligen Freund angerufen. Zum Glück war ich grade mehrere Wochen auf Praktikum in einer anderen Stadt und mein Freund hat sich geweigert meine Handynummer weiterzugeben. So konnte ich noch ein paar weitere Monate zur Ruhe kommen. Dann kam der Kontakt wieder, ich weiß gar nicht wie, vielleicht durch eine Karte zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Es kamen wieder Telefonate und Treffen. Dieses Mal konnte ich ihm sagen, dass ich keinen Kontakt zu ihm möchte, wenn er trinkt. Soweit ich beurteilen kann, hat er das respektiert, mich zumindest nie mehr volltrunken und in seinem vollen Selbstmitleid angerufen. Immer, wenn ich ihn dann mal versucht habe anzurufen und nicht erreicht habe, wusste ich schon, dass er wahrscheinlich wieder im Rückfall war - auch daran hatte ich mich irgendwann besser gewöhnt, das Auf und Ab. Wir hatten dann bis zu seinem Tod, das waren vielleicht noch ca. 6 Jahre, oberflächlichen Kontakt. Ich habe dabei leider auch gemerkt, dass mein Vater eigentlich nur hören wollte, dass alles okay ist bei mir. Er hat sich nicht tiefer für mich oder das was ich tue interessiert (zumindest schien es mir so). Das hat mir zu dem Zeitpunkt aber nicht weiter wehgetan (oder ich habe es nicht zugelassen). Der Kontakt war so für mich in Ordnung, es war Distanz da. Diese Distanz hätte ich ohne den vorübergehenden Kontaktabbruch wahrscheinlich nicht hinbekommen. Und ich hatte sie bitter nötig.