Hallo liebes Forum,
Ich schreibe hier einen „kurzen“ Erfahrungsbericht zu meinen letzten Monaten als nasser Alkoholiker.
Mich hat sehr erschrocken wie schnell sich die Sucht zuspitzt und richtig Fahrt aufnehmen kann, auch wenn man vermeintlich denkt noch alles im griff zu haben. Das hatte ich in meiner ganzen Zeit als Alkoholiker in dieser Intensität nicht erlebt.
Ich habe um die 18 Jahren lang gesoffen.
Am Anfang etwas weniger, aber die letzten 10 Jahre ziemlich konstant immer zum Feierabend 5 Bier oder 1 Flasche Wein.
Ich kann nicht behaupten dass es mir in dieser Zeit gut ging, aber ich bin irgendwie klar gekommen.
Im letzten Sommer erhöhte sich dann der Konsum auf jeden abend 2 Flaschen Rotwein.
Warum sich mein Konsum erhöht hat kann ich nicht sagen ich denke Suchtdynamik lässt sich nicht immer rational erklären.
Ab da ging es dann aber sehr schnell bergab und die Sucht hat vollends die Oberhand gewonnen.
Da war bei mir der Punkt erreicht, wo ich realisierte, dass es jetzt richtig gefährlich wird und ich regelrecht abstürze. Chancenlos allein noch irgendwas zu ändern und doch noch nicht ganz bereit etwas zu tun.
Die sucht ist stark und mir ging es wohl immer noch nicht schlecht genug.
Chancenlos allein vom trinken wegzukommen war ich vorher zwar auch schon, aber da wurde es nochmal so richtig deutlich.
Ich bekam einen leichten, ich nenne es mal „toleranzbruch“ und vertrug die menge die ich ja eigentlich brauchte um nicht entzügig zu werden plötzlich nicht mehr so gut.
Der Alkohol wirkte ab dem Zeitpunkt irgendwie auch völlig anders nicht mehr so wie früher.(Vielleicht kennt das jemand)
Ich kann es gar nicht wirklich beschreiben, er stieg viel schneller und heftiger in den kopf mit nachts Karussell fahren und meistens heftige Kopfschmerzen morgens, plus noch mehr trockenkotzen.
Das war für meinen, so um den Alkohol gestrickten Tagesablauf hochproblematisch.
Da viel mein Kartenhaus regelrecht zusammen.
Ich konnte nun den schmalen grad zwischen furchtbarem Kater und heftigen Entzugserscheinungen am nächsten Tag nicht mehr treffen.
Es war grauenhaft… ich bin dann abwechselnd mit Kater oder Entzugserscheinungen (oder beidem) zur Arbeit und hab mich da irgendwie durchgebissen, oder auch des Öfteren krankgemeldet.
Produktiv ist was anderes ich war mehr im überlebensmodus.
Und genau an diesem Punkt der Sucht, an dem ich mich zu dieser zeit befand, ging es los das eine stimme in mir sagte „trink einfach morgens schon ein wenig dann wirds besser“.
Auf diese stimme habe ich nicht gehört .. ich hab dann noch 1-2 Wochen durchgehalten, aber die Lage entwickelte sich nur noch in eine Richtung—> bergab! Und zwar schnell. Mir ging es unglaublich schlecht in dieser Zeit ich war körperlich und psychisch am Ende. Eine Panikattacke nach der anderen und quasi durchgehend entzügig.
Hier hab ich dann die Notbremse gezogen und bin in die Klinik.
An die Aufnahme in der Klinik kann ich mich nicht mehr komplett erinnern so entzügig war ich.
Ich habe leicht halluziniert und fragen teilweise nicht beantworten können.
Ich habe aber bis zur Klinik normal weitergetrunken und mich nicht selbst auf kalten Entzug gesetzt. Der Arzt meinte, dass mein Zustand in einem Delier hätte enden können.
Das zeigt mir einmal mehr wie gefährlich diese Erkrankung wirklich ist.
Sie ist unberechenbar und zerstörerisch.
In der Klinik erfuhr ich dann noch dass eine Verringerung der Toleranz ein Zeichen sein kann, weil der Körper an einem Punkt ist wo es zu viel wird.
Ich war auf direktem Weg mich tot zu saufen.
Mann denkt ja immer es ist nicht so schlimm und es wird irgendwann wieder besser, aber das stimmt absolut nicht es wird immer schlimmer zumindest bei mir ist es nie besser geworden.
Rückblickend ist es mit jedem Rückfall immer schlimmer geworden.
Der Entzug wurde immer schlimmer, die Panikattacken wurden heftiger und die Gesundheit geht generell immer weiter den Bach runter.
Und doch, obwohl dass ich das alles schon durchgemacht habe und eigentlich weiß was passiert, konnte ich die bremse nicht früher ziehen.
Verdammte sucht!
An diesen Punkt will ich niemals wieder zurück. Ich schreibe das hier um mich daran zu erinnern wenn ich später mal meinen Faden lese, oder Gedanken aufkommen dass es ja gar nicht so schlimm war.
ES WAR SCHLIMM
Das musste raus. Aber jetzt schließe ich ab mit dem was gewesen ist und schau nach vorne 😊
Viele Grüße Bingo