Zuhause ging es fröhlich weiter mit dem Trinken. Ich fand eine Stelle in einer Wohngruppe, liebte meine Arbeit, aber die Arbeitskollegen waren schrecklich und das Arbeitsumfeld eine Katastrophe. Weil ich selbst viel Gewalt in der Kindheit erlebt habe, bin ich unglaublich sensibel, was das Thema angeht. Und bei der Arbeit war Gewalt in jeglicher Form aber Gang und Gäbe. Das nagte sehr an mir, weil ich das weder mit meiner pädagogischen Überzeugung, noch mit meiner Vergangenheit in Einklang bringen konnte. Meine Prosteste gegen diese Praktiken führten nicht dazu, dass es aufhörte. Es führte dazu, dass ich mir eine andere Stelle suchen musste.
Desillosioniert, frustriert, retraumatisiert und in einem System gefangen, dass sich selbst schützt, statt sich zu verändern, trank ich immer mehr. Bis ich nicht mehr arbeiten konnte. Zusammenbruch. Ein Klinikaufenthalt folgte dem nächsten. Alkohol war nie ein Thema. Selbst, wenn ich es ansprach, wurde es als Symptom abgetan, ich trank ja nur Bier. Mir wurde suggeriert, dass, wenn ich nur meine Vergangenheit aufarbeiten würde, das mit dem Alkohol schon von selbst verschwinden würde. Das war meine tiefste Überzeugung, auch, weil mir das Ärzte/Therapeuten/Sozialarbeiter immer wieder so bestätigt hatten. Eigentlich wusste ich es besser, denn ich hatte viel über Abhängigkeiten gelesen. Aber da ich mir selbst sowieso nie vertraute, ich mich leicht in Hierachiedenken verliere und immer glaube, alle anderen wissen es besser als ich, war das auch wieder eine sehr schöne Ausrede, einfach weiter zu trinken. Ich war ja in Therapie, dauerhaft, auch ambulant. Und es ging mir phasenweise auch immer mal wieder besser. Dann trank ich weniger, aber nie nichts. Und die Phasen waren eben Phasen und dauerten nie lange an. Dass Alkohol Depressionen verstärkt, sagte mir auch niemand. Wusste ich, aber ich bin ja dumm (war ich von überzeugt)
Ich lernte meinen späteren Mann kennen, brach alle Zelte ab und zog in eine neue Stadt. Ich hatte ja sowieso nichts mehr (Job weg, Freunde weg, Familie interessierte sich nicht, bzw stellte immer nur Forderungen. Und dieser Typ, der lebte sein Leben. Das imponierte mir. Frei sein (so sah ich das damals) Und wir soffen zusammen. Kneipe, die abgeranzesten Kneipen, die man finden konnte. Eine Zeit fand ich das richtig super. Scheiß egal, woher du kommst, in diesen Kneipen sind alle gleich. Mit Alkohol sind wir alle Brüder und Schwestern.
Aber das war nie das, was ich wollte. Ich war schon immer interessiert an Kunst, Musik, Kultur, Literatur ect. Aber ich fand nie Zugang zu Kreisen, die ähnliche Interessen hatten. Ich bin das Ghettokind, das Alkohokikerkind, ich verdiene nichts Gutes, ich muss mich mit meinem Platz in der Welt (in der Kneipe, ganz unten) einfach abfinden. Mit meinen Gedanken konnte dort aber niemand etwas anfangen, auch mein Mann nicht, also unterdrückte ich sie. Ich bin nicht zum Denken geboren, Denken überlass mal lieber den anderen, die können das besser als du.
Und dann wurde ich schwanger. Nicht ungeplant. Ich wünschte mir schon lange eine eigene Familie. Also legte ich den Alkohol beiseite. Denn wenn ich eins wusste, dann auf jeden Fall, dass Schwanger sein und Trinken nicht zusammen geht. Ich hörte mit dem Trinken auf und war kurz darauf schwanger. Und es folgte eine ca. 2 jährige "Trockene" Phase. Ich war eine glückliche Schwangere, blühte auf, Hoffnung keimte auf. Und als mein Sohn auf der Welt war, war endlich alles so, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Ich ging in meiner Mutterrolle auf, liebte das geregelte Leben, hatte ein zufriedenes, pflegeleichtes unglaublich wundervolles Baby zu Hause. Und einen Mann, der das alles unglaublich ätzend fand. Und sich am Familienleben überhaupt nicht beteiligte. Und soff. Er verlor seinen Job und hing nur noch zu Hause rum, schlief, saß am Computer, kaufte online irgendwelchen Kram und soff. Anschluss hatte ich in der neuen Stadt auch nicht gefunden, kleines Kaff, wenig Angebote, zu den Kneipenleuten von vor der Schwangerschaft wollte ich nicht zurück, das passte einfach nicht mit Säugling und ich mochte die Leute sowieso nie besonders. Also war ich einsam mit meinem Baby. Und wollte zurück in meine Heimat. Dort waren wenigtens noch ein, zwei Freunde, dort kannte ich mich aus. So zogen wir alle drei zurück in meine Heimatstadt. Besser wurde gar nichts.
Nach meiner Elternzeit suchte ich nach einer neuen Stelle. Mein Mann war weiterhin arbeitslos, auch nicht gewillt, für einen "Hungerlohn" wie er das nannte, sich den Arsch abzurackern. Da wir nun aber beide dem Arbeitsmarkt (jedenfalls theoretisch) zur Verfügung standen, musste mein Sohn zur Tagesmutter, damit ich wenigstens eine Teilzeitstelle annehmen konnte.
Die fand ich auch schnell. Ab da sah mein Tag dann so aus...Morgens aufstehen (nachts auch, weil mein Sohn mit 2 Jahren noch nicht zuverlässig durchschlief) Kind für die Tagesmutter fertig machen, Kind hinbringen, zur Arbeit fahren, Arbeiten, nach der Arbeit zur Tagesmutter, Kind abholen und nach Hause. Dort lag mein Mann. Im Bett. Haushalt lag da, Essen war nicht gekocht, Eingekauft war auch nicht. Zuhause musste ich aber auch noch berufliche Telefonate führen, Vor und Nachbereiten. Mein Mann verstand das nicht. Warum ich für so wenig Geld so viel Arbeiten würde, das wäre ja schön dämlich von mir, selbst Schuld, nicht sein Problem. PC und saufen.
Das ging nicht lange gut. Ich erinnere mich auch nicht mehr daran, ob ich in der Zeit wirklich nichts getrunken hatte. Aber ich glaube, dazu war ich einfach viel zu müde. Aber mein Mann trank und trank und trank. Bis er eines Tages zu Hause zusammensackte. Herzinfarkt. Nicht der Erste. Gleichzeitig kündigte uns unsere Tagesmutter, mein Sohn sei einfach zu schwierig, sie käme nicht mit ihm zurecht. Das war´s dann mit meinem Job. Den musste ich aufgeben. Mein Mann bekam einen Schrittmacher und..machte weiter, wie bisher.
Und dann konnte ich nicht mehr. Ich nahm Kontakt zur PIA (psychiatrische Institutsambulanz) auf, um mich dort behandeln zu lassen. Wurde dort gleich wieder in die Psychiatrie eingewiesen, eine Famlienhilfe wurde installiert. Mein Mann musste in der Zeit auf unseren Sohn aufpassen, mit der Famlienhilfe zusammen. Trotzdem ging ich jeden Tag einmal nach Hause (Die Klinik lang fußläufig zu unserer Wohnung) und da nach dem Rechten. Was auch nötig war, denn er war mit allem völlig überfordert. Eine neue Tagesmutter war organisiert, sodass unserer Sohn wenigstens tagsüber sicher versorgt werden konnte.
Und als ich dann entlassen wurde, stabilisiert aber nicht gesund, soff er sich am selben Abend so zu, dass er krampfend in seinem eignen Erbrochenen im Flur zusammenbrach. Vor den Augen seines Sohnes. Es war grausam. Ich war so wütend, ich konnte mich nur mit Mühe zusammenreißen, nicht auf ihn einzutreten. Stattdessen rief ich den Rettungswagen und ließ in ins Krankenhaus bringen. (Die abfälligen Blicke der Rettungssanitäter werde ich nie vergessen) Als er am nächsten Tag nach Hause getorkelt kam, waren seine Sachen gepackt und ich brachte ihn, gegen seinen Willen, ebenfalls in die psychiatrische Klinik, aus der ich erst einen Tag vorher entlassen wurde. Ich hab ihm die Wahl gelassen, da hinzugehen, oder die Wohnung sofort zu verlassen, es war mir egal, ob er auf der Straße hätte schlafen müssen. Das Fass war übergelaufen. Das war der Anfang unserer Trennung. Während seines Aufenthalts haben wir es mit Paartherapie versucht, aber er war nicht willens, eigene Fehler einzugestehen. Ich war Schuld an allem, nichts war sein Problem. Ich war böse. Ich wollte das nicht mehr ertragen. Also trennte ich mich von ihm, während er noch dort in Therapie war. Ich hatte die Hoffnung, dass die Sozialarbeiter ihm helfen könnten, eine Wohnung zu finden und er nicht ganz allein gelassen würde, aber die Verantwortung dafür wollte ich auch nicht mehr tragen.
Mein eigener Alkoholkonsum in dieser Zeit, war wenig. Ganz aufgehört hatte ich aber nicht. Als dann die Trennung räumlich (natürlich musste ich wieder umziehen, Wohnung für mich und meinen Sohn zu groß und zu teuer) durch war, war ich erleichtert. Und belohnte mich. Mit Alkohol. Ich war aus der grauenvollen Ehe entkommen und feierte meine neue Freiheit, mit Alkohol. Da ging es dann auch wieder los. Mein Kind drei Jahre alt, mittlerweile im Kindergarten. Erst einmal die Woche, dann am Wochenende, dann auch in der Woche. Ich weiß noch, was für ein furchtbar schlechtes Gewissen ich hatte, wenn ich abends, als mein Sohn schon schlief, wie ne irre im Laufschritt zum Kiosk um die Ecke lief, um Nachschub zu holen. Du lässt dein Kind allein zu Hause, um Alkohol zu kaufen. Ich wusste, dass das widerlich war. Ich schämte mich dafür. Und tat es trotzdem. Bald regelmäßig. Dann ging ich endlich in die Traumatherapie. Mein Sohn musste in dieser Zeit in eine Bereitschaftspflegefamilie, weil mein mittlerweile Ex Mann, weder wollte noch konnte. Aber die Therapie musste ich dringend machen, ich hatte 2 Jahre auf einen Platz gewartet. Ohne diese Therapie wäre ich nicht mehr am Leben, sie war lebensnotwenig. Und was ich dort gelernt habe, bildet heute noch den Grundstein für mein alkoholfreies Leben, auch wenn es noch Jahre gedauert hat, bis es wirklich greifen konnte. Aber ich profitiere heute von genau dieser Therapie von damals. 10 Jahre ist das her, eher 11, ich weiß nicht mehr genau.
Alkohol spielte aber auch da keine Rolle. Alkohol wurde in allen Therapien nie wirklich als Problem gesehen. Und ich dachte eben auch, wenn ich an meiner Psyche arbeite, dann brauche ich den Alkohol nicht. Dass ich bereits süchtig war, war mir wirklich nicht bewusst. Ich trank während der Intervalle auch nichts, zu Hause dann wieder mehr. Dann wieder nichts. Dann wieder viel.
In den Jahren danach schlich sich der Alkohol wieder als täglicher Begleiter ein. Und funktionierte auch wieder als soziales Schmiermittel. Meine Freundschaften und Bekanntschaften basierten alle ausschließlich auf Alkohol. Ich war immer angetrunken, wenn ich mich in meiner Freizeit mit Menschen traf. Tagsüber hatte ich dann immer mehr mit Therapeuten/Lehrern/Ärzten zu tun, da mein Sohn dann die Autismusdiagnose bestätigt bekam. Da war ich nüchtern, informiert, fachlich kompetent (ist ja auch mein Beruf). Niemand wäre auf die Idee gekommen, ich sei alkoholabhängig. Sobald mein Sohn abends schlief (tat er sehr gut und zuverlässig) soff ich bis zum Umfallen. Nicht jeden Tag, aber immer öfter.