Beiträge von Alyfee

    Danke ihr Lieben für das Mitgefühl,

    eigentlich habe ich gar keine Zeit, mir darum Gedanken zu machen. Ich habe so viele Termine diese Woche, die ich auch nicht verschieben kann, auf die ich mich konzentrieren muss. Und hab eigentlich keine Konzentration. Bin gerade wieder ziemlich erschöpft. Was ich abgeben kann, versuche ich abzugeben. Das Meiste muss ich allerdings doch selbst regeln. Mein Sohn hat mir für diese Woche das Kochen abgenommen. Das freut mich sehr. Er kocht gern, probiert sich da gern aus und hat Freude daran. Ich freue mich, wenn er stolz das Essen auf den Tisch stellt und er kann das wirklich richtig gut. Gestern gab es Langos mit Feta und Spinatfüllung. Besser, als das, was man auf Jahrmärkten kaufen kann. :love:

    Diese kleinen Schönheiten am Tag geben mir Kraft. Den Blick darauf darf ich einfach nicht verlieren. Die Ferien stehen vor der Tür. Zwei Wochen, in denen ich wahrscheinlich mal keine Behörden/Ämter/Schul/Gerichtstermine habe. Osterfeuer an meinem Geburtstag und ein Tagestrip nach Köln zur Ausstellung von Yayoi Kusama sind geplant. Ein Probearbeiten für mein Ehrenamt ist auch angesetzt. Alles Dinge, auf die ich mich freue. Die mir Halt geben und Struktur.

    Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie ich das alles mit Alkohol überhaupt geschafft habe. Wenn ich mir überlege, in meiner jetztigen Situation so zu saufen, wie noch vor einem Jahr...würde gar nicht gehen. Das wäre so, als würde ich Spiritus in ein Feuer kippen. Das kann ja nur ne Katastrophe werden. Ich bin so froh, das endlich begriffen zu haben.

    Ok, vielleicht gehe ich dann doch nicht auf die Beerdigung.

    Der Mann meiner verstorbenen Schwester hat Karten verschickt, um zur Trauerfeier zu laden. Meiner kleinen Schwester, die nicht in Deutschland lebt und deswegen auch nicht zur Beerdigung kommen kann, hat er die Trauerrede mit eingefügt.

    Unter "Familiengeschichte" tauchen dann die Geschwister auf. 4 Geschwister. Wir sind aber 6. Meine Kleine und ich tauchen gar nicht auf, er hat uns einfach aus der Familie gestrichen.

    Dass wir immer außen vor waren, war ja klar. Das wussten wir. Mit der Kleinen Schwester konnte man bei Familienfeiern wenigstens noch etwas angeben, schließlich hat sie "was aus sich gemacht" Aber selbst das war wohl nicht genug, um sie tatsächlich als Geschwisterteil anzusehen.

    Die komplette Rede ist so, wie ich meine Familie erlebe...Mein Haus, mein Boot, meine Rolex. Blöd nur, dass sie das Haus verloren haben, ein Boot nie besessen und die Rolex eine gefälschte aus Asien ist. Keine Liebenden Worte, ich bin so schockiert. Ich wusste das ja, aber ich dachte, naja INNERHALB ihrer Familie wären sie einfach liebevoller und es liegt nur an mir, dass sie so kalt und abwesend sind. Aber scheinbar ist das ist Wesen. Es ist übrehaupt kein Wunder, dass wir nie zusammengefunden haben, wir leben in zwei völlig unterschiedlichen Universen. Wir sprechen zwei völlig unterschiedliche Sprachen.

    Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich mir das geben will. Vielleicht ist es jetzt einfach Zeit, wirklich abzuschließen mit der Vergangenheit. Auch den Wunsch, nach einer "heilen" Familie endlich aufzugeben, denn das war nie so und wird nie so sein.

    Ich weiß wirklich nicht, warum das so verdammt schwer ist. Die Vergangenheit und auch die Gegenwart zeigt ja nun, dass ich mir damit nur selbst Schmerzen zufüge. Und dass es keinen Sinn macht. Vielleicht der Gedanke, dann wirklich allein zu sein. Aber ich bin es ja jetzt auch schon, nur mein Kopf hat noch nicht losgelassen.

    Im Moment habe ich wenig mit Craving zu tun. Ich hab zwar im Kopf immer wieder das Bild, wie ich besoffen am Esstisch hocke, das schreckt mich allerdings eher ab und ekelt mich an, als dass es für mich Motivation wäre, es in die Tat umzusetzen. Stattdessen nehme ich lieber ein warmes Bad, gehe spazieren oder tanze mit Musik auf den Ohren durch die Wohnung.

    Ich hatte die Tage überlegt, was ich der Familie Gutes tun kann. Vielleicht noch ein paar Fotos raussuchen oder etwas besonderes für die Beerdigung machen. Ich werde nichts davon tun. Sollte ich wirklich hingehen, stelle ich mich in die letzte Reihe und werde nicht nur von meiner Schwester Abschied nehmen, sondern symbolisch von der ganzen Familie.

    Ich bin es so leid.

    Hallo Kazik,

    tut mir Leid zu lesen, dass du auch betroffen bist.

    Ich mache seit 20 Jahren Therapie. Werde wohl auch nie ohne sein. Es sei denn, die Krankenkasse zahlt irgendwann nicht mehr, aber selbst dann werden mich Selbsthilfegruppen wohl immer begleiten. Ein Platz, an dem man sich nicht ständig erklären muss oder angeglotzt wird, wie ein Alien, mal seine Maske fallen lassen kann, das ist mir einfach sehr wichtig, auch um im Alltag einfach funktionieren zu können. Wo alle meine Anteile mal sein dürfen, ohne dass man für total Bekloppt gehalten wird.

    Das mit den paar Tagen später hatte ich auch überlegt. Das wäre auch ne Möglichkeit, wenn ich das Gefühl bekommen sollte, es geht nicht anders. Allerdings, ich kann nicht genau beschreiben wieso, ist die Beerdigung an sich wichtig, damit ich wirklich begreifen kann, dass das wirklich passiert ist. Die Urne sehen, die Erde in das Grab kippen. Vielleicht ist mir das deswegen so wichtig, weil durch mein Trauma meine Erinnerungen oft verschwommen sind. Es ist für mich wichtig, dabei zu sein, um das später wirklich verarbeiten zu können und nicht wieder an meiner Erinnerung zweifle. Schwer zu beschreiben, aber vielleicht verstehst du ungefähr, was ich meine.

    Wie es dann mit dem Rest meiner Familie weitergeht...wird sich zeigen. Innerlich bereite ich mich auf Ablösung vor.

    Danke Toffifee,

    ja, ich kenne mich gut. Die schlechten Seiten besser als die Guten. Die schlechten Seiten haben nämlich so viele Jahre lang Mitleid bekommen und sind dadurch so aufgebläht worden, dass ich die guten Seiten irgendwie vergessen habe. Aber die waren ja auch da, haben das all die Jahre mitgetragen und dafür gesorgt, dass nicht alles den Bach runter geht.

    Jetzt verdienen sie endlich mal die Wertschätzung, die ihnen gebührt. Und die Aufmerksamkeit, die ich so viele Jahre immer nur den schlechten Seiten in mir gegeben habe. Der Fokus muss sich ändern. Das geht nur, wenn ich dabei bleibe.

    Es wird niemand an meine Tür klopfen und sagen...komm ich helfe dir jetzt, dein Leben zu leben. Das kann nur von mir selbst kommen. Ich kann mir nur selbst helfen. Ich kann mir dabei Unterstützung holen (habe ich) aber die Unterstützung klopft ja auch nicht einfach an.

    Ich hab so viele Jahre in meinem Elend gesessen und wirklich geglaubt, oder gehofft, irgendjemand muss das doch sehen und mich da rausholen, wieso hilft mir denn niemand? Aber so funktioniert das einfach nicht. Und bescheuerterweise WEIß bzw. WUSSTE ich das vom Verstand her. Und konnte es trotzdem nicht umsetzen.

    Es musste wirklich erst dieser ganz radikale Umbruch in mir stattfinden. Diese radikale Ehrlichkeit mir selbst gegenüber, dass das Leid, was mir aktuell das Leben so schwer macht, nicht von außen kommt, sondern dass ich dieses Leid ständig reproduziere.

    Meine Vergangenheit ist eben meine Vergangenheit. Sie ist vorbei. Sie hat mich zwar geprägt, aber ob sie heute noch Macht über mich hat, bestimme ich selbst. Dass man Gedanken bewusst steuern kann, habe ich erst wirklich im letzten Jahr kennengelernt. Dass ich Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert bin auch. Mit Alkohol ging das nicht. Der hat eben genau das Gegenteil gemacht. Gedankenkreisen...Abwärtsspirale, Selbstmitleid, Selbsthass, Handlungsunfähigkeit. Diese Muster konnte ich wirklich erst durchbrechen, indem ich aufgehört habe zu trinken.

    Der Tod meiner Schwester hat gestern wieder an alten Traumagedanken gezogen. Und ich lass mich nicht mehr ziehen. Ich weiß, dass sind alte Gefühle von Verlassensein, von Zurückweisung, vom Gefühl, nicht gewollt oder geliebt zu sein. Alte Gefühle. Die gehören in die Vergangenheit, zu den traumatisierten Anteilen. Mit meinem heutigen Ich hat das nichts zu tun. Das muss ich trennen, damit ich damit umgehen kann. Und nur, wenn ich das erkenne, können auch die ganzen Skills und Hilfsmittel wirklich greifen. Was braucht denn ein Kind, was einsam und traurig ist? Eine heiße Schokolade, ein Lieblingskuscheltier und jemand, der es in den Arm nimmt. Also gibts heute heiße Schokolade, ne Kuscheldecke, eine Folge Benjamin Blümchen auf die Ohren und ab in die Hängematte. Klingt albern? Hilft aber. Früher habe ich das albern gefunden, mich geschämt und stattdessen Alkohol in mich reingeschüttet. Weil ich ja Erwachsen bin. Die Gefühle aber sind nicht die eines Erwachsenen, es sind die des verletzten Kindes. Und das braucht sicher keinen Alkohol.

    Seit ich das so praktiziere, werde ich langsam wieder gesund.

    So...Netzwerke sind aktiviert. Merkwürdig, wie schnell das geht, wenn ich nicht immer um den heißen Brei herumrede und hoffe, mein Umfeld wird schon merken, was ich gerade brauche. Klar formuliert, oh, ja klar, kein Thema, wird erledigt. Meine Güte, hab ich es mir all die Jahre schwer gemacht.

    Was ist jetzt wichtig für mich, damit ich nicht wieder in alte Muster rutsche?

    Tagesstruktur. Alltag. Ich darf jetzt nicht im Bett liegen bleiben und mir die Selbstmitleidsdecke über den Kopf ziehen. Auch wenn ich gestern den Drang dazu hatte, all meine Termine abzusagen. Zum Glück habe ich in der letzten Zeit gelernt, nicht immer sofort meinem ersten Impuls zu folgen, sondern wirklich eine Nacht darüber zu schlafen.

    Heute sehe ich es anders. Meine Termine bleiben. Morgen werde ich mein Vorstellungstermin für ein Ehrenamt trotzdem wahrnehmen. Der steht seit Wochen, der bleibt. Punkt. Am Wochenende werde ich trotzdem ins Kabarett gehen. Die Karte ist gekauft, seit Wochen.

    Mein Leben geht weiter.

    Wie wäre es wenn ihr trocken werden wollt und euer Partner säuft......trennt man sich dann? Ist doch nicht Euer Ernst.

    Hallo Summsumm,

    ich weiß, der Ton hier im Forum wirkt am Anfang wirklich etwas schroff, das ging mir die ersten Tage auch so (bin auch noch recht frisch hier) Das hat mich, gerade die ersten Tage, sogar richig wütend gemacht. Was maßen sich die Leute hier an, es gibt nur einen Weg ist zu eng gedacht, es muss auch andere Wege geben, schwarz weiß Denken, genau so, wie du es beschreibst.

    Mittlerweile habe ich aber verstanden, was das soll. Denn sie haben Recht. Alkoholismus ist eine Krankheit und zwar eine, die, unbehandelt, tödlich ist. Und ich glaube, da liegt auch der Denkfeher. Es ist eben keine Charakterschwäche, die man nur durch "reine Willenskraft" überwinden kann.

    Und wenn du das wirklich verinnerlicht hast, dass es eben wirklich eine Krankheit ist, dann ist der Umgang damit auch ein anderer. Vielleicht mal ein Beispiel, um das zu verdeutlichen zu dem Zitat von oben:

    Wenn du eine schwere Erdnussallergie hast, die schon beim kleinsten Staubkorn eine allergische Reaktion auslösen würde, die unter Umständen tödlich enden kann, würdest du bei deinem Partner bleiben, wenn er weiterhin unbedingt Erdnüsse in deiner Gegenwart essen würde? Würdest du bei eine Partner bleiben, dem deine Gesundheit weniger wert ist, als seine Lust auf Erdnüsse?

    Vielleicht hinkt der Vergleich etwas, aber im Prinzip ist Alkoholismus eben auch eine unheilbare Krankheit, die man managen muss. Und die Folgen sind auch oft nicht so unmittelbar, wie bei einem anaphylakischem Schock. Aber trotzdem nicht weniger lebensbedrohlich, auch, wenn die Folgen oft erst spät zu sehen sind.

    Ich bin jetzt 8 Monate trocken. Und ich meide immer noch Veranstaltungen, auf denen ich weiß, dass übermäßig getrunken wird. Geburtstage von Freunden, Gartenpartys. Den Kontakt zu meiner Familie, die ich auch sehr liebe, habe ich sehr eingeschränkt, weil dort getrunken wird und auch nicht weniger getrunken wird, nur weil ich da bin. Ich werde sogar die Trauerfeier meiner eigenen Schwester nicht besuchen, weil ich weiß, dass das für meine Abstinenz sau gefährlich wird. Nicht, weil ich meine Familie nicht liebe, sondern, weil ich nicht auch sterben will.

    Das sind Entscheidungen, die nicht einfach zu treffen sind. Das sind Entscheidungen, die weh tun.

    Aber es sind Entscheidungen, die mir mein Leben retten. Niemand hat was davon, wenn ich alle Gefahren ignoriere, so tue, als wäre mein Alkoholismus kein Problem, und ich dann wieder in die Sucht rutsche und diesmal vielleicht nicht mehr rauskomme.

    Ich hoffe, du verstehst, was ich damit sagen möchte. Der Satz :" Nur nicht trinken reicht nicht" ist halt wirklich wahr.

    Alles Gute für dich und deinen Weg, den du hoffentlich finden wirst.

    Wer sagt dass Du das musst? Deine Gedanken? DU bist nicht Deine Gedanken.
    Ich muss mich heute vor niemandem mehr rechtfertigen. Das habe ich in meiner nassen Zeit zu oft getan.

    Ich weiß, ich MUSS das nicht. Aber diese Muster habe ich mein Leben lang bedient. Sie haben sich über viele Jahrzehnte in mein Hirn eingebrannt und funktionieren so automatisch, dass es nur sehr schwer ist, sie nicht zu bedienen. Ich schaffe das mittlerweile im Alltag besser, weil ich sehr achtsam mit mir bin, die Situation auf der Beerdigung ist aber kein Alltag.

    Die Beerdigung wird für mich einfach auch deswegen sehr herausfordernd, weil ich nun mal Traumaüberlebende bin. Mit Kptbs und diversen anderen Traumafolgestörungen. Im Alltag läuft das, in Extremsituationen läuft das schnell mal aus dem Ruder. Und dann ist da nichts mehr mit Achtsamkeit, dann dreht das System ab. Das hat nicht direkt mit dem Alkohol zu tun und bräuchte wohl ein eigenes Forum, um die Dynamik dahinter zu erklären. Ich muss irgendwie planen, wie ich das organisiere. Am besten wäre es, wenn meine Freundin mich begleiten könnte. Sie kennt das "Traumagedöns" Ich brauche mein Sicherheitsnetz. Zu viele Trigger auf einmal und emotional bin ich angeschlagen. Die nächsten Tage also schauen was ich brauche, versuchen zu organisieren und im Notfall Reißleine und nicht hingehen.

    Der Termin beim sozialpsychiatrischen Dienst war gut. Die Frau war mir von Anfang an total sympatisch, sie hat ne ganz tolle, lockere und gleichzeitig unglaublich empathische Art.

    Jetzt hat sich die Familie gemeldet. Ob ich zur Beerdigung komme. Ich weiß es noch nicht. Ich will mich nicht anmelden müssen. Eigentlich möchte ich mich einfach reinschleichen, mich in die letzte Reihe setzen und einfach in Ruhe Abschied nehmen. Ohne beobachtet und bewertet zu werden. Ich höre schon die Vorwürfe.

    Ich weiß gar nicht genau, was das gerade für Gefühle in mir sind. Ich habe nur eine sehr kleine Vergangenheit mit meiner großen Schwester gehabt. Weil ich eben aus der zweiten Ehe meines Vaters bin und 25 Jahre Altersunterschied zwischen uns liegen. Wir sind also nie zusammen aufgewachsen. Eigentlich ist da immer nur der Wunsch gewesen, eine Familie haben zu wollen, die mich lieb hat. Aber irgendwie geht das in meiner Familie nicht mit einfach nur lieb haben. Um lieb gehabt zu werden, muss man immer irgendwas tun. Irgendwelche Erwartungen erfüllen. Die aber immer nur stillschweigend vorausgesetzt werden, nie wirklich ausgesprochen. Eigentlich kann man nur verlieren.

    Ich trauere gar nicht um meine Schwester. Ich trauere um die Schwester, die ich gern gehabt hätte. Um eine Familie, die ich nie hatte, die ich mir aber immer gewünscht habe. Und immer noch wünsche. Obwohl ich weiß, dass sie das niemals sein können. Der Wunsch danach, der bleibt immer. Und in solchen Momenten, da bricht das Kartenhaus aus Akzeptanz dann doch wieder ein.

    Alkohol ist und war nicht der Grund, warum meine Familie so dysfunktional war und ist. Aber er ist der Brandbeschleuniger, er hält das ganze System am Leben. Die Nahrung sozusagen.

    Ich möchte von meiner Schwester Abschied nehmen und zur Beerdigung gehen. Ich möchte das für mich. Was ich nicht will, ich will nicht wieder der Sündenbock sein. Ich will nicht wieder irgendwelche Erwartungen erfüllen müssen, die mir aber immer niemand sagt. Ich will mich nicht rechtfertigen, warum ich mich nicht gemeldet habe, vorbeigefahren bin, mich nicht mehr bemüht habe. Ich will nur in Ruhe Abschied nehmen.

    Zum Kaffeetrinken danach werde ich auf gar keinen Fall gehen. Allein der Gedanke daran löst Panik in mir aus. Ich gehöre eh nicht dazu. Und der Kaffee ist ein Euphemismus fürs Saufen. Wenn man jetzt keinen Grund hat, wann denn dann? Den Satz höre ich schon und der wird genauso fallen. Dann das Selbstmitleid, wie schlimm doch alles ist. So will ich nicht trauern.

    Und wisst ihr, wer mir heute wirklich Trost gespendet hat? Ehrlichen, herzlichen, erstgemeinten Trost? Mein autistisches Kind.

    Von denen immer alle behaupten, er hätte keine Empathie und keine Gefühle. Er stand heute beim Mittagessenkochen neben mir. Ziemlich lange, ohne etwas zu sagen. Und ich frage ihn, wartest du auf das Essen? Und er sagt, Nein, ich warte darauf, dass du eine Pause machst, damit ich dich in den Arm nehmen kann, weil ich glaube, das brauchst du heute, weil du bestimmt traurig bist. Und dann hat er mich in den Arm genommen. Obwohl er Körperkontakt eigentlich nicht gern mag.

    So geht Familie.

    Und für uns bleibe ich trocken.

    Ihr Lieben,

    jetzt stehe ich das erste Mal seit meiner Abstinenz vor einer wirklichen Herausforderung. Eine meiner Schwestern ist gestern nach langer Krankheit verstorben.

    Ich hatte oben schon geschrieben, dass unser Verhältnis schwierig war. Das Verhältnis zur gesamten Familie ist schwierig. Und der Tod macht es nicht einfacher. Zu viele Dinge, die nie ausgesprochen wurden, Erwartungen, die nicht erfüllt wurden, Erwartungen, die noch kommen. Und ein Gefühl in mir von... nichts.

    Dieses Nichts ist immer ein gefährliches Gefühl für mich. Denn Leere hat früher immer der Alkohol gefüllt. Das soll und darf heute nicht wieder passieren.

    Ich habe zum Glück heute einen Termin beim sozialpsychiatrischen Dienst. Mir graut vor der Beerdigung.

    So, wieder sind ein paar Tage ins Land gezogen. Ich hab mich hier ein wenig eingelesen, hatte aber auch einiges zu tun.

    Mal wieder den Kampf weiterführen, den wir schon so lange führen, aber je älter mein Sohn wird, desto schwerer werden die Kämpfe. Nicht etwa mit ihm, er wird immer toller, sondern mit den ganzen Behörden, die mir irgendwie immer mehr Steine in den Weg legen und uns unbedingt in die Ecke "Behindertenwerkstatt" drängen wollen. Dieser Kampf fällt mir auch immer schwerer und ich hoffe, dass ich ihn bald nicht mehr allein austragen muss. Im April läuft meine Wartezeit für meine Rechtsschutzversicherung aus und dann kann ich endlich einen Anwalt einschalten, der den Kampf wenigstens auf eine rechtssichere Seite bringen kann. In den letzten Wochen war ich nur mit Bergen von Stellungnahmen, Gutachten und Arztterminen beschäftigt. Es nervt, beweisen zu müssen, dass man etwas nicht kann, aber gleichzeitig auch genug kann, um wenigstens einen Schulabschluss machen zu dürfen. Es frustriert. Zum Glück ist das Wetter gerade gut, sodass ich viel spazieren gehen kann, um den Kopf frei zu bekommen.

    Ich bin froh, das gerade alles mit nüchternem Kopf erledigen zu können. Ich habe das früher auch gemacht, mit Alkohol. Und es war auch nie schlecht oder ich hab es nicht gut gemacht. Aber es hat lange gedauert und war immer mit dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit verbunden. Bringt ja sowieso nichts, such dir schon mal ein schönes Heim für dein Kind aus. (Gruseliger Gedanke) Jetzt ist da zwar immer noch Frustration aber auch viel Wut, die ich in Energie umwandeln kann. Die Wut hat vorher der Alkohol gefressen und ich Depressionen umgewandelt.

    Meine erste Geburtstagseinladung ohne Alkohol habe ich auch hinter mir. Absolut unvorstellbar noch vor einem Jahr. Ein Geburtstag, auf dem ich, außer dem Gastgeber, niemanden kenne und 80% davon ist auch noch Familie. Ich habe mir nie vorstellen können, so eine Situation jemals nüchtern erleben zu können. Panikattacken vorprogrammiert. Und dann auch noch alles Akademiker, mit Ferienhaus in der Schweiz, ein berühmter Arzt, der sogar irgendeine Operationstechnik erfunden hat, die nach ihm benannt ist. Und ich, das Alkoholikerkind aus dem Ghetto. Selbstzweifel, Minderwertigkeitsgefühle, sich völlig Fehl am Platz fühlen...das wäre normal gewesen für mich und ich wäre wahrscheinlich schon angetrunken hingegangen.

    Und dieses Mal? Gar nichts davon. Ich habe bei den Vorbereitungen geholfen und war so in meinem Element, dass ich die Gäste hab gar nicht kommen hören. Und war sofort im Gespräch. Und blieb im Gespräch. Vielleicht etwas steif, aber nüchtern und ohne diese ganzen Minderwertigkeitsgedanken. Mit einer Gästin hab ich mich sogar so gut verstanden, dass wir Nummern ausgetauscht haben und uns mal auf einen Kaffee treffen wollen.

    Nüchtern. Ich musste nicht nachher überlegen, was hast du gesagt, warst du zu forsch, warst du zu aufdringlich, bist du nach dem 5. Glas nur noch torkelnd durch die Gegend gelaufen. Um 22.00 Uhr war Feierabend und ich konnte nach Hause gehen. Nicht wie sonst, noch irgendwo versacken, bis 06.00 Uhr morgens und dann den ganzen Tag über der Kloschüssel hängen mit dem dicken Kater, der auch gern mal zwei Tage bleibt. Und es hat mir Spaß gemacht. Und ich habe neue, schöne Erfahrungen gemacht. Ich kann mich auch in fremden Gruppen bewegen, ohne dass ich Alkohol brauche. Ganz im Gegenteil, ohne bin ich deutlich entspannter und zugänglicher und souveräner. Sogar mit dem Arzt habe ich ein tolles Fachgespräch geführt, ohne dass ich mir dumm vorkam.

    An den Getränken habe ich mich am Kindertisch bedient. Diverse Säfte, die ich mit den Kids zusammen in den interessantesten Kombinationen zusammengeschüttet habe. Mein Nachbar hatte auch an alkoholfreies Bier gedacht, das hab ich mal stehen lassen. Am Schluss war es dann trotzdem alle, die Gäste hatten alle kein Interesse daran, sich volllaufen zu lassen. Sehr angenehm.

    Wieder eine neue (alte) Situation ohne Alkohol gemeistert. Und für gut befunden. Und auch für notwenig. Wenn ich getrunken habe, viel und auch schnell hintereinander, weil ich so meine Unsicherheit verberge. Ich wäre nach einer Stunde besoffen gewesen. Und das ist in dieser Wohnung wirklich fatal. Alles ist mit Nippes vollgestellt, zwei Leute nebeneinander geht eigentlich nicht. Wahrscheinlich hätte ich bei jedem Toilettengang (also alle 10 Minuten) alle Regale leergefegt, weil ich das Gleichgewicht nicht hätte halten können. Diese Peinlichkeit ist mir erspart geblieben. :D

    Irgendwo hier im Forum hatte ich gelesen, dass, wenn der Alltag kommt, es keine bahnbrechende Erkenntnis gibt, oder nichts tolles passiert, sondern einfach nur Alltag ist ohne Alkohol und dass es deswegen gefährlich ist, nicht immer auf der Hut zu sein. ( sinngemäß) Aber ich liebe diesen Alltag ohne Alkohol. Für mich ist jeder Alltagstag ohne Alkohol eine tolle Erfahrung. Ich genieße immer noch jeden Morgen, an dem ich fit aufwache, einen Kaffee trinke und loslegen kann. Ich genieße jeden Abend, an dem ich einfach schön müde ins Bett gehe, weil ich viel geschafft habe oder erlebt habe, ohne den Kotzeimer neben dem Bett stehen haben zu müssen. Ich genieße es, durchschlafen zu können. Ich genieße den Alltag ohne Alkohol und es ist für mich jeden Tag wirklich ein Geschenk. Ich warte auch nicht darauf, dass irgendwann was "Großes" passiert, es passieren jeden Tag große Dinge (für mich sind sie groß, für andere wahrscheinlich sebstverständlich)

    Craving habe ich übrigens fast jeden Tag. Es kommt wie eine Welle und geht dann auch wieder. Meine Skills greifen da wirklich gut und meine positive Einstellung zur Abstinenz tut ihr übriges. Wenn der Wunsch zu Trinken kommt, muss ich mir eigentlich nur vorstellen, was für Schmerzen schon der erste Schluck bei mir auslöst, um mich hinzusetzen, durchzuatmen, mir meine Positiv-Zettel anzusehen und abzuwarten, bis es vorbei ist. Ein großes Glas Sprudelwasser mit Zitrone in der Hand.

    Soweit erstmal neues von mir.

    Danke für eure Antworten... Das nächste Treffen ist gerade auf unbestimmte Zeit verschoben. Ein Todesfall in der Familie meines Schwagers. Sie brauchen gerade Ruhe und haben anderes im Kopf. Verständlich und für mich noch etwas Zeit, mir Klarheit zu verschaffen. Ich fürchte allerdings, dass der Alkohol jetzt bei ihr noch stärker in den Fokus rückt. Gefühle aushalten, vor allem negative wie Trauer, war noch nie ihre Stärke und Alkohol immer der Seelentröster. Das macht das ganze nicht einfacher. Wir werden sehen.

    An meinem Geburtstag will ich sowieso nicht groß feiern. Es gibt hier eine Veranstaltung an dem Tag, da werde ich hingehen, mit meinem Sohn zusammen, wahrscheinlich werden auch einige Leute aus meiner Hobbygruppe da sein. Ich werde einfach verkünden, dass man mich an diesem Tag dort antrifft und wer kommt der kommt, wer nicht, der nicht.

    Fluchtwege...das ist ne gute Idee. Ich kann jetzt zum Glück jederzeit gehen, weil ich keinen weiten Weg nach Hause habe. Müsste ich, wie früher, bei ihr übernachten, wäre die Sache für mich klar, ich würde nicht fahren. Jetzt kann ich mich einfach aufs Fahrrad schwingen und nach Hause düsen, sollte die Trinkerei aus dem Ruder laufen.

    Bis dahin bleibe ich bei meiner positiven Lebenseinstellung. Heute ist das Wetter bombastisch gut, ich werde einen schönen langen Spaziergang am Wasser machen. Am Wochenende bin ich auf einen Geburtstag eingeladen, und der wird...tataaaa alkoholfrei sein. Mein Nachbar trinkt nämlich auch nicht (noch nie) und kauft dementsprechend auch keinen Alkohol ein. Meine erste alkoholfreie Geburtstagsparty (seit ich 13 bin oder so) Darauf freue ich mich tatsächlich schon, obwohl es mir eigentlich immer Angst macht, irgendwo eingeladen zu sein und ich kenne außer dem Gastgeber niemanden. Diesmal ist es nur normale Aufgeregtheit, keine Panik. Auch ein neues Gefühl. Eins, dass gern bleiben darf.

    Danke Tabsi,

    ich habe die Tage mit meiner (tja, wie nennt man sowas eigentlich) Betreuerin ( ne, irgendwie nicht, egal) vom Ambulant Betreuten Wohnen über meine Alkoholgeschichte gesprochen. Sehr offen. Und sie gebeten, mich direkt anzusprechen, sollte sie merken, dass Alkohol hier wieder Einzug hält.

    Ich glaube, das ist ein wichtiger Schritt, der mir früher gefehlt hat. Ich wollte es allein schaffen. Von meinem Alkoholproblem habe ich nie jemandem erzählt, auch, wenn ich mir mal vorgenommen hatte, weniger bzw. nicht zu trinken. Ich dachte, ich mache das, weil ich mich einfach zu sehr schäme. Aber eigentlich habe ich mir damit immer die Tür offen gehalten, wieder anfangen zu können, ohne dass ich mich rechtfertigen muss. Diese Tür hab ich jetzt zugemacht, indem ich meinen engsten Freunden und den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite die Wahrheit gesagt habe. Das macht den Weg zurück in die Sucht für mich deutlich schwieriger.

    Was ich außerdem geändert habe ist mein Umfeld. Der Umzug in eine neue Stadt hat dabei sehr geholfen. Meine Heimatstadt war so vergiftet von meiner Vergangenheit, dass dort ein alkoholfreies Leben so gut wie unmöglich war. Überall, egal wo ich hingegangen bin, hingen Erinnerungen an meine Vergangenheit in der Luft. Und ich hatte nur noch "Freunde" mit denen ich außschließlich getrunken habe. Viele waren das auch nicht mehr. Habe mich aus einer völlig zerstörerischen Beziehung gelöst (basierte auf Alkohol) und den Kontakt abgebrochen.

    Hier habe ich in kurzer Zeit so viele neue, tolle Menschen kennengelernt, wie in den letzten 10 Jahren in der alten Heimat nicht. Und Alkohol spielt hier gar keine Rolle. So gut wie niemand trinkt. Und wir können trotzdem eine unglaublich tolle Zeit miteinander verbringen. Was heißt trotzdem, gerade deswegen. Meine Unsicherheiten und Ängste konnte ich nach und nach abbauen und fühle mich das erste Mal seit vielen Jahren in einer Gemeinschaft wirklich angenommen und wohl und kann meine Fähigkeiten miteinbringen und werde dort geschätzt. Was für ein Gefühl. Ich dachte wirklich jahrelang, dass es das für mich einfach nicht gibt.

    Ein Problem habe ich allerdings noch, und das zu lösen wird nicht einfach werden.

    Meine Familie. Meine Schwester, ihr Mann und mein Neffe. Ich hatte mich sehr gefreut, endlich bei ihnen in der Nähe zu wohnen und hatte gehofft, unsere Beziehung würde dadurch fester und intensiver werden. Naja, das hat sich leider so nicht erfüllt. Wir haben einfach unterschiedliche Auffassungen, was Famlienleben angeht. Und sie trinken alle. Viel. Mein Neffe schafft es, wenn wir uns treffen wenigstens nicht zu trinken, dafür konsumiert er andere Dinge. Meine Schwester und ihr Mann schaffen das nicht. Sogar wenn wir uns mittags treffen, haben sie schon mindestens ein Bier intus.

    Als ich ihnen gesagt habe, dass ich aufhöre mit dem Alkohol, weil ich mich sonst totsaufe, haben sie völlig verdattert reagiert. Obwohl sie wissen, wie viel ich trinke. Unsere komplette Beziehung basiert auf Alkohol. Wenn wir uns früher getroffen haben, war das erste, was ich in der Tür in die Hand gedrückt bekam ein Bier und nach spätestens 2 Stunden stand die Schnapsflasche auf dem Tisch. Wir hatten NIE und ich meine NIE nüchterne Begegnungen. Die Zeit ist jetzt vorbei. Und unsere Beziehung muss irgendwie neu gelernt werden. Aber ich weiß einfach nicht, wie das klappen soll.

    Ich hatte vor ca. 1 Monat mit meiner Schwester gesprochen und ihr gesagt, dass ich mich erstmal neu sortieren muss. In meiner Nüchternheit stabil werden muss, mit mir selbst ins Reine kommen muss und deswegen Zeit brauche und den Kontakt vorerst auf Eis lege, weil es mich überfordert. Denn seit ich nicht mehr trinke, ist das Thema bei ihr noch präsenter geworden. Sie spricht es bei jeder Gelegenheit an und geht dann ständig in die Rechtfertigung, warum SIE ja kein Alkoholproblem hat (Spoileralarm...hat Sie) im nächsten Atemzug aber sagt, dass ihr ihre eigene Sauferei auf die Nerven geht, dass sie Angst hat vor der nächsten Blutabnahmen (sie meint, es wäre erst ein Problem, wenn die Leberwerte schlecht sind) Total widersprüchliche Aussagen und das triggert mich massiv. Gleichzeitig ist sie aber auch NIE nüchtern. Der letzte Besuch bei mir (schon ein paar Monate her, da hatte ich gerade aufgehört zu trinken und das auch so kommuniziert) wollten wir uns zum Frühstück treffen bei mir zu Hause. Gut, Frühstück bedeutet bei ihr eher 12.00 Uhr als 08.00 Uhr, das wusste ich. Aber sie kam rein und das erste, was sie sagte war..."Ich hab einen Zwischenhalt in der Eckkneipe gemacht und erstmal ein Bier getrunken, stört dich hoffentlich nicht." Ähm es ist noch nicht mal Mittag? "Aber ich hatte so einen Bierdurst" *hihihihi*

    Das war unser letztes Treffen, ansonsten haben wir die letzten Monate nur telefoniert. Weihnachten wollte sie nicht kommen, Silverster hat sie einen Tag vorher abgesagt.

    Jetzt herrscht seit etwas über einem Monat Funkstille aber ich muss mir langsam überlegen, wie das mit uns weitergehen soll. Ich will sie nicht verlieren, denn sie ist trotz allem ein toller Mensch (wenn auch ganz anders als ich) Aber wie unsere Beziehung jetzt funktionieren soll, weiß ich auch nicht. Sie kann sich selbst nur schwer reflektieren, fühlt sich schnell angegriffen, obwohl sie gar nicht gemeint ist, bezieht sehr sehr vieles auf sich, obwohl ich sie gar nicht meine. Auch mein Entschluss, keinen Alkohol mehr zu trinken, scheint sie irgendwie als Angriff auf sich zu beziehen. Das macht das Ganze irgendwie schwierig. Und eine Lösung habe ich noch nicht. Ich schiebe den Kontakt im Moment auch immer weiter auf. Aus Sorge, sie zu verlieren, weil sie mit meiner Nüchternheit nicht zurecht kommt.

    Ich vermisse sie schon, aber ich vermisse sie nicht so sehr, als dass ich mein alkoholfreies Leben für sie wieder aufgeben würde. Und die letzte Konsequenz wäre es, den Kontakt zu beenden. Und davor habe ich Angst. Und deswegen schaffe ich es nicht, mich bei ihr zu melden.

    Mit ihr darüber reden kann ich nicht. Sie versteht das wirklich nicht, da fehlt es ihr irgendwie an Tiefgang. Ich habe es schon versucht, aber wie oben beschrieben, alles wird als Angriff gewertet.

    Tja, und nun? Habt ihr vielleicht Ideen? Nächsten Monat ist unser "Geburtstagsmonat" Alle Geschwister bis auf eine haben kurz hintereinander Geburtstag und ich muss langsam eine Entscheidung treffen..einladen oder nicht? Hingehen oder nicht?

    LG

    Ich bin zuversichtlich, dass nicht nur ein Stückchen Glück für dich da ist, sondern mehr, wenn du dich nicht davor versteckst.

    Hallo Matcha,

    das Glück liegt offen auf der Straße. Aber Alkohol macht blind dafür. Ich finde heute, nüchtern, jeden Tag ein Stück Glück. Ich führe jetzt eine Art "Glückstagebuch" Ich schreibe jeden Tag auf, was schön war am Tag. Ich finde immer etwas. Und meditiere abends, um weiterhin Zugang zu meinen Gefühlen zu behalten. Das tut mir sehr gut.

    Liebe Grüße und auf deinem Weg weiter viel Kraft. Und Glück.

    Der Punkt war vor ca. 2 Jahren. Ich beschloss, nochmals umzuziehen. Habe den Alkohol beiseite gestellt, organisiert, gepackt, renoviert, mein restliches Hab und Gut in zwei Autos geladen und bin 100 km weiter weg in eine kleine Stadt gezogen. In die Nähe meiner restlichen Famlie. In der Hoffnung, nicht ganz allein dazustehen. (Spoiler...naiver Gedanke) Habe eine schöne, bezahlbare Wohnung gefunden und mich auch sofort bemüht, hier (unabhängig von meiner Familie) Anschluss zu finden. Hilfssysteme installiert, nicht nur für meinen Sohn, sondern auch für mich. Tja, so, wie ich mir das vorgestellt habe, war es dann natürlich wieder nicht. Die Schulsituation meines Sohnes ist hier NOCH schlechter geworden (das wäre aber ein eigenes Thema) mittlerweile ist er dauerhaft krankgeschrieben und ich kämpfe gerade dafür, dass er über eine Onlineschule überhaupt einen Schulabschluss machen kann.

    Alkohol war wieder kein Thema, als dann hier aber wieder alles in Kampf ausartete...kam er wieder. Und diesmal, da wurde aus Bier, Schnaps. Ich hatte über die Jahre eigentlich immer nur Bier getrunken. Eine Zeit dann Wein, den ich aber überhaupt nicht gut vertrage. Aber ich hatte mittlerweile eine solche Toleranz, dass ich das mit Bier nicht mehr decken konnte. Also ging ich zu Rum über. Mit Cola gemischt. Das schmeckt ja sogar. Da kann man sich dann noch mehr genemigen. Alkohol weg für immer...tja, wieder nicht. Und nachdem ich umgestiegen war auf Rum, war ich in kürzester Zeit (6 Monate vielleicht) bei einer Flasche am Abend. (Ich trank ja nur abends) Dann rückte der "Abend" aber immer weiter vor, 18.00 Uhr, 17.00 Uhr, 16.00 Uhr.

    Bis es zu dem Ereignis kam, dass ich anfangs schon geschildert hatte.

    Seitdem Tag bezeichne ich mich selbst als Alkoholiker. Habe es auch Freunden, Familie, Ärzten und allen Menschen, die gerade mit uns zusammenarbeiten (Sozialarbeiter/sozialpsychiatrischer Dienst, meiner neuen Psychiaterin ect.) gesagt. Ich habe es das erste Mal öffentlich gemacht. Bin zur Suchtberatung gegangen und werde dort betreut. Habe für mich (und diesmal nur für mich) das Ambulant Betreute Wohnen beantragt. Für meinen Sohn eine Erziehungsbeistandschaft. Und mache den Alkohol jetzt zum Thema. Nicht mehr versteckt und nur mit mir selbst, sondern offen. Ich habe neue Kontakte geknüft, die ohne Alkohol funktionieren, weil dort niemand trinkt. Habe alte Kontakte (unter anderem meine Familie) vorerst auf Eis gelegt, weil ohne Alkohol dort nichts geht. (selbst alles Trinker) Ich habe angefangen, Verantwortung nicht mehr allein zu tragen, sondern abzugeben, um Zeit zu haben, für mich selbst zu sorgen. Das erste Mal überhaupt in meinem Leben. Und habe seit 7 Monaten keinen Tropfen mehr getrunken. Nicht, weil ich denke ich darf nicht oder ich muss das tun, sondern, weil ich es wirklich endlich nicht mehr will. Und seitdem ist meine Lebensfreude zurückgekommen. Meine Kontakte haben sich gefestigt, ich unternehme Dinge, die mir Spaß machen, ich bin Teil einer tollen Gemeinschaft geworden, mit der ich zusammen meinen Hobbies nachgehe. Ich habe so viele Menchen kennengelernt, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Mit Alkohol, wäre das nicht gegangen. Das geht nur ohne. Ich habe endlich wieder Zugang zu meinen Gefühlen, kann sie fühlen, kann sie zulassen, kann sie aushalten und endlich wirklich verarbeiten, statt sie zu betäuben oder zu unterdrücken. Das ist ein Gefühl, nach dem ich mich immer gesehnt hatte, was ich aber nie erreichen konnte, weil der Alkohol eine riesen Mauer darum gebaut hatte. Die Mauer ist jetzt durchlässig. Und dahinter ist das Leben, was ich mir gewünscht habe. Und es ist jetzt erreichbar. Jeden Tag ohne Alkohol ist ein weiterer Schritt hinein in dieses Leben. In dem ich mich selbst finde. In dem ich mein verschüttetes Selbstbild wiederfinde und neu aufbauen kann.

    Ich weiß nicht, ob ihr euch das vorstellen könnt, aber es ist für mich wirklich, wie ein neues Leben. Wie eine neue Welt. Ich habe wieder vertrauen, ich habe wieder Träume, ich habe wieder Lust und Energie, Dinge zu tun, die mir Spaß machen. Ich nehme mir bewusst Zeit nur für mich. Nach so vielen Jahren in emotionaler Abgestumpftheit, dachte ich, ich sei innerlich tot. Das mein Inneres so kaputt ist, dass es da nichts mehr gibt, was heilen kann. Aber mein Kern, der innerste Kern, der ist heil geblieben. Er war nur verschüttet und wird jetzt, Stück für Stück freigelegt.

    Ich dachte so viele Jahre, ich brauche den Alkohol, um zu Leben. Jetzt merke ich, der Alkohol hat mir das Leben genommen. Ohne ihn fängt das Leben an. Und ich habe wieder Lust aufs Leben. Ich habe Lust auf die Zukunft. Ich freue mich auf das, was noch kommt.

    Nur der Alkohol, der darf nie wieder zu mir kommen.

    Danke fürs Schreiben dürfen.

    Die Jahre nach der Traumatherapie waren dann geprägt von Kampf. Kampf um Teilhabe für meinen Sohn. Den Kampf führe ich bis heute weiter. Und der wird wahrscheinlich auch nie ganz aufhören. Kampf mit Behörden, Ämtern, Schulen, Ärzten. Geprägt von Ausgrenzung und Unverständnis. Und der Alkohol mein Begleiter. Weil ich nirgends Halt fand, weil ich so hart geworden war, mich niemandem öffnen wollte und konnte, weil die Welt für mich grundsätzlich böse und beängstigend und verschlossen war. Alkohol war mein Halt. Meine Flucht, mein Gefühlsregulator. Ohne Alkohol fühlte ich einfach bald gar nichts mehr. Ich war innerlich leer. Funktionieren geht, das habe ich ja seit frühster Kindheit gelernt. Aber Fühlen, das hatte ich nie gelernt. Mit Alkohol konnte ich fühlen. Aber es waren eben Alkoholgeschwängerte Gefühle, sie waren nicht echt, sie waren künstlich erzeugt. Wenn Angst mal wieder hochkam, hat Alkohol sie betäubt. Wenn ich wieder leer war, hat Alkohol zu Heulkrämpfen und Selbstmitleid geführt. Ich war einfach gar nicht ich selbst. Ich hatte keine Zeit dafür und ich wusste auch nicht, was das überhaupt heißen soll. Sei du selbst...mein Selbst war so tief unter Schutt begraben, dass ich schon lange nicht mehr wusste, was das eigentlich sein soll. Und ich ertrappte mich dann immer wieder bei dem Gedanken, dass ich einfach nur noch ein bisschen durchalten muss. Bis ich meinen Sohn groß habe. Bis er Selbstständig ist, ein eigenes Leben führt und dann...war da nichts.

    Was kommt dann?

    Da war nichts. Ich hatte einfach keine Perspektive. Ich wusste nicht mehr, was ich schön fand, ich hatte keine Hobbies mehr, kein Ziel. Da war einfach nichts. Nur der Gedanke, dann kannst du einfach weitersaufen, die paar Jahre hält dein Körper schon noch durch und dann kannst du endlich Ruhe finden. Dann kann ich endlich sterben.

    Und als sich dieser Gedanke immer häufiger einstellte, da kam irgendwo, wo auch immer das herkam, Trotz auf. Ich hab mein Leben angesehen und dachte, du hast so viel hinter dir, soviel geschafft, so viel gelitten und nie an dich gedacht. Du darfst nicht sterben, ohne vorher nochmal ein schönes Leben gehabt zu haben. Du darfst nicht so verbittert gehen. Da MUSS irgendwo auch für dich ein Stückchen Glück übrig sein. Und bevor du das nicht gefunden hast, gehst du nicht. Aber um das zu finden, muss der Alkohol endlich weg. Nicht für ein paar Monate, sondern für immer. Er ist der Nährboden, er füttert mein Elend, er muss weg. Für immer.

    Zuhause ging es fröhlich weiter mit dem Trinken. Ich fand eine Stelle in einer Wohngruppe, liebte meine Arbeit, aber die Arbeitskollegen waren schrecklich und das Arbeitsumfeld eine Katastrophe. Weil ich selbst viel Gewalt in der Kindheit erlebt habe, bin ich unglaublich sensibel, was das Thema angeht. Und bei der Arbeit war Gewalt in jeglicher Form aber Gang und Gäbe. Das nagte sehr an mir, weil ich das weder mit meiner pädagogischen Überzeugung, noch mit meiner Vergangenheit in Einklang bringen konnte. Meine Prosteste gegen diese Praktiken führten nicht dazu, dass es aufhörte. Es führte dazu, dass ich mir eine andere Stelle suchen musste.

    Desillosioniert, frustriert, retraumatisiert und in einem System gefangen, dass sich selbst schützt, statt sich zu verändern, trank ich immer mehr. Bis ich nicht mehr arbeiten konnte. Zusammenbruch. Ein Klinikaufenthalt folgte dem nächsten. Alkohol war nie ein Thema. Selbst, wenn ich es ansprach, wurde es als Symptom abgetan, ich trank ja nur Bier. Mir wurde suggeriert, dass, wenn ich nur meine Vergangenheit aufarbeiten würde, das mit dem Alkohol schon von selbst verschwinden würde. Das war meine tiefste Überzeugung, auch, weil mir das Ärzte/Therapeuten/Sozialarbeiter immer wieder so bestätigt hatten. Eigentlich wusste ich es besser, denn ich hatte viel über Abhängigkeiten gelesen. Aber da ich mir selbst sowieso nie vertraute, ich mich leicht in Hierachiedenken verliere und immer glaube, alle anderen wissen es besser als ich, war das auch wieder eine sehr schöne Ausrede, einfach weiter zu trinken. Ich war ja in Therapie, dauerhaft, auch ambulant. Und es ging mir phasenweise auch immer mal wieder besser. Dann trank ich weniger, aber nie nichts. Und die Phasen waren eben Phasen und dauerten nie lange an. Dass Alkohol Depressionen verstärkt, sagte mir auch niemand. Wusste ich, aber ich bin ja dumm (war ich von überzeugt)

    Ich lernte meinen späteren Mann kennen, brach alle Zelte ab und zog in eine neue Stadt. Ich hatte ja sowieso nichts mehr (Job weg, Freunde weg, Familie interessierte sich nicht, bzw stellte immer nur Forderungen. Und dieser Typ, der lebte sein Leben. Das imponierte mir. Frei sein (so sah ich das damals) Und wir soffen zusammen. Kneipe, die abgeranzesten Kneipen, die man finden konnte. Eine Zeit fand ich das richtig super. Scheiß egal, woher du kommst, in diesen Kneipen sind alle gleich. Mit Alkohol sind wir alle Brüder und Schwestern.

    Aber das war nie das, was ich wollte. Ich war schon immer interessiert an Kunst, Musik, Kultur, Literatur ect. Aber ich fand nie Zugang zu Kreisen, die ähnliche Interessen hatten. Ich bin das Ghettokind, das Alkohokikerkind, ich verdiene nichts Gutes, ich muss mich mit meinem Platz in der Welt (in der Kneipe, ganz unten) einfach abfinden. Mit meinen Gedanken konnte dort aber niemand etwas anfangen, auch mein Mann nicht, also unterdrückte ich sie. Ich bin nicht zum Denken geboren, Denken überlass mal lieber den anderen, die können das besser als du.

    Und dann wurde ich schwanger. Nicht ungeplant. Ich wünschte mir schon lange eine eigene Familie. Also legte ich den Alkohol beiseite. Denn wenn ich eins wusste, dann auf jeden Fall, dass Schwanger sein und Trinken nicht zusammen geht. Ich hörte mit dem Trinken auf und war kurz darauf schwanger. Und es folgte eine ca. 2 jährige "Trockene" Phase. Ich war eine glückliche Schwangere, blühte auf, Hoffnung keimte auf. Und als mein Sohn auf der Welt war, war endlich alles so, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Ich ging in meiner Mutterrolle auf, liebte das geregelte Leben, hatte ein zufriedenes, pflegeleichtes unglaublich wundervolles Baby zu Hause. Und einen Mann, der das alles unglaublich ätzend fand. Und sich am Familienleben überhaupt nicht beteiligte. Und soff. Er verlor seinen Job und hing nur noch zu Hause rum, schlief, saß am Computer, kaufte online irgendwelchen Kram und soff. Anschluss hatte ich in der neuen Stadt auch nicht gefunden, kleines Kaff, wenig Angebote, zu den Kneipenleuten von vor der Schwangerschaft wollte ich nicht zurück, das passte einfach nicht mit Säugling und ich mochte die Leute sowieso nie besonders. Also war ich einsam mit meinem Baby. Und wollte zurück in meine Heimat. Dort waren wenigtens noch ein, zwei Freunde, dort kannte ich mich aus. So zogen wir alle drei zurück in meine Heimatstadt. Besser wurde gar nichts.

    Nach meiner Elternzeit suchte ich nach einer neuen Stelle. Mein Mann war weiterhin arbeitslos, auch nicht gewillt, für einen "Hungerlohn" wie er das nannte, sich den Arsch abzurackern. Da wir nun aber beide dem Arbeitsmarkt (jedenfalls theoretisch) zur Verfügung standen, musste mein Sohn zur Tagesmutter, damit ich wenigstens eine Teilzeitstelle annehmen konnte.

    Die fand ich auch schnell. Ab da sah mein Tag dann so aus...Morgens aufstehen (nachts auch, weil mein Sohn mit 2 Jahren noch nicht zuverlässig durchschlief) Kind für die Tagesmutter fertig machen, Kind hinbringen, zur Arbeit fahren, Arbeiten, nach der Arbeit zur Tagesmutter, Kind abholen und nach Hause. Dort lag mein Mann. Im Bett. Haushalt lag da, Essen war nicht gekocht, Eingekauft war auch nicht. Zuhause musste ich aber auch noch berufliche Telefonate führen, Vor und Nachbereiten. Mein Mann verstand das nicht. Warum ich für so wenig Geld so viel Arbeiten würde, das wäre ja schön dämlich von mir, selbst Schuld, nicht sein Problem. PC und saufen.

    Das ging nicht lange gut. Ich erinnere mich auch nicht mehr daran, ob ich in der Zeit wirklich nichts getrunken hatte. Aber ich glaube, dazu war ich einfach viel zu müde. Aber mein Mann trank und trank und trank. Bis er eines Tages zu Hause zusammensackte. Herzinfarkt. Nicht der Erste. Gleichzeitig kündigte uns unsere Tagesmutter, mein Sohn sei einfach zu schwierig, sie käme nicht mit ihm zurecht. Das war´s dann mit meinem Job. Den musste ich aufgeben. Mein Mann bekam einen Schrittmacher und..machte weiter, wie bisher.

    Und dann konnte ich nicht mehr. Ich nahm Kontakt zur PIA (psychiatrische Institutsambulanz) auf, um mich dort behandeln zu lassen. Wurde dort gleich wieder in die Psychiatrie eingewiesen, eine Famlienhilfe wurde installiert. Mein Mann musste in der Zeit auf unseren Sohn aufpassen, mit der Famlienhilfe zusammen. Trotzdem ging ich jeden Tag einmal nach Hause (Die Klinik lang fußläufig zu unserer Wohnung) und da nach dem Rechten. Was auch nötig war, denn er war mit allem völlig überfordert. Eine neue Tagesmutter war organisiert, sodass unserer Sohn wenigstens tagsüber sicher versorgt werden konnte.

    Und als ich dann entlassen wurde, stabilisiert aber nicht gesund, soff er sich am selben Abend so zu, dass er krampfend in seinem eignen Erbrochenen im Flur zusammenbrach. Vor den Augen seines Sohnes. Es war grausam. Ich war so wütend, ich konnte mich nur mit Mühe zusammenreißen, nicht auf ihn einzutreten. Stattdessen rief ich den Rettungswagen und ließ in ins Krankenhaus bringen. (Die abfälligen Blicke der Rettungssanitäter werde ich nie vergessen) Als er am nächsten Tag nach Hause getorkelt kam, waren seine Sachen gepackt und ich brachte ihn, gegen seinen Willen, ebenfalls in die psychiatrische Klinik, aus der ich erst einen Tag vorher entlassen wurde. Ich hab ihm die Wahl gelassen, da hinzugehen, oder die Wohnung sofort zu verlassen, es war mir egal, ob er auf der Straße hätte schlafen müssen. Das Fass war übergelaufen. Das war der Anfang unserer Trennung. Während seines Aufenthalts haben wir es mit Paartherapie versucht, aber er war nicht willens, eigene Fehler einzugestehen. Ich war Schuld an allem, nichts war sein Problem. Ich war böse. Ich wollte das nicht mehr ertragen. Also trennte ich mich von ihm, während er noch dort in Therapie war. Ich hatte die Hoffnung, dass die Sozialarbeiter ihm helfen könnten, eine Wohnung zu finden und er nicht ganz allein gelassen würde, aber die Verantwortung dafür wollte ich auch nicht mehr tragen.

    Mein eigener Alkoholkonsum in dieser Zeit, war wenig. Ganz aufgehört hatte ich aber nicht. Als dann die Trennung räumlich (natürlich musste ich wieder umziehen, Wohnung für mich und meinen Sohn zu groß und zu teuer) durch war, war ich erleichtert. Und belohnte mich. Mit Alkohol. Ich war aus der grauenvollen Ehe entkommen und feierte meine neue Freiheit, mit Alkohol. Da ging es dann auch wieder los. Mein Kind drei Jahre alt, mittlerweile im Kindergarten. Erst einmal die Woche, dann am Wochenende, dann auch in der Woche. Ich weiß noch, was für ein furchtbar schlechtes Gewissen ich hatte, wenn ich abends, als mein Sohn schon schlief, wie ne irre im Laufschritt zum Kiosk um die Ecke lief, um Nachschub zu holen. Du lässt dein Kind allein zu Hause, um Alkohol zu kaufen. Ich wusste, dass das widerlich war. Ich schämte mich dafür. Und tat es trotzdem. Bald regelmäßig. Dann ging ich endlich in die Traumatherapie. Mein Sohn musste in dieser Zeit in eine Bereitschaftspflegefamilie, weil mein mittlerweile Ex Mann, weder wollte noch konnte. Aber die Therapie musste ich dringend machen, ich hatte 2 Jahre auf einen Platz gewartet. Ohne diese Therapie wäre ich nicht mehr am Leben, sie war lebensnotwenig. Und was ich dort gelernt habe, bildet heute noch den Grundstein für mein alkoholfreies Leben, auch wenn es noch Jahre gedauert hat, bis es wirklich greifen konnte. Aber ich profitiere heute von genau dieser Therapie von damals. 10 Jahre ist das her, eher 11, ich weiß nicht mehr genau.

    Alkohol spielte aber auch da keine Rolle. Alkohol wurde in allen Therapien nie wirklich als Problem gesehen. Und ich dachte eben auch, wenn ich an meiner Psyche arbeite, dann brauche ich den Alkohol nicht. Dass ich bereits süchtig war, war mir wirklich nicht bewusst. Ich trank während der Intervalle auch nichts, zu Hause dann wieder mehr. Dann wieder nichts. Dann wieder viel.

    In den Jahren danach schlich sich der Alkohol wieder als täglicher Begleiter ein. Und funktionierte auch wieder als soziales Schmiermittel. Meine Freundschaften und Bekanntschaften basierten alle ausschließlich auf Alkohol. Ich war immer angetrunken, wenn ich mich in meiner Freizeit mit Menschen traf. Tagsüber hatte ich dann immer mehr mit Therapeuten/Lehrern/Ärzten zu tun, da mein Sohn dann die Autismusdiagnose bestätigt bekam. Da war ich nüchtern, informiert, fachlich kompetent (ist ja auch mein Beruf). Niemand wäre auf die Idee gekommen, ich sei alkoholabhängig. Sobald mein Sohn abends schlief (tat er sehr gut und zuverlässig) soff ich bis zum Umfallen. Nicht jeden Tag, aber immer öfter.