Hallo liebe Leute,
die letzten Tage ging es mir wieder deutlich besser. Ich bin durchwegs gut gelaunt durch den Tag gegangen, habe wieder Sport gemacht, war mit meiner Frau ausgiebig spazieren und habe auch wieder Bewerbungen geschrieben. Und ich habe wieder viel nachgedacht.
Heute ist mir dabei etwas wichtiges Bewusstgeworden. Ich dachte viel über das Thema Sucht und Abhängigkeit an sich nach - und zwar, was für Mechanismen dahinterstecken, die ich auch heute noch in mir trage, bzw. praktiziere, obwohl ich "schon" fast 6 Monate abstinent lebe. Der Denkanstoß dazu kam wieder mal von meiner Psychologin:
Ich sagte zu ihr, wie schwer es mir fällt bei der Jobsuche Eigeninitiative zu ergreifen um etwas voranzubringen in dieser Sache und das es mir am liebsten wäre, wenn irgendwer aus meinem Umfeld zu mir kommen würde um mir etwa zu verkünden "ich habe mit dem und dem geredet, du kannst morgen hingehen und dich vorstellen". Ja, am liebsten wäre es mir, die anderen würden sich darum kümmern. Neben den Mühen, die ich mir dadurch ersparen würde (was gar nicht so im Vordergrund steht), hätte ich dann nämlich gleich auch weniger Verantwortung, wenn es schief geht ("ich wollte den Job ja gar nicht, mein Umfeld hat mich dazu getrieben, das Vorstellungsgespräch veranlasst usw.")
Die Psychologin nickte dann nur mit dem Kopf, so als ob sie genau dieses Verhalten von hundert anderen Klienten am Tag auch hört, schaut mich in aller Ruhe an und sagt weiter nur: "Ja, das ist typisches süchtiges Verhalten, Abhängigkeitsverhalten". Wie bitte? - dachte ich da bei mir.
Wieder zu Hause habe ich ausführlich darüber nachgedacht und jetzt wurde mir erst bewusst, was sie damit genau gemeint hat - und es erklärt auch einige andere Dinge in meinem Denken. Ein Süchtiger, ein Abhängiger gibt die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden an die Droge ab. Nur mit Stoff ist er/sie glücklich. Es ist ein Abhängigkeitsverhältnis. Wenn man jetzt trocken oder "clean" ist, mag sich zwar im Laufe der Zeit vieles normalisieren, jedoch zeigt sich die Sucht auch von einer sehr abstrakten Seite, die man möglicherweise gar nicht mit ihr in Verbindung bringt. Ich meine damit: Durch den jahrelangen Alkoholmissbrauch habe ich schleichend damit begonnen, die Verantwortung in allen möglichen Lebensbereichen immer mehr für mich herunterzuschrauben, anderen zu übertragen, wegzuschieben. Verantwortung zu haben machte mich immer unsicherer - dadurch wurde ich aber als souveräner, selbstdenkender Mensch immer mehr in meinem emotionalen Wohlbefinden auch abhängig von anderen.
Die Souveränität, die Autonomität über mich und mein Leben, mein Empfinden, meine Gefühle und meine Taten zurückzugewinnen - das ist die eigentliche Trockenarbeit. Egal was kommt - ich muss wieder lernen voll und ganz für mich selbst Verantwortung zu tragen, dann kann ich nämlich auch SELBST wieder Glück und Zufriedenheit empfinden - und brauche dafür weder Alkohol, noch Leute die mir die Verantwortung abnehmen (und z.B. einen Job für mich suchen....).
Herzlichst,
Blizzard