Hallo dagmar,
deine rucksack-metapher finde ich gut. Ich hab mir mal gedanken über meinen rucksack gemacht und festgestellt, dass ich den schon mein leben lang mit mir rumtrage und ihn auch mein restliches leben nicht mehr ablegen kann. Ich kann nur entscheiden, was ich in ihn hineinpacke.
Als junges kind packte ich die freude darüber in den rucksack, wenn ich stolz wie oskar mit meinem vater in der kneipe am stammtisch sitzen und noch eine und noch eine limo bestellen durfte. Das machte den rucksack leicht. Zu hause dann kam das geschimpfe meiner mutter hinein und ihr schweigen, weil sie böse auf MICH war, weil ich den vater nicht rechtzeigig ans nachhause-gehen erinnerte. Schwer hing der rucksack mir dann im rücken und drückte mich. Also war ich ganz lieb und ruhig, versuchte alles, damit meine mutter wieder mit mir sprach, damit der rucksack wieder leichter wurde. Tisch abräumen, abtrocknen, auf meine kleinen brüder aufpassen, all das ohne meckern, waren dinge, die sie mochte und die mir den rucksack leichter machten.
Und so ging es mir mein leben lange. Wenn ich das gefühl hatte, nicht angenommen zu sein, tat ich etwas, von dem ich dachte, der andere mag es und mag dann auch mich. Dieser mechanismus war mir ganz lange nicht bewusst, denn ich war ja stark und konnte viel tun, ohne dass es mich überlastete und mir der rucksack zur qual wurde.
Dann traf ich irgendwann „meinen alki“. Und damit kamen plötzlich schlag auf schlag dinge auf mich zu, die ich mir in den rucksack packte, sodass er immer und immer schwerer wurde. Und wieder kam mir nicht in den sinn, dass es ja MEIN rucksack war und ich mir aussuchen kann, was ich dahin packe. ER war es, der mir den rucksack so schwer macht. So schwer, dass ich irgendwann unter ihm zusammenbrach. Dass ich „meinen alki“ irgendwann vor die tür setzte, damit mein rucksack wieder leichter werden sollte. Dass er da war, der rucksack, war mir immer noch nicht bewusst. An ein gewisses gewicht auf meinen schultern war ich einfach gewöhnt. Wenn es mir leicht war, war irgend etwas nicht richtig, war ich der meinung.
Da nun „mein alki“ weg war, packte ich mir halt wieder andere dinge in den rucksack, damit ich das gewicht, das ich kannte, spüren konnte. Arbeit, kümmern um freunde, meinen erwachsenen sohn alles hatte platz in meinen gedanken und auch in meinem rucksack. Langsam lernte ich, dass ich diesen rucksack eben mitbekommen habe und SELBST entscheiden kann, womit ich ihn fülle. Mit zufriedenheit, die recht leicht wiegt und mich gut leben lässt. Oder mit vorwürfen an den alki, den chef, die böse welt, die mir den rucksack immer wieder erschweren. Mit viel arbeit, damit ich gut bin und als gut anerkannt werde, mich aber im übermaß verrichtet, schwächt und überfordert.
Dieser tage erst wieder wurde mir mit schrecken bewusst, dass dieser rucksack mich mein leben lang begleiten wird und dass es MEINE ganz eigene entscheidung ist, was ich in diesen rucksack packe. So, wie halt jeder so sein „päckchen“ zu tragen hat, und entscheiden muss, was er reinpackt oder nicht. Und da ist es mir auch ziemlich egal, warum „mein alki“ wann angefangen hat zu trinken und was er mit seiner sucht kompensieren möchte. Ich hab genug damit zu tun, auf meinen eigenen rucksack zu gucken, damit er das gewicht hat, mit dem ich zufrieden und gesund leben kann. Wenn ich mir da die sucht „meines alkis“ noch reinpacke, dann wird er mir wieder schwer.
Lg
ette