Guten Morgen Katrine,
in meiner schlimmsten Co-Zeit konnte ich mich auch in eine Stimme verlieben, per Telefon. Im nachhinein weiß ich, dass es eher die Tatsache war, dass sich jemand mit mir so ausgiebig beschäftigt hat. Ich fühlte mich etwas wert, weil ein intelligenter Mann so viel mit mir redete. Ich sah eine Art Seelenverwandtschaft, obwohl ich den Menschen nie gesehen hatte. Deine Gefühle kann ich also gut nachempfinden.
Dass du im Netz jemanden findest, der Alkoholprobleme hat, ist relativ naheliegend. Ich habe die Erfahrung gemacht in bald 10 Jahren Chat- und Forenerfahrung, dass hier sehr viele Menschen unterwegs sind, die ein Persönlichkeitsdefizit oder Suchtprobleme haben. Schließlich ist das Internet so herrlich anonym, dass niemand eine Fahne bemerkt und rotgetrunkene Gesichter sieht. Und Intelligenz spielt dabei überhaupt keine Rolle. Vom Arzt über Rechtsanwälte bis zum geschäftsführenden Leiter einer großen sozialen Einrichtung sind mir hier schon alle möglichen Menschen über den Bildschirm geflimmert.
Mir stellt sich vielmehr die Frage, was du für DICH getan hast, seit du dich von deinem Mann getrennt hast. Was hast du in dieser Zeit für DEINE persönliche Entwicklung getan? So, wie es für mich aussieht, hast du lediglich dein „Suchtmittel“, sprich Mann, aus deinem Umfeld verbannt und dich wenig mit deiner Co-Abhängigkeit beschäftigt. Somit ist es ziemlich naheliegend, dass du wieder auf jemanden triffst, der abhängig ist. Aus der Erfahrung mit deinem trinkenden Ehemann heraus, hätte ich angenommen, dass du, sobald du erfährst, dass deine neue Flamme trinkt, sofort den Rückwärtsgang einlegst. Aber er hat ja genau das getan, was uns Co´s so gut tut. Er hat wegen DIR beschlossen, aufzuhören mit dem Trinken. Das ist ein tolles Gefühl, ich weiß. Ich weiß aber auch, dass Alkis dir das Blaue vom Himmel versprechen, nur damit du bei der Stange bleibst.
Ich kenne über meine reale SHG einen Mann, der seit Jahren alle paar Monate eine neue „beste Frau aller Zeiten“ hat. Übers Internet gefunden, seine Alkoholabhängigkeit teilweise verschweigend, sucht er sich immer wieder ein neues Helferlein, wenn das bisherige anfängt, wegen der Trinkerei zu nerven. Und es klappt, denn schließlich gibt es genug Frauen, die sich unsterblich übers Netz verlieben. Die blind werden für Probleme, nur aufgrund der Tatsache, wahrgenommen, wertgeschätzt zu werden. Wie der Alki nach der Wodkaflasche, greifen sie nach jedem Mann, der ihr Aufmerksamkeit entgegenbringt.
Die Frage, die ich mir an deiner Stelle stellen würde, ist nicht, warum du Abhängige anziehst, sondern warum DICH Abhängige anziehen. Wenn du dich selbst und deine Verhaltensstrukturen besser kennen lernst, wirst du auch nicht mehr so schnell in die Lage kommen, dich von beziehungsunfähigen Menschen angezogen zu fühlen. Es beginnt bei DIR und nur bei DIR, etwas in deinem Leben zu verändern.
LG
Ette