Hallo Elocin,
ich kann gut nachvollziehen, dass du dir darum Gedanken machst, wie irgendwann eine neue Beziehung aussehen könnte. Leider ist es ja bei uns nicht so einfach damit, das „Suchtmittel“ wegzulassen.
Zudem habe ich gelernt, dass co-abhängige Strukturen nicht zwangsläufig mit einem trinkenden Partner gelebt werden. Es gibt sie auch in Beziehungen, in denen der Partner trocken ist. Wie genau diese Strukturen funktionieren, ist ein sehr komplexes Thema und hat sehr viel damit zu tun, wie wir aufgewachsen und als Kind behandelt worden sind. Jedenfalls habe ich das so verstanden. Diese Strukturen haben sich in einem Teil unseres Gehirns manifestiert, d.h. verankert, den wir nicht mit dem Verstand beeinflussen können. Wir reagieren dann ganz unbewusst, so wie wir diese Strukturen auch unbewusst gelernt haben. Dieses Lernen geschieht in einem recht alten Teil des Gehirns, dem sog. Stammhirn. Dort werden Emotionen gespeichert. Diese so gespeicherten Gefühle lassen uns als Co handeln, wie wir es tun. Wir haben Strategien entwickelt, um diese oft sehr schmerzlichen Gefühle nicht spüren zu müssen. Co-Verhalten ist auch eine solche unbewusste Strategie.
Um diese alten Empfindungen zu „überschreiben“ bedarf es neuer emotionaler Erfahrungen. Damit wir die aber bekommen, müssen wir uns immer wieder mit dem Verstand dahin bringen, nicht einfach zu reagieren, sondern anders zu handeln, als wir es bisher getan haben. Das ist für mich sehr schwierig, denn es erfordert sehr viel Konsequenz. Und macht auch oft Angst, denn das, was wir abgespeichert haben, kennen wir. Die Erfahrungen, die jetzt durch anderes Handeln entstehen, kennen wir noch nicht unbedingt. Veränderung und Ungewissheit machen eben Angst und durch die müssen wir hindurch.
Genauso wie ein Alkoholiker, denke ich, müssen wir uns immer wieder mit unserer Co-Abhängigkeit auseinandersetzen und auch selbstverständliche Handlungsweisen und Reaktionen immer wieder bewusst betrachten. Ich glaube, nur dann werden wir in der Lage sein, irgendwann Beziehungen einzugehen, die nicht selbstausbeutend sind. Aber wie gesagt, es ist ein langer, ständiger Prozess, Rückfälle eingeschlossen. Im Moment habe ich dazu ein ganz interessantes Buch entdeckt. Es heißt „Liebeskummer lohnt sich doch“. Vielleicht kannst du damit ja auch etwas anfangen.
Ich weiß nicht, ob ich verständlich geschrieben haben. Wie gesagt, das Thema ist recht komplex und erfordert auch ein mit sich selbst Auseinandersetzen, welches oftmals schmerzhaft ist. Nicht zuletzt deswegen sind wir co-abhängig geworden. Solange wir uns mit den Belangen von anderen Menschen befassen, müssen wir uns nicht mit unseren eigenen Ängsten und Verletzungen auseinandersetzen und sie wahrhaben. Wir nutzen quasi die Co-Abhängigkeit als Schutzfunktion um unseren „Minderwert“, den wir irgendwann gelernt haben, nicht fühlen zu müssen. Aber – das ist halt nur das, was ich im Laufe der Jahre gelernt habe, seit ich mich mit dem Thema befasse.
Für eine neue Beziehung ist es, glaub ich, deshalb erst mal wichtig, mit sich selbst im Reinen zu sein. Ich musste mir erst über ein paar Dinge klar werden, die ich immer einfach nicht sehen wollte. Ob ich sie irgendwann richtig umsetzen kann in einer Beziehung, wird sich zeigen. Im Moment, da ich alleine lebe, versuche ich eben, das Gelernte im Umgang mit anderen Menschen umzusetzen. Aber auch dort merke ich, dass sich etwas verändert hat.
LG
Ette