Guten Morgen ihr Lieben,
ich danke euch fürs Mut zusprechen. Elle, ich weiß es ja, dass der Stamm und Äste in Ordnung und in der Lage sind, reife Beeren zu tragen. Und doch hat mich gestern etwas von den Beinen geholt, was geradezu mit brachialen Gewalt in mein Bewusstsein gekommen ist.
Reine, nackte Angst nämlich machte sich breit, als ich feststellte, dass ich die ganze Zeit, mein ganzes Leben, etwas vermieden habe, indem ich immer die Macherin war. Ich habe die ganz Zeit etwas gelebt, von dem ich glaubte, es sei Liebe, die mich zu meinen Beziehungen brachte. Falsch, ganz falsch!
Als letztes habe ich mit einem alkoholabhängigen Mann gelebt, ihn meiner Meinung nach geliebt. Und habe doch immer darauf gewartet, dass er sich dafür erkenntlich zeigt, dass ich all seine Eskapaden und seine Trinkerei ausgehalten habe. Wollte, als er trocken sein konnte, den Lohn für meine Mühen. Wollte sein „Danke“ hören, hab mir gewünscht zu hören, dass er ohne mich nicht trocken geworden wäre. Wollte für mein Bravsein, für mein Sorgen, für mein Retten den Gegenwert erhalten. Genau das Gegenteil war der Fall, er kann nur ohne mich trocken sein, sagt er mir heute und ich habe darunter gelitten wie eine Hündin, hab es als ungerecht empfunden, als ob all meine Mühe vergeblich gewesen wäre. Hab ihn „geliebt“, unter der Bedingung, dass er sich irgendwann dafür, dass ich so gut zu ihm war, revanchieren würde.
Bei all diesen Anstrengungen habe ich übersehen, dass Liebe bedingungslos ist. Sie verlangt keinen Lohn, sie ist unentgeltlich. Sie kann mir keine Sicherheit geben, kein Netz und kein doppelter Boden bewahren mich mit ihr davor, auf mich ganz alleine zurückgeworfen zu sein. Dass eine große Nähe immer auch eine große eigenen Sicherheit voraussetzt, ist mir klar geworden. Denn nur dann kann ich Nähe, Liebe, bedingungslos zulassen und Vertrauen in mein „Okay-sein“ und in den Menschen, der mir begegnet. Und dass ich mir immer Menschen suchte, die zu solch einer Nähe gar nicht fähig waren, weil sie mir gefährlich hätten werden können. Mir mein eigenes Defizit, meine eigene Angst vor wirklicher Nähe hätten vor Augen geführt.
Mein blinder Fleck war meine eigene Flucht vor wirklicher Nähe, denn sie setzt voraus, dass ich mir selber sicher bin, mich selber angenommen habe. Dabei dachte ich, auf diesem Weg schon ganz schön weit gekommen zu sein! Aber gestern hat sich das steilste Stück, das anstrengendste, gezeigt. Angst, nackte Angst, die genau zwei Möglichkeiten birgt. Vor ihr davon zu laufen, wieder in eine Beziehung ohne wirklich Nähe, in der ich aus Angst, verletzt zu werden, die Bedingungen, die Regeln aufstelle. Oder aber durch diese Angst hindurch zu gehen, sie auszuhalten, um dann etwas leben zu können, von dem ich weiß, dass es möglich ist, wenn ich mich nur traue.
Gestern bin ich stundenlang durch die Gegend gelaufen und habe überlegt und überlegt. Um Ganz zu sein, muss ich die Angst loslassen, damit alles leichter wird. Und ich habe mich gefragt, warum ich all die Jahre daran festgehalten habe. Mich hinter Moral, gesellschaftlichen Regeln, hinter einem „ich komme alleine klar“, einem „ich erhalte mich selbst“, all meiner Kraft und Stärke versteckt habe. Und warum ich nicht endlich etwas ändern sollte, damit es leicht wird nach dem Schweren. Ja, warum eigentlich nicht?
So, und jetzt geh ich ganz leicht in die neue Woche. Und wünsche allen, dass sie gut wird.
LG
Ette