Den Erklärungen des trinkenden Partners mehr zu glauben als den eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen, wie gut ich das kenne! Er war schließlich immer sehr überzeugend, redegewandt, kann sich gut ausdrücken und seine Argumentationen waren oftmals recht schlüssig. So schlüssig, dass ich zum Schluss an meinem eigenen Geisteszustand zweifelt, mich geradezu verrückt fühlte, weil meine Empfindungen konträr zu seinen Erklärungen waren. Ich musste auch erst die leere Flasche finden, um es zu akzeptieren, dass er rückfällig war.
Ich glaube aber, dass das eine recht normale Reaktion von Angehörigen, erst recht Partnerinnen oder Ehefrauen, ist. Ich liebe doch den Menschen, mit dem ich lebe! Dazu kommt natürlich auch der Teil, der „unsere“ Krankheit, die Co-Abhängigkeit, ausmacht. WIR haben versagt, mit UNS hat er es nicht geschafft, trocken zu bleiben. WIR konnten ihn nicht retten.... Jedenfalls ging es mir so. Ich hatte die Vorstellung, dass er und ich etwas ganz Besonderes sind. WIR würden es schaffen, gegen alle Lehrmeinungen, gegen alle Vorbehalte von außen, gegen den Rest der Welt. Ich würde die „gläserne Geliebte“ ausstechen, schließlich bin ich aus Fleisch und Blut und voll der Liebe und Fürsorge für ihn. Na, eine Weile habe ich damit ja das Nest bereitet, um ihm das weiter oder wieder trinken zu ermöglichen. Jedenfalls bin ich für mich zur Erkenntnis genommen, dass ich mich genauso verlogen verhalten habe wie mein Partner, der getrunken hat. Ich habe genau wie er die Realität ausgeblendet, nur halt nicht mit Alkohol.
Aber Claudia, ich kann gut verstehen, dass du immer noch da bist. Schließlich sind 28 Jahre Beziehung eine lange Zeit, in der sicherlich auch eine Menge schöne Momente waren. Sicher kannst du dir noch selber trauen und vor allem DICH trauen, dir ein eigenes Auskommen, im Notfall auch ohne ihn, zu erarbeiten. Seit ich daran gegangen bin, alleine besser klarzukommen, kann ich auch entspannter mit seiner Krankheit umgehen. Aber so habe ich es halt für mich erfahren, es soll nicht für dich als „Gebrauchsanweisung“ gelten.
Ich liebe den Mann, mit dem ich lebte, auch immer noch und möchte auch immer noch mit ihm zusammen sein. Ich freue mich daran, dass er unbequemer, aber auch freier und offener mit mir umgeht. Wir leben nicht mehr zusammen, aber wir haben noch viel miteinander zu tun. Ich habe mir nur mehr und mehr ein eigenes Leben geschaffen, sodass ich nicht mehr davon abhängig bin, mit ihm zusammen zu sein. Ich lasse ihn machen und freue mich über die Dinge, die wir zusammen machen. Manchmal bin ich ungeduldig und traurig, weil ich denke, wir könnten mehr zusammen haben. Aber wer weiß, was die Zeit bringt....
Denn das habe ich gelernt, Alkoholabhängigkeit und trocken werden haben ihre eigene Zeitrechnung und meine Ungeduld beschleunigt überhaupt nichts.