Hallo Sophie,
da steht ja schon eine Menge in deinem Fädchen!
Du beschreibst deinen Freund als jemanden, der illegale Drogen nicht mehr konsumiert. Nun trinkt er... Das ist in meinen Augen Suchtverlagerung. Das habe ich schon von vielen Leuten gehört, wo es eben so war und ist. Es ist ja so, wie Dante schrieb, es ist wesentlich einfacher und auch legal, sich die Droge Alkohol zu beschaffen und zu konsumieren.
Seine Abstürze und auch die Menge, die er trinkt, sagt für mich schon etwas aus. Aber ob er Alkoholiker ist oder nicht, das kann nur er selbst sagen. Es deutet zwar alles darauf hin, aber nur er kann die Gewissheit haben. Und wenn er sie hat und sieht, dass er das ändern will, dann wird er es tun. Kontrolliertes Trinken gibt es nicht für Alkoholiker. Kein "Gläschen Rotwein mit Genuss". Keine Praline mit alkoholioschem Inhalt. Keine Schwarzwälder Kirschtorte... all das. Weißweinsoße - ein Tabu. Ja, so sieht es aus.
Das sind erstmal so einige Dinge. Und jetzt gibt es ja dich.
Dich stört sein Trinkverhalten. Irgendwo macht es dir Sorge, vielleicht auch Angst. Wut. Hilflosigkeit.
Du willst helfen, retten, was zu retten ist. Weißt du, ich kann das sehr gut verstehen! Ich war ja in ähnlichger Lage. Ich hatte einen Mann, wir haben 2 Kinder, wir lebten finanziell ohne Sorge und alles war gut. Nur, dass er eben auch mal so seine Bierchen schlürfte, Abstürze hatte, mich oft dafür verantwortlich machte usw.
Im Laufe der Jahre klebte immer mehr alles an mir. An Verantwortung und so. Ich übernahm das auch gerne, denn es machte mich unentbehrlich und ich fand mich stark. Ich kümmerte mich um alles, ohne mich würde er den Bach runter gehen, dachte ich. Und ich versuchte immer wieder, ihn vom Alkohol, der ihn immer mehr vereinnahmte, weg zu bekommen. Ihn zum kontrollierten Trinken zu bringen. Was ja nicht geht, wie ich heute weiß. Und ich feierte auch gerne, trank oft genug mehr, als mir gut tat. Ja, ich trank sogar zusammen mit ihm, das machte uns irgendwo ja auch gleich. Ich predigte, er solle aufhören und hörte selbst nicht auf... Ach, es war absurd. Und machte mich auf Dauer echt kaputt. Nach 26 gemeinsamen Jahren bin ich gegangen, völlig fertig, am Ende meiner Weisheit, voller Schuldgefühle, voller Hass auf ihn.
Es geht um dich! Um dich und um dich! Du wirst erstmal nichts beeinflussen können, was ihn und sein Trinkverhalten betrifft. Ja, eine Trennung z.B. kann ihn schon aufrütteln. Oder absolute Klarheit und Konsequenz, ihm eben nicht beizustehen oder zu helfen, wenn er besoffen ist. Oder mit den Folgen des Suffs konfrontiert wird. Du musst für dich herausfinden, was du erwartest vom Leben. Ich glaube, das weißt du aber ganz gut. Also was du erwartest.
Das Leben an der Seite eines trockenen Alkoholikers ist nicht anders als jede andere Beziehung. Ich bin mit dem Dante hier seit 5 Jahren zusammen, inzwischen verheiratet
. Bei uns ist alles normal - nur eben völlig alkoholfrei. Das war seine Bedingung von Anfang an, weil das seine Trockenheit sichert, in einem alkoholfreien Umfeld zuhause zu sein. Mir ist es das allemal wert! Ich rühre keinen Tropfen mehr an, das hätte ich mir damals niemals träumen lassen. Im Gegenteil, ich sagte vehement, dass ich niemals auf mein Gläschen Rotwein verzichten wolle... Dante verlangt nicht von mir, dass ich nichts mehr trinke, nur nicht in seiner Gegenwart und schon garnicht zuhause. Hier ist alkoholfreie Zone. Ich trinke freiwillig auch nichts mehr.
Ich habe die Folgen der Sucht gesehen, ich lebe jetzt besser ohne. Aber das ist meine Entscheidung. Ich lebe echt gut so! Selbst unsere Hochzeit war ohne Alkohol. Das war den Leuten komisch,
, aber sie haben's akzeptiert. Das war eine herrliche Feier! Niemand hat rumgelallt, alle waren lustig, keiner ist vom Stuhl gekippt. Es war so schön, mit klarem Kopf dieses Ereignis zu erleben!
Ja, und nun? Fakt ist
- ein Alkoholiker kann nicht kontrolliert trinken
- die Suchtspirale geht immer abwärts
- nur der Alkoholiker kann das stoppen, durch ärztlich betreuten Entzug und totale Abstinenz
- der/die Angehörige wird immer mitgerissen mit der Spirale der Sucht
- da ist Abgrenzung wichtig
- Klarheit und Konsequenz ebenso
- ein ruhiges und zufriedenes Leben an der Seite eines Saufenden gibt es nicht
- das Leben mit einem trockenen Alkoholiker ist nicht anders, als andere Partnerschaften, nur eben alkoholfrei
So, liebe Sophie, Ende der Durchsage
.
Liebe Grüße
Aurora