Liebe Ratlos,
ja, es ist ein Dilemma, ein Achterbahn-Gefühl! Sich aus einer Beziehung zu lösen, ist immer auch schwierig. Wobei bei der Konstellation Suchtmittelabhängiger/Coabhängiger da eben noch sehr viele spezielle Dinge hinzu kommen.
Da ist der Suchtmittel-Abhängige. Dein XY. Er übt einen gewissen Druck auf dich aus. Er drückt deine Co-Knöpfe, wie es hier genannt wird. Du bist für ihn Sündenbock, Blitzableiter, Trösterin, all sowas. Eine gleichberechtigte Partnerin aber bist du nicht.
Da bist du, die Coabhängige. Du bist verstrickt in diesen Gefühlen. Schuldgefühle, Verantwortungsgefühle, Wut, Hilflosigkeit. Vielleicht auch Angst vor der Zukunft, Angst vor der eigenen Courage, Angst, Fehler zu machen.
Nein, für beratungsresistent halte ich dich nicht! Und es ist doch auch klar, dass du nicht all deine Persönlichkeit von heute auf morgen ändern kannst. Das musst du auch nicht. Selbsthilfegruppe heißt, du bist hier, um durch den Austausch, durch Erfahrungsberichte und Denkanstöße da deinen eigenen Weg zu finden. Einen Weg, der zu dir passt und dich zu einem glücklichen Leben führt. Das muss aus dir selbst kommen, aufzwingen kann dir eh niemand was. Das würde ich z.B. auch garnicht wollen.
Denn auch bei mir war es so, dass ich die Schritte machen konnte, wenn ich selbst dazu in der Lage war, wenn ich die Kraft endlich hatte und den Mut. Das kam stückchenweise. Dinge aufzwingen ging nicht! Ich weiß noch, wie meine Freundin damals sagte, trenn dich doch, du bist totunglücklich, all das. Sie war richtig ein wenig böse auf mich, eindringlich. Das ging garnicht! Ich war damals noch nicht in der Lage, mich trennen zu können, das war ich erst ca. 2 Jahre später. Ich war richtig stinkig damals auf meine Freundin, was sie da von mir verlangte
. Obwohl ich ja wusste, sie hat Recht...
Du kannst aber nun einen Schritt nach dem anderen machen und Dinge probieren. Du schreibst, er bombardiert dich mit sms und emails. Was meinst du, kannst du es aushalten, die nicht zu lesen? Ich meine, was steht da drin in seinen Meldungen? Er tut dir doch damit nicht gut, es ist doch nicht schön, verletzt zu werden, oder?
Beschuldigungen, er macht dich klein, er versucht, dir Schuldgefühle zu machen, er versucht, dir die Verantwortung für sein Leben aufzudrücken. Das sind Dinge, die brauchst du nicht! Er ist erwachsen, wenn es ihm schlecht geht, kann er in ein KKH gehen oder den Notruf wählen. Er hat psychologische Betreuung, dahin kann er sich wenden. Er hat eine SHG, auch da gibt es immer Ansprechpartner.
Du bist definitiv nicht unmenschlich und kalt! Nein, du bist nicht unmenschlich und kalt, dann wärst du nicht in einer Coabhängigkeit! Du schützt dich einfach nur und ziehst eine Grenze für dich. Das ist dein gutes Recht! Eure Beziehung ist momentan keine Liebesbeziehung in dem Sinne. Ihr habt keine gemeinsame Basis. Du magst diese Beziehung so nicht mehr leben, denn sie tut dir nicht gut. Also ist es dein gutes Recht, dich zurück zu ziehen, ohne dass du dich ständig dafür rechtfertigen musst.
Ja, das ist so meine Erfahrung. Das, was ich dir schreibe, hat mir auch damals geholfen mich abzulösen. Ich kann deine Gefühle wirklich gut nachvollziehen, ich weiß, wie es sich anfühlt. Und eben, ich habe mir damals wie ein Mantra immer wieder vorgesagt, es ist doch mein gutes Recht, etwas zu beenden, was mich kaputt macht. Ich bin nicht unmenschlich deswegen, lieblos und kalt. Und du bist das auch nicht. Ich habe keine Schuld an seiner Sucht. Ich bin auch nicht für ihn verantwortlich, er ist erwachsen und für sein Glück oder Unglück selbst verantwortlich. Er hat das Recht, zu saufen. Ich habe das Recht, das für mich als gemeinsamen Lebensweg unakzeptabel zu finden und mir ein eigenes Leben ohne ihn aufzubauen.
Liebe Grüße
Aurora