Hallo,
auch ich sehe mich in vielen Berichten hier wieder.
Ich habe ja mit meinem Exmann fast 26 Jahre lang zusammen gelebt. In diesen Jahren glitt er immer weiter in die Sucht. Und ich rutschte da mit, es war wie ein Sog, der uns beide immer mehr strudelte. Abwärts...
Warum war ich dort so lange? Das sind so viele Gründe.
Meine Erziehung zum Beispiel. So, wie ich geprägt wurde. Dieses Frauenbild, was mir vermittelt wurde, war ein großer Teil. Ich habe mich als Familienzusammenhalterin gesehen. Als Mutter und Ehefrau von... Ehe und Mutter, das waren für mich höchst erstrebenswerte Dinge, ich fühlte mich dadurch in der Gesellschaft als was wert.
Und mit der Zeit verlor ich immer mehr meinen Selbstwert, von dem ich eh nicht massig viel hatte. Es kamen meine beiden Kinder zur Welt und eine Zeit lang schien alles perfekt. Bis nach einigen Jahren ich dachte, hey, der trinkt ganz schön viel und irgendwie anders...
Ich wurde immer unzufriedener. Aber trotzdem bot mir diese Ehe immernoch eine Art schützende Hülle. Für mich und mein Weltbild.
Es ging immer weiter abwärts, und ich hatte schon auch Trennungsgedanken, so ab Anfang der 90ger Jahre. Immer wieder mal. Aber ich hatte auch immer Argumente für mich bereit, warum ich nicht konnte.
Die Kinder. Finanzielle Dinge. Und - er war zu der Zeit noch nicht so weit drinnen, dass es nicht auch durchaus sehr gute Zeiten gab. Da war ich immer wieder happy und dachte, ich sollte mich nicht so anstellen.
Im Laufe der Jahre begann ich auch wieder zu arbeiten, teilzeitmäßig. Und er rutschte weiter in den Strudel, der immer stärker zog. Und ich rutschte mit...
Trennungsgedanken, aber immer wieder auch die Argumente, warum nicht. Die Kinder, was würde die Familie sagen (meine, seine Eltern und so). Finanzielle Dinge. Wie sollte ich mich über Wasser halten können? Angst. Einfach Angst, Feigheit, das warme Nest zu verlassen, wo ich es mir so gemütlich gemacht hatte. Wo ich wusste, was mich erwartete, an Schmerz und Kummer. Aber auch an Überlegenheit.
Denn ich hatte da schon ein Bild von mir. Ohne mich geht da doch nichts. Wie sollte er denn überleben. Und überhaupt. Ich hielt alles zusammen und versuchte, ein harmonisches Familienbild zu erhalten. Dafür wurde ich geachtet in der Familie. Für meine Stärke, meine Loyalität. Für meine Großzügigkeit und Grenzenlosigkeit. Wie stolz war ich darauf, wenn ich abends völlig ausgepumpt teilweise in's Bett fiel...
"Ach, du bist so toll, so gut, so stark! Was du alles aushältst, ist bewundernswert! Was würde er ohne dich machen!" , mit solchen Sprüchen wurde ich überhäuft und badete darin. In vermeintlicher Liebe und Anerkennung. Mein Selbstwert, der irgendwo nicht wirklich mehr da war, wurde dadurch anscheinend gefüttert.
In der Ehe selbst begann es aber immer mehr zu eskalieren. Ich begann zu kontrollieren. Ihm Vorhaltungen zu machen. Er begann, mich im Suff zu beleidigen, mich klein zu machen, egal, ob nüchtern oder betrunken. Ich sah mich immer kleiner und kleiner werden, noch kleiner. Und dachte, was willst du denn auch, was besseres hast du wohl nicht verdient, Aurora...
Trennung? Hui, Angst! Und Angst! Und Angst! Feigheit. Dann müsste ich ja mein Leben selbst in die Hand nehmen. Massive finanzielle Einbußen hinnehmen. Dann hätte ich auch keinen Sündenbock mehr, wenn was schief laufen würde. Und wo sollte ich hin? Und dann wär ich eine "Getrennte", was würde meine Mutter da sagen? Die Familie? Das ganze Umfeld. Ich bin doch eine Ehefrau, das ist wichtig,. Verheiratet, egal, unter welchen Umständen. Und - ich würde eh keinen mehr finden, keinen besseren. Wieso auch? Das Glück gibt's nur im Film...
Verachtung begann, ich verachtete seine Schwäche. Ihn. Liebe? hm... War er nüchtern und machte Versprechungen, wollte ich sie zu gerne glauben, schöpfte Hoffnung. Sah mich als verkehrt und übertrieben an. Ja, ich wollte ihm glauben, denn irgendwann wusste ich es ja besser... Begann er wieder zu trinken, war ich enttäuscht, sah ihn als den Schuldigen, den Schwächling, der nicht vom Suff loslassen konnte. In seinen Nüchternphasen atmete ich immer auf, hatte wieder Argumente, dass ich doch bleiben müsste. Nüchtern war er doch "gar nicht so schlimm", hatte auch "seine guten Seiten" und überhaupt, er schlug mich ja nicht oder so... 
Meine Argumente wurden aber immer wieder zerstört, wenn er wieder trank. Dann war ich wütend auf ihn, nicht etwa auf mich... Er hatte wieder mal meine Vorstellung von Ehe zerstört. Und zwang mich wieder dazu, darüber nachzudenken, was ich denn nun wollte.
Eigentlich hatte ich schon eine Vorstellung von glücklichem Leben, von Ehe und so. Ich traute mich aber nicht, das zu leben. Denn, ich hatte ja Verantwortung. Meinen Kindern (die inzwischen erwachsen waren) gegenüber, ihm gegenüber... Ich hatte Angst und Zweifel, kein Selbstvertrauen. Schwer zu beschreiben, ich klebte an diesem Leben wie Klebstoff. Es stieß mich ab, genau so, wie es mich anzog.
So viele Zwänge und Ängste. Unfähigkeit, Grenzen zu ziehen, nur niemanden zu verletzen durch ein "Nein" oder eine Konsequenz. Denn, dann wäre ich vielleicht alleine. Und geliebt von ihm fühlte ich mich nicht. Aber gebraucht. Und dann hätte ich das ja auch nicht mehr
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Ich musste tatsächlich erst eine so große Verzweiflung spüren, dass ich schon daran dachte, mich umzubringen. Dann irgendwann konnte ich gehen. Als der Druck unermesslich war. Als nur noch Hass da war.
Leider konnte ich nicht eher gehen. So ist das. Aber ich konnte eben doch irgendwann gehen, zum Glück! Es ist nie zu spät.
Auch da fühlte ich noch all die Ängste und Zwänge. Schuld, Verantwortlichkeit. Ich fühlte all diese Dinge, die ich auch schon vorher gefühlt hatte. Und die mich festgehalten hatten. Aber der Wille zu überleben und endlich wieder lebenswert zu leben war größer! Und inzwischen sind diese Ängste Vergangenheit...
So war das bei mir.
Aurora