Hallo Emma,
du schreibst:
Zitat
Ich bezeichne die Co-Abhängigkeit für mich, als eine Krankheit der
1000 Kränkungen.
Ich habe da ein ganz anderes Bild über Coabhängigkeit, meine Erfahrungen, die ich als Coabhängige lange Jahre lang gemacht habe.
Mein Exmann hat im Laufe der Ehe immer mehr getrunken, irgend wann war er abhängig. Und ich bin da mit so reingewachsen. Ich wurde immer unglücklicher, denn es passte mir nicht, was ich sah. Aber er rief in mir verschiedene Dinge hervor durch seine Sucht.
Mitleid. Wie tat er mir leid, weil er ja im betrunkenen Zustand so hilflos war. Wie toll für mich, da musste ich mich doch kümmern, denn ohne mich wäre er ja völlig hilflos. Ich hab das ja gemacht, weil ich mich gebraucht gefühlt habe.
Er kümmerte sich nicht, also machte ich alles. Das ließ mich stark fühlen, denn ohne mich würde doch alles den Bach runter gehen.
Ich fühlte mich verantwortlich für ihn, denn er war doch sooooo schwach, der Arme, und ich war doch soooo stark. Meinen Selbstwert, den ich nicht hatte, holte ich mir über diese Dinge.
Mein Umfeld fand mich toll. Selbstlos und stark wurde ich genannt, "wie gut du doch bist, das auszuhalten". Das machte mich stolz und ich fühlte mich gebraucht, geliebt. Ich machte und schaffte wie eine Verrückte, denn ohne mich würde ja nix funktionieren.
Ich selbst vergaß meine eigenen Bedürfnisse darüber. Ich hatte genug zu tun, es allen Recht zu machen, vor allem musste ich zusehen, gute Situationen zu erhalten, damit Exmann keinen Grund zum Saufen fand. Denn ich dachte doch, er macht das, weil ich nicht gut genug wäre. Weil ich dies oder das falsch gemacht hatte. Das erzählte er mir ja auch oft genug, dass es so wäre... Ich machte Striche an Flaschen, probierte die Kronkorken an Bierpullen, ob sie zu waren. Ich schüttete Reste oder auch volle Flaschen weg, versteckte sie vor ihm. Und trank mit ihm mit... Denn dann hätte er ja weniger. Ich war schlussendlich schon auf dem besten Weg, selbst abhängig zu werden. Vom Alkohol. Von ihm und unserem Leben war ich schon längst abhängig. Ich brauchte diesen Thrill, den Stress. "Ach, bin ich wieder fertig." "Na, was du auch alles schaffst, du bist doch so stark. Was würde er ohne dich machen, das ginge doch garnicht."
Alles drehte sich nur um ihn, um sein Trinken und um sein Wohlbefinden, damit er eben nicht trank (was nicht funktionierte, logisch).
Ich hatte schon Gefühle. Immer auf ihn bezogen. Ich liebte ihn, denn er war doch so schwach, so hilflos, so sensibel. So lebensuntauglich, der Arme. Wie ein Baby.
Ich hasste ihn, denn er enttäuschte meine Erwartungen, war anders, als ich es mir erträumt hatte, er war schmutzig und zitterig und fordernd und stinkend. Er beschimpfte mich und machte mich klein. Er überließ mir alles und war betrunken, auch wenn wir was Schönes geplant hatten. Er enttäuschte mich dauernd.
Und trotzdem, ich hing daran wie eine Klette, denn ich konnte ihn doch nicht im Stich lassen... usw. Wieder von vorne.
Das und noch viel mehr ist für mich Coabhängigkeit. Das, was ich geschrieben habe, ist ein minimales Spektrum davon. Und so habe ich es erlebt, gelebt.
Und deshalb ist das
Zitat
während ihr Co sich zudem hat kümmern müssen.
eine falsche Aussage, in meinen Augen.
Denn mich hat ja niemand dazu gezwungen, mich zu kümmern, es aushalten zu müssen. Ich habe das freiwillig gemacht!
Denn ich fand mich toll, stark, gebraucht, wichtig. Und auf der anderen Seite hatte ich Angst, mich zu trennen, Angst wie irre, was zu verändern. Denn ich hatte keinen eigenen Wert, so fühlte ich mich, Wert hatte ich durch diese Beziehung. Das waren meine Gedanken damals.
Und darum war ich eines Tages so weit, dass ich über Selbstmord nachdachte. Ich hielt es einfach nicht mehr aus, diesen ganzen Druck. Mir tat alles weh. Ich hatte körperliche Symptome, psychisch schon sowieso. Da konnte ich langsam anfangen, an mich zu denken. Denn eigentlich wollte ich ja leben...
Und deshalb bin ich hier gelandet, im Forum. Denn ich wollte endlich was für mich machen. Ich bin hier die Person, nicht mein Exmann. Ich begriff, dass alles, was ich da für ihn gemacht hatte, ihn nur noch länger in seinem bequemen Trinkerleben festgehalten hatte. Denn durch meine "Fürsorge" hatte er keine weiteren Sorgen, außer, dass immer genügen Stoff da war. Und meine Heul- und Schreiattacken nahm er eh schon längst nicht mehr für ernst.
Ich lernte, dass es um mich geht und um meine Befindlichkeiten und um mein Verhalten. Ich lernte, Selbstvertrauen aufzubauen und meinen Wert zu sehen. Und noch viel mehr. Die vielen Kränkungen und Dinge, die er mir zugefügt hatte, die verblassten, denn ich erkannte, wie die Krankheit Alkohiolismus funktioniert und die Coabhängigkeit. Ich erkannte, dass es zwei Seiten sind, nicht nur eine!
Früher hatte ich ihm die Schuld an allem gegeben. Jetzt sah ich meinen eigenen Anteil daran! Und dann konnte ich beginnen, aufzuarbeiten, zu verarbeiten und meinen Weg zu gehen. Das Forum hier war und ist mir dabei eine große Unterstützung! Ich habe mir Hilfe gesucht und auch gefunden, in dem ich mich austauschte, von meinen Erfahrungen schrieb und schreibe, erkannte, wie andere vor mir ihren Weg gegangen waren. Indem ich annahm, auch wenn es weh tat, denn nicht alles wollte ich erstmal hören.
Erkennst du dich denn in meiner Beschreibung irgendwo wieder? Ich meine, ich hab mich in soooo vielen Beschreibungen wieder erkannt. Der Mechanismus ist immer ähnlich, die Verhaltensweisen. Deshalb trifft das
Zitat
einerseits wer immer nur in den Spiegel sieht, sieht nur sich selbst
ja eindeutig zu...
Aurora