Liebe Blumenfrau,
Zitat
Und natürlich frage ich mich, warum habe ich mir das gefallen lassen. Was stimmt mit mir nicht?
Das ist eben die Frage aller Coabhängigen. "Warum?"
Dass nun etwas mit dir nicht stimmt würde ich so nicht sagen. Das macht dich ja schon wieder irgendwie klein.
Aber das "Warum" ist schon interessant. Warum es bei dir so war weiß ich nicht. Ich kann dir aber meine Dinge sagen und vielleicht erkennst du dich in manchen Dingen wieder. Es ist bei vielen so ähnlich.
Aufgewachsen und sozialisiert worden bin ich nach dem alten Frauenbild. Also, die Frau hält die Familie zusammen, kümmert sich um die Kinder, um den Mann. Sie selbst hat keine so große Bedeutung und sollte ihre Bedürfnisse zurück stecken, aus Liebe zu ihren Kindern und dem Mann. Der ja für sie sorgt. Und alles sollte ganz harmonisch sein, nur keinen Streit.
Das mal so ganz grob gesagt.
Und dann war ich als Kind schon eher ängstlich. Gutgläubig und mit wenig Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen. Schüchtern, angepasst. Das wuchs immer weiter und ich war eine unsichere Jugendliche, die sich hässlich fand und nicht so wert. Ich wollte aber liebend gerne immer auch mit dabei sein, in "der Clique". Das gelang mir nicht und ich war ein Mauerblümchen mit den paar anderen Mauerblümchen, die es gab. Wir gegen den Rest der "blöden Clique", über die wir uns schon erhaben fühlten.
Als ich meinen Jugendfreund kennen lernte war ich unglaublich dankbar, dass er mich wollte. Mich, das hässliche Entlein. Das keiner wollte. Und somit machte ich alles, was er wollte. Ich dachte, ich müsste mir meine Liebe verdienen. Streit konnte ich eh nicht ab und als Frau war ich auch in der traditionellen Rolle. Schon damals. Ich hatte Angst wieder alleine zu sein, keinen "abzukriegen". Dafür habe ich mir als Teenager schon viel gefallen lassen, leider. ich klammerte aus Angst und Unsicherheit an diesem jungen Mann, obwohl es keine gute Partnerschaft war. Obwohl ich intellektuell besser dran war als er machte ich mich kleiner. Unterwürfig. Ich empfand es als Aufwertung meiner Person, einen Partner zu haben, also doch irgendwo was wert zu sein.
Er beendete diese Partnerschaft nach 6 Jahren und ich lernte meinen 1. Mann kennen, meinen Alkoholiker. Er entsprach zuerst mal dem Bild der Sicherheit. Gute Position, guter Verdienst und er war freundlich und verhieß eine gute Zukunft. Ich war froh, doch einen "abgekriegt" zu haben. Und wieder machte ich alles. Ich wurde sofort schwanger und nach der Geburt meiner Tochter schlüpfte ich in die traditionelle Frauenrolle.
Ich ordnete mich unter, war finanziell abhängig von ihm, sorgte für alles und für mich blieb nichts mehr übrig. Als er im Laufe der Jahre dann in die Abhängigkeit rutschte konnte ich meine Rolle immer besser ausleben. Ich war die patente Frau, die alles im Griff hatte. Eigenliebe kannte ich nicht, ich bekam aber Anerkennung über meine Dienstleistungen, gewissermaßen. Ich sorgte für alles und jeden.
Ich half und tat wo ich nur konnte. Oft half ich sogar schon, bevor dem Anderen überhaupt bewusst war, dass er Hilfe brauchte. Ich fühlte mich für alles zuständig und trug die Verantwortung für alles. Alleine, versteht sich. Mein 1. Mann war eh auch ein Pascha, durch die Sucht wurde das aber noch schlimmer. Ich hatte wieder die Zügel in der Hand und machte und tat. Grenzen hatte ich nicht. Er konnte im Prinzip machen was er wollte. Ich hielt die Familie zusammen, muckte wenig auf. Denn Harmonie war mir sehr, sehr wichtig. Musste auch, denn es war immer die Angst, dass er mich weg schicken würde wenn ich nicht funktionierte. Weil - ich musste mir ja mein Dasein verdienen. Ich war nur eine Person, wenn ich einen Mann hatte. Dann fand ich mich wertvoll und zugehörig zur Gesellschaft. Hatte einen Status.
So strudelten wir umeinander, er immer tiefer in den Suff, ich immer tiefer in das Co-Dasein. Er abhängig vom Stoff, ich abhängig von psychischen und sozialen Faktoren. Und meinen vielen Lebensängsten. Ein Teufelskreis.
Der Suff vereinnahmte ihn immer mehr, Sunshine hat das ja gut beschrieben. Und ich fühlte mich immer mehr für ihn verantwortlich. Er brauchte doch meine Hilfe. Nur ich wusste doch, was er benötigte. Und außerdem dachte ich ja, ich wäre an seiner Trinkerei schuldig. Das erzählte er mir ja immer wieder. Also musste ich mir noch mehr verdienen, dass ich da sein durfte. Und als patente Hausfrau und Mutter war es doch meine Aufgabe zu sorgen, zu helfen, zu retten. Und auszuhalten.
Mein Umfeld merkte ja schon, was los war mit ihm. Und ich bekam Anerkennung dafür, dass ich trotz allem so gut für ihn sorgte. Und auf ihn aufpasste. Diese Anerkennung tat mir auf eine Art gut. Ich selbst hatte für mich ja keine Liebe und war auf das Außen angewiesen.
Und da musste er doch, verdammt noch mal, endlich auch mal dankbar sein. Nun schuftete ich und leckte ihm noch die Füße und da sollte er doch gefälligst endlich mal so sein, wie ich es wollte. Sich ändern und so werden, wie ich mir ein gutes Familienleben wünschte und vorstellte. Was musste ich denn noch alles tun, damit er es endlich begriff...
Ein Teufelskreis.
Ich erhöhte meine Bemühungen, drohte, flehte, heulte. Wollte unbedingt meinen Willen haben. Denn schließlich hatte ich das doch verdient und vor allem, ich wusste doch, was für ihn gut war. Für uns. Verdammt noch mal aber auch. Er sollte endlich mal so sein, wie ich es mir so sehr wünschte. Und diese Sauferei, warum konnte er das nicht aufhören. Für mich. Für uns. Für die Liebe. Oder war ich wirklich nicht liebenswert und hatte nichts anderes verdient?
Ich war also einerseits stolz darauf, wie ich das alles meisterte, ich hatte die Zügel in der Hand und wusste für alle, was das beste wäre. Nur mich vergaß ich dabei. Ich hatte die Kontrolle und das gab mir Sicherheit, denn ich war ein unsicherer Mensch. Immer abhängig von Meinungen der anderen Leute, immer bemüht, ein gutes Bild zu machen. Ich war grenzenlos. Jeder durfte sich an mir bedienen. Ich hatte Angst davor, "Nein" zu sagen. Den ein "Nein" bedeutete, so dachte ich, dass ich nicht mehr gemocht, geachtet, geliebt würde. Ich hatte Angst und so versuchte ich, meine Lebensvorstellung auf meinen Exmann zu übertragen, ihn dazu zu bekommen, es so zu machen, wie ich es wollte. Und dazu musste er erst mal zu saufen aufhören.
Ich konnte mich trennen, nach 26 gemeinsamen Jahren bin ich ausgezogen. Psychisch und physisch am Ende...
Ich hoffe, ich habe dich jetzt nicht erschlagen mit meinem Beitrag. Hui, wenn ich so in Fahrt komme kann ich immer gar nicht aufhören.
Liebe Grüße
Aurora
Oha, ich schreibe mich hier heiß...