Liebe Klaudia,
ich finde es gut, dass du hier bist, es gab schon sehr viele Leute, die konnten mit diesen Sachen, die dir auch geschrieben wurden, -noch- nicht umgehen. Und fühlten sich erschlagen. Aber das möchte ja hier niemand, Ratschläge können aber bei Menschen sehr schnell als Schläge ankommen, vor allem, wenn die Menschen schon sowieso sehr verunsichert sind und kein Selbstbewusstsein haben. Wie das bei Cos sehr oft der Fall ist.
Du stellst dich den Dingen und bist klar im Vorteil damit. Und du bist ehrlich, zu dir, zu allen, indem du sagst, dass du -noch- nicht aufgeben möchtest.
Alle Dinge hier sind ein Angebot. Du darfst dir aussuchen was zu dir passt und was nicht. Ich habe mich auch nicht von einem auf den anderen Tag getrennt, im Gegenteil, als meine Freundin mal davon sprach war ich stinkesauer auf sie. Irgendwann habe ich aber für mich begriffen, dass es für mich der einzige Ausweg war.
ZitatDenn mit meinen Gefühlen für ihn, die ich als sehr intensiv erlebe und fühle, bin ich in Sorge um ihn. Und wer sich um den andern sorgt, "läßt ihn nicht einfach allein".
Genau das ist eine der größten Schwierigkeiten im Zusammenleben mit einem Abhängigen. Du siehst hinter dem Volltrunkenen ja den Mann, wie du ihn mit deinem Augen auch siehst oder kennst. Vielleicht hast du dir Gründe für seine Sucht überlegt, ich hatte das damals schon. Und darum tat mir mein Exmann auch leid. Er war ein Opfer in meinen Augen. Und er war ja ein Mensch. Und wenn er so betrunken war tat er mir leid. Wenn er geweint hat zum Beispiel. Längere Zeit war das in mir so Mitleid und meine Helferpersönlichkeit konnte das kaum mit ansehen. Ich musste doch was tun um ihn da raus zu holen. Ihm zu helfen.
Hilfe fand er auch toll, also er fand es gut ein warmes Zuhause zu haben, ordentliche Kinder, gutes Essen auf dem Tisch, eine Ehefrau, die sich kümmerte. Ihm den Weg ebnete für seine eigene Bedürfnisbefriedigung. Er konnte ja seiner Sucht in Ruhe nachgehen, ich habe mich um alles gekümmert. Denn hinter dem betrunkenen Mann sah ich auch den hilflosen Buben, der nicht erwachsen werden durfte. Oder wollte. Das rührte mich so an.
Später hat es mich ihn hassen lassen...
Wobei er aber keine Hilfe wollte war dabei, wenn es um Veränderungen ging. Also wenn ich ihn bat, mal über sich nachzudenken, ihn bat, mit dem Saufen aufzuhören, da was zu ändern, sich professionelle Hilfe zu suchen. Er wollte das nicht ändern oder er konnte das - noch- nicht. Er hat wohl erkannt, wie es um ihn stand. Aber ändern wollte er nichts. Es war viel einfacher es so zu lassen wie es war. Er hatte ja im Prinzip auch alles was er brauchte.
Nun stand ich da und war am Ende. Die viele Hilfe, das Sorgen und Kümmern und die viele Angst um ihn, das hatte mich zermürbt. Im Laufe der Jahre kamen noch viele Dinge dazu, bedingt sicher auch durch die Sucht und dem Kontrollverlust. Er wurde immer gemeiner und gehässiger, verletzte mich verbal und vernachlässigte alles. Und er hat mich nicht mehr geachtet. Ich war zu einem Gebrauchsgegenstand geworden. Und er hat mich benutzt. Auch s.exuell. Ich habe mich benutzen lassen. Denn noch immer dachte ich, dass er mir leid täte. Ich habe mein Leben hinten angestellt. Irgendwann hatte ich kein eigenes Leben in dem Sinne mehr. Ich wurde gelebt, zuerst mal durch ihn und dann auch noch durch seinen stark übergriffigen Bruder und dessen Frau.
Da waren es dann ganz andere Dinge geworden, die mich an dieser Beziehung haben festhalten lassen.
ZitatMein großes Thema im Leben ist das der Nähe zu Menschen und der gleichzeitigen Fähigkeit, mich abzugrenzen.
Das zum Beispiel...
Und Ängste aller Art...
ZitatIch verstehe immer mehr, dass ich nur eins tun kann und muss: mein Leben leben.
Dass du das verstanden hast ist so unglaublich wertvoll! Ich habe Jahrzehnte dafür gebraucht, dabei ist das doch das Selbstverständlichste der Welt. Und ja, du kannst dein Leben leben... und das gleiche Recht hat er eben auch. Und da sind wir wieder am Anfang.
Liebe Grüße
Aurora