Es war halb acht morgens, wir fuhren los. Ich war
UNTERWEGS
Landstraße-Autobahn-Landstraße
Unsere Gespräche drehten sich um die Vergangenheit- hier vorwiegend das Thema “Firma”. Und natürlich um das, was mich erwartet. “Wenn er dich nervt, würg ihn ab” hatte mir eine gemeinsame Bekannte geraten. Mein Fahrer war nämlich selber krank und hatte bereits Therapieerfahrung. Ich hörte mir seine gut gemeinten Ratschläge auf der Beifahrerseite an und ließ sie quasi am Straßenrand wieder raus. Ich wollte unbefangen in die Therapie gehen, meine eigenen Erfahrungen sammeln.
Was ging mir auf dieser Fahrt durch den Kopf?
Die letzten Jahre. “Gefangen” im Suff, in der Arbeit, in mir selbst.
Die Erlebnisse in der Entgiftung wo ich auch nach der Therapie Rückfällige kennen gelernt hatte und Menschen, die gar nicht “ohne” leben wollten. Korsakow, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Existenzangst…
Die Wochen danach. Immer noch allein, aber nicht mehr einsam. Die Zeit in der Tagesklinik, die Gespräche mit meinem Suchtberater, den Ärzten, die Einzel- und die Gruppengespräche und… ja, natürlich die Neugier auf das, was kommt.
Ich hatte mich informiert, konnte die Hausordnung fast auswendig. Ich wusste, dass ich zunächst auf die Aufnahmestation kommen würde. Ein Anruf am ersten Tag, zunächst kein Ausgang, schrittweise Lockerung. Münzen für den Fernsprecher hatte ich ausreichend im Gepäck, Briefmarken und Umschläge auch. Und etwas zu rauchen. “Die strengen Regeln werden ihren Sinn haben” dachte ich mir damals, DIE werden wissen, was sie tun. Ist schließlich ihr Beruf, DIE machen nichts anderes. Ich hatte Vertrauen, weil mich das in den letzten Monaten weit gebracht hatte und ich ja Hilfe wollte.
Als wir in die Berge kamen, war ich froh, zu Hause so gut trainiert zu haben. Ich fühlte mich körperlich fit und als ich die herrliche Landschaft sah, wuchs meine Vorfreude auf das was kommt. Winter in den Bergen! Wir hatten Anfang Oktober und trotz der genehmigten acht Wochen hatte ich mich auf die doppelte Zeit eingestellt. Weihnachten… in den vergangenen Jahren ein Mehrtagesbesäufnis mit kurzen Pflichtbesuchen, wie wird das in der Klinik??? Wenigstens bin ich da nicht allein! Silvester, ein nüchterner Jahreswechsel? Der erste seit wann???
Die Vorfreude auf den Sport, die Schwimmhalle im Haus. Die wieder erwachte Neugier auf neue Bekanntschaften, unbekannte Menschen, gemeinsame Zeit.
So vergingen mehr als drei Stunden und ich ließ nicht nur Kilometer um Kilometer hinter mir, sondern in gewisser Weise auch meine Bindung an die Vergangenheit, meine Wohnung, die Arbeit… ich begann einen neuen Lebensabschnitt, fühlte mich offen für alles, was da kommen sollte.
Kurz vor unserem Ziel kamen wir vom Weg ab, weil die Beschilderung nicht eindeutig war, aber wir erreichten dennoch pünktlich die Klinik.
Mein erster Eindruck: Ein gepflegtes Haus. Hotelcharakter. In der Eingangshalle ein Gewusel und Gepäckberge wie auf einem Hauptbahnhof: Anreisetag, Aufnahmetag.
Ich meldete mich am Empfang und wurde gebeten noch ein Weile X zu warten, vielleicht bis dahin einen Kaffee zu trinken. Das machten wir und anschließend rauchten wir auf der Straße noch eine Zigarette zusammen, auf dem Klinikgelände war das verboten. Darauf wiesen ausreichend Verbotsschilder hin. Überhaupt war mir die Klinik als “eine der strengsten” angekündigt worden.
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Zum Abschied fiel mir mein Fahrer theatralisch um den Hals und wünschte mir alles Gute. Nicht ohne mir zu sagen, mich jederzeit abzuholen, wenn ich wollte.
Ich setzte mich zu meinem Gepäck und wartete, wobei ich die anderen Neuankömmlinge vorsichtig beäugte, wir unsererseits von den “Alten” gemustert wurden.
Namen wurden aufgerufen. Meiner war auch dabei. Es ging los.
Ich war da.-
ABER ANGEKOMMEN WAR ICH NOCH NICHT!