Meine erste “große Reise” seit Jahrzehnten. Meine Reise zu mir…
ICH WARTETE
“Hat jemand meine Brille gesehen?”
“Guck mal nach unten, Karl.” Die Pfleger hatten unserem Korsakow- Patienten die Brille um den Hals gehängt, damit sie nicht ständig verschwindet. Wenn er wieder einmal sein Zimmer suchte, waren wir zur Stelle.
Die Entgiftungsstation und das Klinikgelände waren fast schon mein zweites zuhause. Immer neue Erlebnisse, gleich und doch so verschieden, immer wieder neue (und bekannte) Gesichter, die ich hier zweimal in der Woche traf. Und immer mehr Routine in den Gruppengesprächen. Eine Routine, die aber meine Aufmerksamkeit forderte. Ich lernte zuhören!
Bis dahin bin ich ja fast allen Leuten in´s Wort gefallen- Verteidigungsstrategie. Hier konnte ich auch einmal das Gehörte “sacken” lassen, über das Gesagte nachdenken. Eine wertvolle Zeit als Vorarbeit für die LZT, aber auch für mich und meine Entwicklung.
Inzwischen hatte ich mir eine Digitalkamera angeschafft, die ich fast immer dabei hatte und auch nutzte. Im Wald und auch auf meinen Fahrradtouren. So hatte ich bei schlechtem Wetter eine interessante Beschäftigung: Die Nachbearbeitung der Fotos auf dem PC. Kostenlose Programme hatte ich schnell gefunden. Das Fotografieren hatte auch einen angenehmen Effekt: Ich sah meine Umwelt genauer an, irgendwie mit anderen Augen. Mein Blick schärfte sich. für Dinge, die ich bisher übersehen hatte. Die Motivsuche machte Spaß. Die Kamera sollte für die nächsten Monate mein treuer Begleiter werden- und tausende Fotos machen 
Meine Gedanken kreisten immer mehr um mein Auto. Die Zeit schritt voran und langsam machte ich mir Gedanken um den Zustand meines Gefährtes. Die Eifel ist nicht gerade flach und wenn ich noch lange warten musste, konnte es ja durchaus sein dass Schnee liegt- zumindest bei meiner Abreise. Dann stellte ich fest, dass der TÜV- Termin nahte.
Auf einer Fahrt ins weitere Umland (erstaunlich, was plötzlich alles ging) hatte ich ein Flattern im Lenkrad festgestellt. Ich ließ also meinen alten “Autokontakt” aufleben und machte einen Termin: TÜV- fertig machen und nach dem Fehler in der Lenkung suchen. Als die Diagnose kam, war ich doch ein wenig erschreckt: Ich war mit einer gebrochenen Feder durch die Weltgeschichte gefahren! “Die hätte durchaus in den Reifen schlagen können!” war die Auskunft des Fachmanns. Puuh, Glück gehabt.
Der Wagen ging nach der Reparatur, Ölwechsel etc. über den TÜV und ich war eine Sorge los. Die Fahrt nach Daun war gesichert. - Wirklich? Was ist mit den Reifen? Sommerreifen. Das ich damit bei Minusgraden nicht durchs Mittelgebirge kurven konnte war mir klar, aber noch war es ja nicht soweit- immer noch nicht. Meine Tage drohten ein wenig in Routine zu ersticken. Nicht, dass ich nicht beschäftigt war oder mich beschäftigte. Aber irgendwie war der Schwung raus, bewegte sich nichts.
Auch bei meinen Besuchen in der Firma hörte ich immer öfter Fragen wie diese: “Bist Du noch nicht weg?” - “Wie lange dauert´s denn noch?” - “Du siehst aber gut aus, wann fährst Du denn?” …Meine Antwort war immer gleich: Der Antrag läuft und die von der Beratungsstelle fragen regelmäßig beim Kostenträger nach. Als Konsequenz reduzierte ich meine Besuche- ich wollte ja niemanden provozieren.
Eines Tages klingelte mein Telefon und die Personalabteilung war dran. Meinem Abteilungsleiter dauerte es jetzt wohl auch “etwas lange” und einige Kollegen hätten (angeblich) wohl auch schon gefragt, was denn mit mir los sei. - Neid? Ich machte ja schließlich keinen Urlaub.
Ich rief meinen Berater an um ihn auf den bevorstehenden Anruf aus der Firma hinzuweisen. “Keine Panik, mehr können sie/wir nicht tun. Mit denen werde ich schon fertig!” Das bestätigte mich in meiner Haltung. Ich hatte kein schlechtes Gewissen, ICH wartete ja!
Also ging es weiter wie gehabt. Die WM ging zu Ende, ich nahm meine Termine wahr und war viel unterwegs.
Mittlerweile war es September! Bei einem meiner Waldspaziergänge klingelt mein Handy. Mein Berater war dran. Mir einer guten und mit einer schlechten Nachricht. "Ihr Antrag ist genehmigt!" - Die Bilder der Klinik, die ich mir zigmal angesehen hatte gingen mir durch den Kopf, die Vulkaneifel mit den Wäldern und Maaren- aufgeregte Freude…
“ABER ES GEHT NICHT NACH DAUN!!! “