Beiträge von kommal

    Niemand kam, ich war allein.

    ZEIT ZUM NACHDENKEN…

    Samstag Morgen- Frühstück. Die Tische sind gedeckt- wer das wohl gemacht hat? Ich fragte, wo ich mich setzen kann und eine Patientin antwortete: “Wo Platz ist”. Da nahm ich gleich bei ihr Platz, war ja gerade eine nette Unterhaltung. “Frühstück und Abendessen machen wir selber, Mittagessen kommt, für die, die noch nicht raus dürfen” erklärte sie mir. Also frühstückte ich, hörte den Gesprächen zu und wusste nicht, was ich sagen soll. Danach wollte ich helfen, das Geschirr in die Küche zu bringen, aber ich wurde ausgebremst: “Das macht der Tischdienst. Wird alles einmal in der Woche eingeteilt”. - AHA -

    Ich zog mich wieder auf mein Zimmer zurück (später lese ich in meinen Entlassungspapieren, dass mir daraus eine “Anfangsdepression” diagnostiziert wurde), bis eine Schwester mir am Nachmittag sagte, ich sollte mich doch zu den anderen setzen.

    Es war nicht leicht, hier ins Gespräch zu kommen. Niemand sprach mich an (na so was!) und ich hörte erst mal zu. Die meisten schienen sich zu kennen und waren offenbar nicht zum ersten Mal hier. Haarsträubende Saufgeschichten machten die Runde, aber auch Gespräche über Alltagsorgen, Ängste, Hoffnungen.

    Meine Frage nach Ausgang beantwortete die Schwester mit dem Hinweis auf die werktägliche Arztvisite. Draußen war das schönste Wetter, das Krankenhaus lag im Wald und ich konnte, nein ich durfte nicht raus. Ein neues Gefühl des Eingesperrt seins. Zuhause WOLLTE ich ja nicht raus, hab mich ja selbst isoliert (und bemerke gar nicht, dass ich das hier ja wieder machte). Ich wollte mich bewegen, laufen… ja, was eigentlich? Ich stehe an der Türe, schaue nach draußen. Was will ich denn? Was will ich hier? - Und danach??? Erst mal nach draußen!

    Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Scheu zu überwinden und meinen Platz in dieser Gruppe zu finden.

    ICH MUSS AUF DIE LEUTE ZUGEHEN!

    Leichter gesagt, als getan: Ich bemerkte bald, dass es mehrere Gruppen waren.

    Der kleinsten gehörte ich an: Die “Frischlinge”- zum ersten Mal hier und desorientiert. Und ziemlich naiv, wie ich in den nächsten Tagen lernen sollte.

    Die andere Gruppe bestand aus alten Hasen (den Begriff “Drehtürpatienten” hörte ich erst später). Die, die sich hier auskannten, organisierten, ja teilweise fast schon ihr zweites zu Hause hier hatten. Natürlich waren auch die sich nicht alle “grün” und so hatten sich wiederum zwei Gruppen gebildet- der Altersunterschied machte sich bemerkbar und dabei auch das Bemühen darum, wer “das Sagen hat”. - Machtkämpfe

    Bald aber fand ich mich besser zurecht und fühlte mich aufgenommen, obwohl mir einiges unwirklich, rätselhaft vorkam.

    Auf die menschlichen Ereignisse in dieser Zeit möchte ich nicht im Detail eingehen. Es waren vielfältige Eindrücke:

    Frauen und Männer vom jugendlichen Alkoholiker über den sechzigjährigen abhängigen Tablettendealer bis hin zum 50 jährigen, der “Korsakow” hatte, Hausbesitzer und Obdachlose, Arbeitslose und ein Doktor, Arbeiter und Beamte, Mütter und Töchter, Väter und Söhne, Omas und Opas- in der Entgiftung wurde mir hautnah bewusst, dass der Alkoholismus keine gesellschaftlichen Grenzen kennt. Ich erlebte, was der Alkohol aus Menschen machte- nein, was Menschen mit Alkohol aus sich machten.

    Ich erlebte aber auch, wie einfühlsam, geduldig, hilfreich, disziplinierend, motiviert und motivierend das Personal war. Ich fühlte mich gut aufgehoben, hatte Vertrauen in diese Menschen.

    Die Eindrücke haben meinen späteren Weg stark geprägt und ich möchte diese Zeit nicht missen, so hart sie teilweise war bzw. das dort erlebte menschliche Leid.

    Ich verliebte mich (das glaubte ich damals jedenfalls) in eine Mitpatientin (auweia) und die Geschichte endete nach Wochen ziemlich dramatisch: Sie war mehrfach abhängig, nahm offenbar während ihrer Therapie, die sie dort inzwischen begonnen hatte Medikamente und viele meinten später, sie hätte mich nur ausgenutzt. (Heute weiß ich, wie Liebe ist)

    Zum Glück hatte ich in dieser Zeit regelmäßig Gespräche mit meiner Beratungsstelle und ich überstand diese Krise heil- nämlich ohne zu trinken.

    Entzugserscheinungen hatte ich kaum. Schwitzen in der ersten Nacht, leichtes Zittern, das ließ aber nach kurzer Zeit nach. So brauchte ich auch- bis auf das Blutdruckmittel- keine Medikamente. Das erleichterte meinen Aufenthalt, weil ich freier in meiner Zeitgestaltung war.


    Der Montag kam und damit die Arztvisite. Der Doc gab sein o.k und ich durfte raus!


    Und im Fernsehen verfolgten wir die Berichterstattung über die Fußball- WM:


    SPIELE, KOMMENTARE, FEIERNDE FANS

    Hallo Lütze,

    während meiner Entgiftung habe ich mich in eine Mitpatientin verliebt. Es war wunderschön, aufregend und endete nach Wochen dramatisch.

    Ich war am Boden zerstört. Aber ich hatte zum Glück die ganze Zeit Kontakt und Gespräche mit der Beratungsstelle. Das war eine große Hilfe. Meine Liebe stellte sich als mehrfachabhängig heraus. Sie hatte mich nur ausgenutzt. Trotzdem machte ich mir große Vorwürfe und fragte mich lange, was ich falsch gemacht habe. Schwere Wochen, viele hatten Angst, dass ich rückfällig werde. Aber ich habe versucht, mich abzulenken und darüber hinwegzukommen. Dabei stand ein Gedanke immer im Vordergrund:

    KEIN MENSCH IST ES WERT; DASS ICH SEINETWEGEN WIEDER TRINKE

    Ich hab´s überstanden und
    Wochen später hat meine LZT begonnen.

    Komm wieder zurück zu DIR


    LG kommal

    Hallo Biggy,

    ich hab mal eine fertige Bechamelsauce gelesen, da stand drauf: Enthält Weißwein. Die hab ich zurückgestellt

    Kurz darauf las ich ein Nudelfertiggericht. Da stand drauf: Enthält Bechamelsauce. Das hab ich auch zurückgestellt.

    LG kommal

    Hallo Lütze,

    Zitat

    Im Dunstkreis meiner Gedanken ist langsam ein Geburtstag in meiner Nachbarschaft nä. Woche,wo wir beide,meine Frau und ich ,eingeladen sind.Hab beschlossen,nicht daran zu denken.


    Bist Du auf Abwegen?

    Trockenes Umfeld??? Denk dran!!!

    LG kommal

    “Das ist aber schlecht-

    SIE DÜRFEN DIE STATION ZWEI TAGE NICHT VERLASSEN!”

    Das wusste ich natürlich, weil mir auch das am Telefon gesagt worden war. (Was mir in dem Moment noch nicht klar war: Die Entscheidung über Ausgang traf der Stationsarzt. Es war Freitag- und am Wochenende ist nur der Arzt vom Dienst da, für Notfälle).

    Der Stationsarzt ruft mich in sein Zimmer. Er liest, was die Schwester niedergeschrieben hat, untersucht mich und stellt weitere bzw. tiefer gehende Fragen. Über die Frage nach dem Tagesdatum bin ich so überrascht, dass ich mich um einen Tag vertue. Das ist aber kein Drama.

    Auch die “Sperrzeit” erklärt er mir. Sie dient zu meinem eigenen Schutz, damit bei einem Krampfanfall oder ähnlichen Zwischenfällen schnell Hilfe zur Stelle ist- für mich. Ich erzähle ihm meinen Wochenablauf bzw. Wochenabsauf und weise ihn auf das bevorstehende Wochenende hin, insbesondere darauf, dass ich ja Freitag mittags den ersten Vollrausch eingeläutet habe.

    Da ich körperlich recht fit bin und auch organisch nichts krankhaftes vorliegt, begnügt er sich damit, mir den Blutdrucksenker weiter zu geben. Allerdings mit einer höheren Dosis. “Wir müssen den auf XXX kriegen!”

    Damit bin ich entlassen, bekomme noch eine Flasche Mineralwasser (“eine pro Tag”) und rauche mir auf dem Flur erst mal eine Zigarette. Die Schwester zeigt mir mein Zimmer (“hier gibt es nur Doppelzimmer, aber im Moment sind sie alleine”). Hierbei wurde mein aktuelles Problem noch aktueller: Mein Gepäck war ja noch im Auto. Nach kurzer Beratung im Stationszimmer kommt sie mit zum Wagen und ich öffne in ihrem Beisein den Kofferraum.(und war in dem Moment mehr als erleichtert, dass ich am Abend vorher noch “entrümpelt” hatte- ich war wirklich mächtig froh!!!).

    Mein Gepäck wird durchsucht wie angekündigt. Ich habe nichts zu verbergen, bei Zahnpasta, Rasierwasser und Deo hab ich aufgepasst, dass sie alkoholfrei waren.

    "Abendessen ist um 18 Uhr", bekam ich als Information noch mit und dann packte ich meine Sachen aus. Ich war allein und hatte Zeit nachzudenken. “Erst mal Lüften” dachte ich mir, doch das Fenster ging nur einen Spalt auf. Ich fragte bei der Schwester nach und die erklärte mir: “Das ist wegen der Fluchtgefahr:” Das fand ich zwar seltsam, aber ich fügte mich den Tatsachen (wie so oft in der Folgezeit).

    Vielmehr beschäftigte mich die Frage, was am Nachmittag mit mir passieren würde, wenn normalerweise mein Wochenendbesäufnis beginnt. Es war mehr Neugier als Angst, die sich bemerkbar machte. Ich versuchte mich abzulenken und nicht ständig auf die Uhr zu schauen. Ich fühlte mich sicher und gut aufgehoben. Um´s kurz zu machen: Es passierte Nichts. Ein leichtes Zittern zwar, aber das kannte ich schon. Es wurde 18 Uhr, aber niemand holte mich zum Essen. So blieb ich auf meinem Zimmer, las ein wenig und ging hin und wieder auf den Flur um zu rauchen.

    Die anderen saßen zusammen, rauchten, unterhielten sich oder sahen fern.

    Niemand kam, ich war allein.

    ZEIT ZUM NACHDENKEN…

    Hallo Bernd,


    Zitat

    da möchte ich dann schon mal vorher gefragt werden und das ich mich ein wenig ausgenuzt fühle.

    Ungefragt verplant zu werden ist etwas, was mich auf die Palme bringt. Meine (Frei-)Zeit gehört mir und die habe ICH zunächst für mich und meine Tagesstruktur.

    Inwieweit ich davon etwas abgebe oder teile möchte ich selbst entscheiden, oder eben im Gespräch.

    Ich kann deinen Ärger sehr gut nachvollziehen. Du hast ihn nicht runtergeschluckt, sondern gehandelt, wie DU wolltest. Beweist sich eine gute Nachbarschaft nicht auch im gegenseitigen Verständnis?!

    Ich hoffe, Du bleibst konsequent.

    LG kommal

    Es war Donnerstag, der 18. Mai 2006

    Es war 23 Uhr

    DIE LETZTE FLASCHE WAR LEER


    Heute ist es soweit. Frühstück, spülen, alles ausgeschaltet? Wasser und Heizung abgesperrt? Gut, dass ich meine Liste habe.

    Diese seltsame Mischung aus Nervosität und Ruhe, innere Zerrissenheit…

    Also los. HIER gibt´s jetzt nichts mehr zu tun. Ein neuer Abschnitt beginnt.. Auf dem Weg zum Auto begegne ich einem Kollegen, mit dem ich nicht direkt zu tun habe. Seine Frage, wo ich denn mit meiner Reisetasche hin will (die Arbeitszeit beginnt gerade) beantworte ich mit:” Ich fahre ins Krankenhaus. Ich will Schluss machen mit einer Trinkerei!” Ungläubiges Erstaunen als Reaktion. Dann kommt eine Kollegin, die schon “Bescheid weiß” hinzu und wünscht mir alles Gute. Auch das beflügelt.

    Ich fahre los mit meinem in letzter Minute trockengelegten Auto und natürlich verfahre ich mich. Weil ich aber für die 30 Minuten Fahrtzeit das Dreifache eingeplant habe ist das kein Problem, zumal ich nur einen kleinen Umweg nehmen muss. Je näher ich meinem Ziel komme, umso ruhiger werde ich, ja, ich verspüre sogar so etwas wie Freude. Weil ich endlich etwas unternehme? Mich nicht mehr verstecke? Weil ich´s satt habe, so nicht weiter machen will, ja kann? Sei´s drum- ICH KOMME!!!

    Auf dem Gelände muss ich suchen. Ich habe mir zwar beschreiben lassen, wo ich hin muss und wie das Gebäude aussieht, aber ich war ja lange nicht mehr raus gekommen.

    Schließlich suche ich mir einen Parkplatz und gehe zu Fuß auf die Suche. Bald finde ich Gebäude und auch die Station und...

    …ich platze mitten in eine Art Besprechung. Eine gutes Dutzend Leute sitzen zusammen - wie Kinder beim Spielen im Kreis- und ich glaube ausmachen zu können, wer das Sagen hat. Sieht nach einem Arzt und zwei Schwestern aus. Zwar ohne Kittel, doch mit Namensschild, aber irgendwie unterscheiden diese drei sich von den anderen.

    Alle gucken mich neugierig an (!!!) und eine Schwester kommt zu mir. Ich erkläre, warum ich da bin und werde in´s Aufnahmebüro geschickt. Formalitäten- ich unterschreibe alles.

    Mit den Papieren zurück und dann zum Schwesternzimmer auf die Station. Die Runde hat sich aufgelöst, die vermeintlichen Patienten sitzen an Tischen, erzählen, lesen, rauchen, trinken Kaffee (und gucken mich an!!!)

    Eine Schwester kümmert sich um mich. Fragen: Wann zum letzten Mal getrunken, wie viel, wie lange, wie hergekommen (“das Auto dürfen sie hier nicht bewegen wg. der Versicherung“), Medikamente (ich nahm eine ganz geringe Dosis Blutdrucksenker), Blutdruck messen (zu Beginn ein wichtiger Wert), sonstige Drogen (Drogen??? Hab doch nur …) und…

    “warum sind sie hier?” (die Frage wundert mich) “weil ich mit der Trinkerei aufhören will”

    … zum ersten Mal in meinem Leben muss ich Pusten. 0,05 Promille hab ich noch (peinlich, peinlich) “Wenn sie auf Null sind, dürfen sie zu den anderen” sagt sie… “…Gleich wird der Doktor sie untersuchen, …hier dürfen sie rauchen, …wo haben sie denn ihr Gepäck?” - “Im Auto”.

    “Das ist aber schlecht-

    SIE DÜRFEN DIE STATION ZWEI TAGE NICHT VERLASSEN!”

    Hallo Karl,

    hast Du dir schon einmal Gedanken gemacht, wie Du die Zeit sinnvoll nutzen kannst, die Du bisher mit Saufen verbracht hast? NICHT mit Arbeit!

    Hast Du Hobbies? Vielen hilft es Dir, dich an der frischen Luft, im Wald zu bewegen. Jedenfalls solltest Du Orte meiden, wo getrunken wird.

    Mir hat es sehr geholfen (und tut es weiter), entspannen zu können. Es gibt da verschiedene Methoden. Frag doch mal nach: VHS, Arzt...

    Mir tut es sehr gut, mich auch mal "runterfahren" zu können, nur zu sein.

    LG kommal

    Hallo @all

    So ein Zufall- z Zt bin ich ja dabei, meine jüngere Vergangenheit niederzuschreiben, da treffe ich heute morgen jemanden aus den ganz frühen Anfängen:

    Den Ex- Wirt meiner Ex- Stammkneipe. Ich war ja vor meinem Einsiedlerleben ein recht geselliger Mensch und bin über Vereine in das “Kneipenleben” hineingewachsen. Lang ist´s her.

    Naja, warum schreibe ich das?

    Er fragte mich, wie es mir geht und ich erzählte ihm, was ich in den letzten zwei Jahren unternommen habe. “Da ziehe ich den Hut vor” war sein Kommentar. Das war mir zwar ziemlich egal, weil er eh keinen auf hatte, aber er meinte es ehrlich. Er hat ja genug mitbekommen von SEINEM Platz an der Theke.

    Nach unserer Begegnung fiel mir aber auf, dass von den Menschen, die mir so all- täglich begegnen niemand mehr fragt, wie´s mir geht. Mangelnder Zuspruch? GiG: Ganz im Gegenteil. Oft werde ich mit Worten begrüßt wie “Dir geht´s gut, das sieht man” (wobei ich mir ausnahmsweise die manliche Kritik erspare), “Du wirkst richtig zufrieden”, “Deutschlands glücklichster Arbeitnehmer” usw.

    Der Punkt ist der, dass meine innere Zufriedenheit -als Ergebnis meiner Trockenheitsarbeit- auch nach außen strahlt und wahrgenommen wird.

    Ein guter Indikator, findet ihr nicht?

    Diese Zufriedenheit gibt mir auch an schlechten Tagen die nötige Ruhe. Das habe ich auch heute morgen gemerkt. Plötzlich wurde es ganz schön hektisch- na und? Waren doch die anderen! Alles der Reihe nach, Schritt für Schritt. Und weil´s etwas länger ging, komme ich Montag später- alles geregelt.


    Schönes Wochenende wünscht euch

    kommal

    Hallo Plejaden,

    Zitat

    Irgendwie kam mir immer etwas dazwischen, mit Planung war da nix. Egal, so weiß ich wenigstens, dass mich sowas nicht aus der Fassung bringt.

    Ist es nicht ein schönes Gefühl, die Ruhe bewahren zu können? Ich geniesse es jedes Mal, wenn Unvorhergesehenes passiert und ich nicht -wie früher oft- in Hektik verfalle oder flüchte. Mich besonnen der Aufgabe stellen und tun, was zu tun ist.

    Schönes Wochenende wünsche ich und ich drück Dir weiter die mittleren zwei Finger wg der Wohnung.

    LG kommal

    Ich war gespannt…

    ANGESPANNT


    Donnerstag.

    Morgen fahre ich in´s Krankenhaus. Viel hatte ich nicht mehr zu tun, ich hatte eine Liste der Dinge gemacht, die ich im Krankenhaus brauchte bzw. mitnehmen wollte. Zehn Tage sind ja keine Ewigkeit. -

    DENKSTE. Ich hatte ja jahrelang die Stadt kaum noch verlassen. Im letzten Jahr hatte ich zweimal getankt. Insgesamt keine achtzig Liter. Das Auto fast nur noch zum Einkaufen und Lagern meiner Bierkästen benutzt. Dazu kam das Bier, das ich mir vor langen Wochenenden in´s Haus bringen ließ. Ich habe übrigens immer im selben Laden eingekauft. Als Erklärung hatte ich immer parat zu sagen: “Ich kaufe für mehrere Leute ein” - gefragt oder angesprochen hat mich nie jemand. Alkoholiker sind ja gute Kunden und hin und wieder hab ich ja auch einen Kasten Wasser gekauft.

    Packen also. Das war recht schnell erledigt. Noch mal in die Karte gucken, zum x-ten Mal, die Fahrtstrecke einprägen (kann ich heute kaum noch fassen) Und die letzten sieben Flaschen Bier in den Kühlschrank legen. Ich hatte mir überlegt, um 23 Uhr den letzten Schluck zu trinken, dann müsste ich morgens um neun nüchtern und ohne Fahne im Krankenhaus ankommen. Ich wollte ja einen guten Eindruck machen. War ja alles nicht so schlimm mit mir, ich hab ja nur Bier getrunken, bin nie besoffen gefahren (Restalkohol?!?!) und stets meine Arbeit und noch viel mehr getan. blabla

    Ich hatte also hatte trotz meiner Einsicht doch das Bedürfnis, mich von den Nichtsesshaften abzuheben, die damals MEIN Bild eines “richtigen” Alkoholikers prägten. Internet- Infos hin oder her- So war ich nicht!

    Der Tag verlief ohne Zwischenfälle und abends öffnete ich die erste Flasche Bier. Der Fernseher lief wie üblich und ich bemühte mich, langsam zu trinken. Sieben Flaschen waren´s ja noch und so fehlte zur gewohnten Dosis eine Flasche.

    Irgendwann setzte sich ein Gedanke in meinem Kopf fest, den ich noch nicht zu fassen bekam. Hatte ich an alles gedacht? Die Wohnung war versorgt, eine Liste mit Sachen, die morgens noch zu erledigen waren lag bereit, alle wussten wo ich hinfuhr… irgendwas… aber was???

    Die Papiere hatte ich eingesteckt, das Auto getankt - DAS AUTO!!!

    Da wusste ich, was ich noch tun musste: Ich hatte immer wieder mal eine Flasche “extra” bei Werbeaktionen bekommen- natürlich “nur Bier” und wegen des leichteren Transportes der Kästen diese Extraflaschen in der Werkzeugkiste im Auto gelassen. Nach und nach hatte ich die dann auch verkonsumiert. - Sollte da noch etwas schlummern? Von meinem Telefonat mit der Klinik wusste ich, dass mein Gepäck kontrolliert werden würde. Was, wenn sich im Kofferraum noch etwas fände???

    Ich zog mich an, fuhr zur Garage und tatsächlich, als ich den Kofferraumdeckel öffnete, sah ich schon die Versuchung. Eine Flasche war noch da, die achte für diesen Abend. Ich durchsuchte den Wagen noch mal, um sicherzugehen und…

    …ich kippte die Flasche aus und warf sie in die Mülltonne. Sie passte nicht zu meinem Plan.

    Zurück zuhause war ich stolz und ängstlich zugleich. Was, wenn sie mir doch fehlen sollte am Ende dieses Abends? Es war ja nichts mehr da.

    Nun, sie fehlte nicht. Irgendwie wurde ich auch ruhiger. Der Gedanke, dass morgen, nach Jahren der Sauferei, der Lügerei und des Selbstbetrugs endlich etwas passieren würde, irgendetwas -Hilfe-, dass sich etwas ändern würde, ich nicht mehr trinken würde… ich wusste ja nicht, WAS passierte, aber es würde etwas passieren…und da waren Menschen, die mir helfen wollten. Irgendwie war ich voller Vertrauen zu diesen Menschen, die ich noch nicht kannte.

    Es war Donnerstag, der 18. Mai 2006

    Es war 23 Uhr

    DIE LETZTE FLASCHE WAR LEER

    Ich hatte auch nur sieben Flaschen kühl gestellt, warm “schmeckte” es ja nicht. Sieben Flaschen für den vorletzten Abend… das war mein Plan.

    Und doch …

    DIE LETZTE FLASCHE DIE ICH TRANK WAR WARM


    Ich kann mich noch recht gut erinnern, wie ich mich in diesen Tagen fühlte.

    Nein, das stimmt nicht ganz. Tagsüber beschäftigte ich mich. Wie schon erwähnt mit den notwendigen Einkäufen und Vorbereitungen für das Krankenhaus- der Ausdruck “Entgiftung” war bis dahin nicht gefallen. Und ich sprach nach wie vor mit vielen Leuten. Wer mich fragte “wie geht´s?” der bekam “es” zu hören und wer nicht fragte meistens auch. Es tat mir einfach gut, darüber zu reden und ein bisschen stolz war ich auch. Meine Offenheit bewirkte (provozierte?) Zuspruch und Schulterklopfen, hin und wieder auch beschwichtigende Worte die ich nicht gelten ließ.

    Abends aber, zu meiner Saufzeit, die ja noch anhielt, machte ich mir Gedanken. Nasse Gedanken. Was trinke ich, wenn ich nicht mehr trinke???

    Kein Gedanke, wie ich die Zeit danach besser, ja FÜR mich nutzen kann. Das kam später. So schnell wie meine Einsicht an diesem “Briefwochenende” gekommen war, sie war doch noch ein zartes Pflänzchen, das gepflegt werden musste. Zu lang war die Zeit gewesen, in der der Alkohol meinen Tagesablauf, mein Leben bestimmte, ich das zugelassen hatte.

    Ich fühlte eine gewisse Neugier auf das, was da auf mich zukam, einhergehend mit einer Portion Unruhe und Ungewissheit.

    Ich war gespannt…

    ANGESPANNT

    Hallo Spedi,

    Zitat

    speziell mit Artischocken

    ...

    ...habe ich mal einen Selbstheilungsversuch unternommen. Ich hatte irgendwo gelesen, dass die gut für die Leber sind. Um mein Gewissen zu beruhigen habe ich mir gleich welche besorgt und gegessen (wie das geht wusste ich :wink: ). Das war ein einmaliger Versuch und hatte nichts mit deinem Genusserlebnis zu tun.

    Geschmeckt haben sie nach nix- wie das meiste damals, der Alkohol hatte ja so ziemlich alle Geschmacksknospen betäubt.

    Die Erinnerung hat mir wieder mal belegt, wie erfinderisch ich in meiner Saufzeit war, alles, wirklich alles zu versuchen um "gesund zu leben" und den Gedanken an die einzig richtige Maßnahme zu verdrängen:

    SCHLUSS MIT SAUFEN!

    Ich wünsche Dir weiter gute Rekonvaleszenz und natürlich bald wieder gute Fahrt.

    LG kommal

    Hallo Pauli,

    ich war auch einmal unersetzlich. Doch ich hatte EIN Ziel: Nicht mehr saufen.

    Ich hab Hilfe gesucht, gefunden und angenommen. Mit dm Arbeitgeber alles klar gemacht. Offen und ehrlich.

    Ich war neun Monate weg und als ich zurück war lief es wie früher. Nein, nicht ganz- manches hatte sich auch gebessert.

    Vor allem ich!

    Das wünsche ich Dir auch!

    LG kommal