Niemand kam, ich war allein.
ZEIT ZUM NACHDENKEN…
Samstag Morgen- Frühstück. Die Tische sind gedeckt- wer das wohl gemacht hat? Ich fragte, wo ich mich setzen kann und eine Patientin antwortete: “Wo Platz ist”. Da nahm ich gleich bei ihr Platz, war ja gerade eine nette Unterhaltung. “Frühstück und Abendessen machen wir selber, Mittagessen kommt, für die, die noch nicht raus dürfen” erklärte sie mir. Also frühstückte ich, hörte den Gesprächen zu und wusste nicht, was ich sagen soll. Danach wollte ich helfen, das Geschirr in die Küche zu bringen, aber ich wurde ausgebremst: “Das macht der Tischdienst. Wird alles einmal in der Woche eingeteilt”. - AHA -
Ich zog mich wieder auf mein Zimmer zurück (später lese ich in meinen Entlassungspapieren, dass mir daraus eine “Anfangsdepression” diagnostiziert wurde), bis eine Schwester mir am Nachmittag sagte, ich sollte mich doch zu den anderen setzen.
Es war nicht leicht, hier ins Gespräch zu kommen. Niemand sprach mich an (na so was!) und ich hörte erst mal zu. Die meisten schienen sich zu kennen und waren offenbar nicht zum ersten Mal hier. Haarsträubende Saufgeschichten machten die Runde, aber auch Gespräche über Alltagsorgen, Ängste, Hoffnungen.
Meine Frage nach Ausgang beantwortete die Schwester mit dem Hinweis auf die werktägliche Arztvisite. Draußen war das schönste Wetter, das Krankenhaus lag im Wald und ich konnte, nein ich durfte nicht raus. Ein neues Gefühl des Eingesperrt seins. Zuhause WOLLTE ich ja nicht raus, hab mich ja selbst isoliert (und bemerke gar nicht, dass ich das hier ja wieder machte). Ich wollte mich bewegen, laufen… ja, was eigentlich? Ich stehe an der Türe, schaue nach draußen. Was will ich denn? Was will ich hier? - Und danach??? Erst mal nach draußen!
Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Scheu zu überwinden und meinen Platz in dieser Gruppe zu finden.
ICH MUSS AUF DIE LEUTE ZUGEHEN!
Leichter gesagt, als getan: Ich bemerkte bald, dass es mehrere Gruppen waren.
Der kleinsten gehörte ich an: Die “Frischlinge”- zum ersten Mal hier und desorientiert. Und ziemlich naiv, wie ich in den nächsten Tagen lernen sollte.
Die andere Gruppe bestand aus alten Hasen (den Begriff “Drehtürpatienten” hörte ich erst später). Die, die sich hier auskannten, organisierten, ja teilweise fast schon ihr zweites zu Hause hier hatten. Natürlich waren auch die sich nicht alle “grün” und so hatten sich wiederum zwei Gruppen gebildet- der Altersunterschied machte sich bemerkbar und dabei auch das Bemühen darum, wer “das Sagen hat”. - Machtkämpfe
Bald aber fand ich mich besser zurecht und fühlte mich aufgenommen, obwohl mir einiges unwirklich, rätselhaft vorkam.
Auf die menschlichen Ereignisse in dieser Zeit möchte ich nicht im Detail eingehen. Es waren vielfältige Eindrücke:
Frauen und Männer vom jugendlichen Alkoholiker über den sechzigjährigen abhängigen Tablettendealer bis hin zum 50 jährigen, der “Korsakow” hatte, Hausbesitzer und Obdachlose, Arbeitslose und ein Doktor, Arbeiter und Beamte, Mütter und Töchter, Väter und Söhne, Omas und Opas- in der Entgiftung wurde mir hautnah bewusst, dass der Alkoholismus keine gesellschaftlichen Grenzen kennt. Ich erlebte, was der Alkohol aus Menschen machte- nein, was Menschen mit Alkohol aus sich machten.
Ich erlebte aber auch, wie einfühlsam, geduldig, hilfreich, disziplinierend, motiviert und motivierend das Personal war. Ich fühlte mich gut aufgehoben, hatte Vertrauen in diese Menschen.
Die Eindrücke haben meinen späteren Weg stark geprägt und ich möchte diese Zeit nicht missen, so hart sie teilweise war bzw. das dort erlebte menschliche Leid.
Ich verliebte mich (das glaubte ich damals jedenfalls) in eine Mitpatientin (auweia) und die Geschichte endete nach Wochen ziemlich dramatisch: Sie war mehrfach abhängig, nahm offenbar während ihrer Therapie, die sie dort inzwischen begonnen hatte Medikamente und viele meinten später, sie hätte mich nur ausgenutzt. (Heute weiß ich, wie Liebe ist)
Zum Glück hatte ich in dieser Zeit regelmäßig Gespräche mit meiner Beratungsstelle und ich überstand diese Krise heil- nämlich ohne zu trinken.
Entzugserscheinungen hatte ich kaum. Schwitzen in der ersten Nacht, leichtes Zittern, das ließ aber nach kurzer Zeit nach. So brauchte ich auch- bis auf das Blutdruckmittel- keine Medikamente. Das erleichterte meinen Aufenthalt, weil ich freier in meiner Zeitgestaltung war.
Der Montag kam und damit die Arztvisite. Der Doc gab sein o.k und ich durfte raus!
Und im Fernsehen verfolgten wir die Berichterstattung über die Fußball- WM:
SPIELE, KOMMENTARE, FEIERNDE FANS