Hallo Matthias,
das musste ich nun erstmal ´ne Weile wirken lassen und muss sagen, damit hast du ja voll meinen Nerv getroffen.
Denn ich denke, daß es ein wesentlicher Punkt ist - auch oder auch grade (wie du möchtest ;-))- bei der Trockenheitsarbeit, ein rechtes Verhältnis zu bekommen.
Verharre ich zu stur oder ängstlich und mit zu großem Druck, löst es bei mir Suchtdruck aus. Bin ich zu nachlässig, laufe ich Gefahr, mich Situationen auszusetzen. von denen ich vlt. noch nicht weiß ob sie schadhaft für mich sind. Begebe ich mich stattdessen in die Mitte, wo ich um die Gefahren weiß, mich ihnen nicht nachlässig aussetze, aber mich nicht verschüchtert in die Ecke verziehe, bleibe ich offen und verschaffe mir einen Handlungsspielraum.
Mein zentrales Thema für mich war heute, eine dankbare Einstellung zu finden. Ich habe ein bewegtes Wochenende erlebt, wo mir auf einmal
klar wurde, daß ich zu der Zeit als ich noch Alkohol trank, verzichtete. Jeden Tag verzichtete ich auf die Klarheit des Lebens. Und nun wo ich
täglich daran arbeite, meinen äußeren und inneren Abstand zum Alkohol zu vergrößern, ich in den Genuß einer Fülle komme, die mir mit
Alkohol in meiner Nähe niemals erreichbar gewesen wäre.
Ich lese häufiger hier und weiß von mir selbst noch, wie ich anfangs dem Irrglauben erlag, nach dem Weglassen des Suchtmittels - würde
eine Zeit des Verzichts vor mir liegen. Dabei stimmt das gar nicht und zeigt mir im nachhinein, wie tückisch der Alk vor sich geht und
was er mir vorgegaukelt hat. Ich glaubte, die Welt würde mir gehören, wenn ich so täte, als wüsste ich alles. Doch erst als ich mir zugestand,
daß ich niemals alles wissen werde und jeder klare Tag mir die Möglichkeit bietet zu lernen, fange ich an zu verstehen.
Ich bin dankbar dafür, daß es Menschen gibt, die den Mut haben, ehrliche Worte zu sprechen. Denn das ist es was uns weiterbringt. Irgendwo hier habe ich mal gelesen, wahre Worte sind nicht immer schön, jedoch sind schöne Worte nicht immer wahr. Hat mich auch schwer beeindruckt.
Ich bin dankbar für jeden noch so kleinen Zentimeter mehr Abstand zwischen Alkohol und mir. Dafür bin ich losgegangen, um mich von diesem Teufelszeug zu befreien. Und wenn ich aus dem alten jahrelang antrainiertem falschen Verhalten (in meinem Falle zusätzlich noch als EKA anerzogenem) in die falsche Richtung unterwegs sein sollte, bin ich denen dankbar, die den Weg vor mir gegangen sind und mich aufgrund ihrer gelebten Erfahrungen auf meinem Weg zurück bringen.
Ich bin dankbar dafür, meine Entscheidungen heute selbstständig treffen zu können. Mir klare Gedanken darüber machen zu können, setze ich mich Situationen aus, weil ICH das so möchte oder weil ich meine im gesellschaftlichem Strom mitschwimmen zu müssen. Ich erlebe selbst, daß es nicht immer geradeaus geht, teilweise mitunter sogar recht hügelig zugeht. Jedoch weil ich lediglich die EINE Sache - den Alkohol - weggelassen habe, bekomme ich erst den Zugang zu so viel mehr.
Für mich schließt sich somit immer wieder ein Kreis, zuerst steht das Loslassen und dann erst das Finden. Das Loslassen bezieht sich meines Erachtens auf so viele Dinge. Allen voran und an erster Stelle steht der Alkohol und zieht sich ab da weiter von altem falschen Verhalten über falsche Vorstellungen, alte Kompromisse, verbogene Wertvorstellung usw.
Zitat von silberkralle
...die nächsten 2 sekunder oder die nächsten 2000 jahre...
Da liegt ´ne Menge zwischen. Gefällt mir immer besser 
Schöne Grüße
Mieken