Herbst 2005:
Ich wache in einem Raum auf, liege in einem Bett, über mir (Infusions-?) Flaschen, die in meinen Körper geleitet werden, ein Arzt, der sich mit groß geöffneten Augen über mich gebeugt hat, um mir die Frage zu stellen:
"Herr ...., wollten Sie sich umbringen?"
Ich, unfähig mich zu rühren, geschweige denn eine vernünftige Antwort zu geben, war in eine Situation gekommen, die ich mir nie hätte träumen lassen.
Ich, der "nie" Probleme mit dem Umgang mit Alk hatte, ich, der ja ohne weiteres zwischendurch wieder ein paar Tage auf dieses Zeug verzichten konnte, ich, der eigentlich "alles" im Griff hatte, ich, der (glücklicherweise) noch keinen Führerscheinentzug hatte, dessen Ehe noch "hielt", ich, der seine Welt noch rundherum in Ordnung sah.
Ich, ich liege jetzt hier in der Intensivstation eines Spitals, bei der Einlieferung noch gemessene 3,71 Promille in der Birne.
Meine Gedanken ließen sich in dieser Situation und in den darauffolgenden Tagen wie folgt beschreiben: "Wenn es jetzt noch einen Funken "Stolz" in mir gibt, kratze ich jetzt die Kurve".
Auf Teufel komm raus, koste es, was es wolle.
Diese geschilderte Situation ist das letzte Kapitel eines jahrelangen Alkoholmissbrauchs, verbunden mit jeder Menge Selbstbetrug, Selbstmitleid, Ausreden, oftmals vorgenommenen Neubeginn (So, und ab morgen....), usw.
Die zwei Tage in dieser Intensivstation waren für mich die Hölle, erstens der Entzug, der zwar medikamentös begleitet wurde, für mich aber trotzdem die Hölle war, vor allem auch deswegen, weil jetzt meine "heile" Welt zusammengebrochen war, und ich nach aussen hin, so glaubte ich, Erklärungsbedarf hatte.
Um es kürzer zu machen, dies war mein Tiefpunkt, und ich möchte nie, nie, nie mehr selbstverschuldet in der Intensivstation aufwachen, ich glaube auch nicht, dass ich das noch mal überleben würde.
Ich war dann bereit, sämtliche mir gebotene, professionelle Hilfe anzunehmen, Psychotherapeut, stationäre Therapie, SHG, dieses Forum.
Seit diesem Zeitpunkt verfolge ich einen geradlinigen Weg, dessen Ziel letztendlich immer heissen wird:
"Ich trinke keinen Alkohol mehr"
wohlwissend, dass, würde ich das erste Glas nicht stehen lassen, es meinen Tod bedeuten kann.
Ich schätze mein wiedergewonnenes Leben mit allen Höhen und Tiefen sehr, und gehe aus diesem Grund auch von einem weiteren, suchtmittelfreien Leben aus (Rauchen hab ich 1991 aufgehört), ob es mein Leben lang so bleibt, weiß ich nicht, ich weiß aber, daß es sich lohnt, alles dafür zu geben.
Mit "alles dafür zu geben" meine ich eben auch, daran zu arbeiten, daß es so bleibt, denn, die Zeit heilt alle Wunden, so lässt sie, glaube ich, einem auch sehr leicht die Einzelheiten des "Tiefpunktes" vergessen, mich an diese zu erinnern, ist Teil "meiner" Trockenheitsarbeit, noch ein sehr wichtiger Teil ist das Schätzen und Dankbarsein für das jetzige Leben, verbunden mit einer guten Portion Umsicht und Wachsein zu diesem Thema, für mich in jeder Situation des Lebens, wohlwissend, dass das aber nicht in einen Zwang ausarten sollte.
Abschließend noch:
Es mag verrückt klingen, ich bin im Nachhinein dieser Situation, bei der ich an der "Kippe" stand, dankbar, die letzten Jahre vorher hatte ich immer schon im Hinterkopf, daß ich mir mit dem Alk immer mehr Probleme aufhalste, wusste aber keinen Weg, dem ganzen zu entrinnen, besser, ich wußte nicht, wie ich da wieder raus komme.
Ich war gänzlich unfähig dazu, und in dieser Situation, so meine Meinung, trifft es am genauesten zu, beim Alkoholismus von einer "Krankheit" zu sprechen.
In diesem Sinne wünsche ich jedem, daß sein Vorhaben gelingt.
lg
klarerkopf