Hallo alle miteinander,
so, nun steht es fest, am 03.03.2008 fahre ich für zwei Wochen wieder in die Ukraine. Ich habe gestern Abend über 1 1/2 Stunden mit den "Schwiegereltern in spe" dort telefoniert.
Ich habe ihnen detailliert meine Krankheit offen gelegt und meine Situation, die Abschätzung des Für-und Wieder meines Erscheinens dort, unzweideutig deutlich gemacht.
Wieder Erwarten habe ich kein einziges Wort der Verniedlichung meiner Krankheit vernommen, sondern nur Zustimmung erfahren. Kommt wahrscheinlich doch etwas auf die Bildung an, sind ja beide Ingenieure.
Ich habe die feste Zusage erhalten, dass jede vorhersehbare Situation, die mich ins Schwanken bringen könnte, von vornherein vermieden wird (gegen unvorhersehbare Situationen ist man hier genauso wenig gefeit). Alle Familienmitglieder und Bekannten werden vorbereitet und sogar die Wohnungen wollen sie komplett von Alk, bzw. Utensilien die damit zu tun haben, befreien. Meine Ankündigung zur sofortigen Abreise, wenn ich mich dennoch nicht sicher fühle, wurde widerspruchslos akzeptiert.
Ich fahre also voller Zuversicht und Freude, und kann es kaum erwarten, (hab ich doch schon wieder soviel gesammelt, dass mein Auto kaum ausreichen wird alles weg zu bekommen), wieder in die glücklichen und dankbaren Augen, vor Allem der Kinder dort, zu sehen. Es ist ein wirklich absolut berauschendes Gefühl, wenn man so helfen kann, ein Gefühl das man nie mehr vermissen möchte.
Vielleicht mal eine paar kleine Episoden zur Verdeutlichung:
Eine entfernte Coussine(44) meiner Freundin hat Multiple Sklerose und hat dadurch, von 1996 bis Frühjahr 2005, die Wohnung (30qm) im zweiten Stock nicht mehr verlassen können, weil sie kaum noch laufen kann. Ich hab bei einer .... -Internetversteigerung für nur 120 € einen fast neuen Rollstuhl ersteigert und ihn ihr zu Weihnachten 2005 geschenkt. Sie wollte ihn erst garnicht, weil sie sich schämte, da in der Nachbarschaft noch mehrere wohnten, die auch von körperlichem Verfall gekennzeichnet sind und wollte nicht als privilegiert gelten. Heute geniesst sie jede Minute, die sie mir ihrem Mann auf der Straße, in der Natur, unter Menschen und auch sonst überall verbringen kann. Sogar am Magazin (Shop) hat man für sie eine Rampe aus Brettern angebracht, damit sie Einkaufen kann. Nach neun Jahren Isolation, kann sie endlich wieder am Alltag teilnehmen.
Als ich 2003 das erste Mal ein Kinderheim dort ansteuerte, spielten gerade ca. 6-7 Kinder, im Alter von 3-12 Jahren, mit, aus Stöcken und Abfall, selbst gebasteltem Spielzeug im Hof. Als ich anhielt, die Kofferklappe öffnete und anfing Spielzeug zu verteilen, habe ich ein Wunder erlebt. Sie konnten erst garnicht begreifen, dass das große Plasitkauto, das ferngesteuerte Auto, die Puppen mit Puppenwagen, die Baukästen, die Murmelburg nun ihnen gehörten. Und dann geschah das Wunder, ohne ein einziges Wort des Streites oder des Widerspruches der Großen gegenüber den Kleinen oder so ("das ist meine", oder "das hab ich bekommen", oder "das gehört mir" o. ä .), spielten alle mit dem ganzen Spielzeug zusammen, als ob es schon immer so gewesen wäre (möchte nicht wissen wie das bei uns abgegangen wäre).
Aber auch in der Kirche, wenn wir Kleidung für die Armen abgeben, ist immer viel Gefühl dabei. Man wird nicht weggelassen ohne seinen Namen zu nennen, damit man in die Gebete eingeschlossen werden kann.
Die erste Begegnung mit der Oma meiner Freundin, einer vielleicht 1,45m kleinen und damals 84-jährigen Frau (leider ist sie mittlerweile verstorben), die ganz allein einen 3000qm großen Hof bewirtschaftete um täglich etwas zu essen zu haben, da sie nur 28 € Rente bekommt und zu stolz ist von ihren Kindern etwas anzunehmen (im Gegenteil sie gab jedes mal wenn sie/wir kamen), werde ich wohl nie vergessen. Sie hatte ihr ganzes Leben als Lehrerin (Hauptfach Deutsch) gearbeitet, kam mir, den sie noch nie gesehen hatte, mit ausgestreckten Armen entgegen, fiel mir um den Hals und rief in Deutsch: "Ich liebe Dich". Ich hab die Beherrschung verloren und Rotz und Wasser geheult. Ich sehe heute noch ihre vernarbten, aber kräftigen Hände und ihre, Sommer wie Winter, nur in Holzpantoffeln steckenden, verknorrten Füße vor mir, wie sie im Schuppen auf den Kartoffeln und Äpfeln herumkletterte, um die Besten heraus zusuchen und uns zum Geschenk zu machen. Dieser Frau und ihrer Familie haben unsere Väter und Großväter das Haus über den Köpfen abgebrannt.
Na ja, und dann ist ja noch unser Hausbau. Endlich kommen wir wieder ein Stück weiter.
Nun hat das alles aber nicht viel mit dem Forum und unserer Krankheit zu tun. Dennoch denke ich manchmal darüber nach, welche Probleme mich zum Alkoholiker machten und wie verschwindend geringfügig diese doch sind im Vergleich zum Leben anderer, geradezu lächerlich, oder ?
Wer mehr erfahren will, kann mich gern persönlich ansprechen.
LG, Andy