Hallo Mystique,
herzlich willkommen im Forum. Schön das Du her gefunden hast.
ZitatEs war schon alles geklärt. Heute ruft sie mich an - ich hab direkt gemerkt, dass sie wieder getrunken hat – und sagt mir, dass sie nicht kommen kann. (…...…......)Ich bin es echt leid.
ZitatAndererseits hab ich so eine wahnsinnige Angst um sie. Ich vermisse sie so schrecklich. Ich vermisse meine Mama, wie sie früher war. Sie hat so viel gelacht, so viel unternommen und war so fürsorglich und lieb. Sie wär so eine tolle Oma für meine Kinder. Ich bin so unendlich traurig, dass sie so anders geworden ist, dass meine Kinder sie nicht so erleben können, wie sie einmal war. Ich will sie durch diesen scheiß Alkohol nicht verlieren. Gleichzeitig macht mich das so wütend. Ich würd ihr wirklich so gerne helfen. Doch ich weiß einfach nicht wie und vermutlich kann ich noch nicht mal irgendwas für sie tun. Aber sie ist doch meine Mama, ich kann da doch nicht einfach zu gucken, wie sie sich so kaputt macht – mich macht das schließlich auch kaputt.
Das kommt mir sehr bekannt vor. Auf der einen Seite die Wut auf sie, weil sie wieder gesoffen hat, mal wieder nicht ansprechbar, mal wieder ein Versprechen nicht eingehalten. Mal wieder das Gefühl allein gelassen zu werden und wie einen das ankotzt und runterzieht. Auf der anderen Seite die Angst um sie und die Hoffnung darauf meine Mutter vielleicht irgendwann wieder zu bekommen. Die taffe, intelligente, humor- und liebevolle Frau die ich von früher kannte. Allein bei der Erinnerung stehen mir die Tränen in den Augen, obwohl sie auch da schon getrunken hat. Etwas das bei mir auch Fragen aufgeworfen hat, in wie weit meine Erinnerung verzerrt und selektiv ist. Ebenso wie ich die Angst kenne auch die letzte Hoffnung noch zu verlieren, die kleine Chance das sich was ändert, dass ich wieder eine Mutter bekomme.
Fakt ist ich konnte meiner Mutter nicht helfen, ebenso wenig wie Du Deiner helfen kannst. Helfen kann sich der Alkoholiker nur selbst.
Ich habe nicht nur den Alkohol und seine Auswirkungen auf mich, sie selbst und andere bei meiner Mutter gesehen, sondern auch das Elend das bei ihr dahinter stand. Ihre Not, wie sie es auf der einen Seite verabscheut hat so zu leben, abhängig, einsam, seelisch verwahrlost und wie sie auf der anderen Seite einen Weg daraus gesucht und nicht gefunden hat. Sie hatte ihre Probleme mit sich und dem Leben und hier war sicherlich auch der Auslöser ihrer Sucht zu suchen. Einige habe ich verstanden, andere wieder nicht. Ich habe sie immer als hilfloses Opfer gesehen, jemand der so gerne anders wollte, den aber die Lebensumstände daran gehindert haben, es anders zu machen. Doch dem war nicht so.
Egal was im Leben so kommt, es gibt keine Gründe zu saufen. Was ich lange Zeit nicht gesehen habe, war das meine Mutter nicht hilflos war. Sie wusste wie sie Hilfe bekommen kann und wenn ich Deine Zeilen richtig verstehe, weiß Deine Mutter das auch. Meine Mutter hat einige Anläufe genommen, Entgiftungen, SHG, ambulante und stationäre Therapien. Wenn sie ohne Alkohol, ohne Betäubung hätte leben wollen, hätte sie dort genug Möglichkeiten gefunden, die ihr dabei hätten helfen können. Sie hat diese Hilfsangebote nicht genutzt, sondern den Alkohol gewählt. Sie konnte also sehr wohl, aber, aus welchen Gründen auch immer, wollte sie nicht ohne den Alkohol leben.
Es war sehr schmerzhaft, dass einzusehen, es nicht nur zu hören, sondern auch in vollem Umfang zu begreifen. Ich wollte eine Mutter ohne Alkohol, aber sie wollte nicht ohne ihn leben.
Ich weiß wie schwer es ist, daneben zu stehen und sich selbst eingestehen zu müssen, an die eigene Grenze des Machbaren gestoßen zu sein. Sich selbst eingestehen zu müssen hier vollkommen hilf- und machtlos zu sein. Denn das ist es was ich war und was Du bist. Ich weiß wie schwer es ist mit dieser Angst umzugehen und sie nicht das eigene Leben bestimmen zu lassen. Die Gefahr einen geliebten Menschen zu verlieren besteht immer, dass können wir nicht verhindern. Sicherlich ist es schwerer, damit umzugehen, wenn wir die „Lösung“ sehen, nichts trinken, aber es ändert nichts daran, dass wir es nicht in der Hand haben.
Deine Mutter ist erwachsen, sie kann für sich selbst sorgen und wenn sie trocken werden will, dann kann sie sich auch Hilfe besorgen. Wenn sie trinken will, wird sie trinken, Du kannst es nicht ändern. Verschwende Dein Leben nicht damit darauf zu warten, dass Deine Mutter eventuell mal trocken wird. Leben Dein Leben, warte nicht auf etwas, von dem Du nicht weißt ob es jemals kommen wird.
Ich würde es positiv sehen, dass ihr demnächst räumlich weiter getrennt seid. Du hast mehr und besser Gelegenheit Dich auf Dich, Dein Leben, Deine Familie zu konzentrieren. Sie kann sich nicht mehr auf Dich stützen und sich damit weniger einreden dass alles in Ordnung ist. Vielleicht hilft das auch ihr zu erkennen, dass ihr Leben so nicht in Ordnung ist und sie möchte etwas ändern.
Deine Mutter ist groß, nicht hilflos wie Deine Kinder, sie kann für sich selbst sorgen. Sie ist für sich selbst verantwortlich. Entweder sie ist bereit diese Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen oder nicht. Es ist an ihr dafür zu sorgen, dass es ihr gut geht. Dabei kannst Du ihr nicht helfen.
Du bist es für die Du sorgen musst, denk an Dich und kümmere Dich um Dich und Deine Familie. Es ist an Dir für Dich zu sorgen, dass Du nicht auf der Strecke bleibst. Kümmere Dich um Dich, Deine Bedürfnisse, sorge dafür das es Dir gut geht. Daran ist nichts falsches und es ist nichts weswegen man sich schlecht fühlen müsste.
Gruß
Skye