Kindheit mit alkoholkrankem Elternteil

  • Hallo Ingo,

    zunächst einmal ein herzliches Willkommen hier im Forum.
    Auch ich bin erst kürzlich auf diese Seite gestoßen, weil ich einfach keinen anderen Weg mehr wußte, wohin mit all dem, was mich derzeit belastet. Freunde ? Gut und schön, aber sie wissen nicht wirklich, was einen beschäftigt, wie das Familienleben in einer Alkoholikerfamilie abläuft.
    Mein Vater ist auch Alkoholiker, seit ich denken kann. Peinlichkeiten gab es zuhauf - platze es doch an einem Elternabend aus ihm heraus: "So´n Scheiß braucht mein Kind nicht....", etc. Seitdem war meine Mutter nie wieder auf nem Elternabend. Von anderen drauf angesprochen warum nicht, schob ich immer meinen "kranken Bruder" vor.
    Wenn mein Vater von der Arbeit nach Hause kam, stellten wir Kinder brav sein Bier und sein Glas bereit. Hach, wie herrlich gut erzogen. Wenn meine Mutter sich nicht vehement dagegen gewehrt hätte, hätte er uns auch mit in die Kneipe geschleppt....Familientradition sozusagen, denn mein damals 4jähriger Cousin durfte stets mit zum Frühschoppen und den "Schaum abtrinken".

    Mein Vater ist im Herbst 2003 zusammengebrochen, kam per Krankenwagen ins KKH. Dort meinte man, es wäre nicht nur 5 vor 12, sondern schon 12 und meine Mutter sollte doch auf ihn einwirken. Mein Bruder meinte daraufhin nur, dass man genauso gut versuchen könnte nen Fels zum Christentum bekehren zu wollen.
    Seitdem ist sein Konsum stetig gewachsen...wußte gar nicht, dass da noch mehr möglich ist.
    Zudem kommt der Zigarettenkonsum, Tabletten, Magenbitter.....habe mich mal kürzlich hingesetzt....€ 9.500,00 im Jahr verbrät er auf diese Weise.

    Ich nehme mittlerweile gedanklichen Abstand zu diesem Elend, denn es ist nicht mein Leben, dass da den Bach hinunter geht. Meine Mutter macht schon Zukunftspläne ohne ihn...anstatt dass sie mal den Schritt wagt und geht *kopfschüttel*....nein, da möchte sie lieber die nächsten 5 oder 10 oder weiß nicht wie viele Jahre mit dem Schwein zusammenleben und dahin vegetieren. Es könnte so schön sein.....

    Ich habe nur den für mich wichtigen Schritt getan (der Kindsvater meiner Tochter ist ebenso Alkoholiker), dass ich mich damals von dem Idioten getrennt habe. Welch ein Leben ich meiner Tochter doch bieten könnte....genau der gleiche Sch... wie mein Leben.

    Streitereien waren die Tagesordnung, Kontrollen, Eifersuchtsanfälle seinerseits.....das geht sogar bis heute, dass er seinem 3 erwachsenen Kindern (30, 28 und 25) abverlangt, dass sie ihn um Erlaubnis fragen, ob sie zum Weihnachtsmarkt fahren wollen.
    Da greift man sich mal an den Kopf....

    Die Körperhygiene lässt bei meinem Vater auch sehr zu wünschen übrig. Die Zähne gleichen nur noch Ruinen....schwarz wie die Nacht und nicht mehr im Ganzen vorhanden. Wenn er den Mund aufmacht, möchte man flüchten. Es widert einen nur an.
    Vielleicht sollte ich ihn für meine Tochter als Abschreckungsbeispiel nutzen, wenn sie mal wieder ihre Zähne nicht putzen will *g* Scherz beiseite.
    Ich gehe mittlerweile halb ironisch mit der gesamten Problematik um, denn ändern kann ich es nicht.
    Ich kann nur meine Denkweise ändern...und die lautet mittlerweile "Soll er doch... . Aber mich kriegt er nicht klein."

    Ich verstehe bloß meine Mutter nicht. Sie sieht ihren einzigen Ausweg im Tod meines Vaters.

    Gut, ich war nicht so lange mit dem Vater meiner Tochter zusammen...was habe ich mir unser kleines Familienleben so schön vorgestellt....aber ich habe ja auch den Absprung geschafft....

    Naja, was soll´s.....c´est la vie ;)

  • Hallo Ingo,

    Dein Bericht hat mich - wie fast jeder Bericht hier - sehr betroffen gemacht. Ich stamme aus einer Alkoholikerfamilie, habe darüber aber im offenen Bereich der Alkoholiker geschrieben; denn im Gegensatz zu Dir bin ich dann irgendwann selbst abhängig geworden (das war dann letztlich die Vertuschung der Vergangenheit vor mir selbst).

    Dass man damit auch anders umgehen kann, habe ich soeben gelesen, und ich freue mich darüber.

    LG, Meni

  • Hier im Forum gab es ja schon desöfteren die Diskussion, ob es eine Extrarubik geben sollte für den Austausch von Kindern, die in Alkoholikerfamilien aufgewachsen sind. Ich würde es sehr begrüßen, denn auch ich sehe hier Gemeinsamkeiten, wenn ich das alles so lese.
    Und ich habe auch schon einige Geschichten gelesen, würde auch gerne Jugendlichen hier im Forum, die sich zur Zeit in einer solchen Situation befinden weiterhelfen.
    In dieser Rubrik Co-Abhängige finde ich, dass diese Thematik ein bißcehn untergeht. Dafür ist das Thema Co_Abhängigkeit für sich einfach schon zu wichtig. Sicher haben wir auch in unserer Familie mit dem in der Regel Co-Abhängigen Partner ja zu tun , sei es die Mutter oder der Vater. Aber als Kind sieht man die DInge doch ganz anders und ist auch gefühlsmäßig anders involviert als die Mutter oder der Vater.
    Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätten sich meine Eltern auch viel früher getrennt. Ich habe so sehr auf meien Mutter eingeredet, als ich ungefähr 13 war. Ebenso meine beiden älteren Schwestern. Aber meine mutter war so schwach und abhängig von meinem Vater, dass sie es nciht konnte. Sie war irgendwie von Sinnen. Ebenso wie meine Vater mit seinem Alkohol, nur eben auf eine andere Art undWeise.
    Auch wir sind als Kinder ganz anders mit dem Alkohol in Kontakt gekommen wie andere Kinder. Auch ich kenne Kneipenbesuche, Schaum abtrinken, Saufpartys an denen ich bedenkenlos teilnehmen durfte. Nicht nur ALkohol. Auf diesen Partys wurden mir im Alter von 11 Jahren bereits Zigaretten von den betrunkenen Nachbarn angeboten. Unverantwortlich.
    Man war irgendwie sehr früh gezwungen die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen , wenn man nicht vor die Hunde gehen wollte.
    Und in der schule gab es dann ein weiteres Problem- der Drogenkonsum der Mitschüler. Wie von einer Mauer umgeben habe ich mich vor all diesen Dingen ferngehalten. Alkohol habe ich zwar heir und da schon früh getrunken. Aber bei anderen Mitschülern beispielsweise , die in 'normalen' Familien aufwuchsen sind diese Saufereien viel mehr ausgeartet als bei mir. Ich denke, dass ich durch das abschreckende Beispiel meines Vaters ganz anders mit Alkohol umgehe als andere. Und ähnliches schreibst du ja auch. Auch meine Toleranzgrenze gegenüber Alkoholkranken oder Drogensüchtigen ist sehr niedrig. Ich kann nciht dagen, dass ich ejtzt alel Menschen , die solch ein Problem haben hasse, aber ich gehe viel bewußter damit um. Sobald ich sowas merke spreche ich jemanden drauf an und zwar ziemlcih rücksichtslos, manchmal provozierend. Jemand, der mir weißmachen will, dass er kein Alkoholpropblem hat, dem stell ich ganz offen ne Flasche Wodka zum Frühstück hin und gucke mir an, wie er da drum herum schwänzelt. Tja, welcher Nichtabhängige würde auf die Idee kommen , nen Wodka zum Frühstück zu trinken.
    oder taucht da plötzlcih so ein versteckter Flachmann auf , dann ruf ich schonmal : Ei, was haben wir denn da.
    Ich kenne auch dieses Gefühl von Hass und Hilflosigkeit, Ohnmacht, dass man als Kind erlebt hat. Die Mutter beschützen wollen , sich verantwortlich zu fühlen für die Mutter. Also nicht für den trinkenden Vater, sondern für die Mutter, die sich nicht wehren kann. Man hat es ja schließlich doch als Kind mit 2 Abhängigen zu tun. Und möglciherweise ist dadruch in mir der starke Wunsch gewachsen möglcih unabhängig von irgendwas in meinem Leben zu sein. Selbständigkeit und Unabhängigkeit in jeder Hinsicht waren immer eines meiner ersten Ziele.
    Was ich erst spät begriffen hatte, war es, dass es sich ja doch um eine Krankheit handelt. Als Kind geht man immer davon aus, dass doch die Eltern eigentlich perfekt und vorbildlich sein sollten. baer das waren sie nicht. Und als Kind hatte man keine Möglcihkeit etwas dagegen zu tun außer sich zurück zu ziehen und eine Art Gleichgültigkeit zu entwickeln, eien dicke Schutzmauer von Unantastbarkeit um sich herum aufzubauen.
    Man hat sich seiner Mutter gewissermaßen überlegen gefühlt, die ja der Wahrheit nicht ins Gesicht blicken wollte. Und dennoch war man machtlos.
    irgendwann, als ich 15 war habe ich meinen Vater einmal direkt ins Gesicht geschlagen. Er wollte mir irgendetwas vorschreiben und ich habe ihn aus meinem Zimmer verwiesen, ichh atte keinen Respekt mehr vor ihm. An diesen Moment kann ich mcih noch am besten erinnern. Er war ziemlich erstaunt und ich auch über mcih selbst. Und dann ist er hilflos abgedackelt. Er konnte sich mir nciht mehr zur Wehr setzen, war mir schon körperlich unterlegen. Das war ein absoluter Triumph für mich damals. Heute ist er trocken und er hat sich meinen respekt wieder verdient. Ich weiß, wenn man drin steckt in der Situation ist alles nur emotionsgeladen. Aber heute denke ich, dass jeder Mensch auch eine gewisse Würde hat. Ich würde niemanden , der alkoholkrank ist als 'Schwein' bezeichnen. Auch der Straßenpenenr auf der Straße und der Junkie an der Ecke sind für mich - armseelige- Menschen. Das darf man nie vergessen. Jeder, der sowas druchgemacht hat sollte dennoch versuchen zu verstehen, dass diese Menschen ihre eigene Geschichte haben, für die sie auch nichts können, oftmals sehr zerbrechliche Menschen sind. ich bin auch nicht der Meinung, dass Alkoholismus vererbbar ist, sondern wenn sowas in der Familie passiert, dann deshalb weil es einem vorgelebt wird und Alkohol irgendwie kein Tabuthema ist. Entweder schafft man es selber zu sagen, dass das einTeufelszeug ist oder man geht auch verloren.
    Allen Co-Alkoholikern kann ich nur raten so schnell wie möglcih ihre Augen zu öffnen und auch sofern sie Kinder haben , mal an die Kinder denken. Ich weiß nciht, ob mein Leben besser gewesen wäre, aber ich weiß,dass ich sehr gelitten habe als Kind, kein kindgerechts Leben geführt habe. Klar hat so ein alkoholkranker Vater auch seine guten Seiten gehabt. Auch das schrieben hier ja viele Co-Abhängige über ihre Ehemänner. Unser Vater hat besonders als wir sehr klein waren sehr viel mit uns gespielt, Schlitten gefahren, Ausflüge gemacht. Ist ja auch kein Wunder - er war ja gewisserweise selbst noch ein Kind.

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