Alkoholismus - welche Schritte einleiten?

  • Zitat von Andrea

    Diese Vergesslichkeit ist grausam. Kann sich das irgendwann wieder regenerieren??

    Hallo Andrea...

    ... erstmal schön, dass Du hierher gefunden hast... Du wirst hier eine Menge zu lesen haben und kannst Dich hier völlig offen mitteilen.

    Ich hatte auch starke Vergesslichkeits-Phasen während meiner nassen Zeit, und ich war überrascht, wie schnell ich wieder so viele Dinge behalten konnte. Auch meine zeitweise Orientierunslosigkeit habe ich wieder völlig im Griff.

    Du weißt ja hoffentlich, dass das Entgiften ALLEINE höchst gefährlich ist, oder? Bist Du denn jetzt trocken? Hast Du Leute, mit denen Du offen über Deine Krankheit sprechen kannst? Das geht aus Deinem Geschriebenen nicht so hervor...

    Wenn Du krankenversichert bist - kannst Du IMMER, nachdem Du eine Überweisung von Deinem Hausarzt hast, eine Entgiftung machen und danach eine Therapie beantragen. Das ist Dein Recht. Ich war auch einige Jahre nicht versichert (...), nach einem 1/2 Jahr Zugehörigkeit bei der RV/Krankenkasse habe ich diese Schritte unternommen.

    Grundsätzlich: alleine wirst Du das nicht schaffen. Der erste Schritt ist das Forum hier - das ist gut. Aber es wird weitergehen bei Dir. Wenn Du willst.

    Ich wünsche Dir viel Kraft für Deinen weiteren Weg...

    Alles wird gut
    8) Frank

  • Servus Andrea,

    ja, bei manchem dauert es lange, bis der Leidensdruck gross genug ist, etwas gegen die tückische Krankheit zu unternehmen.
    Du hast bereits festgestellt, dass Du ohne Alkohol nicht leben kannst - die "Restmenge" bleibt...

    So, nun mal der Reihe nach, leider ohne Samthandschuhe:

    1.) Dein Argument, Du könntest keine Therapie machen, stimmt nicht und ist nur vorgeschoben. Du bist mit diesem Ausweichverhalten nicht alleine, sehr viele Alkoholkranke stellen sich da erst mal stur. Wer gibt schon gerne (vor allem vor sich selbst) zu, dass er/sie alkoholkrank ist.
    2.) Besprich Dich unbedingt mit einem Arzt Deines Vertrauens - nach entsprechenden Untersuchungen könnt ihr dann gemeinsam festlegen, welche Massnahmen (siehe 3.) der Therapie für Dich greifen könnten.
    3.) Es muss nicht immer die "klassische" Langzeittherapie in einer geschlossenen Einrichtung sein. Ich bin zwar ein Befürworter dieser Methode, aber das tut hier nichts zur Sache - es kommt auf Dich und Deine Umstände an. Und da gibt es (um nur einige aufzuzählen) viele Möglichkeiten: dieses Forum hier, ambulante Therapien, Tageskliniken, Einzel- oder Gruppengespräche unter therapeutischer Leitung, eine Vielzahl von "realen" Selbsthilfegruppen etc.
    4.) Je länger Du wartest, um 100% abstinent zu leben, um so mehr und schwerer schädigst Du Deinen Körper - ja, auch Dein Gehirn. Hier jedoch eine "Ferndiagnose" abzugeben, wäre Unsinn und verantwortungslos. Siehe 2.) - auch darüber kann Dich ein Facharzt aufklären. Fakt ist, dass sich viele Bereiche eines geschädigten Gehirns nicht "wieder herstellen" lassen, deren Aufgabe aber z.Teil von anderen Bereichen "mit übernommen" wird (um es mal ganz einfach auszudrücken). Das setzt aber voraus, dass eine weitere Schädigung unterbleibt!!!
    5.) Deine berufliche Situation lässt eine Therapie nicht zu? Gut, wie lange lässt sie denn Dein weiteres Saufen mit entsprechenden Ausfallserscheinungen noch zu?!? Glaub mir eines: diese "Gedächtnislücken" etc. werden mehr und stärker im Laufe der Zeit. Es ist schlichtweg nicht möglich, auf Dauer unter Alkoholeinfluss Leistung zu bringen - irgendwann "platzt die Seifenblase" und Dein Arbeitgeber wird sich von Dir trennen, weil Du im Berufsleben so nicht mehr tragbar sein wirst. Und was ist dann?!? So weit muss es aber nicht kommen. Du hast es in der Hand, wie es mit Dir weitergeht!
    Darüber hinaus muss Dein Arbeitgeber nichts von der Art Deiner Erkrankung erfahren - die ärztliche Verschwiegenheit greift auch hier. Auch während Langzeittherapien bist Du ganz offiziell nur "krank geschrieben", ohne Diagnose für den Arbeitgeber.

    So, und nun zum erfreulicheren Teil:
    Den ersten Schritt hast Du ja schon gemacht, indem Du Dich hier angemeldet hast. Mach weiter so! Suche Dir Hilfe, sprich mit Deinem Arzt, ändere Dein Leben - das "Leben" eines nassen Alkoholikers ist kein Leben, es ist die Hölle!
    Du wirst hier eine Menge Leute mit unheimlich vielen Erfahrungen im Forum treffen, die Dich darin bestärken können, dass sich ein Leben ohne Alkohol lohnt. Es ist für uns Alkoholiker auch die einzige Chance, überhaupt zu überleben. Jeder andere Weg führt über kurz oder lang zum vorzeitigen Ableben, weil unser Körper mit dieser dauernden Zufuhr des Zellgifts Alkohol einfach nicht leben kann.

    Also, nur Mut, es wird zwar ein langer Weg, aber es lohnt sich, ihn zu gehen!

    LG
    Spedi

  • Zitat von Andreah

    Habe heute auch noch einen Termin bei einer Suchtberatungsstelle ausgemacht. Mal schauen, welche Angebote es dort gibt.

    Hallo Andrea...

    ... Ich hoffe, dass das Gespräch dort gut war für Dich. Wenn Du Lust hast, kannst Du ja mal darüber schreiben, wie es ausgegangen ist, ja?

    Alles wird gut
    8) Frank

  • Servus Andrea,

    sorry, ich lasse nicht locker: warum erst in zwei Wochen? Nach Deinem Thread zu urteilen, trinkst Du momentan. Was liegt also näher, sich sofort in medizinische Behandlung zu begeben, um mit dem Trinken aufzuhören?
    Vielleicht sogar ganz "klassisch", 1.) Hausarzt - 2.) Entgiftung - 3.) weitere Massnahmen ?

    Lass mich raten: Du möchtest lieber auf den Termin bei der Suchtberatung warten.
    Warum? Weil Du die Hoffnung hast, das Gespräch dort könnte ergeben, "dass das Ganze ja noch nicht so schlimm ist", also quasi "Alkoholiker Erster Klasse", und dass manche der hier im Forum beschriebenen Massnahmen "noch nicht nötig" sind, oder gar, dass das "kontrollierte Trinken noch erlernbar" wäre?

    Vergiss es. Es wird nicht funktionieren, wenn Du so denken solltest (und darauf erwartet niemand eine Antwort von Dir - das kannst nur Du im "stillen Kämmerchen" mit Dir selbst ausmachen).

    Du willst wissen, wie es andere vor Dir geschafft haben? Viele haben ihre Wege hier im Forum beschrieben. Die Details mögen sich unterscheiden, die Prinzipien sind die exakt gleichen:

    - Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Tut weh, ist nicht schön, muss aber sein.
    - der Wille, sich selbst zu verändern (kommt nach und nach immer stärker, aber ein "Anfangsbestand" sollte da sein).
    - der bedingungslose Wunsch, ohne Alkohol leben zu dürfen.
    - eine große Portion Geduld, auch mit sich selbst (die wächst im Laufe der Jahre...manchmal aber auch seeeehr langsam...) :oops:

    Also, Du hast es in der Hand, wie Dein Leben weitergeht. Und Du hast jede Menge an Hilfsmitteln an der Hand, die Dich auf einem Weg in die Trockenheit unterstützen können. Nur "in die Hand nehmen" musst Du sie schon selber... :)

    Ich wünsche Dir viel Kraft und ein zufriedenes, trockenes Leben!

    LG
    Spedi

  • Zitat von Andrea

    Wie geht es Dir denn so? Magst du ein bischen was von Dir erzählen? Vielleicht, wie Du es geschafft hast aufzuhören?

    Hallo, liebe Andrea...

    ... mir geht es sehr gut - ja, eigentlich schon lange. Seit ich trocken bin? Naja, anfangs war es natürlich sehr schwer, wie bei Dir und allen anderen auch, klar! Aber mit zunehmender Zeit (die Zeit und die damit verbundene Geduld und Ausdauer ist ein wichtiger Faktor in der Abstinenz) habe ich gespürt - dass ich lebe. Das klingt theatralisch, aber ich spreche von meinem 2. Lebe.

    Eben weil ich alles sehr viel bewußter sehe. Und klar denken, handeln und mich darstellen kann, ohne mich zu verstecken... Ich lebe von Erkenntnissen - Andrea, das ist eine soooo wichtige Eigenschaft, die mich nach "vorne" gebracht hat. Zu erkennen, dass ich MICH nicht mehr belüge! Ganz wichtig. Ich saufe meine Probs nicht mehr weg, ich mache MIR (und letztlich meiner Umgebung) nichts mehr vor. Das heißt, ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, brauche nicht nach Ausreden zu suchen - ich fühle mich einfach "leichter", ohne die ätzende Belastung meiner angekrankten Seele...

    Ich glaube, das hat mich u.a. sehr bestärkt, den Alkohol als meinen Feind anzusehen. ER wird mich nicht mehr kaputt machen und mein Selbstwertgefühl angreifen - vernichten. NIE WIEDER!

    Tja, Andrea, ich weiß z.B., dass, wenn ich wieder anfangen würde zu trinken, ich meine Freundin, meine neue Umgebung (den alten Bekanntenkreis habe ich 100%ig "begraben") verlieren würde. Ich würde sträflicher Weise alles verlieren, was ich in der Trockenzeit "erarbeitet" habe. Ja, ich bin soweit, dass ich sage, ich schmeiße mein Leben weg, wenn ich rückfällig werde...

    So, liebe Andrea, jetzt habe ich ein wenig von mir erzählt, es gäbe da noch so viel zu sagen, aber ich möchte Dich nicht zutexten...

    Ich wünsche Dir viel Kraft weiterhin - darf ich vorsichtg fragen, wie es Dir so geht? Bist Du mit Dir einig? Also, sprichst Du zb mit Dir, lobst Du Dich, wägst Du Entscheidungen wohlgesonnen mir DIR ab?

    Alles Liebe - und

    Alles wird gut
    8) Frank

  • Servus Andrea,

    es freut mich, dass Du Dich nicht einfach sang- und klanglos "davon machst", sondern diesen unangenehmen Wahrheiten entgegentrittst. Das ist schon mal ein guter Ansatz!

    Carsten hat einen wichtigen Punkt gebracht:

    Zitat

    Aber unter dem Strich ist es egal denn es kommt nur auf dich an

    Andrea, es ist egal, ob Dir Deine Eltern "glauben" oder nicht. Viele Angehörige können mit der Thematik nicht / nur schlecht / nur sehr langsam umgehen. Lass das einfach mal so stehen, lass ihnen ihre "Meinung". Die ist im Moment nicht so wichtig.

    Schau, Du hast gemerkt, es geht nicht ohne Alkohol, und Deine "Selbstrettungsversuche" sind bisher auch alle gescheitert. Es belastet Dich, Du suchst nach einem Ausweg.

    Du kannst uns trockenen Alkoholikern ruhig glauben, der einzige Weg aus diesem tödlichen Dilemma ist die Abstinenz.
    Und wenn Du es aus "eigener Kraft" nicht schaffst, dann macht das gar nichts. Dafür gibt es die Hilfsangebote wie Entgiftung, Therapie (in vielen verschiedenen Formen), Selbsthilfegruppen ("real" und online), Beratungsstellen etc.

    Du hast Angst, was in einer Therapie so alles auf Dich zukommt. Diese Angst ist normal, kann Dir aber genommen werden. Es waren genügend Forumsmitglieder in solchen Therapien, lies Dich hier mal in Ruhe durch. Die meisten haben positive Erfahrungen damit gemacht.

    Und Deine Angst vor einem Arbeitsplatzverlust kann ich Dir hoffentlich auch nehmen: Tust Du nichts gegen Deine Alkoholsucht, wirst Du ihn auf jeden Fall verlieren. Und zwar recht schnell. Unternimmst Du was gegen Deine Sucht und verlierst den Arbeitsplatz trotzdem, ist das auch nicht das "Ende der Welt" - Du bist dann zumindest trocken und somit überhaupt in der Lage, Dich wo anders zu bewerben. Mit Alkohol geht das schon mal gar nicht gut.
    Und ich kann Dir aus eigener (positiver) Erfahrung sagen, dass bei einer Bewerbung (ich spiele da im Vorstellungsgespräch mit offenen Karten) kaum negative Resonanz kommt - im Gegenteil, ein Arbeitgeber kann durchaus einschätzen, dass jemand, der sich durch eine Sucht "durchgebissen" hat, extrem motiviert ist und eine gehörige Portion Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit hat. Beides Eigenschaften, die sehr geschätzt sind.
    Andrea, das heisst jetzt nicht, dass Du bei Deinem bisherigen Arbeitgeber "die Karten auf den Tisch" legen musst. Aber du kannst. Eventuell erleichtert es Dir auch den "Ausstieg" aus dem Alkohol - sei es, weil Dich Dein Arbeitgeber unterstützt, sei es, weil er Dich (mit anderer Begründung) rausschmeisst und Du im "Zugzwang" bist. Ob Du das tun willst, kannst nur Du entscheiden. Da gibt es keinen pauschalen Ratschlag.

    Also, gib' Dir den letzten "Ruck", sprich mit Deiner Ärztin, brich die Brücken zum Alkohol ab und zieh Dein Programm durch! Es kann nur besser werden!!!

    LG
    Spedi

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