Mein Name ist Verena.
Ich bin Alkoholikerin.
Heute trocken und clean.
Ich bin in Berlin geboren, so richtig verwöhnt aufgewachsen.
Ich habe zwei Geschwister, eine Schwester und einen Bruder, der leider nicht mehr lebt. Auch er hatte die Sucht entdeckt, trank, nahm Tabletten; wie es damals passierte, weiß ich nicht genau. Nur der Anruf, er sei tot.
Unsere Familie hatte schöne Zeiten miteinander, die aber immer seltener wurden.
Eben auseinander gelebt, jeder machte sein eigenes Ding.
Mit der Sucht hat es bei mir sehr früh angefangen. Wenn Feste waren, Geburtstage, dann hat die kleine Verena das ganz toll gefunden, die Neigen zu nippen.
Später, so mit ca 17, fing es richtig an; ich ging zu unserem Hausarzt und sagte, ich habe Herzschmerzen. Die hatte ich wirklich.
Ich wurde untersucht, vollkommen auf den Kopf gestellt, und man fand NICHTS.
Also bekam ich vom Arzt Beruhigungsmittel verschrieben.
Tja, diese kleinen blauen Pillen hatten eine große Wirkung:
Ich fühlte mich frei, ich hatte keine Hemmungen mehr, vor allen Dingen keine Ängste und Panik.
Im Laufe der nächsten Jahre nahm ich abwechselnd Alkohol und Tabletten, später beides zusammen.
Ich wurde Alkoholikerin und Tablettenabhängige.
Ich ahnte es, wollte es nicht wahrhaben, kaufte Bücher und las drüber, sagte mir immer, ich könne jederzeit damit aufhören.
Ich quälte mich durchs Leben, ging arbeiten, machte Überstunden, natürlich mit Tabletten, und abends dann der Alkohol. Körperlich und seelisch auf dem Abstieg.
Irgendwann ging ich wieder zum Arzt und sagte: Ich kann nicht mehr !!!
Dann kam der erste Entzug. Es sollten noch einige folgen.
Ich habe dann im März 2002 eine Langzeit gemacht und den Micha wiedergetroffen. Wir haben 10 Jahre davor gemeinsam in einer Firma über einen langen Zeitraum gearbeitet. Heute sage ich dazu, das war und ist ein Geschenk des Himmels für mich gewesen.
Wir sind gleich nach der Langzeit zusammengezogen, sind heute verheiratet.
Micha hatte bereits Erfahrungen mit meetings gemacht und wollte mich natürlich dort mithin schleppen, aber es sollte noch ca. 1 Jahr dauern, ehe ich mal " mitging".
Und wirklich, ich bin ehrlich, erst nur für ihn; jetzt und HEUTE weiß und fühle ich, OHNE meetings, ohne die Menschen, die auch mit der Sucht leben, geht es nicht.
Ich brauche den Austausch, denn kein Nichtsüchtiger kann meine Gedanken und Gefühle nachvollziehen, mir nicht helfen, trocken und clean zu bleiben.
Die Anonymen-Alkoholiker habe ich online kennenlernen dürfen, dafür danke ich einem Menschen ganz besonders!
Der Satz: "Wenn du aufhörst zu kämpfen, hast du eine Chance zu gewinnen", ist für mich ganz wichtig geworden.
Ich lese AA Literatur und vieles über Sucht, bin immer noch ein kopflastiger Mensch, jedoch lerne ich jeden Tag aufs Neue dazu.
Ich habe viele Freunde im Netz und auch in den realen meetings kennenlernen dürfen, zu denen ich nun immer mehr Vertrauen gefasst habe.
Anfangs habe ich mich gescheut, sie anzurufen, und sie riefen an; meist war es dann schon zu spät.
HEUTE rufe ich SIE an, weil das Reden hilft, wenn’s mir schlecht geht, wenn’s mir zu gut geht und auch, wenn’s mir danach ist.
Ich kann diese Hilfe annehmen, was ich lange nicht konnte, denn ich bin so leistungsbezogen aufgewachsen, dass ich, die starke Verena, doch nicht zugeben kann, dass sie Hilfe braucht.
Wie oft höre ich in den meetings, Verena,
wenn du erst mal eine Weile trocken und clean bist, wird es besser, milder und so weiter.
Trotzdem denke ich, dass Beides für mich wichtig ist und bleiben wird.
Ich habe Probleme damit, meine Maske fallen zu lassen, auch eben im meeting, das, was mich wirklich belastet so auszudrücken, indem es mir hilft und die Freunde es verstehen können.
Das alles ist ein Lernprozess, der mich durch mein Leben begleiten wird.
Für mich ist wichtig geworden, morgens aufzustehen und mich darüber zu freuen, ja dankbar zu sein, dass ich gestern trocken und clean war, und es für HEUTE wieder sein möchte.
Ich habe immer nur die Kraft, die Schlacht eines Tages zu schlagen.
Eines Tages werde ich auch wieder Kontakt zu meiner Familie haben;
ich glaube fest daran, denn der Glaube ist für mich sehr wichtig.
Mein Glaube hat nichts mit der Kirche zu tun. Ich glaube an eine Höhere Macht, die mich hat ein Einsehen haben lassen, für Heute vor der Macht des Alkohols zu kapitulieren.
Irgendjemand hat mich getragen, als ich selber nicht mehr laufen konnte - daran glaube ich.
Ich habe viel Positives und auch Negatives in meetings und online meetings erleben dürfen; manches habe ich einfach noch nicht verkraftet und es ist auch heute noch so: ich bin oft empfindlich wie eine Prinzessin.
Im Gegenzug habe ich aber auch ganz tolle und wunderbare Menschen kennengelernt, die mich heute begleiten, die mir Kraft, Erfahrung und Hoffnung geben.
Viele sagen, hey Verena, du brauchst nun erst einmal deine beiden Hände nur für dich!
Aber ich bin nun mal ein Mensch, der schon früher " helfen" wollte und habe immer, wenn jemand neu in die Gemeinschaft kam, ob real
oder online, meine beiden Hände gereicht; jedoch übertreibe ich es
manchmal, und das bekommt mir selten gut.
Auch das lerne ich noch, ich weiß es einfach, ich glaube es.
habt gute 24 Stunden
herzlichst
Verena