Hallo Mia,
mit Tischen kann man vieles machen. Sie zum Beispiel abschleifen und neu lackieren. Oder sie umstellen. Oder eine Vase mit Sonnenblumen darauf stellen.
Auf den Tisch hauen stelle ich mir sehr anstrengend vor und die Hürde, es vermeintlich tun zu müssen, bevor das eigentliche Leben beginnen kann, wirkt lähmend.
Als ich damals gegangen bin, hatte ich einfach gar keine Kraft mehr, da stellte sich die Frage nach dem auf den Tisch hauen nicht. Ich habe den Kontakt einschlafen lassen. Keine Anrufe mehr, Besuche auch nicht, irgendwann die Postkartenschreiberei zu Geburtstagen und Weihnachten eingestellt. Der Prozeß ging über fünf Jahre. Ich hatte lange das schmerzhafte Gefühl, als zögen dünne Metalldrähte wie Marionettenstrippen an mir, obwohl ich die Marionettenspieler fern von mir wußte.
Das war keine einfache Zeit. Denn erschien mir so unnatürlich, es fühlte sich so verkehrt an. Ich weiß noch, wie mir noch viel früher als Jugendliche einmal aufgefallen ist, daß die allermeisten Klassenkameraden nur weg wollten von den "Alten" zuhause, nix wie raus wollten. Und ich dagegen sehnte mich nur nach einem: einem liebevollen Elternhaus. Ich wollte nicht weg, im Gegenteil, ich wollte endlich einmal wirklich heimkommen können und Eltern haben. Und nicht diese kranke Konstruktion.
Ich bin gegangen ohne auf den Tisch zu hauen, dafür hätte ich gar keine Kraft mehr gehabt, ich war fertig. Ich habe dann angefangen, für mich zu sorgen, mich um mich zu kümmern. Habe endlos Bücher gelesen, meine Interessen entwickelt, meine Hobbies erobert, habe Therapie gemacht usw. usw. Habe die Kraft für mich genommen. Ein zäher, schmerzhafter Prozeß voller Ängste, Zweifel, Übersprungshandlungen. Sicher habe ich nicht immer gute Entscheidungen getroffen. Mit der Zeit ist das Vertrauen und die Selbstverständlichkeit gewachsen, daß es in Ordnung ist, mich um mich und nicht um die Eltern zu kümmern.
Es war nicht wichtig, daß die Eltern wissen, wie es mir ging. Klar wäre es schön gewesen, wenn es sie interessiert hätte. Wichtig war, daß ich kapiert habe, daß ICH zuständig bin für mich und niemand anderes. Denn da lag bei mir die Täuschung. Lange noch als Erwachsene hatte ich diesen nie gestillten Hunger in mir, daß die Eltern zuständig sind für mein Wohl und Glück. Sind sie aber nicht mehr. Ich bin ja über 18 und putzmunter. Das war ein schmerzhaftes Aufwachen, da lag nämlich die Ent - Täuschung: Nicht ich wurde enttäuscht, sondern ich unterlag lange der Täuschung der von mir selber falsch zugeordneten Verantwortlichkeiten.
Neulich hatte ich ein Aha-Erlebnis, jemand sagte so ungefähr zu mir: Geh raus und plücke dir eine Blume. Das habe ich gemacht...
Lieber Gruß, Linde