Lieber Manfred,
schön, daß du dich gemeldet hast. Und vor allem, daß es dir bissel besser geht. Bei den Alkoholikern schreiben sie in den Threads oft vom persönlichen Tiefpunkt. Wenn dieser erreicht ist, dann nimmt der eine jede Hilfe an, nur damit er nicht länger trinken muß. Und langsam aber sicher nimmt er sein Leben in die Hand. Und ein anderer bleibt an seinem persönlichen Tiefpunkt unten liegen, säuft weiter, und vegetiert vor sich hin bis zum Ende.
Ich habe mich mal gefragt, ob es bei uns EK auch sowas wie einen persönlichen Tiefpunkt gibt. Und ich habe die Frage mit Ja beantwortet. Bei mir war es so. Tiefste Depression über mehrere Jahre, mal mehr mal weniger tief. Schwarze Gedanken, alles grau in grau. Suchtstruktur. Völliger Rückzug. Nur noch funktionieren in der Öffentlichkeit, daheim nur noch dahinvegetieren. Einstellen der einfachsten Tätigkeiten wie duschen, kochen, aufräumen.
Und nur noch weinen. Und ab und zu wüten. Und auch mal böse auf die anderen sein, die sooo glücklich sind. Selbstmordphantasien stundenlang, tagelang, wochenlang. Der persönliche Tiefpunkt war erreicht. Und dann nahm ich alles an, was sich bot. Ich fragte um Hilfe. Ich nahm Antidepressiva. Nahm wieder Therapiestunden. Nur nicht weiter auf dem Boden rumkriechen...
Selbstmordphantasien kamen bei mir daher, daß mir mein Leben aus der Hand geglitten war. Ich konnte mir nicht vorstellen, mein Leben in die Hände zu nehmen und zu leben. Einfacher war es mir vorzustellen, es zu beenden! Ein irrationaler Versuch, wieder handlungsfähig zu werden. Handeln ja, aber nicht Richtung "Leben leben", sondern Richtung "Leben beenden".
Zitat
Meine Freundin, die an Alkohol und Bulimie verstorben ist, sprach immer von Rückfällen. Das passt bei mir oft auch. In einem Moment fühle ich mich schon sehr weit genesen und stark und frage mich, was denn eigentlich so schlimm ist und dann passiert es wieder. Die alten Narben schmerzen, die Depression und Angst ist wieder schlimm und ich denke, es hört nie auf usw. Und danach schäme ich mich. Das hat mich schon immer fasziniert, diese Scham danach. Wie bei manchem Alkoholikern. Mir ist es dann den Freunden gegenüber, die ES mitbekommen haben, saupeinlich, wie ich drauf war.
Aber mir hilft es, es als Behinderung anzusehen. Ich muss mich so nicht immer so abstrampeln, damit ich mich bloß als gesund empfinde. Nein, bin ich nicht und werde ich wohl auch nie sein. Macht auch nichts,-- eigentlich. Einschränkungen sind da und ich lerne und lerne und lerne, damit und danach zu leben.
Und es gibt ja wirklich Krücken.
Ich freue mich für dich, daß du eine Krücke bereit bist anzunehmen, die Medikamente. Ich habe dir ja schon geschrieben, daß ich da auch ultraskeptisch und vorsichtig bin. Aber wie gesagt, ich habe sie paar Monate genommen, es war ein leichtes Antidepressivum, die eine kleine Nebenwirkung nahm ich in Kauf (Müdigkeit). Die Grübeleien hörten nach wenigen Tagen auf. Und ich war wieder zugänglich für Gesprächstherapie. Und vor allem: ich konnte wiede meinen Notfallkoffer auspacken und Dinge tun, die mir gut taten und mich stabilisierten. Ich wurde langsam wieder handlungsfähig.
Es tut mir sehr leid, daß du deine Freundin verloren hast. Wie schlimm das für dich gewesen sein muß kann ich mir gar nicht vorstellen.
Ich habe in meinem Leben schon so viele Schmerzen erlitten. Ich möchte keine Schmerzen mehr haben. Deswegen gehe ich beim leisesten Schmerz zur Zahnärztin und lasse mir immer Spritzen geben. Und ansonsten lebe ich gesund, damit ich nicht krank werde.
Schmerzen vorbeugen bzw. lindern, das geht. Aber Leid verhindern? Ich glaube nicht, daß wir das Leid aus unserem Leben heraushalten können. Das Leid kommt, will gelebt und erlitten werden, und dann geht es wieder. Es ist in der Welt, damit wir daran wachsen können. Weil immer was geht!
Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn ich nicht durch die Hölle des Leids gegangen wäre. Und heute bin ich froh, daß ich so tief fühlen kann. Genau so leidensfähig wie ich bin, bin ich auch liebensfähig, genußfähig, freu-fähig (das Wort gibt's nicht, grins). Ich bin lebendig, weil ich beide Pole des Lebens leben kann.
Ich drück dich.
Liebe Grüße von Linde