Hallo Manfred.
Mir tut der 'Briefwechsel' mit dir auch gut. Es ist nicht dieses Hin-und Her im Minutentakt, das manche hier pflegen. Das hat zu gegebener Zeit auch etwas für sich. Ich schätze an unserem Austausch diesen ruhigen Fluß der Gedanken.
Mir ist auch aufgefallen, daß ich zwar noch immer viel in anderen Threads lese, aber ich hupse nicht mehr auf alles an. Es kehrt Ruhe ein. Du hast recht, wenn du sagst, daß die Geschichten hier zum Teil richtig aufwühlen und an die eigenen alten Erlebnisse erinnern. Es ist wie eine Zeitreise: ich kann mich in den verschiedensten Alters- und Reifestufen wiedererkennen. Und manchmal möchte ich "eingreifen", weiß aber, daß jeder seinen Weg gehen muß. Das Überspringen von Entwicklungsschritten ist wohl Utopie. Es geht nicht, jemanden durch Worte zu einer Einsicht hinzubringen, wenn er sie nicht bzw. noch nicht aus sich selbst heraus leben kann.
Gestern abend ging ich früh ins Bett, schlief bis etwa 24 Uhr, wachte auf und konnte nicht mehr einschlafen. Dann setzte ich mich an den Computer, die Katze kam auf den Schoß gesprungen, so kann man es aushalten... Als ich dann um halb drei ungefähr ins Bett ging, war an Schlaf nicht mehr zu denken. Bis halb 5 döste ich so vor mich hin. Ging mir aber gut dabei.
Deine Lichtblickoma, blieb sie dann für immer im Heim, oder kam sie wieder? Mich hat deine Geschichte gerührt. Wie einfach ist es, ein kleines Kind aufzufangen, zu trösten... und wie sehr haben sie versagt. Dein Verhalten als Masche oder Einbildung abzutun ist einfach. Der schwierigere Weg wäre gewesen mal hinzuschauen, was du WIRKLICH brauchst, was wirklich los ist. Aber das konnten sie nicht. Es gab ja etwas Wichtigeres als dich.
Ich bin auch raus, so oft ich nur konnte. In den Ställen, im Wald, im Garten - überall fühlte ich mich wohler und sicherer als im Elternhaus. Ich erinnere mich, daß ich eines nachts einfach mal losgegangen bin. Ich muß so etwa 16, 17 gewesen sein. Es war Nacht, Winter, es lag 10 cm Schnee. Ich bin einfach losgegangen, querfeldein, immer Richtung Norden, parallel zu meinem großen Fluß. Etwa 5 km weit bin ich gekommen. Dann "erwachte" ich. Ich hatte ja kein Ziel. Kein Gepäck. Kein Geld. Ich stapfte zur nächsten Straße und trampte heim. Da erst bekam ich Angst, bei dem wildfremden Mann im Auto. In der Natur habe ich nie Angst. Was diesem Ereignis vorangegangen ist, hat mein Gehirn gelöscht. Mir fehlen deshalb sehr viele Zeiten.
Ich fühlte mich absolut allein, ohnmächtig, in der Situation gefangen. Wo sollte ich hin? Meine Hilferufe hat niemand richtig als solche gedeutet. Wenn ich bei dir lese, wenn ich dir das hier schreibe, dann denke ich an diese unglaublich langen Zeiträume! Eigentlich ist es ein Wunder, daß wir noch da sind. Wir waren jahrelang diesen Traumatisierungen ausgesetzt.
Aber inzwischen denke ich, daß "ICH" mehr da bin, als ich es je hätte sein können, wenn ich eine behütete Kindheit gehabt hätte. Etwas in mir wollte überleben und hat dafür ALLE Möglichkeiten aus mir herausgekitzelt. Find ich gut. Auf das Riesenrepertoire kann ich heute zurückgreifen.
Wie bist du heute nacht damit umgegangen? Ich schreib Träume immer auf. Ein Blatt Papier liegt immer neben dem Bett. Wenn ich wach genug bin versuche ich mich an einer Deutung. Oder ich stehe auf, Licht an. Kakao trinken, irgendsowas.
Mir geht's bissel besser als gestern.
Liebe Grüße, Linde