Hallo Wolkenbruch,
guten Morgen.
Ich bin auch EKA und habe viele Jahre den Kontakt zu meinen Eltern ruhen lassen. So hat es sich für mich angefühlt. Kontaktabbruch fühlt sich als Wort schon nicht machbar an. Ich habe damals etwa 25 km entfernt gewohnt, gearbeitet. Also kilometermäßig keine unüberwindliche Distanz. Aber ich habe den Kontakt einschlafen lassen. Anders wäre ich kaputt gegangen.
Mit dem räumlichen Abstand zu ihnen kam die Annäherung an mich. Und über die Jahre sowas wie Frieden. Schwer zu erklären. Irgendwann war einfach was das Thema anbetrifft mehr Ruhe und auch Gelassenheit in mir drin. Ich habe in meinem eigenen Leben Fuß fassen können, unbeeinflußt von dem destruktivem Herkunfsumfeld. Wirklich besser ging es mir erst, als ich in diesen Jahren ohne jeglichen Kontakt, nicht einfach nur meine aufgewühlten Gefühle ausgehalten habe, sondern als ich angefangen habe aktiv zu werden. Also meine Weihnachten zu feiern, meine Aktivitäten zu machen, meine Leute zu treffen.
Ich weiß aber noch sehr genau, wie schrecklich diese bedeutungsschwangeren Tage waren wie Weihnachten und Geburtstage. Es ist ja auch nicht 'normal', daß man als Kind Abstand zu den Eltern hält und an Familienfesttagen fällt das um so mehr auf. Dieser Spagat ist schmerzhaft.
Ich habe sehr getrauert. Getrauert um das was war und zum Ruhen des Kontaktes geführt hat, aber auch um das was hätte sein können. Im Verhältnis zu den Eltern (ich schreibe nicht 'mit', fällt mir gerade auf), gab es bei mir über Jahrzehnte keine Leichtigkeit und Unbefangenheit, keine Lebendigkeit, keine Freude. Da war nämlich immer der Elefant im Raum. Und das war irgendwann für mich unmöglich, auch nur eine Sekunde länger zu ertragen. Also Abstand.
Und damit Nähe zu mir. Es hat Jahre gedauert. Ich lese deinen Text und denke, weia. So viel Weg. Aber schau mal, wie lange ich EKA schon hier bin, 14 Jahre im Forum. Der Weg ändert sich nämlich stetig: Fluchtweg, Ausweg, Schleichweg, Sackgasse, Umweg, Irrweg, Fernstraße, Autobahn, Waldweg, Sandweg durch die Dünen..... und irgendwann einfach mein Weg.
Meine Eltern sind jetzt in ihren 80. Mein Vater treibt mich/uns alle manchmal in den Wahnsinn - wenn man sich drauf einläßt. Tun wir aber nicht. Die alten Muster weden registriert, erkannt, drüber geredet und weitergegangen. Meine Mutter hat vor wenigen Jahren erst aufhören können mit dem Trinken. Die ist einfach nur lieb jetzt und ich genieße die letzte Zeit mit ihr. Sie kann jetzt eine Mutter sein, was sie Jahrzehnte nie konnte. Auch für sie ist es ihr Weg.
In mir ist nach all den Jahren Ruhe. Nur manchmal gibt es Situationen, wo ich sehr aufgewühlt bin. Manchmal erkenne ich bei einem Anlaß, der eigentlich 'nichts' mit früher zu tun hat den Zusammenhang und das holt mich von den Beinen. Dann trauere ich um heute, um damals und um das was nie hatte sein dürfen. Das geht sehr an die Substanz, weil ich es zulasse. Und ich lasse es zu, weil es reinigend und klärend ist. Da bin ich bei deinem Usernamen, dem Wolkenbruch. Manchmal ist das so. Und danach wieder anders.
LG, Linde