Meine liebe Backmaus - und natürlich auch alle anderen
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ja, du hast völlig Recht, ich halte mich schon wieder ziemlich zurück mit dem Schreiben, aber ich bin tatsächlich täglich hier, oftmals nur kurz, um die neuesten Beiträge zu überfliegen.
Ich weiß selber nicht so genau, warum ich euch nicht einfach erzähle, was ich so erlebe und wie es mir geht. Früher war es für mich ja auch ok, einfach nur mal kurz "Hallo" in die Runde zu werfen, hier und da ein Pläuschchen zu halten und notfalls einfach später noch einmal hereinzuschauen, wenn vielleicht gerade keiner da ist. Seit meinem Beinahe-Rückfall Mitte August bin ich irgendwie "leiser" geworden, ich weiß nicht, ob ihr versteht, was ich meine. Ich war ja nie laut und poltrig, habe nie irgendwielche Threads aufgemischt oder so, aber ich merke selber, dass es schwer in mir arbeitet und mich das doch mehr beschäftigt, als ursprünglich vermutet.
Natürlich ist mein Thema Nr. 1 immer noch meine Partnerschaft. Als ich in meinem Chiemsee-Posting geschrieben habe, dass ich mich darauf einrichte, "es mir irgendwie in meiner Ehe einzurichten", war das Resignation pur. Und unter dem Einfluss diesen drückenden Gefühls habe ich mich noch nicht einmal schlecht gefühlt, ganz im Gegenteil, es hatte eher was von Aufbruchstimmung. Auf zu neuen Ufern! Seit ich nicht mehr trinke, habe ich mich selber schon ganz gehörig verändert und in vielen Bereichen meines Lebens klar Schiff gemacht. Ich bin meistens sogar recht zufrieden mit mir und meiner kleinen Welt.
Aber im Zusammenhang mit meiner Beziehung ertappe ich mich, dass ich so ein merkwürdiges Zögern und Zaudern an mir beobachte. Ich mag da nicht mit so einer "Augen zu und durch"-Einstellung herangehen. Je konkreter ich mir vornehme, meinen eigen Weg zu gehen und meinen Mann notfalls hinter mir zu lassen, desto größer wird diese stumme Verzweiflung, dieser krampfartige Schmerz, von dem ich nicht sagen kann, ob er mehr mein Herz oder doch mehr meine Magengegend quält. Je mehr ich mir tapfer vornehme, mich innerlich zu verabschieden, desto lauter schreit da irgendso eine Stimme im hintersten Winkel meiner Seele, dass das nicht gut gehen kann. Ich weiß, dass ich zäh bin, ich kann sehr wohl die Zähne zusammenbeißen und durchhalten, aber nun hatte ich mir doch eigentlich vorgenommen, diesen Mist in meiner Ehe nicht mehr hinzunehmen. Ich kann meinen Mann nicht ändern, ich kann nur mich ändern, also los espoir, den Hintern hoch! Und genau das ist der Punkt, an dem ich auf der Stelle trete.
Vor ein paar Tagen kam er dann das erste Mal seit ungezählten Wochen um 19 Uhr nach Hause. Er war völlig verblüfft, wie schön das ist, noch bei Tageslicht unterwegs zu sein, Menschen auf der Straße zu sehen, Fahrradfahrer, Busse, beleuchtete Geschäfte, in denen durchaus noch Kundenverkehr herrscht. Was mache ich mit so einem Menschen? Dem ich mehrfach gesagt habe, dass er ja nicht nur unsere Ehe killt, sondern auch sich selbst? Sich selbst vom Leben abkapselt und mit Aggressionen reagiert, wenn ich ihn lediglich darauf hinweise, dass irgendetwas repariert oder ersetzt oder erledigt werden muss? Jeder Hinweis auf irgendwas, das früher einmal unser "Zusammenleben" ausgemacht hat, scheint ihm nun eine Bedrohung geworden zu sein. Ja, da war mal was. Aber das ist schon lange her. Und es wäre doch schön, wenn er sich um solche Dinge nicht mehr kümmern müsste...
Na jedenfalls hat er dann am Wochenende darüber nachgedacht, dass es so wohl tatsächlich nicht mehr weitergehen kann. Und dann kam der Begriff "Paartherapie" ins Gespräch. Da sitzen wir nun beide wie der Ochs vorm Berg. Keine Ahnung, wie wir das Projekt in Angriff nehmen können. An wen wendet man sich da? Gelbe Seiten wohl eher nicht.
Ich war heute bei meinem Therapeuten und habe ihn genau da drauf angesprochen, aber er konnte mir so ad hoc nun auch nicht weiterhelfen. Er hat gesagt, er würde sich im Rahmen unseres Klinikums umsehen, ob er da jemanden wüsste, der sich nun auch in der Paartherapie auskennt. Er selber ist nun einmal auf Sucht spezialisiert kann das nicht so einfach übernehmen. Wir waren uns auch beide einig, dass das vielleicht gar nicht so schlau ist, wir kennen uns nun schon so lange, er hat vieles nur aus meiner Perspektive gehört, und irgendwie finde ich, dass mein Mann verdient hat, von einer "neutralen" Person gehört zu werden und nicht von jemanden, der schon so viel von ihm weiß.
Schwierig.
Immerhin habe ich erkannt, dass meinen Mann und mich vielleicht gar nicht einmal so viel trennt. Das mit seiner Arbeit, nun, das lässt sich nicht wegdiskutieren, da muss er in seinem eigen, aber auch in unserem Interesse dringend was verändern. Aber ich meine auch eher unseren Umgang miteinander. Ich kann ja nur von mir reden, aber ich weiß z.B., dass ich oftmals auf bestimmte Dinge sehr stark reagiere. Und das muss dann nicht einmal was mit der betreffenden Sache zu tun haben. Versteht ihr, was ich meine? Da spielt sich in Nanosekunden irgendetwas ab, so schnell, da hast du gar keine Chance, auch nur ansatzweise mit dem Kopf darauf zu reagieren - und nötigenfalls korrigierend einzugreifen - und schwupps, schon ist wieder irgendeine Missstimmung da.
Vor ein paar Wochen habe ich schon einmal in Caros Thread über Wut geschrieben. Immerhin habe ich erkannt, dass das ein ganz großes Thema bei mir ist, diese permanente, unterdrückte Wut, die sich natürlich unterschiedlich zeigt. Es ist ja nicht so, dass ich dauernd nur rumtobe, ach Quatsch, aber ich habe oft Phasen der Ungeduld, der Gereiztheit, oder auch mein Hang zum Sarkasmus. Der kommt doch auch nicht von ungefähr.
Andererseits habe ich einen Punkt erreicht, an dem ich nicht immer nur Sachbücher über meine verschiedenen Baustellen lesen möchte. Dieses Wissen mag ja schön und gut sein, und bekanntlich lese ich ja wirklich gerne, aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich möchte jetzt auch endlich mal machen. Ich möchte gar nicht mehr so sehr theoretisch wissen, wo denn nun der ganze Mist herkommt, ich möchte endlich lernen, damit auch umzugehen. Im Job gelingt es mir schon ganz ganz gut. Wenn ich mit Fremden zusammen bin, kann ich allen Ernstes meine Gefühle thematisieren, z.B. habe ich schon gesagt "Ich weiß nicht, aber langsam werde ich sauer!" oder "Boah ey, das stresst mich jetzt total!" Aber zu Hause? Fehlanzeige.
Vielleicht habe ich's ja auch gesagt und mein Mann hat nur nicht reagiert, und dann lösche ich an der Stelle die Erinnerung daran, dass ich's sehr wohl gesagt habe, weil nämlich, sonst müsste ich ja reagieren und darauf bestehen, dass er sich irgendwie zu meiner Gefühlslage äußert. Aber wer besteht schon gerne bei einem überarbeiteten Mann ausgerechnet zwischen 22 Uhr und Mitternacht oder dann wieder zwischen 6 und 7 Uhr morgens auf ein Feedback? Ich hab's jedenfalls aufgegeben.
Tja, was soll nun die Paartherapie bringen?
Ich wünschte, sie würde uns zeigen, wo wir nur aneinander vorbeischwafeln, anstatt richtig miteinander zu sprechen. Und wo wir auch ruhig einmal miteinander schweigen können, ohne die Angst, der andere könnte das missverstehen. Lernt man das da? Ich hoffe sehr, denn wie du - Backmaus - schon richtig geschrieben hast, allein kann ich das nicht schultern. Deshalb bin ich wohl auch so verspannt. Ich habe seit Wochen irre Schmerzen, als hätte ich dauernd Muskelkater. Morgens komme ich kaum aus dem Bett, im Laufe des Tages geht's dann wieder, und abends sinke ich erschöpft in die Kissen, als hätte ich im Steinbruch gearbeitet...
So, das war jetzt erst einmal wieder sehr viel und leider auch noch "unsortiert", ich habe mir das jetzt alles einfach mal von der Seele geschrieben. Vielleicht mag mir ja noch jemand seine eigenen Erfahrungen erzählen? Das Posting von Backmaus hat jedenfalls schon 'ne ganze Menge ausgelöst an Gedanken. Aber merke: Too much analysis leads to paralysis! 
Euch allen einen schönen friedlichen Abend!
Alles Liebe
espoir