Ach Mieken...
wenn du wüsstest, wie sehr du ins Schwarze getroffen hast...
Seit Donnerstag geht bei mir wieder die große Grübelspirale los, und das habe ich in dieser massiven Form schon lange nicht mehr gehabt. Ich konnte das Thema "Beziehung" nachmittags bei meinem Therapeuten ansprechen und habe ihm die aktuelle Situation geschildert. Mit dem Endergebnis, dass ich da am frühen Abend nochmal drüber nachgedacht habe und plötzlich hemmungslos geheult habe.
Sinngemäß hat er das gesagt, was du mir geschrieben hast und was ich -welch gnadenloser Zufall - genau gerade eben erst in einem Austausch zwischen Ette und Julchen gelesen habe: Ich mache wohl den Fehler, ihm helfen zu wollen bzw. ihn zu bemuttern. Das geht nun nicht so weit, dass ich ihm morgens die Kleidung rauslege oder ihn an Termine erinnere, aber ich ertappe mich dabei, dass ich wohl glaube, durch ein entsprechendes Gespräch und entsprechende Verhaltensweisen könne ich zu einem gewissen Wohlbefinden auf seiner Seite beitragen. Und solange ich mich stark und ausgeglichen fühle, klappt das ja auch ganz gut. Aber im Moment bin ich selber recht verletzlich, da empfinde ich es schon als anstrengend, zu jeden Scheiß zu lächeln und zu gurren: "Macht doch nichts!"
Ich versuche herauszufinden, woran es liegen könnte.
Ich weiß nicht, ob ich je erwähnt habe, dass wir seit 15 Jahren zusammen sind und ungewollt kinderlos geblieben sind. Diese Tatsache ist wichtig zu wissen, denn es gibt ja auch genügend Paare, die sich gemeinsam ganz bewusst gegen Kinder entscheiden und lieber ihre Unabhängigkeit genießen. Mit Kindern, so glaube ich jedenfalls, geht man mit seinem Geld ganz anders um und kann sicherlich auch beruflich nicht so ohne Weiteres "sein Ding" machen, denn da ist ja nicht nur der Partner, sondern eben auch die Kinder zu berücksichtigen. Ich meine das jetzt im Zusammenhang mit beruflich bedingten Auslandsaufenthalten, Dienstreisen oder Arbeitszeiten, die bis spät in die Nacht gehen - wenn's die Auftragslage erfordert.
So wie es ist, mussten wir uns erst mühsam daran gewöhnen, zu den sogenannten Dinks zu gehören - double income, no kids. Und es ist alles andere als angenehm, mit dem entsprechenden Sozialneid konfrontiert zu werden für eine Situation, die wir gar nicht gewollt haben und - ganz im Gegenteil - deretwegen so viele Tränen geflossen sind und die ich in gewissen Grenzen dafür verantwortlich mache, dass ich meine Verzweiflung im Alkohol ertränkt habe. Bitte nicht falsch verstehen: Heute weiß ich, dass ungewollte Kinderlosigkeit kein Grund ist, mit dem Trinken anzufangen, aber damals habe ich leider nicht gewusst, wie ich sonst (auf eine gesunde Art und Weise) mit meinem Schmerz und meiner Verzweiflung klar kommen soll.
Aber ich schweife ab.
Die Situation führte dazu, dass mein Mann und ich immer enger zuammenrückten, frei nach dem Motto: "Wir beide gegen den Rest der Welt!" Aus einer gleichberechtigten Partnerschaft auf Augenhöhe wurde so etwas wie ungesundes klammerhaftes Einander-Durchdringen, Eins-Werden-Miteinander, das irgendwann in der Feststellung gipfelte: "Wir sind einander genug!" Wenngleich wir zu jedem Zeitpunkt unserer Beziehung stets viele lebhafte Kontakte nach außen zu anderen Menschen pflegten und auch betonten, wie wichtig diese Impulse von außen seien, so war doch stets unbewusst spürbar: Wahren inneren Frieden und Wohlbefinden kann es nur in der trauten Zweisamkeit mit dem Partner geben.
Tjo, und dann nahte der Höhepunkt meiner Saufkarriere. Ich trank und trank und trank und versank immer mehr in meiner Welt, wie unter Wasser, wenn man zwar die Augen aufmacht und die anderen noch sieht, aber nicht mehr hört und auch nicht sprechen kann. Aus dem einstigen Miteinander, wortlosem Verstehen und schon vorauseilendem Ahnen, was der andere braucht um glücklich zu sein, wurde eine sprachlose Fassungslosigkeit, ein entsetztes Beobachten, was denn aus unserer einstigen Festung geworden ist.
Deshalb habe ich Julchen auch gestern Abend geschrieben, dass ich zu keinem Zeitpunkt meinem Mann gesagt habe, er sei Schuld. Wieso hätte ich das sagen sollen? Bullshit. Er litt doch genauso wie ich unter der Situation. Er ging nur anders damit um. Während ich mich vollaufen ließ, stürzte er sich in die Arbeit.
Und heute?
Seine Arbeit zeigt Früchte. Er wurde befördert, ist nun Führungskraft.
Und ich bin am Dienstag ein Jahr abstinent.
HAHAHA. 
Mieken, ich könnte heulen.
Ich, die ach so starke espoir, die Frau, die immer so einfühlsam auf andere eingeht, die nicht müde wird, andere zu motivieren und geduldig nachzufragen, ich sitze hier bei strahlendem Sonnenschein am Sonntagmorgen am Rechner und mir laufen Tränen übers Gesicht. Mein Mann? Sitzt im Wohnzimmer am Laptop. Arbeitet.
Es stimmt, was die Langzeittrockenen sagen.
Das erste Jahr bist du eigentlich nur damit beschäftigt, die gröbsten Trümmer wegzuräumen, die ganz offenkundigen Baustellen, die deine Sauferei aufgetan hat. Danach geht es erst richtig los.
Jetzt geht's ans Eingemachte. Mit meinem ersten Trockengeburtstag muss ich Bilanz ziehen, was habe ich erreicht, was ist alles besser geworden, und wo tut's immer noch weh? Da, wo die Angst sitzt, da geht's lang.
Liebe Mieken, bitte verzeih, wenn ich so viel geschrieben habe.
Du wolltest ja eigentlich nur wissen, wie der Freitagabend noch war.
Und der war wirklich schön.
Wir waren bei einem tollen Italiener, haben das Essen bewusst genossen und sind dann nachts, weil es noch so warm war, Hand in Hand eisschleckenderweise nach Hause gelaufen. Wie im Urlaub! Und gestern hat er mir einen der größten Liebesbeweise überhaupt erwiesen - er begleitete mich in das berühmte schwedische Möbelhaus. Das muss für Männer ganz schlimm sein, spätestens bei den Bilderrahmen zoffen sich auch fremde Paare, untermalt von Kindergeschrei und -geplärre. Aber wir waren ganz friedlich unterwegs und haben ein paar nette Kleinigkeiten gekauft, weißt schon, so Deko-Schnickschnack, den die Welt nicht braucht, aber den zu besitzen einfach schön ist... 
Naja, *schnauf*, jetzt warte ich mal ab, wie sich der heutige Tag noch entwickelt, ich würde gerne - wenn es nicht zu heiß ist - raus aus der Bude, vielleicht geht es ihm ja ebenso. Ansonsten muss ich mir für mich was einfallen lasen.
Vielen Dank fürs Lesen!
Alles Liebe dir
espoir