Hallo claro,
auch ich will dich erst einmal herzlich willkommen heißen hier im Forum!
Schön, dass du hergefunden hast! 
Ich kann deine Gedanken sehr gut verstehen, denn auch ich konnte anfangs nicht so gut mit dem Gedanken umgehen, dass ich eine lebenslange Krankheit habe, die mich im schlimmsten Falle sogar umbringen kann. Das ist ja auch zunächst einmal furchtbar erschreckend. Vielleicht ist es besser, wenn du deine Zukunftsperspektiven erst einmal nicht so als großen Brocken anschaust, sondern sie dir in mundgerechte Häppchen zerlegst.
Das fängt ja bei dem Gedanken "Nie wieder mal was trinken?" schon an. Mich hat dieses nie wieder maßlos eingeschüchtert und eine Mischung aus Mutlosigkeit und Trotz hervorgerufen. Denn für mich als Alkoholikerin lag die Betonung stets auf diesem verharmlosenden "mal was", das klingt ja recht überschaubar. In Wahrheit geht es bei mir aber nicht um "mal was", denn ich kann eben nicht "mal was" trinken. Wenn ich einmal anfange, finde ich kein Ende. Von daher hat es mir geholfen, mich nicht auf die Zeitspanne zu konzentrieren, sondern auf die Tatsache, dass ich kein Ende finde - und das war nun einmal eine Tatsache, die ich anerkennen musste/konnte, denn immerhin bin ich ja zum Entgiften in die Klinik gegangen, und das tut niemand, der tatsächlich nur "mal was" trinkt.
Wenn es dir also hilft, dein Vorhaben zunächst auf ein Jahr zu beschränken, einfach nur, um das als "erledigt" im Hinterkopf zu deponieren, finde ich das völlig ok. Lass dir auch nicht einreden, du würdest dir ein Hintertürchen offen halten - bis das Jahr wirklich rum ist, hast du so sehr viele Chancen, aus deinem neuen alkoholfreien Leben etwas zu machen, wer weiß, ob du nicht nach einem Jahr so völlig anders lebst, dass der Gedanke daran, wieder etwas zu trinken, einfach nur absurd erscheint. Und bedenke - die AAs z.B. nehmen sich stets nur die nächsten 24 Std. vor, denen hat auch noch niemand vorgeworfen, sie würden sich ein Hintertürchen aufhalten. 
Das nächste Problem ist die Sache mit dem Outen.
Da gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Lager, nämlich diejenigen, die es bedingungslos jedem auf die Nase binden, ob derjenige es nun hören möchte oder nicht. Das finde ich dann sinnvoll, wenn jemand schlicht und ergreifend den Druck von außen braucht, um seinen Hintern in Schwung zu bringen. Wenn es jeder weiß, werde ich mich hoffentlich hüten, wieder was zu trinken. Manche Menschen sind so.
Es gibt aber auch die andere Variante, bei der ich mir sehr wohl überlege, bei wem ich wieviel erzähle. Das hat schlicht und ergreifend damit zu tun, dass es Trinker gibt (wie ich z.B.), die ihr Leben noch nicht völlig geschrottet haben, die um berufliche Nachteile fürchten oder einfach in einem Kontext leben, in dem es oftmals gar nicht notwendig ist, mit der vollen Wahrheit herauszurücken. Ich habe z.B. alleine zu Hause gesoffen und war in der Öffentlichkeit auch nicht dauerbreit, also fällt es heutzutage kaum auf, dass ich wie selbstverständlich Kaffee oder Schorle bestelle.
Ich möchte dir aber auch ausdrücklich sagen, dass ich mich heute noch (nach 10 Monaten Abstinenz) von typischen Trinksituationen fernhalte, mit aller Konsequenz! Wenn ich auch nur den leisesten Verdacht habe, dass ich in heikle Situationen kommen könnte, gehe ich da eben nicht hin. Da bin ich ebenso unerbittlich wie der Trinker, der es überall herumposaunt. Das ist eben die Kehrseite der Medaille.
Du siehst, es wird einem nichts geschenkt. Der Weg in die zufriedene Trockenheit will hart erarbeitet sein, das ist kein Kindergeburtstag, da solltest du dir keine Illusionen machen. Aber das Ergebnis ist von unschätzbarem Wert. Ich kann, wenn ich das wirklich will, meine Krankheit stoppen und gewinne darüber hinaus eine Lebensqualität, wie ich sie nie zuvor kannte.
Und zum Schluss noch ein Wort zu deinem Bruder.
Ich finde es klasse, dass du "so jemanden" in deiner Familie hast. Jaja, das ewige Geschwätz vom schwarzen Schaf, ich weiß. Sachau dir doch einfach mal an, wer so etwas sagt. Das sind doch bestimmt Leute in deiner Familie, die selber "Dreck am Stecken" haben, oder? Sind die frei von Fehlern? Wohl nicht. Aber wenn sie eines können, dann mit dem Finger auf andere zeigen. Glaube mir, ich weiß wovon ich spreche, mein Vater war auch ein Hardcore-Säufer, also meinen jetzt alle zu wissen, von wem ich's hab'. In meiner Familie spricht man nicht miteinander, sondern übereinander. Du kannst dir nicht vorstellen, wie weh das tut. Oder vielleicht doch?
Na jedenfalls bin ich irgendwann an den Punkt gekommen, an dem es mir egal war, wie die sich hinter meinem Rücken das Maul zerreißen. Ich hatte ja auch nichts mehr zu verlieren. Vorher haben die gelästert, weil ich getrunken habe, jetzt lästern sie über mich, weil ich eben nichts mehr trinke. Sie projezieren alle ihre Ängste auf mich, ich könnte ein Klugscheißer werden, ich könnte eventuell heimlich mitzählen, wie viel sie selber trinken und und und. Ist mir egal. Was stört's die deutsche Eiche, wenn sich die Wildschweine dran schubbern?
Weißt du, claro, hauptsache ich weiß, dass ich das Richtige tue! Und für die richtige Sache sind andere Leute schon ans Kreuz geschlagen worden... 
Kurz und gut - sprich mit deinem Bruder!
Schlage Profit für dich aus seinen Ehrfahrungen! Setz' dich mit ihm zusammen und lass' dir erzählen, was er durchmachen musste. Nicht nur auf dem Höhepunkt seiner Trinkerkarriere, sondern eben besonders in der ersten Zeit danach. Ich bin mir sicher, er wird das gut finden, dass du jetzt auch aufhörst. Sollte euer Verhältnis wegen irgendwelcher Dinge von früher gespannt sein, besteht zumindest die Möglichkeit, dass ihr euch bei der Gelegenheit auch wieder als Geschwister näher kommt.
Ich wünsche dir für dein Vorhaben alles Gute und den nötigen Biss!
LG
espoir