Beiträge von Zwiebelmädchen

    Hallo rentenvater,

    du sprichst da etwas an, das mich auch sehr beschäftigt und das ich in meinem letzten Beitrag
    mit dem Versuch umschrieben habe, zwischen Familienbande und Verstrickung zu unterscheiden.

    Denn das wäre mein Wunsch: Sich aus der Vestrickung zu lösen, ohne die Familienbande aufzugeben. Denn die gibt es bei uns trotz allem.

    Aber wie macht man das? Wie sieht ein "normales" Tochter- oder Sohnsein aus? Mit welchen Gefühlen und Handlungen
    drückt man eine Tochter- oder Sohnidentität aus und ab wann betreibt man stattdessen Raubbau an sich selbst?

    Ratlos und mit lieben Grüßen
    Zwiebelmädchen

    Hi Linde, schön von Dir zu hören - ich kenne Dich zwar nicht, aber ich sehe Dich trotzdem vor mir, nachts mit der Stirnlampe :D

    Das, was Du zum Thema Kindwerden schreibst ist wahr und ich habe auch garnichts gegen das Kind im Erwachsenen, gegen das Unbeschwerte, das man sich bewahren - oder erkämpfen - muss.
    Mit Kindsein verbinde ich aber auch Erinnerungen an die Abhängigkeit, die einen hindert, selbstbestimmt zu leben. Und daran, bevormundet zu werden, von Menschen, die sich kaum selbst zu helfen wissen.

    Aus den Verstrickungen herausnehmen. Das klingt wunderbar und schwierig zugleich. Ich glaube, ich muss lernen, zwischen Familienbande und Verstrickung zu unterscheiden.

    Vielen Dank nochmal für Deine Anregungen! Und viel Spaß weiterhin - trotz Tauwetter!

    Liebe Grüße
    Zwiebelmädchen

    Hallo Linde,

    vielen Dank für Deine Antwort!
    :D
    Du hast natürlich recht. Er muss sich selbst darum kümmern.
    Gestern war wieder einer der Tage, an denen ich dazwischen geschaltet wurde. ... Aber als ich dann im Wohnzimmer saß, habe ich nicht das getan, worum ich eigentlich gebeten worden war: "Kannst Du nicht noch mal mit ihr reden?"
    Ich wusste, dass es keinen Sinn macht "zu reden", dass es nur zu Ausflüchten oder sogar zu Schreierei kommen würde.
    Ich habe - und das verdanke ich nicht zuletzt den Eindrücken, die ich hier gewinne - mir diesmal kein schlechtes Gewissen eingeredet, sondern gedacht, dass ich mir das nicht antue.
    Bisher hatte ich immer die Einstellung, dass es eine Frage der Courage und der Verantwortung ist, mit ihr "ein ernstes Wort" zu reden, die Sache anzupacken und etwas anzustoßen. Aber erstens hilft es ihr nicht und zweitens schadet es - MIR!

    So, das waren natürlich wieder Erkenntnisse, die für die wenigsten Außenstehende neu sein dürften... aber es tut gut, es schriftlich festzuhalten.
    Aber wen ich mir das wieder durchlese, fällt mir auf, dass ich das im Verhältnis zu meiner Mutter viel deutlicher sehe und auch umsetzen kann, als in dem Verhältnis zu meinem Vater...

    Danke auch für die Frage, wie es mir geht. Es geht mir eigentlich gut, ich habe viel um die Ohren, aber das ist nicht schlecht, positiver Stress sozusagen.
    Weihnachten ist ja immer so ein Thema für sich und es betrübt mich, hier von jüngeren EKAs zu lesen, die sich wieder mal auf das etwas andere Fest vorbereiten müssen. Das schlimmste für mich war immer, wenn Außenstehende eingeladen wurden (was fast immer der Fall war) und man dann perfekte Familie spielen musste, während der Hochheilige Abend langsam aber sicher und unleugbar ins Skurile abdriftete.
    Heute ist es viel besser. Nicht rosig, aber viiiel besser.
    Da fällt mir mal wieder auf, wie furchtbar ich die Idee von Peter Pan finde: Wer um alles in der Welt will denn für immer Kind bleiben?!

    Wie geht es Dir denn??

    Liebe Grüße
    Zwiebelmädchen

    Lange habe ich nichts geschrieben, aber wie ich schon sagte, freue ich mich sehr, dass die Möglichkeit besteht.

    Es geht um eine ganz konkrete Frage, und ich wäre für jede Antwort und Erfahrung eurerseits dankbar:

    Ich habe meinem Vater gerade geraten, dass er sich an das Blaue Kreuz wenden soll, um Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, die seine Situation als Partner eines Alkoholikers kennen.
    Ist das ein guter Ratschlag?
    Bitte sagt mir, ob das eine gute erste Anlaufstelle ist. Mir geht es dabei vor allem darum, dass sich mein Vater Hilfe für sich selbst sucht.

    Ich kann meinem Vater nicht wirklich helfen. Seine Zweifel, ob er ausziehen soll, die damit zusammenhängenden Ängste...
    Es ist mal wieder alles ein großer Haufen undurchdringlicher Sch***, ein ewiges Dilemma, und ich sehe genau wie mein Vater keinen gangbaren Weg, der für alle das "richtige" wäre.
    Von uns weiß keiner mehr weiter. Ich habe mein eigenes Zuhause und meine eigene Partnerschaft. Aber mein Vater geht dort immer weiter unter.

    Ich habe die Hoffnung, das er Menschen trifft, die das alles schon erlebt haben und - wie auch immer - etwas an ihrer Situation verändern konnten.
    Ob mein Vater hingeht und etwas von den Erfahrungen anderer animmt, ist wieder eine andere Frage...

    Und da ist natürlich noch mein Privat-Problem - kann ich meinem Vater raten, sich zu lösen, ohne meine Mutter zu "verraten"? Darf ich Position für meinen Vater beziehen, damit er einen Ausweg findet, auch wenn meine Mutter dann auf der Strecke bleibt?
    Wahrscheinlich die falsche Frage... mir geht es auch nicht um ein richtig oder falsch... aber es würde mich sehr interessieren, wie Ihr mit solchen Gedanken umgeht.

    Danke,
    Zwiebelmädchen

    Hallo Löwenherz,

    wie gut ich das kenne, die Wut. "Bittere Wut", das hast Du treffend formuliert.

    Ich kann Dir wohl keinen Rat geben, ich bin noch ganz neu hier. Aber ich antworte Dir, weil ich mich bedanken wollte, für Vokabular, dass ich mir mitnehmen und hinter die Ohren schreiben kann:

    Opfer spielen
    emotionale Erpressung
    ...

    Ich bin noch nicht so weit. Ich höre meiner Mutter zwei Stunden lang zu und denke wieder: Ja, sie ist das Opfer.
    Und letztens erst bin ich pflichtbewusst hingefahren, aus Sorge wegen gewisser Drohworte am Telefon ... und habe wieder nur meine Zeit verschenkt für nichts und wieder nichts.
    Erpressung.
    Wie gesagt: Danke für solche Formulierungen.
    Kommt jetzt evtl. komisch rüber, weil das so einfache, naheliegende Begriffe sind, aber sie helfen mir, bestimmte Situation nochmal zu rekapitulieren.

    Liebe Grüße
    Zwiebelmädchen

    Hallo zusammen,
    ich bin noch ganz neu hier und stolpere hier von einem Aha-Erlebnis zum nächsten- vor allem in diesem Thread.
    Es ist so spannend und rührend zu entdecken, wieviele Erlebnisse und Eigenarten ich mit anderen teile.

    Ich fange gerade erst an zu begreifen, wie wirksam meine Kindheitserfahrungen bis heute sind. Dass dieses oder jenes ein EK-Merkmal sein könnte, habe ich bis zu meiner gestrigen Anmeldung nur dunkel geahnt.
    Hier ein paar Angewohnheiten, von denen ich mir nun vorstellen könnte, dass ich sie habe, weil ich ein EK bin:


    Ich plane Dinge, für die ich Verantwortung übernommen habe, minitiös. Schreibe dann alles haarklein auf. Ich bin vorbereitet wird sonst niemand und habe trotzdem die Angst, dass es schiefgehen wird und ich dann als Dumme dastehe.
    Bei Dingen, die dann tatsächlich gut gelaufen sind, plagt mich hinterher das Misstrauen: Habe ich Fehler gemacht? Hat es den anderen vielleicht doch nicht so gut gefallen, wie sie behaupten?

    Im Gegenzug finde ich es aber überhaupt nicht schlimm, wenn anderen etwas misslingt.


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    Ich hasse es, wenn jemand unangemeldet in meine kleine private Welt einbricht - sprich mich besucht, ohne vorher anzurufen.
    Ich bin früh von zu Hause weggezogen, habe das Weite gesucht. (Was nicht bedeutet, dass ich nicht trotzdem oft zu meinen Eltern fahre...)
    Meine eigenes zu Hause ist wie ein Bunker für mich. Man darf mich besuchen, aber ich brauche vorher Zeit, mich darauf einzustellen.

    Wenn dann jemand kommt, versuche ich alles perfekt aussehen zu lassen. Ich versuche sowieso eine begnadete Über-Gastgeberin zu sein (s.o.).
    Das ging schon so weit, dass ich meine Wohnung nach einer langen Putzaktion für zu ordentlich hielt. Ich hatte dann Angst, dass auch das wieder nicht gut ist und habe dann systematisch kleine Unordnungen geschaffen, von denen ich gehofft habe, dass sie auf meine Gäste natürlich und normal wirken würden.

    (Tja, ein bekanntes Gefühl: Wie man es macht, macht man es falsch - anscheinend auch sich selbst gegenüber?)

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    Freundschaften entwickeln sich bei mir gaaaanz langsam.
    Beziehungen bin ich immer kopfüber und in aller Eile eingegangen, aber bei Freunden bleibt es lange emotional an der Oberfläche. Erst nach vielen Jahren könnte ich die Frage "Würde es Dir wirklich etwas ausmachen, die Person nie wieder zu sehen?" mit Ja beantworten und das auch nur bei sehr wenigen Menschen.

    Außerdem beschleicht mich bei manchen Freunden (bei denen, die ich "nur" einige Jahre kenne) immer wieder die leise Sorge: Bin ich im Freundeskreis eventuell nur geduldet und gar nicht so beliebt, wie es scheint?

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    Starke Eigenschaften, die mir heute nutzen:

    Ich kann sehr gut einschätzen, wie die Beziehungen (auch die familiären) bei andern funktionieren. Sehe als Außenstehende, wer wo steht.

    Ich kann mich gut artikulieren, gut argumentieren und steche andere damit aus. Ich habe ein gutes Gefühl für Sprache und Logik.
    Ich glaube, dass kommt daher, dass ich mit einer Streitkultur aufgewachsen bin, in der stundenlang und fast täglich mit Worten gefochten wurde. Ich hatte zwar keine Chance, aber ich habe früh und über einen langen Zeitraum üben müssen, zu argumentieren.
    (Es kommt mir so vor, als gelte das für viele hier: Ein gutes Sprachgefühl.)
    Doch das führt wieder zu anderen, weniger guten Eigenschaften: Wenn jemand für Logik nicht zugänglich ist, nicht darauf eingeht und ein gutes Argument einfach nicht gelten lässt, gehe ich kaputt, es schmerzt körperlich.
    Und im Streit mit meinem Partner finde ich oft nicht den Absprung, rede und rede und rede. Es ist dann, als hätte ich ein unstillbares Bedürfnis, mich und meine Position zu erklären. Aber soviel ich auch sage, sosehr mein Partner bemüht ist, mich zu verstehen, das Bedürfnis bleibt.

    Liebe Grüße
    Zwiebelmädchen

    P.S. Noch etwas: Ich schäme mich - jetzt z.B., weil ich soviel geschrieben habe und nicht weiß, ob das richtig war ... menno :?

    Hallo nochmal,

    ich war gerade bei meinen Eltern zum Essen eingeladen. Das heißt eigentlich bei meinem Vater.
    Das ist auch so eine Sache: Man sagt nicht mehr: "Euer Haus", "Euer Garten", "Bei meinen Eltern" etc. ... Immer öfter merke ich, wie ich zu meinem Vater z.B. sage "Dein Garten" oder zu Freunden "Ich fahre zu meinem Vater" obwohl ich doch eigentlich beide meine.
    Nur mein Vater rackert sich ab, arbeitet im Garten, sorgt für das Haus, für alles. Meine Mutter zieht sich zurück, schläft viel.
    Wie heute auch. Als ich kam, erzählte mein Vater von der heutigen Schreierei, aber da war sie schon wieder schlafen gegangen.

    Sie verschwindet langsam.
    Gestern habe ich geschrieben, ich hätte keine wahren Tochtergefühle mehr für sie. Heute morgen ist mir plötzlich aufgefallen, das es da doch ein starkes Tochtergefühl gibt: Abschiedschmerz. Ich vermisse sie.

    Es gibt noch ab und zu die guten Momente. Aber auch die sind nicht mehr das, was sie mal waren und ich bin dann oft gefühlsmäßig "nicht mehr bei der Sache".

    Heute gab es auch etwas gutes: Ein Gespräch mit meinem Vater. Eigentlich haben wir nicht viel mehr gesagt, als uns gegenseitig unsere Hilflosigkeit einzugestehen. Aber er war nicht so blockiert wie meistens.
    Das tat uns beiden gut.

    So, ich werde noch weiter lesen, forschen...
    Liebe Grüße
    Zwiebelmädchen

    Hallo,

    ich habe heute viel über das gestern geschriebene nachgedacht, und Linde, Du hast recht, es sortiert sich besser, wenn es erst einmal aufgeschrieben ist. Es tut weh aber es tut auch gut. ...
    Und plötzlich fallen mir viele Dinge ein, die ich verdrängt habe, auch in anderen Lebensbereichen, die augenscheinlich nichts mit meiner Mutter zu tun haben. Vor allem über Freundschaften. Vor allem zu Frauen.

    Ich habe gestern im Forum gelesen, dass es ein EK-Merkmal sein kann, sich in Freundschaften lange Phasen der Funkstille zu erlauben.
    Das trifft auf meine beiden engsten Frauenfreundschaften so was von zu.
    Die eine habe ich sogar schleichend komplett erkalten lassen, obwohl wir seit dem Kindergarten bis zur Oberstufe hinaus beinah unzertrennlich war.
    Und ich habe gegrübelt, wieso.
    Und habe gemerkt, dass ich in beiden Freundschaften verletzt worden bin - ohne was dazu zu sagen... ich habe es einfach über mich ergehen lassen.

    Die eine Freundin kann vielleicht nichts dafür, denn es ging ihr immer sehr schlecht. Und das hat Sie nicht zuletzt auf meinem Rücken ausgetragen. Ich fand das ok, denn ich war ja ihre Freundin. Stundenlang habe ich mir immer wieder angehört, wie schlecht es ihr mit ihren strengen Eltern geht, musste Sie aufbauen, sie bemitleiden. Dabei ging es mir doch auch schlecht! Sie hat mir immer wieder das Gefühl vermittelt, es ginge ihr schlechter und ich hätte kein Recht, mit meinen Problemen dagegen "anzustinken". Dabei wusste Sie doch davon, wie es mit meiner Mutter nach und nach wurde, wie cholerisch mein Vater werden konnte.
    Das wird mir jetzt erst wirklich bewusst, wie das für mich war.
    Der Kontakt ist nun gleich null, aber sie weiß nicht, wieso ich mich auf ihre seltenen Mails nie oder sehr spät melde.

    Bei der anderen gab es einen Vertrauensbruch, den ich ihr nie vorgworfen habe.
    Sie wohnt weit weg und ich habe ihr damals in so vielen Briefen und Telefonaten mein Leid wegen eines Mannes geklagt. Dass er mich nicht ernsthaft will und trotzdem seine Spielchen mit mir spielt. Mir immer wieder Hoffnung macht und dann in der Öffentlichkeit nicht dazu steht. Wie sehr ich verliebt bin...
    Dann kam Sie für ein paar Tage zu Besuch in die WG, die ich mit diesem Mann bewohnte. Und was geschah - sie kam, sah und ging mit ihm ins Bett.
    Und was tat ich? Nichts. Ich habe gute Miene gemacht.
    Mann! Wie kann das denn sein?? Wieso habe ich ihr nicht gehörig meine Meinung gegeigt?

    Kennt Ihr das? Bitte sagt mir, ob mein Charakter durch die Erfahrungen in meinem Elternhaus so geprägt wurde, oder ob ich da jetzt falsche Schlüsse ziehe.

    Bei der zweiten gibt es noch eine Parallele zu meiner Mutter: Ich sage ihr, wie sehr ich sie mag und fühle nichts dabei. Aber ich halte die Freundschaft aufrecht, mit sehr langen Pausen, aber ich schaffe es nicht, den Schlussstrich zu ziehen.

    Ich muss los, leider keine Zeit mehr.
    Es tut gut, hier zu schreiben. Danke für's Lesen!

    LG
    Zwiebelmädchen

    Hallo,

    ich bin neu hier und staune, wievieles ich wiedererkenne.
    Immer wieder kommen mir die Tränen, wenn ich hier Dinge in Euren Posts lese, die mich an meine eigene Situation erinnern.

    Meine Mutter ist Alkoholikerin. Ich kann rückblickend nicht genau sagen seit wann... als ich etwa zwölf war, war es aber sicher schon so.
    Mein Vater trinkt auch oft und viel. Wahrscheinlich ist er ebenfalls abhängig, aber er nimmt "normal" am aktiven Leben teil und kümmert sich eigentlich um alles. Wir verstehen uns eigentlich gut und er sucht Hilfe bei mir, wenn zu Hause die Hölle losbricht. (Aber was soll ich ihm sagen? Wenn ich sage, dass es am Alkohol liegt, tut er so, als sei das nicht das eigentliche Problem - vielleicht weil er selber trinkt?) Nur manchmal - wenn beide getrunken haben - dann hat er genauso Anteil an den Hasstiraden, an den nicht endenden Vorwürfen, die dann auf mich hereinprasseln.

    Ich rede als einzige in der Familie Tacheles und renne immer wieder gegen eine Wand aus Verleugnung. Dabei gab es schon Einsicht, Klinikaufenthalte, Entgiftungen, trockene Phasen ... alles Schnee von gestern.

    Ich weiß, dass man hier nicht über andere, sondern über sich selbst schreiben soll. Ich werde versuchen, nicht ins Detail zu gehen, wenn es um meine Eltern geht und nur Situationen umreißen, damit Ihr Euch vorstellen könnt, wie es für mich war bzw. ist.

    Ich möchte so gerne wissen, wo ich stehe. Bin ich vielleicht co-abhängig? Ich weiß nicht, wo genau das anfängt.
    Ich bin irgendwie zweigeteilt, meine Stimmung schwankt zwischen Selbstwertgefühl und Minderwertigkeitsgefühl und mein Leben verläuft in Auf und Abs.
    Und nun frage ich mich, wie sehr das mit dem Alkoholismus meiner Mutter (oder Eltern) zusammenhängt.

    Es gab soviele Dinge, die ich im Suff zu hören bekommen habe (und heute noch zu hören bekomme), die mir immer noch wehtun. Unglaubliche Vorwürfe, teilweise lächerliche Kleinigkeiten, auf denen herumgeritten wurde, kreischend, stundenlang.
    Und dann gab und gibt es immer wieder die Tage/Phasen danach, in denen so getan wird, als wäre nichts geschehen - im Gegenteil, dann ist man die tolle Tochter und wird über den grünen Klee gelobt.
    Und das zerreißt mich, bzw. hat mich v.a. als Kind zerissen. Was bin ich denn nun? Die Vorzeigetochter, auf die man "sooo stolz ist" oder das undankbare, dicke Kind, das "in der Gosse verbluten soll"?

    Kommt mein heutiges Misstrauen in Freundschaftsbeziehungen evtl. daher? Nach einem schönen gelungenen Abend mit Freunden liege ich manchmal wach und grüble: Habe ich heute evtl. was falsches gesagt? Was denken die jetzt über mich? Haben die irgendwelche Fehler an mir entdeckt?

    Auch mein Studium verläuft in widersprüchlichen Extremen: Entweder lerne ich exessiv, bis zu 12 Std. am Tag und habe dementsprechend nur Bestnoten. Oder ich tue über lange Phasen nichts, bin wie gehemmt, voller Antriebslosigkeit, Schlappheit. Außerdem bin ich mir trotz des extremen Lernens, trotz der ausgefeilten Hausarbeiten, die ich bis zur möglichen Perfektion treibe immer wieder sicher: Das wird nix, Du hast es einfach nicht drauf. Abgelöst von Höhenflügen und Stolz.
    Aber ich bin sehr unsicher, ob es damit zu tun haben kann. Suche ich nicht doch nur eine Ausrede für meine Faulheit und mangelnden Ehrgeiz?

    Auch bei anderen Dingen weiß ich nicht, ob es mit dem Alkoholismus in meinem Elternhaus zusammenhängen könnte. Ich habe Ängste (z.B. vor dem Benutzen versch. Verkehrsmittel ohne Begleitung, obwohl sich das dank Übung bessert; vor Krankheiten, davor mich mit eigentlich normalen Handlungen und Äußerungen lächerlich zu machen).
    Und ich habe eine unmögliche Art, mit meinem Mann zu diskutieren. Glücklicherweise sprechen wir darüber und er weiß, wie leid es mir tut, dass ich mich mich manchmal im Ton vergreife und Dinge immer und immer wieder durchkauen muss und mir dabei ganz ganz sicher sein muss, dass er mich bis ins kleinste Detail verstanden hat.
    Dabei sind solche Streitgespräche erschreckenderweise einfach gewohntes Terrain für mich - für ihn ist es einfach zermürbend und er kriegt kein Bein auf den Boden. :(


    Ich versuche, an mir zu arbeiten und sehe manches anders als ich es in meiner Kindheit gesehen habe. Oft weiß ich aber einfach nicht, was ich überhaupt denken, fühlen und tun soll.

    Meine Reaktionen auf die Ausraster in meinem Elternhaus haben sich mit der Zeit gewandelt. Nun werde ich manchmal kalt, wie ein Stein, und sage mir: Das ist nicht Deine Mutter, die Dich da in der Luft zerreißt, das ist der Alkohol. Die Vorwürfe haben nichts mit der Wirklichkeit zu tun, sie betreffen Dich nicht.
    Aber das klappt nicht immer, vor allem nicht, wenn mein Vater auch loslegt. Dann verteidige ich mich, bis ich heiser bin, auch gegen den abwegigsten, lächerlichsten Vorwurf.
    Ich wohne ja nun schon lange in meinen eigenen vier Wänden und könnte dann einfach fahren. Das schaffe ich auch manchmal, aber oft bleibe ich und lasse es stundenlang über mich ergehehen. Warum? Weshalb tue ich mir das überhaupt an? Kennt Ihr das?

    Diese Gefühlskälte, die sich manchmal einstellt ist zwar einerseits erträglicher. Doch die Kälte erstreckt sich mittlerweile auch auf manche Momente, in denen meine Mutter halbwegs nüchtern und nett ist.
    Ich schäme mich so, dass ich für meine Mutter keine wahren "Tochtergefühle" mehr empfinde. Das macht mich fertig, denn irgendwie liebe ich sie ja auch - trotz der Wut.

    Ach, ich könnte noch vieles schreiben, fragen, hier abladen. Aber es soll erst mal reichen - hoffe, es ist nicht zu lang geworden :oops:
    Danke für's lesen und LG
    Zwiebelmädchen