hallo zusammen,
und wieder sage ich "danke" für den lieben zuspruch, der mir gut tut und der mir hilft, mein leben zu erzählen. es fällt mir viel leichter, als man es vermuten könnte. ich habe schon vor längerer zeit daran gedacht, dies zu tun - aber ich war noch nicht so weit. in mein trockenes leben war zwar schon vernunft eingekehrt, aber zum schreiben langte es nicht, ich konnte noch nicht aus dieser perspektive erzählen, aus der ich es heute kann.
scham und lüge, diese beiden bei mir so eng zusammenliegenden dinge bringen mich dazu, über meine finanzen und meine arbeit zu sprechen...
*schnipp*
1984 / 1985 zog ich von der kleinstadt im nordwesten deutschlands nach berlin. dort holte ich mein abitur nach und hatte vor, zu studieren. ungefähr in diese zeit fiel auch meine sehr langsame gewöhnung an alkohol. ich begann zu studieren, aber mich langweilte alles... egal, welches fach - ich habe dreimal das studienfach gewechselt - alles fand ich letztendlich belanglos. ich erinnere mich sehr genau, wie ich nach einer stunde unterricht an der technischen uni raus bin, über die strasse in ein café und dort erstmal ein glas sekt trank... zur entspannung natürlich. mit dem studium wurde es nichts, das wusste ich von anfang an. aber es hinderte mich auch nicht, weiter an der uni eingeschrieben zu bleiben...
über einen freund kam ich an das taxifahren. ich dachte, ich könnte in dem job schnell geld verdienen und dann wieder etwas anderes versuchen. ich machte den taxischein und fing an zu arbeiten... für einen säufer ist dieser job im grunde nicht schlecht - wenn man nicht zuviel restalkohol hat....
der riesenvorteil dieses jobs lag in der vermeintlichen freiheit, arbeiten zu können, wann man will, nie einen chef neben sich zu haben und abends mit einem beutel geld nach hause gehen zu können. ich wurde auf provisionsbasis bezahlt und legte den anteil des chefs abend raus - meinen anteil versoff ich zum teil.
im laufe der jahre wurden die umsätze schlechter, mein einkommen auch - aber mein alkoholbedarf stieg. ich begann immer mehr, meine kompletten einnahmen nach der schicht in der kneipe zu lassen. als auch das nicht mehr reichte, verging ich mich am anteil meines chefs. rechtlich gesehen ist das mindestens "veruntreuung" - aber das war mir egal. es häuften sich schulden an bei meinem chef... wenn es mehr wurden, als 2000/3000 DM, bettelte ich meine eltern an und die beglichen die schulden... denn sonst wäre der job weg gewesen.. wer will das schon - und damit habe ich meine eltern immer rumgekriegt.
zu den schulden beim arbeitgeber häufte ich schulden bei freunden an, bei der telekom - und bei meinem vermieter. den briefkasten machte ich irgendwann nicht mehr auf, denn ich wusste ja, was da drin war. wenn er zu vollgestopft war, leerte ich alles in eine einkaufstüte und schmiss die briefe ungeöffnet weg. man muss sich das mal vorstellen: ich hatte dann wirklich das gefühl der erleichterung, weil der briefkasten wieder leer war... so eine kranke denke... und wenn das telefon wieder mal abgestellt wurde, sprang meine mutter ein. für andere beträge habe ich freunde angebettelt und wieder irgendwelche komischen geschichten erfunden...
es kam, wie es kommen musste...: irgendwann stand der briefträger vor mir und überreichte mir etwas in einer "zustellungsurkunde" - die kündigung meiner parterre-gruft-wohnung wegen nicht geleisteter mietzahlungen. in einem akt der riesengroßen lüge und mit hilfe eines befreundeten rechtsanwaltes wurde die kündigung der wohnung zurückgenommen. natürlich, nachdem die mietschulden ausgeglichen waren. dies hatte wieder einmal meine mutter übernommen.
mein chef bekam natürlich mit, dass ich ständig ohne geld war. ich war auch vollkommen abgegessen vom taxifahren und konnte keine fahrgäste mehr sehen, wenn ich denn mal welche hatte. auch meine nerven wurden schwächer und ich anfälliger, überhaupt noch ins taxi zu steigen und zu arbeiten. ich wurde langsam aber stetig UNFÄHIG, zu arbeiten. ich übernahm andere aufgaben in der firma - gott sei dank! ich fuhr nur noch an sonntagen tagsüber taxi und schmiss ansonsten das büro und machte die schulung für menschen, die sich auf das taxifahren und die ortskundeprüfung vorbereiten wollten. endlich war ich weg vom fahren... denn das wurde immer gefährlicher wegen meines erheblichen restalkohols. tja, so schmiss ich das büro - mit einer flasche bier unter dem schreibtisch... ich konnte nun während der arbeit weiter trinken.
mein chef sagte mal zu mir, ich sei "gesellschafts-unfähig" und "sozial nicht kompatibel".. er hatte recht und er half mir, nicht vollkommen ohne arbeit zu sein. so bekam ich eigentlich nie das gefühl, ich würde gesellschaftlich im abseits oder ich würde in der nähe eines obdachlosen stehen. das schicksal eines wohnungslosen menschen blieb mir erspart... aber ich war immer um haaresbreite am abgrund und es hätte nicht viel gefehlt, dass ich diese erfahrung hätte machen müssen, denn irgendwann hätte auch die familie dichtgemacht und mich nicht mehr unterstützt.
ich lebte von sehr wenig geld, das meiste setzte ich weiter in alkohol um. ich besorgte mir eine billigere wohnung neukölln und hatte von nun an das elend vieler alkoholiker vor meiner wohnungstür und vor meinen augen - denn in nord-neukölln, wo ich hinzog, prallten nicht nur viele verschiedene kulturen zusammen, sondern auch massive gesellschaftliche probleme. es ist ein wenig paradox - aber ich zog in einen problematischen stadtteil und öffnete mir damit selbst die augen: DAS kann auch alles DIR passieren.. - und ich war ja auf dem allerbesten weg dahin.
meine immer wiederkehrenden geldprobleme habe ich versucht, mit hartz4 und "aufstockenden leistungen" der jobcenter in den griff zu bekommen, das funktionierte eine zeitlang ganz brauchbar, aber das geld floss in alkoholischer form letztlich doch in die kneipe oder gleich zuhause in meinen hals. was ich auch versuchte, um finanziell besser dazustehen: ich tat es NUR, um weiter problemlos saufen zu können.
meine finanziellen angelegenheiten bekam ich erst wieder sehr langsam geregelt, als ich zugab, mein leben nicht mehr im griff zu haben. bevor ich vor dem alkohol kapitulierte, waren alle versuche vergebens: sie hatten nur ein ziel: weiter trinken zu können. der alkohol hatte mich also vollkommen im griff... ich konnte nicht mehr klar denken. mein leben drehte sich nur noch um beschaffung und konsum, auch wenn ich stets versuchte, die fassade zu wahren und kein mensch mehr an mich glaubte. sogar in dem jämmerlichen zustand, in dem ich mich am ende befand, dachte ich meistens, ich sei doch vollkommen normal.
WIE krank ich schon war, vor allem im kopf, bekam ich allenfalls in kurzen zeitfenstern mit... dass mein denken vom alkohol bestimmt wurde und diese denke und der alkohol mir meine wirtschaftliche lebensbasis zerstörte... "ach gott... sooooo schlimm ist es ja nun auch nicht".
diesen unsinn glaubte ich wirklich...
danke fürs lesen. es geht weiter.
peter