Liebe Zimttee,
vielen Dank für deine offenen Zeilen. Ich bin immer wieder verblüfft, dass sich die Geschichten so ähneln, aber wahrscheinlich ist es auch kein Wunder, dafür ist es ja ein Beziehungsmuster.
Meine ersten beiden Beziehungen verliefen so wie deine: psychisch labile Männer, die mein Selbstwertgefühl sehr zu unterwandern versucht haben. Auch ich habe dann gedacht, ich muss auf mein „Beuteschema“ achten und achtsamer sein, genauer hinschauen.
Das hat bei meinem dritten Freund insofern funktioniert, als er mich tatsächlich überhaupt nicht untergraben hat, sondern im Gegenteil. Er hatte auch kein Suchtproblem, aber er wollte arg bemuttert werden und ich hatte die Rolle des gütigen, aber bedürfnislosen Engels. Das ist so gar nicht meine Rolle. Manchmal, wenn’s nötig ist, okay, aber nicht immer.
Ich habe mich dann von ihm getrennt.
Bei meinem jetzigen Freund war es genau so, wie du es von deinem beschreibst: ich habe ihn, einige Jahre bevor wir dann ein Paar wurden, flüchtig kennen gelernt. Auch er ist mir sofort aufgefallen, aufgrund ähnlicher Eigenschaften, wie du sie auch genannt hast. Selbstbewusst, mit beiden Beinen im Leben, er hatte schon viel auf die Beine gestellt, klug, kreativ, mit einem riesigen Interessenspektrum von Kunst über Geschichte bis Politik, engagiert, freundlich, mit klaren eigenen Standpunkten, Streitkultur, aber auch mit Ecken und Kanten und einer manchmal unbequemen Ehrlichkeit.
Unsere Freundeskreise hatten lose Berührungspunkte, und was ich immer mal wieder über ihn hörte, war nur positiv.
Zu einem richtigen Kennenlernen kam es aber erst einige Jahre später. Ich war gerade mit dem Studium fertig und hatte sofort einen Job bekommen, mir ging es finanziell gut, ich fühlte mich so stabil wie noch nie und ich dachte, ich hätte meine Lektion gelernt.
Als sich dann die Chance für ein Kennenlernen ergab, dachte ich, ich könnte mich ohne Angst darauf einlassen.
Bei ihm lief zu dieser Zeit beruflich nicht alles rund, aber dem habe ich keine besonders große Bedeutung beigemessen, denn solche Phasen gibt es ja nun einmal auch im Leben. Die Zeit des näheren Kennenlernens war unbeschreiblich schön. Gemeinsame Unternehmungen, gemeinsam kochen ... Austausch über alles mögliche. Wir hätten es an dieser Stelle bei einer Freundschaft belassen sollen, aber da war eben doch mehr.
Ich habe dann sehr schnell gemerkt, dass er an die Beziehung sehr viele Hoffnungen in der Art geknüpft hat, dass sich die anderen Baustellen, die es in seinem Leben zu der Zeit gab, auflösen würden. Ich habe ihm ganz klar gesagt (denn das hatte ich ja in der Beziehung davor gelernt) dass ich das nicht leisten könnte. Da war er enttäuscht und wütend, hat es dann aber doch eingesehen.
An seiner beruflichen Situation änderte sich nichts, im Gegenteil. Ehemalige „Freunde“ ließen ihn fallen, sein Selbstwertgefühl ging immer mehr den Bach hinunter, ein Stützpfeiler nach dem anderen brach weg und irgendwann war nur noch ich übrig.
Und immer öfter wurde ich, wenn er getrunken hatte, zu seiner Zielscheibe, denn mir ging es ja, wie gesagt, gut, und ich hatte dann in seinen vernebelten Augen das, was er auch gerne gehabt hätte.
Ich habe das erkannt und ihm viele Dinge verziehen, aber es wurde nicht besser.
Irgendwann war dann der Tiefpunkt erreicht und er hat sich beruflich neu orientiert und einen Entzug gemacht. Danach wurde es besser, obwohl wir sehr viel damit zu tun hatten, die Scherben wieder zusammen zu kleben.
Aus beruflichen Gründen hat er dann die Firma gewechselt. Es gab eine Runde zu seinem Einstand – und er hat nicht gesagt, was Sache ist, sondern mitgetrunken.
Seitdem steigt der Konsum wieder schleichend, mit den entsprechenden Begleiterscheinungen.
Was hätte ich tun können? Früher einen Schlussstrich ziehen. Vielleicht.
Aber ich liebe ihn einfach für die Art, wie er ist, wenn er nicht trinkt. Deshalb fällt es mir so schwer, diese Beziehung aufzugeben. Aber zurück will ich auch nicht.