Beiträge von Carpenter

    Hallo Calida,

    fast jeder, der hier frisch ankommt, macht den ein oder anderen gedanklichen Fehler. Ich war da auch nicht anders. Insofern wäre es auch gar nicht schlimm. Wir haben uns hier ja auch nicht angemeldet, weil wir alles perfekt gemacht haben :)

    Vielleicht ganz kurz zu den Hintergründen:

    Fast jeder, der hier frisch ankommt, steht noch in gewisser Weise unter Alkoholeinfluß, auch wenn er nicht mehr trinkt. Weder Körper noch Geist haben sich an die neue Situation gewöhnt, während die Einen mit Saufdruck zu kämpfen haben, nicht aus dem Haus wollen, müssen andere auf die Euphoriebremse drücken...bei denen ist dann urplötzlich alles super...:-)

    Insofern hast Du schon recht...wir Alkoholiker sind nicht alle gleich...jeder hat eine andere Herangehensweise, bevorzugt einen anderen Weg.

    Gleichzeitig solltest Du vielleicht wissen, daß hier eine durchaus geteilte Meinung in Bezug auf Therapien herrscht. Manche finden, es wird zu viel therapiert, manche finden, es sollte manchmal früher therapiert werden.

    Genau aus dem Grund wirst Du hier auch ganz unterschiedlichen Antworten zu dem Thema finden.

    Ganz allgemein will ich Dir nochmal sagen, daß Ihr Euch (gilt auch für Max) nicht gleich eingeschüchtert fühlen solltet, wenn hier mal ein etwas rauherer Ton herrscht. Keiner meint es böse, auch wenn es manchmal durchaus so rüberkommt.

    Es ist halt so, daß manche User hier über Jahre, teilweise Jahrzehnte immer wieder diesselben Sprüche hören von neuen Usern, die ständig auf ihre Individualität hinweisen und dabei vergessen, was wirklich wichtig ist. Diese User sind dann relativ schnell wieder verschwunden und, so vermute ich zumindest, wieder am Saufen.

    Ein individueller Weg ist es immer, weil wir alle unterschiedliche Voraussetzungen haben, unterschiedliche Hintergründe, unterschiedliche Geschwindigkeiten. Manche raffen es relativ schnell, manche brauchen vier, fünf Anläufe und packen es dann, wie z.B. Frank, dann wider Erwarten besonders eindrucksvoll.

    Mein Rat an Dich, wenn Du ihn hören willst:

    Mute Dir am Anfang nicht zu viel zu. Ich lese hier z.B. oft, daß User das Saufen und das Rauchen gleichzeitig aufhören...mir persönlich wäre das zuviel gewesen auf einmal, da bin ich mir sicher. Es ist schon schwer genug, die Trockenheit zu betonieren.

    Mit einer Therapie sehe ich das ganz ähnlich. Eine Therapie, so denk ich mir das jedenfalls, rührt ja in Wunden, die Dir jetzt noch gar nicht bewußt sind...wühlen Dich auf, beschäftigen Dich...da werden Tage dabei sein, in denen es Dir noch beschissener geht als jetzt schon.

    Es besteht aus meiner Sicht durchaus das Risiko, daß dieses Aufwühlen durch eine Therapie das Risiko für einen Rückfall steigert. Was, wenn Du von der Therapeutin nach Hause fährst, geknickt, verzweifelt und an einer Tankstelle vorbeikommst ? Meinst Du nicht, daß das Risiko, dort schnell mal reinzuspitzen, größer wird ?

    Die Entscheidung triffst Du ganz alleine, aber es kann nie schaden, die Medaille von verschiedenen Seiten zu beleuchten.

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    P.S.:

    Eine Sache noch:

    Ich bin genetisch vermutlich ebenfalls vorbelastet...meine Oma hat gesoffen, meine zwei Onkels haben gesoffen, einer ist mit 30 am Alkohol jämmerlich eingegangen. Ausgerechnet mein Vater und meine Mutter haben sich dagegen in punkto Alkohol immer sehr zurückgehalten...

    Wenn ich jemanden überhaupt keinen Vorwurf machen kann, daß ich zum Alkoholiker geworden bin, dann meinen Eltern. Mein Onkel ist gestorben, als ich 14 war...ich habe es live miterlebt und meine Eltern haben keinen Hehl draus gemacht, woran mein Onkel gestorben ist...und trotzdem bin ich selbst in diesen Sumpf geraten...sehenden Auges und mit der masslosen Arroganz, ich wäre intelligent genug, nicht so zu enden.

    Zitat von Max80Kid


    Als nächstes würde ich mir wünschen, endlich wieder Sport zu treiben, wie ich es in jungen Jahren so viel getan habe. Gestern lief Handball im Fernsehen und ich habe mich an meine Jugend erinnert, wo ich so aktiv Handball gespielt habe. Es gibt viele Sehnsüchte in mir, die vielleicht sogar grösser sind, als Alkohol zu trinken.

    Moin Max,

    dann mach doch...:-)

    Sport ist eine sehr gute Möglichkeit, sich zu beschäftigen, sich auszupowern...nach dem Sport hat man fast immer das Gefühl, was Gutes für sich und seinen Körper getan zu haben...

    Aber verschieb das nicht zu weit nach hinten...jetzt ist der richtige Zeitpunkt, damit anzufangen, nicht irgendwann...die Rausschieberitis ist kontraproduktiv.

    Alkohol hat mich immer nur am Anfang gepushed und dann relativ schnell gelähmt. Entgegen der oft getätigten Aussage ist Alkohol aus meiner Sicht ein Kreativkiller und macht passiv.

    Also ran an den Speck...mach was, tu was, such Dir ein Hobby, nen Sport, eine Beschäftigung, dann fällt vieles leichter.

    Schönen Gruß und schöne Zeit Dir

    Andreas

    Moin Dani,

    erstmal find ich es prima, daß Du auf meinen etwas provokanten Post reagiert hast.

    Bei mir gab es auch unterschiedliche Reaktionen...meine Familie war erleichtert, daß ich mir endlich eingestanden habe, was sie schon längst erkannt hatten. Meine Kumpels reagierten dagegen größtenteils wie Deine Mutter - Du spinnst. Du trinkst doch auch nicht mehr wie wir.

    Es war mir dann relativ schnell klar, daß viele meiner Kumpels letztendlich haargenau dasselbe Problem haben wie ich...nur niemanden, der sie in die richtige Richtung schiebt. Ich habe am Anfang versucht, grad denen, die mir richtig nahestehen, klarzumachen, daß auch bei Ihnen was falsch läuft, aber der Erfolg war mäßig. Allerdings ist diese Tatsache auch nicht sehr verblüffend...ich habe mich ja selbst jahrelang gegen diese Einschätzung gewehrt.

    Inzwischen isses tatsächlich so, daß ich hin und wieder nen Kommentar dazu abgebe, aber Überzeugungsarbeit leiste ich schon lange nicht mehr. Ich halte es für unabdingbar, daß der Alkoholiker seine Situation selbst als solche einschätzt, erst dann hat er ne echte Chance, da rauszukommen. Alles andere führt vielleicht zu Trinkpausen...mehr auch nicht.

    Sportheime sind für mich selbst ein heißes Pflaster. Dort hatte ich mit meine "größten Auftritte", die gut dazu geeignet sind, sie im Notfallkoffer aufzubewahren.

    Einmal hatten wir an Fasching Männerballet und wir sollten Schwanensee aufführen...sechs Mann, ungefähr sechs Wochen Training und wir haben uns, wie immer, vor dem Auftritt ordentlich Mut angesoffen, bevor wir unsere dünnen Balletkleidchen angezogen haben. Ich habe mir in der Zeit, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten, eine halbe Flasche Schnaps reingezogen und bin dann auf dem Weg zur Bühne mitten auf der Kellertreppe noch während des Laufens einfach nach hinten umgekippt und war von einer Sekunde auf die andere komplett weg - als ob einer nen Schalter umgelegt hätte...

    Ich habe gar nicht mehr mitbekommen, wie der Rest der Truppe hastig einen Ersatzmann herangeschafft hat, wie sie mir mein Ballettkleidchen ausgezogen und mich in die Umkleidekabine gelegt haben, wo ich dann bis zum Ende des Faschings tief und fest geschlafen habe...aber alleine die Erinnerung daran treibt mir heute noch die Schamesröte ins Gesicht.

    Als ich abstinent wurde, hab ich diese Sportheime zunächst bewußt gemieden. Inzwischen kann ich nach dem Fußball durchaus mal eine halbe oder ganze Stunde ins Sportheim, aber das reicht mir dann auch. Wenn die anderen Jungs nach der ersten Apfelschorle dann langsam auf die härteren Getränke umsteigen, ist das für mich das Signal zum Aufbruch. Nicht, weil ich Angst habe, selbst wieder zu saufen, sondern eher, weil ich mich dann nicht mehr wohlfühle. Diese alkoholschwangeren Gespräche sind nicht mehr mein Ding und das waren sie nie...sie waren ein nettes Alibi, um selbst mit saufen zu können, ohne aufzufallen.

    Bei Dir scheint der Sachverhalt anders gelagert. Beim Schüler- oder Jugendtraining sind ja relativ viele Mütter, die ganz sicher nicht nachmittags oder am frühen Abend schon zur Flasche greifen. Das ist schon eine andere Umgebung als die, in der ich mich damals bewegte.

    Ansonsten hast Du sehr gut erkannt: Es geht um Dich, nicht um andere. Du mußt tun, was Dir hilft...und Mütter liegen weiß Gott nicht immer richtig mit ihren Aussagen...:-)

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Moin,

    heute möchte ich allen Leseratten ein wunderbares Buch empfehlen, das mir von meiner Lieblingsliteraturdealerin Margit ans Herz bzw. ins Paket gelegt wurde:

    "Zoli" von Colum McCann

    Es ist die Geschichte einer jungen Roma in der Slovakei, die sowohl die Verfolgung durch die Nazis und ihrer Helfer als auch den Sozialismus in der Tschechoslowakei am eigenen Leib zu spüren bekommt, bis sie sich, völlig isoliert, von ihrer Sippe ausgestoßen, am absoluten Tiefpunkt ihres Lebens entschließt, diesem kein Ende zu setzen, sondern sich auf den Weg in den Westen macht, um doch noch so etwas wie Glück zu finden.

    Es ist aber auch die Geschichte einer Frau, die von anderen ausgenutzt wird (unwissentlich und wissentlich), die Entscheidungen trifft, die sich später als falsch herausstellen, obwohl sie zunächst richtig erscheinen, die irgendwo auch gefangen ist zwischen Regeln ihrer Sippe, ihren eigenen Bedürfnissen, ihren Gefühlen und dem, was man von ihr erwartet..

    Dieses Buch macht Hoffnung, ohne so zu tun, als gäbe es generell Hoffnung. Es ist schonungslos und einfühlsam zugleich und es sagt v.a. eines aus:

    Egal, wie tief man schon gesunken ist - es gibt immer wieder einen Weg nach oben.


    An der Stelle würde ich gerne mal eine Vorschlag machen. Wäre es nicht möglich, sämtliche Literaturtipps in einem einzigen Thread unterzubringen ?

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Zitat von Kussi73

    Hallo an Alle :( ,

    bin ein bissel traurig , dass meine Kommentare zwar gelesen werden , aber keiner etwas sagt :? .

    Moin Dani,

    siehste, da sind wir schon zwei. Auf meinen Kommentar hier an Dich habe ich auch keine Rückmeldung erhalten...traurig war ich deswegen zwar nicht, aber ohne Resonanz macht es hüben und drüben wenig Spaß...

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Zitat von Calida78

    Lieber Andreas,
    es geht mir wirklich nicht darum, etwas schön zu reden oder zu verharmlosen. Ich weiß auch, dass mich nicht der heilige Geist diesen Wein hat trinken lassen. Und wenn ich von "Vorfall" gesprochen habe, dann nur deshalb, um mir den Weg nicht zu verbauen. Sicher ist es ein Rückfall. Aber ich möchte nicht, dass das für mich bedeutet: jetzt bist Du rückfällig geworden und wieder mitten in der Sauferei drin und komme auch nicht mehr raus. Vorfall gibt mir persönlich die Chance zu sagen: okay, das ist passiert. Aber Du machst jetzt trotzdem weiter und bleibst auf dem Weg. Und - ich weiß nicht mehr wer's geschrieben hat - aber für mich macht es einen großen Unterschied, ob ich einen Wein getrunken habe oder einen halben Kasten Bier. Und das hat wieder nichts mit Verharmlosung zu tun. Sondern mit der Tatsache, dass ich nach dem Wein die Kraft hatte, aufzuhören und nicht am nächsten mit einem Kater wach geworden bin, der mich zum weitersaufen animiert, damit's mir besser geht. Ich bin immer noch dabei, daraus zu lernen und meine Schlüsse zu ziehen.
    Viele Grüße
    Calida

    Moin Calida,

    wenn Dir persönlich die Begrifflichkeit Vorfall besser passt, dann ist das doch okay. Es sind nur Begrifflichkeiten, mehr nicht. Ich vermute mal, damit soll auch nach Außen ausgedrückt werden, daß Du sofort nach dem Glas Wein wieder abstinent weitermachen konntest und nicht, wie man es sich bei einem Rückfall vorstellt, tagelang weitersäufst.

    Mir ging es nur um das, was Frank auch schon angedeutet hat...eigene Schlüsse daraus ziehen, Dinge verändern, Verhaltensweisen verändern, Risiken weiter minimieren...dann kann ein Rückfall (oder Vorfall) durchaus auch noch ne positive Wirkung haben.

    Vielleicht nochmal kurz zum Verständnis:

    Wenn man sich schon ne Weile hier zumtreibt, versucht man natürlich auch, zwischen den Zeilen zu lesen. Manche Begriffe, manche Formulierungen lassen bei mir ab und zu ein Warnlämpchen aufleuchten. Und dann spreche ich die Dinge eben an.

    Es ist mir wichtig, daß Du das nicht als Kritik auffasst, sondern als Versuch, Dinge anzusprechen, die Dir selbst vielleicht gar nicht auffallen.

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Zitat von Calida78


    Also ich finde es gar nicht so mutig, meinen Rückfall zuzugeben. Denn: Soll ich tagtäglich hier weiterschreiben und so tun, als wäre nix. Dann bräcuhte ich gar nicht mehr schreiben. Wäre außerdem wieder in der Heimlichtuerei drin, die so typisch für Krankheit ist. Und dann wäre der Weg nicht mehr weit, einfach heimlich weiterzusaufen.
    Und außerdem - es kann ja tatsächlich jeden treffen. Jetzt war ich es eben!

    Moin Calida,

    ich sag mal jein.

    Mutig is es durchaus, einen Rückfall zuzugeben und sich hier dann den Antworten zu stellen, die zwar gut gemeint sind, aber durchaus auch mal etwas harsch rüberkommen können.

    Was mir nicht besonders gefällt, ist Deine Aussage "jetzt war ich es eben".

    Da sind wir wieder bei Eigenverantwortung und es hat Dich mit dem Rückfall getroffen, weil Du nicht Nein sagen konntest. Es war also kein göttliches Gericht, das beschlossen hat, Calida muß jetzt rückfällig werden und auch kein Würfelspiel...Du selbst hast die Entscheidung getroffen. Aber darin besteht auch die große Chance für Dich, denn wer sich für was entscheiden kann, der kann auch das Gegenteil tun - Nein sagen.

    Ein Rückfall ist dann kein Beinbruch, wenn man ihn klar analysiert, ergründet, wie es dazu kommen konnte, eigene Verhaltensweisen überdenkt und entsprechend ändert - und damit die Chancen, beim nächsten Mal nein sagen zu können, eklatant erhöht.

    Die Einsicht, daß es jeden hier hätte treffen können, mag richtig sein und Dich zunächst mal beruhigen. Aber sie wird Dir in einer ähnlichen Situation kaum weiterhelfen - im Gegenteil. Ein Rückfall ist auch kein Lapsus.

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Zitat von Carl Friedrich

    Dies hat auch nichts mit einem Stehlen aus der Sucht und Heimlichtuerei zu tun. Aber da mag jeder so verfahren, wie er möchte.

    Gruß Carl Friedrich

    Moin Carl Friedrich,

    das muß jeder für sich selbst entscheiden. Und es wird da auch nie eine gemeinsame Richtlinie für trockene Alkoholiker geben können, weil ein jeder in einer anderen Situation ist.

    Natürlich gibt es Vorurteile gegenüber trockenen Alkoholikern...es wäre Blödsinn, das zu leugnen. Insofern verstehe ich durchaus, daß manche Trockene nur das nähere Umfeld informieren. Das hat, neutral betrachtet, sicher nichts mit Stehlen aus der Sucht oder Heimlichtuerei zu tun.

    Mir PERSÖNLICH ist es lieber, überall mit offenen Karten zu spielen. Das fällt mir insofern leicht, weil ich selbstständig bin und somit keinem Arbeitgeber gegenüber Rechenschaft schuldig bin oder Angst haben muß, daß er mich aufgrund meiner Krankheit falsch einschätzt.

    Die Sache hat noch eine andere Komponente. Ich habe früher in meiner nassen Zeit ein Bild nach außen abgeben wollen, daß nicht der Realität entsprach. Nun will ich das einfach nicht mehr. Wer mit mir zu tun hat, soll ruhig wissen, wer ich bin...daß ich eben trockener Alkoholiker bin.

    Außerdem schafft es eine frühzeitige Abgrenzung. Menschen, die nichts mit trockenen Alkoholikern zu tun haben wollen, fallen so frühzeitig durch mein Raster, indem sie sich abgrenzen. Das ist mir durchaus recht, denn ich wiederum möchte nichts mit Menschen zu tun haben, die trockenen Alkoholikern mit Vorurteilen begegnen.

    Es gibt hier kein generelles Richtig oder Falsch, nur eine Entscheidung, die für einen selbst stimmig ist.

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Moin,

    also ich kann schon verstehen, daß man das Gefühl hat, sich selbst ein bißchen bedauern zu dürfen...der Gedanke, nie mehr zu trinken, ist am Anfang doch schon ein ziemlich einschüchternder...

    Diese Sichtweise verändert sich über Monate und Jahre hinweg natürlich in eine andere Richtung. Man beginnt mit der Zeit die Vorzüge einer trockenen Lebensweise zu schätzen, die ja nicht nur darin besteht, nix mehr zu trinken, sondern die auch so manche andere Veränderung mit sich bringt.

    Nun sollten wir auch nicht so tun, als wäre es ein Segen, Alkoholiker zu sein. Es gibt ja nun nicht wenige, die nach jahrelanger Trockenheit plötzlich wieder rückfällig werden und wieder von vorne anfangen müssen. Eine gewisse Wachsamkeit müssen wir schon mitbringen und das eben ein Leben lang.

    Insgesamt läßt es sich mit unserer Krankheit schon prima leben, das sollte man auch mal betonen.

    Aber mir waren diese Zweifel, wie sie Calida hier beschreibt, zu Beginn meiner Abstinenz nicht unbedingt fremd...:-)

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Moin RS,

    witzig, daß ich in Deinem Thread jetzt bzgl. Sunshine genau diesselbe Thematik wiederfinde, die ich grade selbst ansprechen wollte.

    Es geht mir nämlich in der Tat auch so, daß ich anfangs mit Deinen Posts überhaupt nix anfangen konnte. Inzwischen schätze ich Deine teils trockenen, teils direkten, aber sehr oft zutreffenden Kommentare durchaus.

    Ich weiß nicht, ob Deine Posts inzwischen einfach nur zutreffender sind als vorher oder ob ich inzwischen einfach nur in der Lage bin, sie richtig zu lesen...aber macht Spaß, sie zu lesen.

    Mach weiter so...:-)

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Edit:

    Ich nochmal:

    Vielleicht sollte ich noch kurz erwähnen, daß ich persönlich grundsätzlich mit heruntergelassenen Hosen unterwegs bin...ich sage selbst Menschen, die es vielleicht gar nicht wirklich wissen wollen, daß ich trockener Alkoholiker bin.

    Aber das will ich jetzt nicht unbedingt jemanden raten, der frisch abstinent ist. Jeder muß für sich selbst entscheiden, was für ihn das Beste ist.

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Zitat von Kussi73


    Warum ist es so schwer Akzeptanz zu bekommen ? Ist es so schwer zu verstehen wenn man sagt " Ich will den Alkohol nicht mehr!" ? Muss man echt vor jedem die Hose runter lassen nur weil sie der Meinung sind ich hätte kein Problem mit Alkohol ? Oder ist reiner Selbstschutz um nicht über sich selbst nachzudenken ?

    Moin Daniela,

    natürlich muß man nicht vor jedem die Hose runterlassen, weil man, wie Du richtig sagst, nicht überall Verständnis erwarten kann. Man steht quasi mit heruntergelassener Hose da und wartet auf eine Reaktion und die Leute sagen: Huch, schönes Wetter heute...da kommt man sich manchmal schon reichlich blöd vor :)

    Aber die wichtigsten Menschen sollte man schon einweihen, weil es a) auch ein wichtiger Punkt ist, ehrlich zu sein bzw. zu werden und b) es auch einen selbst schützen kann.

    Dein Auftritt im Sportheim nötigt mir Respekt ab und die Tatsache, daß der Barmann selbst trockener Alkoholiker ist, ist für Dich ne positive Geschichte...er wird Dir evtl. sogar ins Gewissen reden, wenn Du im Begriff bist, schwach zu werden. Und da kommen wir schon zum weniger positiven Punkt. Meinst Du wirklich, ein Sportheim ist die richtige Umgebung für jemanden, der gerade abstinent werden will und das auch dauerhaft bleiben will ?

    Wenn ich daran zurückdenke, was ich im Sportheim früher gesoffen habe, wird es mir heute noch ganz anders.

    Zu Deiner letzten Frage sage ich aus meiner Erfahrung heraus einfach mal klipp und klar: JA.

    Dazu kommt, daß man als Trinkender bequemer zu handeln ist...man gibt leichter nach, ist geselliger, lacht leichter über dämliche Witze, läßt besoffen lieber mal fünfe grade sein.

    Trockene Menschen lassen sich nicht ganz so leicht beeinflußen, weder im positiven noch im negativen Sinne...ganz einfach, weil sie ihre Sinne inzwischen wieder beisammen haben, anstatt sich ihre Wahrnehmung wegzuzischen.

    Also herzlich Willkommen hier im Forum...hier werden Sie geholfen...wenn Sie es auch wollen...:-)

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Zitat von Frank P.

    Das erste Silvester mit unserem 10 Monate altem Baby war schön.
    Ich finde manchmal keine Worte dafür, wie sehr ich meinen Sohn liebe.
    Dieses Gefühl trocken zu erleben und bewusst zu geniessen, ist etwas ganz intensives und wunderbares :D:):D

    Ich bin so demütig und dankbar, das ich mir nicht all meine Gefühle weggesoffen habe in all den Jahren.
    Ich hatte wirklich eine furchtbare Kindheit, aber ich kann trotzdem lieben.

    Manchmal berührt es mich sehr, wenn ich sehe, wie glücklich unser Kleiner ist und wie geborgen er sich fühlt.
    Er hat ein Urvertrauen, ein Gefühl, das ich als Kind nie hatte :cry:
    Es rührt mich manchmal so sehr, das mir ein paar Tränen kommen.

    Moin Frank,

    und nach dem Lesen Deines Posts wären mir fast auch noch die Tränen gekommen.

    Mich berührt Deine "Erfolgsgeschichte" wie kaum eine andere hier. Nicht nur, daß Du selbst den Turnaround geschafft hast, wo Dich viele eigentlich schon abgeschrieben hatten...jetzt gibst Du Deinem Sohn die Liebe, die Du selbst als Kind offenbar nie erfahren durftest...wenn der Spruch "die Welt ein kleinwenig besser machen" auf etwas zutrifft, dann auf Deine Entwicklung in den letzten Monaten.

    Ich freu mich unheimlich mit für Euch...

    Lieben Gruß und schöne Zeit Dir und Deiner Familie

    Andreas

    Zitat von Rattenschwanz

    Ja, du hast ja recht.

    Manchmal kommen die Hinweise sooo furchtbar schulmeisterhaft rüber ...

    :roll:

    Ich denke, ich weiß, was Du meinst...und ich empfinde es genauso. Allerdings denke ich wirklich, daß sie nur so rüberkommen und nicht unbedingt so gemeint sind.

    Vermutlich können wir uns an unsere Fehler noch deutlich besser erinnern, weil wir einfach noch nicht soo lange trocken sind...:-)

    Schönen Gruß und schöne Zeit

    Andreas

    Moin Robert,

    nachdem Du hier so aktiv bist (was mich als Leseratte natürlich sehr freut), will ich mich mal mit einklinken.

    Ich könnte nicht behaupten, in den letzten Wochen recht abwechslungsreich unterwegs gewesen zu sein. Ich habe jetzt im November/Dezember die fünfteilige Waringham-Saga von Rebecca Gablé (letzter Band "Der Palast der Meere" ist erst im September erschienen) durchgezogen, jeweils ein ziemlicher Wälzer mit knapp 950 Seiten.

    Es gibt Literaturkritiken, die Gablé, die eigentlich aus dem Rheinland stammt, fies lächelnd in die Gala-Schublade stecken, also ihre Werke als Unterhaltungsschinken abqualifizieren.

    Das mag zum Einen daran liegen, daß ihre Bücher sehr gut zu lesen sind, sie sich einer einfachen, aber doch angenehmen und keineswegs billigen Sprache bedient. Und das mag zum Anderen daran liegen, daß die Waringham-Saga quasi eine generationsübergreifende Familiensaga darstellt, eingebettet in die englische Geschichte des Mittelalters.

    Dabei legt Gablé sehr viel Wert auf korrekte Recherche und auch wenn sie die ein oder andere Person dazudichtet, um ihre Handlung abzurunden, so bekommt man durchaus einen sehr guten Überblick über die gesellschaftlichen, politischen und religiösen Verhältnisse zur damaligen Zeit - sozusagen ganz nebenbei.

    Da ich ein Faible für Geschichte habe, war ich ziemlich schnell gebannt und habe ganze Nachmittage und Nächte durchgelesen.

    Für Leser, die sich für mittelalterliche Geschichte interessieren, keinen Wert auf künstlich verkomplizierte Sprache legen, gelegentliche Schwächen in der logischen Weiterentwicklung und gelegentliche Wiederholungen in der Handlung in Kauf nehmen können, dafür aber eine Menge Lesespaß haben wollen, kann ich Frau Gablé nur empfehlen.

    Schönen Gruß

    Andreas

    Zitat von Rattenschwanz

    Lass dich nicht verrückt machen (Manchmal denke ich, dass einige hier vergessen haben wie unsicher sie selbst in den ersten Tagen waren und dass da natürlich auch Fehler gemacht werden. Da müssen so einem jungen Kerl nicht noch alle möglichen Vorhaltungen gemacht werden - meine Meinung.)

    Moin,

    ja, da geb ich Dir z.T. recht. Die meisten User hier waren vermutlich ähnlich unsicher wie Jonas, wobei bei Jonas ja noch die Sache mit den Medikamenten dazukommt, die man nicht unterschätzen sollte.

    Natürlich haben wir alle Fehler gemacht am Anfang - das wird wohl auch niemand bestreiten wollen...also ich ganz sicher nicht - aber bedeutet das im Umkehrschluß, daß Jonas diesselben Fehler machen muß wie wir damals ? Vielleicht kann der ein oder andere Post auch dazu führen, daß Jonas der ein oder andere Fehler erspart bleibt...ist das nicht auch Aufgabe eines Forums dieser Art, auf selbst gemachte Fehler hinzuweisen, damit andere die evtl. vermeiden können ?

    Ich bin nicht sicher, ob es funktionieren kann...ich selbst war z.B. ziemlich beratungsresistent am Anfang...aber ein Versuch kann nicht schaden.

    @ Jonas:

    Wie geht es Dir heute ? Vielleicht hilft Dir meine Erfahrung weiter, daß sich der Gang zum Arzt, gegen den ich mich zunächst auch gesträubt habe, als äußerst befreiend rausgestellt hat. Mir persönlich hat es sehr gut getan, mein Alkoholproblem klar und deutlich auszusprechen. Danach ging vieles leichter und reibungsloser.

    Natürlich kann ich verstehen, daß Du nicht zu irgendeinem Arzt willst, sondern zu dem Arzt, der Dich und Deine Krankheitsgeschichte kennt.

    Vielleicht schaust Du bis dahin hier regelmäßig rein...die eigenen Gedankengänge und Sorgen hier niederzuschreiben kann einiges an Druck wegnehmen...das hilft und ist besser, als alles mit sich ganz alleine auszumachen.

    Schönen Gruß und schöne Zeit Dir

    Andreas

    Hallo Jonas,

    gibt es nen bestimmten Grund, warum Du die Tabletten gerade jetzt verschrieben bekommen hast ? War die Situation mit über 200 erst vor kurzem, also gab es ne akute Situation, die die Einnahme der Tabletten nötig macht oder ist das eher gedacht, um den Puls dauerhaft zu senken ?

    Für mich klingt es relativ vernünftig, die Tabletten lieber abzusetzen, bis Dein Arzt wieder da ist, aber ich kann es natürlich nicht wirklich beurteilen...bis zum 3.1. sind noch ein paar Tage hin...Tage, die lang werden können, wenn man sich nicht sicher ist, das Richtige zu tun.

    Wäre es denn ein Problem, nochmal im Krankenhaus vorbeizuspitzen und denen Deine Sorgen zu vermitteln ? Ne klare Aussage diesbezüglich würde Dir vermutlich ja auch einiges an Stress nehmen, oder ?

    Schönen Gruß

    Andreas

    Hallo Jonas,

    so ganz ohne Stress wird es wohl auch nicht ablaufen, wenn Du dauerhaft auf den Alkohol verzichten willst. Der Körper hat sich ja nun über Jahre daran gewöhnt und natürlich sendet der jetzt erstmal ne zeitlang eindeutige Signale, daß Du den Alkoholspiegel gefälligst wieder auf die übliche Menge erhöhen solltest.

    Hast Du Freunde, Bekannte, Familie in der Nähe, die Dich evtl. unterstützen bzw. überhaupt mal nach Dir sehen können ? Das wäre schon wichtig, v.a. für die frühe Phase des Entzugs.

    Wäre es denkbar, daß Du die Tabletten erst wieder einnimmst, wenn ein Arzt Dir klipp und klar vermitteln kann, daß es unbedenklich ist ?

    Wie lange hat Dein Arzt eigentlich Urlaub ? Notfalls solltest Du Dir alternativ nen anderen Arzt suchen, der Dir weiterhelfen kann.

    Ganz ehrlich, keiner hier kann Dir die Frage beantworten, ob die gleichzeitige Einnahme der Tabletten und des Alkohols nicht vielleicht doch üble Nebenwirkungen hat...das kann nur ein Arzt.

    Schönen Gruß und schöne Zeit Dir

    Andreas

    Zitat von Slowly

    Meine ersten Groupies ! ;)

    Tsts...:-)

    Hi Slowly,

    freut mich sehr zu lesen, wie Du Deiner Familie mit Deiner Geige auf den Zeiger gehst...:-)

    Nee, ganz im Ernst, die Fähigkeit, ein Musikinstrument spielen zu können, bereichert das eigene Leben ungemein. Musik, auch und v.a., wenn sie von einem selbst gespielt wird, egal ob nun alleine oder (noch viel besser) in der Gruppe mit anderen, kann so viel leisten...Entspannung, Kreativität undundund.

    Mag sein, daß Geige am Anfang deutlich schwerer zu lernen ist als beispielsweise Gitarre. Gleichzeitig bist Du aber nicht so fix an die Halbtonschritte gebunden wie bei der Klampfe und dadurch kannst Du mMn. viel flüssiger und emotionaler spielen als mit vielen anderen Instrumenten.

    Die Geige kann einem eine Gänsehaut auf den Körper zaubern, egal ob nun im positiven oder im negativen Sinne...:-)

    Da wünsch ich Dir mal viel Spaß weiterhin und komme nicht umhin, auch in punkto Unterricht mal auf den Röhrenkanal zu verweisen...ich finde da auch immer mal wieder Ansätze, mein Gitarrenspiel zu verbessern (was nicht sonderlich schwer ist, da ich aus meiner Sicht immer noch ziemlich mies bin).

    Schönen Gruß Dir und schöne Zeit

    Andreas