Heute schrieb ich einer Freundin, Silvester ist für mich gar nicht so eine "Zäsur", hat nicht so eine besondere Bedeutung als Punkt, von dem ich zurück oder nach vorne schaue, Fazit ziehe oder Vorsätze fasse. Das mache ich mittlerweile immer wieder an "ganz normalen" Tagen, dass ich mich in meinem Leben umschaue und gucke, was da ist, und durchaus auch im Gegensatz dazu, was da mal war, und dann auch, was ich mir noch wünsche.
Aber da ich jetzt hier einige Stunden Zeit habe einfach nur mit mir allein, nehme ich die Gelegenheit nun doch wahr und freue mich darüber, welche Richtung mein Leben seit meinem Abschied vom Alkohol vor etwas über zwei Jahren eingeschlagen hat.
Als ich noch trank, fühlte ich mich in meinem Leben gefangen. Sah keinen Ausweg. Fühlte mich schuldig, dass ich so fühlte, trank, weil ich so fühlte, und fühlte mich schuldig, weil ich trank, und trank, weil ich mich schuldig fühlte, und mehr und mehr höhlte ich innerlich aus und wurde leer. Ich war nur noch bröckelnde, einstürzende Fassade und dahinter ein Gemisch aus alkoholgetränkten Pseudogefühlen, Scham, Angst, wütende Verzweiflung, verzweifelte Wut, taube Gleichgültigkeit, von denen ich wohl glaubte, dass sie mich ausmachten, aber das war nur mein alkoholisches Ich, das die Leere in mir eingenommen hatte und sich für mich ausgab.
Als ich aufhörte zu trinken, trocknete mein alkoholisches Ich langsam aus. Und machte Platz für anderes. Auch erstmal für die Leere, die es hinterließ, während es schrumpfte. In die Leere konnte - und Jann - ich dann hineinwachsen. Und kann mir eine neue Außenhaut aufbauen; manche Steine der alten Fassadenruine taugen noch, andere nicht. Mein Haus - mein Ich ist jetzt ein anderes als vorher. Und mein alkoholisches Ich ist jetzt und für immer in mir wie eine kleine schrumpelige Rosine, und all solche Teil von mir.
Ich kann gut damit leben. Dass es in mir ist, für immer, bedeutet, dass ich immer achtsam sein darf. Und das bedeutet für mich auch, dass ich mein Leben selbst gestalte.
Ich freue mich auf das kommende Jahr. Ich habe ein paar Wünsche, und ich bin gespannt, ob ich mich entscheiden werde, Energie in die Umsetzung zu stecken. Ich lass das mal auf mich zukommen.
Allen, die hier vorbeischauen, ein glückliches Neues Jahr!
Thalia