Beiträge von kamarasow

    Guten Morgen,
    gleich schwerer Tobak am frühen Morgen. Nun denn.

    Zitat

    Was hast du denn in der Zeit über Alkoholiker gedacht, als du noch nicht süchtig warst?

    Wenn ich ehrlich bin, komme ich dabei nicht gut weg. Ich war erst spät ein Trinker mit ca. 30 vielleicht. Demnach hatte ich als Erwachsener viel Zeit nüchtern über Alkoholiker ein Urteil zu fällen. Und das Urteil war null vorurteilsfrei. Früher war für mich ein nasser Alkoholiker ein Mensch, der es nicht geschafft sich im Griff zu halten. Ein Mensch, der Probleme hatte oder überfordert war und die Probleme oder Überforderung wegsoff. Ein Mensch, der die Realität nicht sehen wollte wie sie ist, weil es zu weh tat oder nicht dem entsprach was er sich früher vorgestellt hatte. Ja und in Summe deshalb irgendwie auch ein schwacher Mensch.
    Ich glaube genau diesen Grundtenor in der Gesellschaft auszumachen. Und dementsprechend wird dann auch der trockene Alkoholiker mit Skepsis beäugt. Er ist jetzt zwar trocken, aber wer weiß, wann er wieder rückfällig wird.
    Jetzt, da ich selbst Alkoholiker bin, sehe ich das aus einem anderen Blickwinkel. Aber so hart es klingt, ein Teil der Vorurteile treffen für mich zu. Das was mir die Krankheit u.a. gelehrt hat ist, die Arroganz in der Beurteilung über andere Menschen zu verlieren. Wenn ich jetzt einen nassen Alkoholiker sehe, empfinde ich Mitleid, weil ich weiß wie es ist ein Sklave der Droge zu sein.

    Carl Friedrich : Ja, auch keine Therapie. Ich werde darüber nachdenken müssen, was für mich konkret Trockenarbeit sein soll.

    Zeit erscheint erstmal ein guter Ratgeber zur Bewältigung des subjektiven Gefühls.

    Viele Grüße
    Karamasow

    Hallo Carl Friedrich,
    nein, keine SHG. Bisher habe ich mich ausschließlich hier, mit der Familie und mit ein paar engeren Bekannten ausgetauscht.
    Der Gedanke, sich mit Fremden über den eigenen Alkoholismus und über eigene private Angelegenheiten auszutauschen stößt mich derzeit ab. Sicherlich wird die Fremdelei in der Gruppe mit der Zeit abnehmen, aber irgendwie fehlt noch ein initialer Schubs. Auch gedanklich.

    Ein aktuelles Gedankenkarussel, das mich beschäftigt, ist folgendes: Manchmal fühle ich Scham. Scham darüber ein Alkoholiker zu sein. Aber das sollte unbegründet sein. Gefühlt ist ein trockener Alkoholiker gesellschaftlich weniger Wert, als ein zum Alkohol bekennender Mensch. Das ist perplex, da ein trockener Alkoholiker eigentlich reifer als der Weitersaufende ist. Der trockende Alkoholiker wird in Filmen als schwächere Person, als eine Person die versagt hat, dargestellt. Das stört mich und lässt mich etwas grübeln. Im Moment hilft mir: Was andere darüber denken ist mir egal.
    Vielleicht kennt jemand von euch ebenfalls das oben beschriebene Gefühl und kann mir den Umgang damit vereinfachen.

    Viele Grüße
    Karamasow

    Hallo zusammen,
    heute musste ich mal wieder an das Forum denken. Das kommt nicht mehr so häufig vor. Das war am Anfang der Abstinenz anders. Der Drang sich mitzuteilen und auszutauschen ist nur noch rudimentär.

    Letztes Weihnachten (das 2te ohne Alkohol) war für mich besonders schön. Die Nähe und Geborgenheit zur Familie hatte so viel innere Wärme ausgestrahlt, wie ich es lange nicht erlebt habe. Dafür bin ich dankbar und froh zugleich. Im Suff bestand Weihnachten darin, sich ab Mittag schon mit Wein zu betanken. Die leuchtenden Kinderaugen bei der Bescherung wurden zwar wargenommen, aber eher in stumpfsinniger Form und nicht so wie es jetzt wieder möglich ist.
    Silvester wurde ebenfalls in Ruhe verbracht. Mit den "Heute haben wir auf Knopfdruck Spaß"-Feierlichkeiten konnte ich noch nie etwas anfangen. Selbst zu Suffzeiten nicht. Ich denke mehr als die Hälfte von den Feierbiestern nimmt Silvester nur als Anlass, um sich mal richtig ungehemmt volllaufen zu lassen. Nuja, sollen sie machen. Wenn es dann bedeutet als Langweiler eingestuft zu werden, soll es mir recht sein. So lässt man mich und meine Familie mit Silvesterfeier-Angeboten wenigstens in Ruhe.

    Der Anlass für das heutige Schreiben ist ein Alkohol-Traum. Ich glaube es ist erst der zweite oder dritte. Es fühlte sich komisch an im Traum getrunken zu haben. Irgendwie real. Der Traum war eine Mischung aus Trotzigkeit (jetzt erst Recht saufen) und schlechtem Gewissen. Insgesamt zeigt der Traum mir eigentlich nur, dass das Suchtgedächtnis noch lange nicht tot ist und nur ein bisschen rumheult, weil es keinen Alkohol mehr erhält. Ich muss daher weiterhin wachsam bleiben.

    Neulich las ich einen schönen Satz. Kurz zum Hintergrund: Die Leute fragten, was man jetzt - nach einem überstandenen Unglück - machen solle. Die Antwort darauf lautete: "Lebt - für euch selbst."
    Der Satz gefällt mir, weil in so wenigen Worten, soviel für mich enthalten ist.

    Grüße und bis bald
    Karamasow

    Danke euch,
    Correns (den ich auch gern lese) schrieb in seinem Thread, dass augenscheinlich viele user nur lesen und wenig schreiben. Zu dieser Sorte user würde ich mich auch zählen. Oft habe ich selbst nichts groß beizutragen, da vieles schon geschrieben wurde oder man nicht in der Stimmung ist etwas zu schreiben. Den Gedankengang folgend will ich meinen Weg - ohne viel Geschwafel - zu einem Jahr Abstinenz aufzeigen. Vielleicht hilft es dem einen oder anderen stillen nassen Leser.

    Wieviel trank ich?
    - 1 Flasche Wein am Abend, jeden Tag ca. 3-4 Jahre lang

    Warum trank ich?
    - Anfangs zur Entspannung/Berauschtheit nach der Arbeit oder nach dem Sport. Zum Teil aus Überforderung.
    - mir fällt es schwer, nach der Arbeit runterzufahren
    - aus wenigen Gläsern pro Woche wurde eine Flasche Wein pro Tag

    Warum nichts trinken?
    - Alkohol ist ein Gift
    - Alkohol schädigt dauerhaft Körper und Hirn
    - Alkohol löst keine Probleme, sondern ist nur ein weiteres Problem, das die Lösung der anderen Probleme erschwert oder unmöglich macht
    - Alkohol verdrängt nur
    - der Suff schädigt u.U. deine liebsten Mitmenschen

    Warum wollte ich nichts mehr trinken?
    - ich war nicht mehr Leistungsfähig auf Arbeit
    - ich hatte Angst um meine Kinder
    - ich hatte/habe Depressionsschübe
    - ich wollte aus der Alk-Sklaverei raus (miese Gefühle beim Einkauf, Mittags Gedanken an den abendlichen Suff)

    Was waren die ersten Schritte?
    - Hier sehr viel nass gelesen. Insbesondere: "Lebensgeschichten - Erfahrungsberichte - Das Leben nach dem Alkohol"
    - Eingeständnis, dass man Alkoholiker ist
    - Hier angemeldet und Hinweis auf Arztbesuch bekommen
    - Kalter Entzug (das war falsch) und Arztbesuch (Gesundheitscheck und viel wichtiger: Jemandem Fremden sagen, dass man zuviel trinkt und Alkoholiker ist)
    - bei dem Anfangs starken Suchtdruck viel getrunken (Wasser, Saft, Cola) oder durch Sport abgelenkt
    - sämtlicher Alkohol aus Wohnung entfernt (Teil der Grundbausteine)
    - den engsten Kreis über die Absichten informiert und um entsprechende Berücksichtigung gebeten (z.B. 1.Weihnachten und Geburtstag war komplett alkfrei für die Gäste. Das ist u.U. sehr schwierig.)

    Was wird besonders schwer:
    - den Suchtdruck überstehen. Die böse Seite der Macht zieht euch ständig auf die falsche Seite. Seid euch dessen bewusst.
    - den sozialen Druck überstehen. Das wird gleichwertig schwer, wenn nicht sogar schwerer. Freundschaften gehen zu bruch. Feierlichkeiten werden gemieden. Die Prämisse ist, dem Alkohol aus dem Weg zu gehen. Für die Gesellschaft ist Alkohol Spaß und Vergnügen, für mich jedoch Gift. Das stößt nicht bei jedem auf Verständnis. Stabil bleiben.
    - das Verältnis zur Nicht-Alkohol-Frau: Sie kennt dich als benebelten Typen am Abend. Auf einmal redet der häufiger tiefsinnig mit wachen Geist. Daran müssen sich beide gewöhnen. Es wird Situationen geben, in denen sie sich den benebelten Typ zurückwünscht.
    - für mich: alternative Entspannungsmethoden zu entwickeln, sich selbst verstehen und akzeptieren, insbesondere die eigenen Schwächen annehmen und ok zu finden.

    Was hat sich nach dem einem Jahr verändert:
    - Das Hirn verändert sich langsam und stetig. Alles wird wieder klarer und sortierter. Der Suchtdruck nimmt mit der Zeit ab.
    - Die Blickweisen auf die Welt und die eigene Persönlichkeit. Früher war ich mit Alkohol gesellig, heute eher maulfaul und ungesellig.
    - Wo man früher unlösbare Probleme sah, werden jetzt auch Lösungen sichtbar. Alles wirkt aufgeräumter.
    - ich bin wieder leistungsfähig
    - ich kann mich wieder an den vielen kleinen Dingen, die einem die Welt so bietet erfreuen (bspw. Sonnenuntergang, Blaumeisen, Kinderlachen, Quatsch mit den Kindern machen, schöne Musik, Bücher, Sport)
    - die Depressionsschübe werden weniger und kürzer
    - das Thema Alkohol rückt nach und nach in den Hintergrund. Man denkt einfach nicht mehr daran und schafft Platzt für andere Gedanken.

    Falls das einer der stillen und unschlüssigen Leser liest: Ihr kommt da raus. Seid kein Sklave des Gifts und der Industrie.

    Karamasow

    Hallo Forum,
    für mich ist heute ein besonderer Tag. Die Abstinenz jährt sich. In der Vergangenheit dachte ich schon öfters an diesen Moment. Ich stellte mir vor, dass man nun irgendetwas Magisches oder Weises schreiben müsste. Aber jetzt, wo es soweit ist, fallen mir keine Worte ein. Vielleicht finde ich später ausführlichere Worte.
    Während ich hier schreibe, liegt die Familie friedlich schlummernd in den Betten. Das fühlt sich gut und warm im Herz an. Besoffen wäre das Gefühl nicht möglich.

    Karamasow

    Hallo Thalia,
    zu deiner Frage: Naja, durchwachsen. Es gibt Menschen aus der Familie und dem Freundeskreis, mit denen ich diesbezüglich ein paar Gedankenrunden drehen kann. Was mir im Umkreis fehlt, ist jedoch jemand in der gleichen Situation bzw. in bereits länger abstinenter Phase. Es ist einfach so, dass viele eine ganz andere Sichtweise auf das Thema Alkohol haben. Was auch nicht schlimm ist. Aber somit sind Gespräche darüber eher nicht sehr fruchtbar. Es ist aber auch nicht so, dass ich einen Austausch vermissen würde.

    Wie ich neulich schon schrieb, aktuell liegt der Fokus auf einer Phase des "Frieden findens". Quasi eine Art Sortierprozess im Gehirn unter der Prämisse von Gelassenheit und Entspannung. Aktuell fühlt es sich gut und aufgeräumt an - da im Oberstübchen.

    Viele Grüße

    Hallo Forum,

    10 Monate sind rum und ich weiß nicht was ich schreiben soll. Am besten ist es wohl, einfach anzufangen. Man lernt viel über sich selbst in der Abstinenz. Irgendwie entdeckt man sich neu, weil man anders geworden ist. Hier bin ich mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass ich biologisch oder durch den Suff älter - anders - geworden bin. Viele Dinge und Menschen bewertet man nun aus einer anderen Sichtweise. Man hat die gleichen Schwächen wie vorher, jedoch auch neue Stärken. Der Suff schien bei mir unbemerkt eine Depression / Burnout (bin nicht in ärztlicher Behandlung, deswegen fällt mir die Definition schwer) auszulösen, mit der ich mich immer noch etwas rumschlage. Es gibt Phasen, da ist auf einmal alles schlecht. Man kann es nicht erklären, aber was ich gelernt habe ist, diesbezüglich gelassen zu bleiben und sich da durchzuatmen. Die Phasen des "Niedergeschlagen-Seins" werden von Zeit zu Zeit seltener und kürzer. Während der Suff-Phase dachte ich, das sei der Kater. Nun bin ich mir sicher, dass ich auf die Niedergeschlagenheit gesoffen hatte und damit die Depression / Burnout katalysiert habe. Nach außen war das kaum wahrnehmbar.
    Zwei Begriffe haben für mich derzeit einen hohen Stellenwert: Gelassenheit und Entspannung. Der erstere Begriff klappt nicht immer, aber mittlerweile ziemlich oft. Dinge gelassen zu betrachten löst oft den Anspannungsknoten. Und von den Knoten gibt es viele, wenn man im Pegida-Town heimisch ist und sich mit Fremdenfeinden auseinander setzen muss. Der zweite Schwerpunkt ist Entspannung: Der ist noch ausbaufähig. Der Sport hilft mir. Oft ist es so, dass ich keine Lust habe, nach der Arbeit Sport zu treiben. Einfach anfangen hilft. Der nächste Tag läuft dann meist richtig gut.
    Was ich außerdem bestätigen kann, ist, dass der Alkohol mit fortschreitender Zeit in den Hintergrund rückt. Man verschwendet immer weniger Gedanken daran. Aber ich habe das Gefühl belauert zu werden. Wie so ein Tiger, von dem man im Dschungel nur seine Augen sieht und der nur auf den schwachen Moment wartet. Damit werde ich wohl in Zukunft leben müssen. Vielleicht gelingt es mir ihn einzuzäunen und ab und zu vorbeizugehen und ihm in die Augen schauen. Aus entsprechender Entfernung versteht sich - per Sie.

    Viele Grüße

    Hallo Penta,
    mir liegt es fern das Risiko zu verharmlosen. Das Risiko ist mir bewusst. Meine Aufgabe ist es, wachsam zu sein und ein Gefühl und Strategien dafür zu haben, wann es zu viel ist.
    Gemäß der Theorie jedes Risiko zu vermeiden, dürfte man defacto gar nicht mehr aus dem Haus heraustreten. Weiterhin sollte man nur diejenigen Freunde/Bekannte haben, die keinen Alkohol trinken. Ist das der Weg? Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass Langzeittrockene ausschließlich Alkoholverweigerer als Bekanntschaft haben.

    Viele Grüße

    Guten Morgen Sunshine,
    zu deinem ersten Teil: Ich bin mir sicher, er hätte dann nichts getrunken. Mir ging es jedoch darum, dass sich wegen mir niemand einschränken soll. Ich will kein Mitleid und keine Rücksichtnahme. Hat derjenige Lust auf Alkohol, dann soll er machen. Im Grunde das Gegenteil von "jemandem seine Denke aufstülpen". Ich weiß nicht, wie du das bei mir herausgelesen hast.

    Zum zweiten Teil: Betrachtet man das Risiko, dann ist es gefährlich sich in Gesellschaft zu bewegen (reine Saufveranstaltungen ausgeklammert). Insbesondere am Anfang der Abstinenz. Auf der anderen Seite ist es auch gefährlich sich sozial völlig zu isolieren. Ab und an liest man als Empfehlung, sämtliche bisherige Kontakte zu meiden. Wie man es dreht und wendet, die Ideallösung gibt es vermutlich nicht. Das Maß, was man sich zutraut und verkraftet, muss wohl jeder für sich selbst herausfinden.

    Viele Grüße

    Hallo Sunshine,
    das was du schreibst ist nachvollziehbar. Insbesondere beim zweiten Absatz erkannte ich mich wieder. Solange es jemanden gab, der mehr soff, war doch alles gut. Allein all die eigenen Helden. Was die alles soffen und trotzdem noch am Leben waren. Moment, Leben die noch oder sind sie mal wieder in der Entzugsklinik?

    Auch was den dritten Absatz anbelangt kann ich dir zustimmen. Ich empfand es ähnlich. Jetzt als Abstinenzler ist man eher der verkrampfte Langweiler. Nuja, kurz ist man nachdenklich. Aber grundsätzlich löst das bei mir Schulterzucken aus. Wenigstens lebe ich nicht mehr ferngesteuert.

    Beim letzten Absatz wird es schwieriger. Den Sport den ich treibe kann man nicht allein treiben. Will ich den Sport treiben, werde ich immer in Gesellschaft sein. Im Moment ist mir der Sport wichtiger, als das Risiko. Der Sport entspannt mich und bedeutet mir etwas. Keinen Sport mehr machen zu können, würde mich unglücklich machen. Die Sportart zu wechseln ist keine Option.

    Ferner ist es auch schwierig die Leute nicht mehr zu sehen, nur weil ich Alkoholiker bin. Damit meine ich jetzt Leute, die einen normalen Umgang mit Alkohol pflegen. Dort sind gute Menschen dabei, die man über die Jahr lieb gewonnen hat und die einen akzeptieren so wie man ist. Ich bin der Meinung, dass sich das Verhältnis zu Trinkkumpels ohnehin schnell auflöst (aufgelöst hat). Bei den normalen Menschen (man hat ja nicht nur Trinkkumpels) wird sich zeigen, ob sich das Verhältnis untereinander verändert. Einer fragte mich z.B., ob es Ok sei, wenn er in meiner Gegenwart eine Flasche Bier aufmacht. Das bejahte ich. Warum soll er darauf verzichten, nur weil ich ein Alkoholiker bin? Ich bin mir bewusst, dass ich hierfür zusätzliche Konzentration benötige, um wachsam zu sein. Die Treffen strengen mich in der Regel auch mehr an. Ich benötige die Treffen aber um sozial nicht völlig zu veröden. Nunja. Wie gesagt schwierig für einen selbst, aber aus meiner Sicht ein Grauzonenrisikobereich. Kurz: Risiko ja, aber Balsam für die soziale Seele.

    Viele Grüße

    Hallo Calida,
    ja, für uns ist die Veränderung gut. Man kehrt wieder zurück zum eigentlichen Wesen. Das Umfeld hingegen hat und wird damit u.U. Probleme haben. Aktuell komme ich mir manchmal vor wie das wandelnde schlechte Gewissen für andere Alkoholiker / Risikopatienten. Da saß der Nachbar schon Mittags mit der Flasche Bier auf der Hollywood-Schaukel und ich ging nüchtern mit den Kindern in das Schwimmbad. Es gibt Momente im Leben, da erzählen Blicke mehr als hunderte Worte.

    Deine frühere Bekannte ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig über die Krankheit bekannt ist. Sie würde einem an Diabetes Erkrankten sicherlich auch kein Zucker aufzwängen. In meinem Umfeld hält sich die Drängelei zu Alkohol sehr in Grenzen. Die meisten respektieren meine Entscheidung.

    Ob ich Menschen kenne, die Alkoholverweigerer sind? Nun, zuerst wäre meine Frau zu nennen. Der ich dafür sehr dankbar bin. Dann noch ein guter Nachbar und ein Kumpel aus dem Verein. Der Rest der Leute hat einen normalen bzw. grenzwertigen Umgang mit Alkohol. Kurzum: Die Anzahl derer, die gar keinen Alkohol trinken ist stark in der Unterzahl. Vielleicht wird sich das jetzt im Laufe der Zeit ändern.

    Grüße

    Hallo zusammen,
    14 Tage seit dem letzten Post. Hm. Die Abstände werden größer. Auch jetzt sitze ich da und überlege was man überhaupt schreiben könnte.

    Das größte Risiko geht für mich derzeit vom gesellschaftlichen Druck im Umgang mit Alkohol aus. Alkohol ist beim Gang vor die Tür quasi omnipräsent. Mein Blick bleibt dann auch kurz an Weinflaschen oder Gläsern der Restaurants vor der Haustür hängen. Bei Bierflaschen kommt auch ein Gedanke an Alkohol. Die Kumpels aus der Mannschaft ändern logischerweise auch nicht ihr Trinkverhalten nur weil ich Alkoholiker bin. Sie respektieren es und schauen nicht blöd drein beim Griff zur Cola. Mit einem konnte ich sogar ein tieferes Gespräch hinsichtlich seines Alkrisikos führen. Das fühlte sich gut an. Neulich gab es auch Spitzen von einem, dass ich, seitdem ich nüchtern sei, komisch geworden bin. Hm. Gut möglich, wenn ich auf die alkoholisierten und flachen Witze nicht mehr mit einsteige. Ich konterte damit, dass ich ihn aktuell auch komisch finde. Nunja. Es mag auch sein, dass ich im Moment nicht so locker und eher empfindlicher bin wie früher. So ist es eben. Menschen kommen, Menschen gehen.
    Meine Frau stichelte neulich auch, dass ich jetzt viel komplizierter und weniger gelassen wäre. Hierauf der Konter, ob ich wieder mit saufen anfangen solle. Das verneinte sie vehement. Insgesamt führen wir, denke ich, eine sehr gute Ehe. Was vor allem an einer offenen und ehrlichen Kommunikation liegt. Man kann zwar nicht alle Knoten mit Reden lösen, aber immerhin doch recht viele. Manchmal hilft einfach nur machen.

    Der Prozess im Kopf ist noch lange nicht abgeschlossen. Der Suchtdruck ist wesentlich zurückgegangen. Häufig muss ich mich aber gedanklich mit dem visuell wahrgenommenen Alkoholsymbolen insbesondere in Gesellschaft auseinandersetzen. Es reicht, wenn eine Frau mit Weinflasche am Mittagstisch sitzt. Schon beginnt der gedankliche Prozess. Irgendwie auch etwas Übelkeit und ernste Fragen, ob sie auch Alkoholikerin ist. Meine Frau meint dann ab und an: "Du wirst sie nicht retten können. Sie ist eine erwachsene Person, die es selbst entscheiden kann.". So ist es wohl. Bei dem Thema kann man nur sich selbst helfen. Das ist schwer genug.

    Das verlängerte Wochenende war sehr schön. Viel Familie, Sport und Natur.

    Viele Grüße

    Hallo Karsten,
    ich hoffe es. Etwas Restunsicherheit besteht, aber mir hilft gedanklich der Satz (von Linde66 glaube): Die schönen Momente hatte man nicht deshalb, weil man Alkohol trank, sondern weil es einfach schöne Momente waren.
    Das gibt mir Zuversicht.

    Grüße

    Hallo Calida,
    ja, dich hätte ich noch als Beispiel. Vom Alter her sind wir auch gleich. Ich mag auch dein Geschriebenes. Das passt also. Zur Dauer: Es dürften ca. 30 Wochen sein.
    Zum Messer: Nun, manchmal verspüre ich den Drang, demjenigen die Meinung undiplomatisch und drastisch ins Gesicht zu sagen, aber im Moment halte ich mich meist zurück und Schlucke es herunter. Mit einem Tag drüber schlafen spreche ich dann das Thema manchmal nochmal an. Aber nicht immer. So bleibt es z.T. eine schwelende Sache. Im engsten Kreis trage ich das Herz auf der Zunge und benenne direkt das was aus meiner Sicht doof und gut war. Bei entfernteren Menschen ecke ich damit eher an. Zuviel Ehrlichkeit wollen viele gar nicht hören. Nur oberflächliches grinsen, lächeln und Statussymbole. Ein passende Thema wäre hier Kindererziehung. Wir versuchen unsere Kinder in erster Linie zu aufrichtigen, ehrlichen und angenehmen Menschen zu erziehen. Die Respekt vor Erwachsenen haben, nicht abheben, hilfsbereit und aufmerksam sind. Allein mit den soeben genannten Werten kannst du dir vorstellen, dass wenn ein anderes Kind seine Mutter schlägt oder volllöffelt, ich äußerste Probleme habe, mich zurückzuhalten. Und falls ich es doch mal nicht schaffe mich zurückzuhalten, springt die Mutter ein und sagt: "Der meint es ja nicht so." . Was zur Folge hat, dass die Mutter mir auf einmal eher feindseliger gesinnt ist. Nunja. Vermutlich könnte ich jetzt hier Romane über tausend andere Situationen schreiben, aber dafür reicht die Zeit und Muße nicht. Solche und ähnliche Situationen gibt es zu Hauf. Im Berufsleben, bei den Hobbys (bin Teamsportler) und bei Bekannten. Und das was ich mit dem vorherigen Beitrag sagen wollte, ist, dass mir derzeit die innere Kompaßnadel für das Maß und die Einordnung fehlt. Im Sinne von "sagst jetzt was oder beißt du dir auf die Zunge." "war das jetzt nicht unendlich blöd oder einfach nur ein schlechter Witz".

    Viele Grüße

    Hallo,
    sucht man die Threads zusammen, die mit mir angefangen haben, so ist es schon ernüchternd, wie wenige davon noch aktiv mit Zeilen gefüllt werden. Man kann wohl davon ausgehen, dass die meisten wieder trinken. Hm. So bleibt mir zunächst nichts anderes übrig, als von Langzeittrockenen zu lernen. Das ist zwar auch gut, aber manchmal bräuchte ich den Austausch mit Menschen, die so ähnlich weit sind wie ich.
    Ich habe das Gefühl mich als Mensch zu verändern. Ich grüble über jeden Kram nach. Insbesondere über Menschen mit denen ich häufigen Umgang pflege. Dabei denke ich, bin ich jetzt der Doofe oder sind die anderen gerade doof und ich habs jahrelang gar nicht mitbekommen. Oder haben die sich verändert? Z.B. bei menschenverachtende Witzen oder beim Thema Alkohol oder bei angestrengten Eltern bin ich gerade äußerst empfindlich. Ja, empfindlich ist ein gutes Wort zur Beschreibung der inneren Situation. Im nassen Zustand hatte mich das nicht groß gehoben. Vieles, wie z.B. beim Job ist jetzt gelassener, aber bei manchen Dingen die Menschen betreffen, geht mir jetzt schnell das Messer in der Tasche auf. Mir fällt es schwer, die richtige Sicht und Einstellung auf die Sache zu finden. Die innere Kompassnadel ist irgendwie durcheinander. Oft frage ich mich, ob es nur die Nebenwirkung der Hirnumpolung ist und ich nur innerlich überreagiere oder ob es jetzt ernsthaft ziemlich doof war. Nuja. Da muss ich jetzt wohl durch. Vielleicht wird es später klarer.
    Noch etwas schönes: Wenn alles klappt, dann können wir bald in den Urlaub fahren. Darauf freue ich mich wirklich, denn der Urlaub ist auch mal nötig. Bin ziemlich im roten Akku-Bereich.

    Viele Grüße

    Hallo nochmal,
    weil gerade die Muße dafür da ist, noch ein paar Zeilen. Der Name Kamarasow leitet sich aus einem Buch ab, dass ich vor schätzungsweise ca. 2 Jahren von meiner Frau zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Eigentlich müsste es Karamasow heißen, denn das Buch heißt die Brüder Karamasow (Dostojewski). Über das Buch freute ich mich sehr, da ich schon einige Werke von Dostojewski und Tolstoi gelesen hatte. Das Buch ist ein Symbol für mich geworden, da es zum Ende der Trinkzeit geschenkt wurde. Nachdem ich es geschenkt gekam, legte ich es voller Vorfreude neben das Bett, um es im abendlichen Entspannungsmodus gleich parat zu haben. Vor 2 Jahren gab es aber ein Problem: die ausufernde Sauferei. Vor 2 Jahren hatte ich am Abend derart viel Alkohol getrunken, sodass an ein Lesen nicht mehr zu denken war. Jeden Abend legte ich mich also besoffen, aber irgendwie dennoch unzufrieden ins Bett. Es war ein Gefühl, das ich nicht greifen konnte. Jetzt meine ich es zu verstehen. Mein Kopf braucht am Abend die Ablenkung und das Eintauchen in eine andere Welt.

    Vor ein paar Wochen hatte ich Die Brüder Karamasow durchgelesen. Und was für ein Meisterwerk es ist - sofern ich das in seiner Gänze überhaupt überblicken kann. Man mag es von außen nicht unbedingt verstehen, aber darauf, dass ich es geschafft habe zu lesen, erfüllt mich Stolz. Wenn ich mich nun ins Bett lege, durchströmt mich jetzt öfters ein Glücksgefühl, eine Art Vorfreude auf weitere Seiten eines neuen Buches. Ein ehrliches, unverwasschenes Glücksgefühl - Ganz ohne Gift. Ein Glücksgefühl, dass ich schon fast vergessen hatte.

    Viele Grüße
    Karamasow