Jedenfalls habe ich immer nur an den Wochenenden gesoffen in meiner Jugendzeit. Später dann auch mal auf einem Geburtstag in der Woche. Als ich dann geheiratet habe, war es bei uns zu Hause auch so, dass zwar Alkohol im Haus war, aber es musste schon Besuch da sein, um mal in der Woche was zu trinken. Da war es irgendwie im Rahmen, es gehört nicht zum Alltag. Ich hab mir da jedenfalls NIE allein eine Flasche Wein geöffnet. Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen, weil es sich irgendwie für mich nicht gehörte. Ich kannte das aus meinem Elternhaus auch nicht, vielleicht deshalb. Der Gedanke kam mir gar nicht irgendwie.
Meine Eltern waren immer locker und klasse in der Erziehung. Nicht zu locker, wir hatten Grenzen und Regeln, aber sie ließen uns Freiraum. Meine Mutter sprach mich zwar mal an, ob das nicht ein bisschen viel mit der Feierei ist, aber ich habe das verharmlost, weil ja schließlich ALLE feiern. Ich glaub, sie hatte damals den richtigen Riecher, aber sie war vermutlich selbst unsicher, ob es normal ist oder nicht unter uns Jugendlichen. Jedenfalls haben meine Eltern selbst auch ab und zu gefeiert, aber wirklich nur, wenn jemand eine Geburtstagsparty geschmissen hat. Das kam ab und zu mal vor, aber das wars dann auch. Zu Hause wurde ansonsten bei uns kein Alkohol getrunken. So etwas wie ein Feierabendbier gab es nicht. Wenn wir als Familie z. B. Weihnachten mit mehreren zusammen saßen, gab es gar kein Alkohol. Es gab Cola und fertig. Das stand nie im Raum, als wir Kinder waren. Im Grunde genommen fing es erst an, dass uns mal was angeboten wurde, als wir Erwachsen waren, weil meine Eltern wussten, dass die Männer vielleicht gern mal ein Bier trinken würden. Was ja auch völlig in Ordnung war. Ich schweife ab. Ich wollte eigentlich nur erklären, dass es für mich normal war, mal auf einer Party zu trinken, aber eben nicht normal, im Alltag Alkohol auf dem Tisch stehen zu haben. Meine Eltern haben mir glasklar vorgemacht, dass Alkohol nicht in den Alltag gehört. Deshalb bin ich wie gesagt auch zunächst nie auf die Idee gekommen, mir zu Hause ne Pulle aufzumachen, obwohl keine Partyzeit ist.
Irgendwann hatte ich mich von meinem Mann getrennt und war spöter in einer neuen Beziehung. Bei ihm gehörte das Feierabendbier dazu, Alkohol gab es also auch zu Hause im Alltag. Bei ihm gab es keinen Kontrollverlust, aber bei mir. Er kannte seine Grenzen, ich nicht. Aber für mich war das praktisch. Er trank auch im Alltag sein Bier und ich konnte mich schön gemütlich dazu setzen und Wein trinken. Da wurde für mich eine neue Tür geöffnet. Irgendwann war es dann praktisch, dass ich Wein zum kochen brauchte. Merkwürdigerweise gab es ständig irgendein Gericht, wo man Wein für brauchte. Wenn mein Partner dann von der Arbeit kam, konnte ich sagen, dass ich Wein brauchte und bei der Gelegenheit konnte ich ja schon mal ein Gläschen trinken. Und so ging es weiter. Irgendwann war das so in den Alltag übergegangen, dass ich nicht mal mehr mir selbst vorgemacht habe, dass ich den zum Kochen brauche, sondern ich hab mir einfach Nachmittags in der Sonne schon mal eine Weißweinschorle gegönnt. Meinem Partner war das irgendwann zu viel.
Tja, ich hab es natürlich immer verharmlost. Ich hab aber immer dafür gesorgt, dass ich genug Wein hatte. Ein Schicksalsschlag in der Familie hat mich ebenfalls dazu veranlasst, zu trinken, um wieder gut drauf zu sein.
Die Beziehung in der ich war, ging irgendwann in die Brüche. Streitereien wegen anderer Dinge. Aber auch diese Streitereien arteten unter Alkoholeinfluss natürlich mehr aus. Lange nicht so, wie in meiner Ehe, aber man haut schon mal Dinge raus, die man nüchtern nicht sagen würde. Jedenfalls haben wir uns getrennt, ich zog mit den Kindern in meine eigene Wohnung. Wir haben uns im Guten getrennt und verstehen uns noch heute.
Nun ja da war ich wie gesagt schon Alkoholikerin und dann kam ich mit meinem letzten Ex-Partner zusammen. Das war dann endgültig mein Untergang. Versteht mich nicht falsch, ich wäre eh am Tiefpunkt gelandet. Ich war wie gesagt schon abhängig. Aber nun war ich mit einem Mann zusammen, der selbst definitiv Alkoholiker war (und ist) und da ging es richtig zur Sache. Es wurde ständig gesoffen. Da habe ich es auch kennen gelernt, dass wir Samstags-Abends betrunken eingepennt sind und es einem Sonntag-Morgen so schlecht ging, dass man erstmal ein Bier drauf kippt. Dass es bei dem Bier natürlich nicht blieb, sondern der Sonntag mit Saufen verbracht wurde, versteht sich von selbst. Das war die schlimmste Zeit mit dem Alkohol überhaupt. Heute kann ich die Erinnerungen für mich nutzen, indem sie mich davon abhalten, jemals wieder ein Glas Alkohol zu trinken.
Tja, das waren meine Gedanken, ausgelöst durch den anderen Thread von Jessica. Die an einem Punkt ist, an dem ich mir im Nachhinein wünsche, dass ich doch bloß da schon gehandelt hätte. Hab ich aber nicht, wie gesagt. Ich kann es nicht mehr ändern. Es gehört leider zu meinem Leben dazu.
Dafür genieße ich das Leben jetzt umso mehr. Ich bin stolz, dass ich jetzt endlich die gute Mutter sein kann, die ich im Herzen eigentlich schon immer war. Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich morgens nüchtern wach werde. Gerade neulich habe ich beim Spazieren gehen gedacht:
"Seit meiner Kindheit ist das die schönste Zeit meines Lebens" und das ist auch so!
In diesem Sinne wünsche ich allen einen schönen nüchternen, sonnigen Tag 
Cadda