Guten Morgen Hyrophania,
Bezüglich der Aussage über die Sucht stellt sich die Frage wie Du Sucht und deren Entstehung definierst. Letztendlich geht es sowohl um neurologische Veränderungen (Suchtgedächtnis, Beeinflussung des dopaminergen Systems) als auch Verhaltensprogrammierung durch operante und klassische Konditionierung sowie Habituierung. Aber eben auch zumeist um Emotionsregulation. Daher wird ja in der Therapie so viel Wert auf das Erlernen alternativer Problemlösestrategien und der Auseinandersetzung mit als unangenehm empfundenen Emotionen gelegt.
Wie ich als Alkoholikerin die Sucht und deren Entstehung definiere spielt bei dem Entschluss, trocken zu werden, vorerst überhaupt gar keine Rolle. Denn wie ich in die Sucht gekommen bin, ist erst einmal zweitrangig und zum Aufhören letztendlich sogar nicht mal ausschlaggebend.
Wenn ich an meinen Eigenschaften arbeiten möchte, die eventuell dazu beigetragen haben, dass ich süchtig geworden bin, dann kann ich das aufarbeiten, wenn ich aufgehört habe zu trinken in Form einer Therapie z. B. oder in einer Selbsthilfegruppe. Um an meinen Problemen zu arbeiten muss ich aber erstmal meine Alkoholsucht stoppen. Eine Therapie bei einem nassen Alkoholiker macht keinen Sinn.
Ich gebe Dir völlig Recht, dass es wichtig ist, alternative Problemlösestrategien zu erlernen und zu lernen, sich mit unangenehmen Emotionen auseinanderzusetzen, ohne dabei zur Flasche zu greifen.
Das habe ich in meiner Therapie auch gelernt und wir lernen es auch hier in unserer Selbsthilfegruppe.
Aber um das alles zu tun, muss ich erstmal aufhören zu trinken. Das nimmt mein Hirn auf, wenn ich bereits den Entzug hinter mir habe und wild entschlossen vor einem trockenen Weg stehe. Vorher nicht.
Ich arbeite u. A. in meinem Beruf, eben weil ich daran glaube, dass Menschen sich verändrrn können. Daran glaube ich auch im Privaten.
Wichtig ist mir der Prozess der Abwägung, wieviel ich erleiden kann und will.
Natürlich können sich Menschen verändern. Ich habe mich auch verändert. Ich bin trocken. Aber die Menschen, die sich verändern, die müssen das auch WOLLEN und zusätzlich muss ein Punkt erreicht sein und darum geht es. Und der Wille muss aus dem eigenen Wunsch heraus kommen und nicht, weil Andere es sich von dem Suchtkranken wünschen.
Deshalb kann ich Dir sagen, dass ich schon Jahre lang aufhören "wollte" zu trinken. Aber solange ich immer noch gedacht habe "Ab dann trinke ich nichts mehr, ab dann trinke ich weniger, ab dann trinke ich nur noch Alster, ab dann trinke ich nur noch zwei Mal die Woche, ab dann trinke ich erstmal ein Jahr lang nichts........" ist es nicht genug WOLLEN, um aufzuhören.
Ich WILL aufhören, wenn ich sage: "Ich bin alkoholkrank und benötige Hilfe, ich möchte jetzt aufhören und zwar für den Rest meines Lebens".
Weniger als 3 Monate ist es her, dass ich meinen Partner das erste Mal als Alkoholiker bezeichnet habe. In den Beziehungsversuchen zuvor war Alkohol nicht der Grund für die jeweilige Trennung oder Konflikte.
Das ist erstaunlich, wenn er Dir bereits vor 20 Jahren erzählt hat, dass er den Alkohol auf der Arbeit verdünnt (also Konsum verheimlicht). Ist man da nicht automatisch die nächsten 20 Jahre ein wenig hellhöriger, um es mal vorsichtig auszudrücken? Auch wenn es erst 3 Monate her ist, dass Du Deinen Partner das erste Mal als Alkoholiker bezeichnet hast, so ist das Problem ja anscheinend schon deutlich länger vorhanden und ich glaube, dass Du vorher den Ernst der Lage nicht ganz so erkannt hast oder erkennen wolltest, liegt an der Co-Abhängigkeit, denn das Schön-Reden oder Klein-Reden ist ein typisches Merkmal von Menschen, die sich in der Beziehung emotional abhängig gemacht haben.
Wenn die Trennungen zuvor nichts mit dem Alkohol zu tun haben, dann sollte es doch noch klarer auf der Hand liegen, dass es nicht passt. Ich meine, wenn man sich drei Mal trennt, unabhängig von der Alkoholkrankheit und diese Alkoholkrankheit noch dazu kommt, dann frage ich mich wirklich erst Recht, was Dich hoffen lässt.
Ich komme mir selbst ziemlich unnormal vor, so zu schreiben, denn es ist eigentlich gar nicht meine Art und ich achte oft darauf, wie ich mich ausdrücke, weil ich jemanden nicht verletzen möchte. Doch hier habe ich von Anfang an das Gefühl, dass Du sozusagen - gerade wenn Du in dem Bereich arbeitest - betriebsblind bist.
Ist das vielleicht wirklich so? Weil Du sozusagen in Deinem Beruf den Auftrag hast, zu helfen, dass Du in Deinem privaten Bereich nun nicht so ganz unterscheiden kannst, ob sich jemand wirklich helfen lassen will oder ob er es nur sagt?
Eine Therapie ist keine Gehirnwäsche, der Patient muss vom Kopf und Herz her bei der Sache sein. Ansonsten hält ein vermeintlicher Erfolg einer Therapie doch nicht lange an.
Ich weiss, dass Du mir Mut zusprechen möchtest, und danke Dir hierfür.
Aber es ist für mich sinnvoller realistisch die Situation zu betrachten. Und das bedeutet, dass ich durch ein Tal der Tränen gehen werde. Für Monate, ggf. Jahre. Und vielleicht werde ich danach glücklich werden. Vielleicht aber auch nicht. Aber erträglicher soll es werden.
Ich bin zusätzlich zu meiner Alkoholsucht co-abhängig gewesen. Es begann schon in meiner Ehe, obwohl mein Ex-Mann nicht trank, dass ich mich emotional abhängig gemacht habe. Obwohl ich diejenige war, die sich getrennt hat, habe ich gelitten und konnte ewig nicht von ihm gefühlsmäßig ablassen, selbst heute nach über 10 Jahren kann ich mich manchmal nicht richtig abgrenzen, ich denke immer, ich könne ihm helfen, klarer zu denken.
Am Ende meiner eigenen Sucht war ich mit einem Alkoholiker zusammen und die beste Co-Abhängige zeitgleich, die man sich wünschen kann als Alkoholiker. Ich hörte auf und begann meine "Arbeit" bei ihm. Ja, er wollte aufhören. Nicht erst einen Monat später, nicht nur für eine Weile usw. Er wollte mit mir zusammen den Weg gehen und hat es trotzdem nicht geschafft.
Glaub mir, ich bin durch ein langes Tal der Tränen gegangen. Wir haben uns räumlich getrennt, damit ich auf meinem trockenen Weg bleiben konnte. Ich habe von meiner eigenen Wohnung aus versucht, diese Beziehung zu retten, ihn zu retten. Es hat nicht funktioniert. Ich hatte den Liebeskummer meines Lebens, ich war wirklich am Ende und das hat gedauert. Ich dachte tatsächlich, ich könne nicht mehr so richtig glücklich werden.
Und doch, das bin ich. Und ich frage mich im Nachhinein, jetzt wo mein Kopf wieder klar tickt, wie ich mir dieses ganze Drama so unendlich lange schön reden konnte....
Wichtig ist, dass Du nicht Deinen Partner analysierst, warum er sich weiterhin in seiner Situation befindet.
Wichtig ist, dass Du Dich selbst analysierst, warum DU Dich weiterhin in dieser Situation befindest.
LG Cadda