Hallo Egon,
auch von mir ein Willkommen.
Erstmal Gratulation zu deinen neun Monaten Trockenheit.
Die Symptome, die du beschreibst, Lustlosigkeit, Leere, Antriebslosigkeit, Interesselosigkeit, das Gefühl von Sinnlosigkeit, usw. sind mir selbst ziemlich vertraut. Ich selbst leide seit vielen Jahren an Depressionen.
Da diese Symptome bei dir auch nach 9 Monaten Trockenheit nicht verschwunden sind, deutet das auch bei dir auf Depressionen hin. Genauer klären kann das nur ein Facharzt.
Ich teile mal meine eigenen Erfahrungen mit dieser Erkrankung, vielleicht kannst du etwas damit anfangen.
Aus Erfahrung weiß ich, dass man in einer depressiven Phase keine Hobbies oder Interessen benennen kann, man hat dann schlicht keine Interessen mehr.
Deine Entscheidung, in eine Klinik zu gehen, war grundsätzlich erstmal keine verkehrte Entscheidung, nur scheint sich für dich nicht geklärt zu haben, was diese Beschäftigungstherapien dort eigentlich bezwecken sollen. Und ebenso scheint sich für dich nicht geklärt zu haben, was das für Medikamente sind, die man dir dort verabreichen wollte.
Als bei mir vor bald 12 Jahren zum ersten Mal Depressionen diagnostiziert wurden, habe ich ebenfalls Medikamente verweigert. Mein Arzt hatte dafür Verständnis und wir versuchten es mit therapeutischen Gesprächen. Das ging eine ganze Weile ziemlich gut. Er sagte damals zu mir, dass Heilung ohne Medikamente möglich sei, nur etwas länger dauere. Anfang 2015 glaubte ich mich dann geheilt und verabschiedete mich von meinem Arzt. Leider kam im Laufe des Jahres so viel bei mir zusammen, dass es im Herbst zum völligen Zusammenbruch kam. In jener Zeit traten bei mir alle die Symptome auf, die du genannt hast, und noch ein wenig mehr. Alkohol habe ich in jener Zeit übrigens wenig konsumiert.
Da entschied ich mich für einen stationären Aufenthalt. Ich hab dort Ähnliches erlebt wie du, verstand aber, dass diese Beschäftigungstherapien dazu dienen sollten, aus der völligen Antriebslosigkeit und Interesselosigkeit durch verschiedene Angebote aus einer Art Stillstand wieder etwas in Aktion zu kommen. Für Medikamente war ich da auch bereit, denn ich hatte quasi nichts mehr zu verlieren, ich konnte einfach nicht mehr. Ich hab mich allerdings auch informiert, was das für Medikamente sind. Es gibt da zwar ein paar Medikamente mit Abhängigkeitspotential, aber diese werden nur zeitweise in Extremsituationen verabreicht. Die hab ich nicht genommen. Die Medikamente, die ich bekommen habe, und die Medikamente, die ich auch heute noch nehme, haben kein Abhängigkeitspotential, sondern gleichen ein Defizit in der Biochemie des Gehirns aus. Ihre volle Wirkung entfalten sie, anders als Alkohol, der binnen Sekunden wirkt, erst nach etwa drei Wochen regelmäßiger Einnahme. In jener Klinik konnte ich mich dann wieder fangen, die Symptome wurden schwächer, einige verschwanden ganz.
Unbehandelt geht eine Depression, wenn du sie denn tatsächlich hast, kaum von selbst wieder weg. Die Symptome, die du schilderst, hindern dich, dir neue Interessen zu suchen und sozusagen dein Leben in die Hand zu nehmen. Depression zeichnet sich u.a. durch ein Nicht-Wollen-Können aus. Antidepressiva können an diesem Zustand etwas verändern, sie sind aber mit dem, was Alkohol anrichtet, nicht vergleichbar.
Vielleicht kannst du aus dem, was ich dir geschrieben habe, etwas für dich mitnehmen. Wenn nicht, lass einfach liegen.
Beste Grüße
AufderSuche
P.S.: Was Thomas berichtet, erinnert mich an das, was ich von Mitpatienten gehört habe, die auf der geschlossenen waren… Da hätte ich definitiv auch nicht sein wollen…
Übrigens gibt’s Unterschiede zwischen den Kliniken. Meine war auch nicht gerade die beste, aber ich hab für mich mitgenommen, was ich mitnehmen konnte und wollte.