Liebe Sonnenhut,
auch wenn deine Nachricht an Thalia gerichtet war, möchte ich dir ein paar meiner Gedanken da lassen. Vielleicht helfen sie dir ja ein wenig weiter.
Erst einmal vielen Dank, dass du dich so geöffnet hast, so habe ich eine genauere Vorstellung von deinem Problem.
Sie weiß, dass wir immer füreinander da sind. Wir 3 Schwestern. Ich hätte mir gewünscht, dass sie mit mir darüber offen sprechen würde. Stattdessen lügt sie und rückwirkend stellen sich Situationen plötzlich in einem anderen Licht dar. Sie musste früher weg, vom gemeinsamen Treffen… sie hatte Kopfschmerzen und zog sich zurück, während wir mit dem Jungen zum Spielplatz gegangen sind… wir sehen uns nicht sooo oft. Plötzlich waren auch zu diesen Gelegenheiten immer Momente, in denen sie sich zurück gezogen hat. Hat sie diese Momente gebraucht um zu trinken? Weicht sie deshalb bei Umarmungen ein wenig zurück? Müsste ich es nicht riechen?
Die Sucht scheint leider ihre ganz eigene Logik zu haben, der man als nicht in ihr gefangener kaum folgen kann. Ich selbst habe sie als Kind und Jugendliche bei meinem Vater von außen beobachtet und, als ich selbst als Erwachsene anhängig geworden war, meine eigenen Erfahrungen von Innen gemacht.
Es ist so schwer nachzuvollziehen, warum jemand, der wie deine Schwester bereits seine Erfahrung mit klinischem Entzug und all den Ängsten, Gedanken und der Panik drumherum gemacht hat, doch wieder zum Suchtmittel greift. Ich hab das bei meinem Vater so oft beobachten müssen und nie verstanden. Es hat mir in der Seele wehgetan, das miterleben zu müssen. Er hat damals auch einen guten Kontakt zu seinem Bruder gehabt, die beiden haben oft miteinander telefoniert und mein Vater hat ihn auch oft besucht. Mein Vater ist seiner Sucht leider nicht entkommen.
Ich selbst habe, als ich abhängig war, die Sogwirkung von Alkohol kennengelernt, bin aber zum meinem Glück nie so weit abgerutscht wie mein Vater oder wie es bei deiner Schwester passiert zu sein scheint. Alkohol hat eine ganz merkwürdige Wirkung auf Menschen, die dafür empfänglich zu sein scheinen. Er kommt irgendwie als „Freund“, Seelentröster, Lösungs-/ Bewältigungsstrategie daher. Lange Zeit täuscht man sich darüber, seinen Konsum „im Griff“ zu haben. Man glaubt, dass das Problem die anderen sind, die einen nicht verstehen. Mein Mann hat mich immer wieder auf meinen Konsum angesprochen und es kam deswegen öfter zu Streit. Ich hatte das Gefühl, dass er mich nicht versteht und keine Ahnung hat. Da ich durch meinen Vater quasi vorgewarnt war, habe ich es vermieden heimlich zu trinken, da ich Angst davor hatte, dass mich das so richtig reinreißt. Verzichten wollte ich aber nicht auf Alkohol.
In der Regel aber kommt es dazu, dass Süchtige anfangen, heimlich zu trinken, um so Konflikten aus dem Weg zu gehen. Man glaubt ja, dass man es „im Griff“ hat und nur die anderen, die eben nicht verstehen, das Problem sind.
Das würde auch erklären, warum deine Schwester nicht offen darüber spricht. Sie weiß, dass du dir Sorgen machst, schließlich warst du ja auch die, die sie in die Klinik gefahren hat. Sie glaubt aber vermutlich, dass du sie nicht verstehst und sie sozusagen in eine Schublade steckst, in der sie sich selbst nicht sieht. Nicht sehen kann oder nicht sehen will. Vermutlich findet sie „Trost“ im Alkohol und glaubt, ihr Problem im Griff zu haben.
Ich hab auch eine ganze Weile geglaubt, ich könnte kontrolliert trinken. Ich konnte ja auch immer Pausen einlegen, wenn ich das wollte. Und weil ich das konnte, glaubte ich, keine Alkoholikerin zu sein. Ich hatte ja bei meinem Vater erlebt, was ein „richtiger“ Alkoholiker ist. Wie sehr ich schon drin steckte, konnte und wollte ich nicht sehen, bis mir mein Konsum dann selbst unheimlich wurde. Bis dahin bereute ich sogar, meinem Mann erzählt zu haben, dass mein Vater Alkoholiker war und dass ich mir Sorgen um meinen Konsum machte.
Ich hatte Angst davor, nie wieder Alkohol trinken zu dürfen. Ich hab regelmäßig solche Online-Tests gemacht, um mich sicher fühlen zu können, dass ich noch keine Alkoholikerin war.
Und dann wurde mir selbst die Sache mulmig und ich meldete mich in einem Forum an. Was ich dort las und zu hören bekam, machte mir Angst und öffnete mir die Augen, wohin ich auf meinem Weg unterwegs war. Ich sah mit einem Mal deutlich vor mir, dass ich wie mein Vater enden würde. Anfangs hab ich noch verhandelt, ob ich nicht doch zu bestimmten Gelegenheiten noch ein Glas Wein trinken könnte, aber durch die Antworten meiner Gegenüber würde mir klar, dass ich nicht kontrolliert trinken kann. Bei mir war es so, dass ich mich in ihrem Beispiel wiedererkannte und es mir eine Heidenangst einjagte. Ich hatte sehr große Angst, den Absprung niemals mehr schaffen zu können.
Du weißt nicht, wie du im Moment mit deiner Schwester umgehen kannst, und ich kann das gut nachvollziehen. Ich habe da auch keine Patentlösung parat.
Was mir wichtig gewesen wäre und auch ist, ist jemand, der mir ernsthaft zuhört, der mich zu verstehen versucht. Nun ist es aber leider so, dass Alkohol irgendwie das Gehirn vernebelt. Es hat seine Gründe, warum wir hier im Forum nicht mit angetrunkenen Alkoholiker austauschen wollen und unsere Grenzen aufzeigen.
Als Alkoholikerin kenne ich alle möglichen Argumente, die „nasse“ Alkoholiker bringen, um weiter trinken zu dürfen, einige von denen habe ich selbst mal gebracht. Als trockene, abstinente Alkoholikerin denke ich nur ganz anders darüber. Es führt nur in der Regel nicht weiter zu diskutieren, weil das, was ich selbst eingesehen habe, bei jemand, der trinken will, gar nicht ankommt.
Es ist einerseits sehr wichtig, deine Schwester an ihre Verantwortung zu erinnern, andererseits kann es sein, dass sie genau das nicht hören will oder nicht aushalten kann.
Wo liegt der Mittelweg? - Vielleicht ergibt sich das aus dem weiteren Austausch hier.
Herzliche Grüße
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