hallo Chiara,
ich musste erst meinen kleinen ins Bett bringen, wollte dir aber heute auf jeden Fall noch schreiben; hier bin ich.
Ich danke dir für deine Nachricht und deine Offenheit. Es ist wirklich nicht einfach. Sie haben ihn Gott sei Dank, so noch nie gesehen, was die Sache A nicht besser macht und B nicht bedeutet, dass dies noch kommen kann.
Es tut so unfassbar weh, zu sehen wie ein so junger Mensch sich zu Grunde trinkt. Ich musste auch wirklich hart daran arbeiten, es als Krankheit zu sehen, aber das ändert nichts daran, wenn er keinen Schritt in Richtung Hilfe gehen will oder kann. Das ganze geht jetzt 6 Jahre, davon 3 Jahre extrem. Schätzungsweise 3 - 5 L Bier täglich. Minimum. Dabei arbeiten und Auto fahren.
Der Rekord war letzten Monat, 27 Tage - 10 Kisten Bier. Nicht eingerechnet was unterwegs an der Tankstelle geholt wird und was auf dem Firmengelände getrunken wird.
Es wird kommen; es werden zumindest viele Dingen kommen die sie sehen werden, ob es nun das urinieren ist, oder was anderes. Ich musste öfter den Notruf absetzen, bzw. was heißt musste, als Kind bzw. Jugendliche macht man das nunmal, weil ist ja der Vater der da mit dem aufgeschlagenen Kopf liegt, oder mit ansehen wie er sich vor Besuchern lächerlich macht, oder mit der Flex im Suff seinen Finger absägt oder die Mitteilung bekommen, dass er nach einem Suizid im Krankenhaus liegt. Was ich sagen will, es ist egal, was es nun im einzelnen ist, es macht was mit den Kindern.
Und ja, es tut weh, seinen Mann so zu sehen, es tut weh, zu sehen, wie sich jemand so zu Grunde richtet, obwohl das Leben doch so viel bereit hält ohne Alkohol und es alle Hilfe gäben würde, die derjenige bräuchte. Aber willst Du dich, Deine Seele und Deine Kinder kaputt machen, weil er dir so leid tut? Er ist erwachsen und für sein Leben selber verantwortlich! Bei meinen Eltern interessiert es mich heute nicht mehr, was sie machen, was oder wieviel sie saufen und ob sie daran sterben oder nicht. Es ist mir egal! Das war auch ein längerer Weg und ohne therapeutische Hilfe wohl so nicht möglich gewesen. Und ich bin auch bei meinem Mann soweit, dass er mir nicht mehr leid tut bzw. täte, wenn er sich dafür entscheiden würde wieder zu trinken. Ich wäre traurig, ja, das auf jeden Fall, unendlich traurig, wenn der Alkohol irgendwann doch wieder siegt und unsere Wege sich trennen müssten, aber er tut mir nicht mehr leid, denn er hat die Wahl, er hat die Hilfe, er hat die Möglichkeiten, er hat quasi alles, das schönste Leben. Er muss es nur leben...
Und wenn ich mir das überhaupt erlauben darf, ich hoffe ich sage jetzt nichts falsches, aber das ist schon eine ganz schöne Hausnummer, was er da täglich konsumiert! Ich könnte ehrlicherweise nicht mal sagen, ob ich das so hingenommen hätte , wenn mein Mann besoffen Auto gefahren wäre. Das hat er Gott sei Dank nie getan, ist dann immer zu Fuß los Stoff besorgen. Aber ich glaube, das wäre mir zu gefährlich gewesen, dass mal jemand dabei verletzt oder schlimmeres wird, kannst du denn mit ihm überhaupt noch irgendwann vernünftig sprechen, also gibt es da mal sowas wie nüchterne Momente in denen er ein Gespräch führen könnte? In dem du zum Beispiel den Ernst der Lage mal vernünftig, und nicht im Suff, klarstellen könntest, sei es nun dass du dich trennen möchtest, weil du so mit ihm nicht mehr leben möchtest oder dass er nicht mehr besoffen Auto fahren soll, weil du sonst die Polizei verständigen würdest?
Auf der anderen Seite fühlt es sich an als würde man die Liebe seines Lebens im Stich lassen mit all dem Unglück.
Ist er denn noch die Liebe deines Lebens, so wie er jetzt ist? Oder ist der Mensch nicht schon lange weg und du hältst an dem fest, was mal war... dazu habe ich auch das eine oder andere Mal tendiert in meinem Leben...
ich fühle mich schlecht, einen Menschen den ich liebe, alleine mit seinem Schicksal zu lassen. Dennoch kann ich ihm nicht helfen. Ich kann mich nicht weiter selbst verlieren.
Vielleicht lässt du ihn mit seinem Schicksal ja gar nicht alleine wenn du gehst, sondern lässt ihn eher mit seinem Schicksal alleine, wenn du bleibst? Dadurch dass du immer noch da bist, ist ja nichts besser geworden, oder? Und das heißt natürlich auf keinen Fall, dass es an dir liegt!!! Das war damit nicht gemeint.
Ich hoffe, meine Zeilen waren ok für dich und haben dich nicht an der einen oder anderen Stelle verletzt. Das ist nicht meine Absicht, es sollen nur ein paar Denkanstöße sein.
Es grüßt, Blume