Der in dem Zusammenhang häufig genutzte Begriff "Tiefpunkt" ist deshalb in meinem Augen eher irreführend. "Wendepunkt" trifft es vielleicht besser.
Die Kraft zu Einsicht UND Umkehr hängt ja nicht davon ab, wie "tief" jemand schon in der Suchtspirale "gesunken" ist. Denn schlimmer geht immer, und so ein Vergleich mit anderen kann das Suchthirn schnell dazu animieren, dem Süchtigen einzuflüstern: "Ach komm, so schlimm war es bei dir doch noch lange nicht, vielleicht bist du doch nur Missbräuchler gewesen", etc. (Selbst immer mal wieder kurzzeitig erlebt, da auch selbst von anderen in der Reha mehrfach zu hören bekommen.)
Der persönliche Wendepunkt war bei mir erreicht, als die gefühlten Nachteile der Sucht größer erschienen als die gefühlten Vorteile und Weitermachen mehr Angst ausloste als Aufhören.
"Gefühlt" deshalb, weil da anscheinend jeder eine andere Schmerzgrenze und ein anderes Talent zum suchtgetriebenen Selbstbetrug hat - neben unterschiedlichen Ausprägungen von Persönlichkeitsmerkmalen wie z. B. Ängstlichkeit oder dem Wunsch nach Kontrolle.
Logisches Denken ("das kann auf Dauer nicht gesund sein/gutgehen") allein reicht für diese Umkehr nicht aus, da ist die Sucht einfach stärker.
Bei mir kippte es einerseits schon früh - außer meinem Normalgewicht hatte ich noch nichts Erkennbares verloren - andererseits aber auch spät, erst nach rund 30 Jahren täglichen Alkkonsums - Spätfolgen nicht ausgeschlossen.
Anfangs habe ich mir aber schon Sorgen gemacht, ob mein persönlicher Wendepunkt tief oder dramatisch genug war, um eine lebenslange Abstinenz zu begründen: "Bin ich vielleicht rückfallgefährdeter, weil es mir am Ende meiner nassen Phase noch nicht wirklich dreckig ging?"
Egal, abgerechnet wird zum Schluss, deshalb ist es mir ein Bedürfnis, hier jeden Tag mitzulesen und ggf. zu schreiben.